23-24/2003 | |
INHALT | |
Bücher |
Andrea Riccardi, Salz der Erde, Licht der Welt. Glaubenszeugnis und Christenverfolgung im 20. Jahrhundert, Herder Verlag, Freiburg i.Br. 2002.
Als Kardinal Wyszynski 1973 die erste katholische Kirche in Polen unter
kommunistischem Regime bauen konnte, tat er es in Bydgoszcz (dem früheren
Bromberg), einem Ort grosser Bluttaten zur Zeit des Nationalsozialismus.
Er weihte die Kirche nicht irgendeinem Heiligen, sondern «Unseren
heiligen polnischen Märtyrer-Brüdern». Das Buch von Andrea
Riccardi «Salz der Erde, Licht der Welt» möchte den «Märtyrer-Schwestern
und -Brüdern» des 20. Jahrhunderts ein Denkmal setzen. Zwar kann
man die genaue Zahl der Christen, die im 20. Jahrhundert für ihren
Glauben das Blut vergossen, noch nicht präzis sagen, wohl aber schon
jetzt die Aussage wagen, dass es kein Jahrhundert in der Geschichte des
Christentums gab, in der mehr Christen für ihren Glauben starben, als
im eben vergangenen 20. Jahrhundert.
Andrea Riccardi, Gründer der Gemeinschaft von Sant'Egidio und Professor
für Geschichte an der Universität Rom III, hat diese «erste
weltumfassende Bilanz christlichen Martyriums im 20. Jahrhundert»
verfasst. Seit Jahren gilt die Gemeinschaft von Sant' Egidio, die 1968 von
Andrea Riccardi zusammen mit Schülern in einem ehemaligen Karmelitinnen-Kloster
im römischen Stadtteil Trastevere gegründet wurde, als Kandidat
für den Friedensnobelpreis. Diese neue geistliche Gemeinschaft, die
heute mit über 20000 Mitgliedern in über 30 Ländern verbreitet
ist, versuchte aus dem Aufbrechen der 68er-Generation Impulse für das
religiöse Leben zu holen. Sie stützte sich dabei auf die Begegnung
mit dem Wort Gottes im Evangelium und auf das Beispiel von Franz von Assisi,
um sich für die Armen in der Welt einzusetzen. Ihr Friedenseinsatz
in verschiedenen Ländern der Welt so etwa in Moçambique,
Kuba, in den arabischen Ländern und an anderen Orten, wo Kriege und
Not wüteten , war so erfolgreich, dass die frühere US-Aussenministerin
Madeleine Albright bei einem Besuch länger mit Andrea Riccardi sprach
als mit dem damaligen italienischen Aussenminster. Sant'Egidio hat bereits
den Beinamen «UNO von Trastevere» erhalten.
Das Buch von Riccardi, von dem der Klappentext einmal zu Recht
sagt, es sei «eine Dokumentation erschütternder Unmenschlichkeit
und doch ein Dokument erschütterlicher Menschlichkeit», stellt
Märtyrer des «sowjetischen Jahrhunderts» dar sowie vom
«Europa Hitlers» und vom Osteuropa nach der «qualvollen
Befreiung» vom Nationalsozialismus. Es zeichnet das Bild von «Martyrium
und Mission», vor allem zur Zeit des asiatischen Kommunismus, unter
den christlichen Minderheiten in der arabisch-islamischen Welt sowie in
den Konflikten des unabhängigen Afrikas. In Mexiko und Spanien gab
es «Übergriffe» des Staates gegen die Kirche. In einem
eher zusammenfassenden Kapitel werden Märtyrer der Nächstenliebe,
der Gerechtigkeit sowie durch Maffia und Terrorismus dargestellt. Eigens
werden «Todesfälle unter den Bischöfen Lateinamerikas»
sowie «Frauen als Opfer körperlicher Gewalt» hervorgehoben.
Zugegeben, nicht alle Kapitel sind gleich gut durchgearbeitet; oft wird
man von der Fülle der Namen und Daten fast «erschlagen».
Doch das nimmt dem Buch nicht den Ruhm, dass es das umfassendste «Martyrologium»
des 20. Jahrhunderts ist. Johannes Paul II. hat bereits 1994 die Katholiken
ermahnt, das Andenken an diese Bekenner nicht zu vergessen. Einzelne Ortskirche
wie jene von Deutschland und Österreich haben eigene mehrbändige
«Martyrologien» herausgegeben. Für die Schweizer Kirche
existiert meines Wissens nichts Ähnliches. Das Buch von Andrea Riccardi
ist auf gesamtkirchlicher Ebene die Antwort auf diese Mahnung von Johannes
Paul II.
Victor Conzemius, Gottes Spurensucher. Zwanzig christliche Profile der Neuzeit, Herder Verlag, Freiburg i.Br. 2002, 327 Seiten.
Victor Conzemius hat sein ganzes Akademikerleben der Kirchengeschichte der Neuzeit gewidmet und sich damit auch eine intime biographische Kenntnis erworben. Seine zwanzig christlichen Profile von Bruder Klaus bis Hans Urs von Balthasar haben als biographische Arbeiten wirklich Profil. Conzemius will mehr als Lebensläufe präsentieren. Es geht um die Bedeutung des Einsatzes jeder dieser Persönlichkeiten auf ihre Umgebung und von Kirche und Gesellschaft. Hier wird die Erzählung zur Belehrung über die geschichtlich gewordene Gestalt der Kirche in der Gegenwart.
Franz Eckert, Ins Gespräch kommen. 100 thematische Einstiege für eine lebendige Gruppenarbeit, Herder Verlag, Freiburg i.Br. 2003, 160 Seiten.
Die Kunst des Anfangs ist immer wieder neu zu erlernen. Wer wäre
da nicht froh über thematische Einstiege in eine lebendige Gruppenarbeit?
Der Germanist und Theologe Franz Eckert zeigt auf originelle Art, wie man
miteinander ins Gespräch geraten kann. Hundert Stichworte setzt er
vorerst als Anreize ein von «Abgründe» über
«Luxus» bis «Zu spät». Daran reiht er Zitate,
welche gegensätzliche Positionen zum Leitthema einnehmen. In einem
letzten Abschnitt regt er mit einschlägigen Fragen zur Diskussion an.
Dieses dreiteilige Vorgehen folgt einer klaren Organisation, gestattet den
Lesenden eine rasche Ein- und Übersicht und beansprucht jeweils lediglich
ein bis zwei Buchseiten. Nicht nur die ausgewählten Stichworte setzen
bereits die Assoziationen in Gang, auch die Zitate versprechen geistige
Anregung, ja oftmals ein wahres Vergnügen. Für den Textliebhaber
sind sie eine Fundgrube; für alle religionspädagogisch Tätigen
werden zudem die Impulse am Schluss sehr willkommen sein.
Franz Eckerts Publikation zeigt darüber hinaus noch in einer anderen
Hinsicht Wege auf, wie man miteinander «ins Gespräch kommen»
kann. Seine Textarrangements stammen aus den unterschiedlichsten Bereichen,
von verschiedensten Denkerinnen und Denkern (Gorbatschow und Dönhoff
werden hier zu Mitgängern von Khalil Gibran oder Buddha). So wird theologisches
Denken durchlässig auf die Bereiche der Politik oder der Wissenschaft;
christliche Geistigkeit begegnet hier ausserchristlicher Spiritualität.
Eine solch befreiende Offenheit ermöglicht neue Blickpunkte und verführt
zu einem ganzheitlichen Denken, und dieses kann nicht früh genug eingeübt
werden.