9/2003 | |
INHALT | |
Neue Bücher |
Karl Schlemmer (Hrsg.), Ausverkauf unserer Gottesdienste? Ökumenische Überlegungen zur Gestalt von Liturgie und zu alternativer Pastoral, (Studien zur Theologie und Praxis der Seelsorge, Band 50), Echter Verlag, Würzburg 2002, 182 Seiten.
Der nun emeritierte Professor für Liturgiewissenschaft und Pastoraltheologie
und langjährige Redaktor des «Anzeigers für die Seelsorge»,
Karl Schlemmer, hatte sein 5. Passauer Symposion «Liturgie und Ökumene»
vom 11.13. Oktober 2000 dem mehr als aktuellen Thema «Ausverkauf
unserer Gottesdienste?» gewidmet. Die Tagung war noch überschattet
von der römischen Erklärung «Dominus Jesus» vom 6.
August 2000. Aber es gab auch Lichtblicke besonders die Erklärung
der bilateralen lutherisch-katholischen Arbeitsgruppe «Communio Sanctorum
die Kirche als Gemeinschaft der Heiligen».
Der vorliegende Band enthält die Referate des Symposions. Schon die
Herkunft der Referenten ist ein Zeugnis für den hohen ökumenischen
Stellenwert des Symposions, an dem sich zu den Katholiken auch ökumenische
Prominenz gesellte (Prof. Karl-Heinrich Bieritz, Rostock; George Cuiver
CR, College of the Resurrection, Mirfield; Prof. Johanna Haberer, Rundfunkbeauftragte
der Evangelischen Kirche Deutschland [EKD], Erlangen-Nürnberg; Johannes
Halkenhäuser, Spiritual der Evangelischen Frauencommunität Casteller
Ring; Wolfgang Ratzmann, Universität Leipzig, Leiter des Liturgischen
Instituts der Vereinigten Lutherischen Kirchen Deutschlands; Erzbischof
Dr. Michael Staikos, Orthodoxer Metropolit, Wien).
Aus unserer Sicht ist die Mitarbeit von Bischof Kurt Koch erfreulich (Thema:
Gottesdienst als Werk Gottes oder der Gemeinde? Oder: Was feiern wir im
Gottesdienst? Überlegungen zu einer notwendig gewordenen Unterscheidung
der Geister in der Liturgie). Bischof Kurt Koch pflegte in Passau eine Tradition,
die auf Bischof Anton Hänggi zurückgeht. Bischof Hänggi war
mit dem liturgischen Institut Passau und seinem Leiter Karl Schlemmer sehr
verbunden.
Andreas Poschmann, Das Leipziger Oratorium. Liturgie als Mitte einer lebendigen Gemeinde, (Erfurter Theologische Studien, Band 81), Benno Verlag, Leipzig 2001, 275 S.
Das 1930 von ehemaligen Theologiestudenten des Canisianums von Innsbruck
in Leipzig gegründete Oratorium im Sinne des heiligen Philipp Neri
war seit der Reformation das erste Oratorium in Deutschland. Die Gründergruppe
hatte sich mit der Pastorationsmethode Philipp Neris befasst, sie eingehend
studiert und auch intensive Kontakte mit Oratorien in England (Birmingham)
und in Italien (Rom, Neapel, Palermo) gepflegt.
Zu den Gründern zählten Theo Gunkel, Heinrich Kahlefeld, Josef
Gülden, Klemens Tilmann, Alfons Kirchgässner. Der Bischof des
Diasporabistums Meissen, Christian Schreiber, hatte ihnen die Diasporapfarrei
in Leipzig-Lindenau anvertraut. Die soziale Not in dieser Randpfarrei war
gross, ebenso die liturgische Armut. Hier leistete das Team Gleichgesinnter
pastorale und liturgische Pionierarbeit. Die Seelsorger aus dem Oratorium
übernahmen mit kritischer Offenheit die Anregungen anderer Vorkämpfer
(Romano Guardini, Pius Parsch, Josef Kramp, Ludwig Wolker) und harmonisierten
sie. Die Verdienste der Oratorianer für die Gemeinschaftsmesse sind
beträchtlich. Die volksliturgischen Bemühungen und Erfolge weiteten
sich aus auf die Tagzeiten der Gemeinde, die Feier von Vesper und Komplet
und schliesslich auch Vorarbeiten für die Osternachtliturgie und die
Feier der österlichen Geheimnisse.
Für die Liturgische Bewegung war das Oratorium von Leipzig ein Glücksfall,
und das bleibt es bis heute. Theorie und Praxis wirken hier ideal zusammen.
Die theologische Bildung der Oratorianer ist Grundlage für ihre Praxis,
sie gibt Mut zum Wagnis, hält dieses aber in soliden Grenzen.
Diese engagierte und solide Dissertation aus der katholisch-theologischen
Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster
begleitet den Werdegang der Liturgischen Bewegung am Exempel Leipzig mit
Kompetenz und in angenehm lesbarer Fassung.
Henry Branthomme/Jean Chélini (Hrsg.), Auf den Wegen Gottes. Die Geschichte der christlichen Pilgerfahrten. Aus dem Französischen (Les chemins de Dieu. Histoire des pèlerinages chrétiens des Origines à nos Jours, Hachette, Paris 1982) übersetzt von Renate Demski, Bonifatius Verlag, Paderborn 2002, 353 Seiten.
Das Werk «Les chemins de Dieu» ist in Frankreich seit 1982
bekannt und hoch geschätzt. Eine Gruppe renommierter französischer
Kirchenhistoriker hat unter der Führung von Père Branthomme,
Generalsekretär der Vereinigung der Pilgerleiter Frankreichs, und dem
Historiker Jean Chélini an diesem für Frankreich grundlegenden
Werk mitgearbeitet. Nun liegt die gut lesbare deutsche Fassung dieser für
die Geschichte der Pilgerfahrten unentbehrlich gewordenen Arbeit vor.
Gewiss liegt der Schwerpunkt der Untersuchungen auf den Wallfahrtsorten
im französischen Sprachgebiet. Was aber hier über die geschichtliche
Entwicklung der Pilgerfahrt gesagt wird angefangen von den Heiligen
Stätten in Jerusalem und Palästina in Kleinasien und Rom bis zu
den Wallfahrtsorten Lourdes und Fatima hat auch für unsere Zeit
und das deutsche Sprachgebiet grosse Bedeutung. Wir erfahren immer
wissenschaftlich fundiert vieles über die Grundlagen christlicher
Wallfahrt. Dazu haben viele Augenzeugenberichte vom Altertum bis in die
Neuzeit anschauliche Einzelheiten beigesteuert. Auch Fehlentwicklungen werden
nicht verschwiegen. Die Autoren setzen sich auch mit der Kritik seit der
Zeit des Humanismus, der Reformation und der Aufklärung auseinander.
Dabei wird auch gezeigt, wie die Reformbemühungen versuchen, gewisse
Missstände zu beseitigen, und wie die Kirche kritisch über neue
angeblich authentische Marienerscheinungen wacht. Es ist ein Anliegen dieses
Buches, dieser Art von Frömmigkeit besser auf die Spur zu kommen. Doch
das Buch behandelt nicht nur Geschichte, es spricht auch von der Sehnsucht
des Menschen nach dem Heiligen, von der Suche nach der Spur Gottes in dieser
Welt auch an Stätten unsäglichen Leids (Dachau!).
Thomas Staubli, Weisheit wurzelt im Volk. Begleiter zu den Sonntagslesungen aus dem Ersten Testament. Lesejahr A, Edition Exodus, Luzern 2001, 219 Seiten.
Vielen bereiten bei den drei vorgesehenen Sonntagslesungen der Eucharistiefeier
die aus dem Alten (Ersten) Testament am meisten Mühe. Das führt
dann dazu, dass man sie weglässt leider! Der Alttestamentler
Thomas Staubli heute Leiter des Projekts «Bibel+Orient Museum»
in Freiburg hatte in der Schweizerischen Kirchenzeitung der Jahrgänge
1997/1998 mit wöchentlichen Beiträgen die jeweiligen Lesungen
aus dem AT exegetisch erschlossen und für die Gegenwart aktualisiert.
Diese Wochenartikel hat der Autor noch einmal didaktisch überarbeitet
und sie in das Spannungsdreieck «Bibel Kirche Welt»
der lateinamerikanischen Basisgruppen eingefügt. Bibel: Leitfragen
zur Entstehung des Textes, der Sinn des Textes im Leben und in der Umwelt.
Motiv- und Begriffserklärungen. Kirche (Kontext): der Standort des
Textes im Kirchenjahr und seine Beziehungen zu andern Texten des jeweiligen
Liturgieschemas und die Wirkungsgeschichte dieses biblischen Textes. Welt
(Prätext): Auf welche Zeichen der Zeit macht der Text aufmerksam, wie
liest uns/mich die Bibel? Welche Entwicklungen stellen den Text in Frage?
Wirtschaftliche, politische oder ideologische Situationen, welche den Text
und sein Thema verdunkeln oder erhellen.
In einem weiteren Einleitungskapitel wird die Bibel als Wort Gottes hinterfragt
und besonders die gängigen Widerstände gegen die Bibel ins rechte
Licht gerückt (hoffnungslos veraltet, unerträglich moralisierend,
unmoralisch, viel zu komplex). Das ist sozusagen die Plattform für
das Verständnis der Beiträge zu den einzelnen Sonntagen und ihren
allfälligen Exkursen.
Für das Buch und sein Verständnis sind die begleitenden Strichzeichnungen
von Barbara Connell eine instruktive Begleitung.
Albert Schweitzer, Predigten 18981948. Herausgegeben von Richard Brüllmann und Erich Grässer, Verlag C.H. Beck, München 2001, 1392 Seiten.
Albert Schweitzer ist vielen noch als «Urwalddoktor» von Lambarene und manchen als Organist in Erinnerung. Einen gewichtigen Platz in seinem Leben hatten jedoch Gottesdienst und Predigt. Der vorliegende Band dokumentiert die Predigten aus seinem Nachlass aus dem Zeitraum eines halben Jahrhunderts: 1898 war Albert Schweitzer dreiundzwanzig und 1948 dreiundsiebzig Jahre alt. Allerdings gehören nur 12 der insgesamt 332 Predigten den Jahren nach 1919 an. Zwar hat er bis 1965, sein letztes Lebensjahr, Predigten bzw. Abendandachten gehalten. Doch sind davon, von einigen Ausnahmen abgesehen, nur seine Skizzen oder Nachschriften aus dem Mitarbeiterkreis in Lambarene erhalten, die nicht veröffentlich wurden; im vorliegenden Band findet sich eine Liste der unveröffentlichten Predigten. Zusammengestellt hat sie Richard Brüllmann, der auch eine kenntnisreiche, in den Predigtband einführende Abhandlung über den Prediger Albert Schweitzer verfasst hat.