3/2003

INHALT

Neue Bücher

Spiritualität

 

«Spiritualität oder Von den Grenzen der religiösen Rede.» Unter diesem Titel hält Dr. Klara Obermüller den Festvortrag an der diesjährigen Thomas-Akademie der Theologischen Fakultät der Universität Luzern. Die renommierte Schweizer Literaturkritikerin, Journalistin und Publizistin widmet sich der überaus aktuellen Frage nach den Gründen für den Boom, den das Thema «Spiritualität» derzeit erlebt.
Mit Arbeiten wie «Lasst Euch die Freiheit nicht nehmen: für einen offenen Dialog in der Kirche» oder zu «Dorothee und Niklaus von Flüe-Wyss» hat Klara Obermüller öffentlich in die Debatte um Religion und Kirche eingegriffen. In zahlreichen Fernseh- und Zeitungsbeiträgen hat sie immer wieder pointiert Position bezogen.
Der Festvortrag findet am Donnerstag, 23. Januar 2003, um 17.15 Uhr im Marianischen Saal an der Bahnhofstrasse 18 in Luzern statt.

Edmund Arens, Dekan


Katholischer Antisemitismus

 

Olaf Blaschke / Aram Mattioli (Hrsg.), Katholischer Antisemitismus im 19. Jahrhundert. Ursachen und Traditionen im internationalen Vergleich, Orell Füssli Verlag, Zürich 2000, 383 Seiten.

Die vorliegende Studie versucht, die Spuren des Antisemitismus und der Judenfeindschaft nicht so sehr bei den grossen Exponenten wie Papst und Bischöfen, sondern beim Durchschnittskatholiken zu studieren. Anhand von Predigten, Zeitungsartikeln, Parlamentsreden und Parteibroschüren werden Spuren gesucht und verglichen. Da der Katholizismus eine weltumspannende Glaubensgemeinschaft ist, lohnt sich nach Meinung der Herausgeber eine komparative Betrachtungsweise.
Olaf Blaschke zieht eingangs eine Bilanz der Antisemitismusforschung der letzten Jahre bis hin zu den bemerkenswerten Forschungen der «Freiburger Schule» unter Urs Altermatt samt einigen unschönen Wirbeln und Polemiken, die sich daran angeschlossen haben. Die vorliegende Publikation versucht, die sich im 19. Jahrhundert abzeichnenden Veränderungen herauszuarbeiten, die sowohl den Katholizismus als auch den modernen Antisemitismus betreffen. Der Begriff Antisemitismus tauchte 1879 auf und setzte sich rasch durch. Anhand der Lektüre lässt sich feststellen, dass im Verlaufe des 19. Jahrhunderts eine immer stärker werdende Gegnerschaft auf katholischer Seite eingesetzt hat, gelegentlich ein «Antisemitismus ohne Juden», wie das am Beispiel der Innerschweiz aufgezeigt wird.
Am frühesten gewährte die Französische Revolution 1791 den Juden in Frankreich volle Bürgerrechte, ohne damit jedoch schon alle Schwierigkeiten zu lösen. In vielen Kreisen herrschte eine weit verbreitete Abneigung gegen die jüdische Gleichberechtigung, da der Jude als der «Fremde» empfunden wurde (Helmut Berding). In Deutschland verwendeten beliebte Volksschriftsteller wie Alban Stolz in ihren volkstümlichen Werken häufig judenfeindliche Motive. Der Klerus war nicht selten Träger und Verbreiter solcher Ideen. Allerdings wendet sich der Historiker Heinz Hürten zu Recht gegen allzu leichte Schuldzuweisungen an die Katholiken, die sich gegen die «verjudete» Presse wandten. Damit waren nicht etwa die wirklichen jüdischen Blätter gemeint, sondern die grossen Presseimperien wie Mosse und Ullstein. Die sichtbare Überrepräsentation in manchen Sektoren (Banken, Handel, Presse), beschäftigte auch jüdische Vertreter wie Jacob Katz und Fritz Stern (93f.).
Aram Mattioli widmet sich dem letzten Ghetto Alteuropas, jenem von Rom, und zeichnet die düstere Geschichte dieses Quartiers in den letzten Jahrzehnten, insbesondere unter Pius IX. nach. Dieser Papst liess während des Völkerfrühlings am 17. April 1848 die Mauern des Ghettos niederreissen. Nach seiner Rückkehr aus Gaeta 1850 verschärfte sich die Lage für Juden in Rom erneut. Carlo Moos schildert die Situation der Juden Italiens ab 1870 und stellt deren rasche Integration in den italienischen Nationalstaat fest. Zur Zeit des Ersten Weltkrieges gab es bereits eine Reihe von jüdischen Generälen und Admirälen neben zwei jüdischstämmigen Ministerpräsidenten. In der Anfangszeit des Faschismus hofften viele Italiener jüdischen Glaubens auf die Ideale des Faschismus. Seit etwa 1937 machte sich jedoch ­ unter nationalsozialistischem Einfluss ­ im Faschismus eine antijüdische Bewegung bemerkbar.
Christoph Nonn befasste sich mit den Ritualmordgerüchten als Form von popularem Antisemitismus, der vor allem in einigen ländlichen Regionen Europas vorkam. Allerdings hält der Verfasser deutlich fest, eine weitere Erforschung dieser merkwürdigen Gerüchte dränge sich auf. Wertvoll sind die Fallstudien zu einzelnen Ländern und Regionen. In Frankreich (Pierre Sorlin) war das katholische Bürgertum von der Judenangst erfüllt, was besonders im Dreyfuss Prozess Ende des 19. Jahrhunderts zum Ausdruck kam. Johannes Heil vergleicht die antisemitische «Kultur» Frankreichs und Deutschlands. Weitere Studien über die Lage in den Niederlanden (Theo Salemink), Polen (Viktoria Pollmann), Grossherzogtum Baden und Kanton Aargau (Aram Mattioli), Vorarlberg (Hans Gruber) und in der Urschweiz (Josef Lang) zeigen einesteils die Vielschichtigkeit und anderseits Ähnlichkeiten auf. Allerdings können wir der Äusserung Blaschkes nicht folgen, der sich zur seltsamen Aussage versteigt: «Man kann gar nicht deutlich genug aussprechen: Es war nicht der Mangel an christlicher Gläubigkeit, der judenfeindliche Ressentiments bei Katholiken zuliess, sondern geradezu das Übermass an Gläubigkeit, das sie schürte; es war nicht die Untreue gegenüber Papst und Kirche, sondern gerade die Hingabe an Kirche und Papst, die den Antisemitismus verantwortete...» (27f.). Solche Aussagen wirken überspitzt, reichlich übertrieben und verallgemeinernd. Trotz solchen unzulässigen Übertreibungen liegt hier eine Lektüre vor, die zum Nachdenken anregt.

Alois Steiner


Bergklöster

 

Udo Bernhart/Jul Bruno Laner, Leben, die sich gleichen. Bergklöster aus Alpen und Himalaya, Offizin Verlag, Zürich 2002, 176 Seiten.

Zwei Klöster in den Bergen in Bild und Text einander gegenüberzustellen, ist eine faszinierende Idee. Die beiden Autoren, Bernhart als Fotograf und Laner als Textverfasser, stammen aus dem Südtirol. Was lag da näher, als das Benediktinerkloster Marienberg, das um 1090 in Schuls (GR) begründet, aber um 1150 an den heutigen Ort verlegt wurde, ins Visier zu nehmen und als Pendant dazu ein buddhistisches Kloster im tibetischen Ladakh. Beide haben sich schon mehrmals mit Klöstern befasst und dafür die weite Welt bereist. Die beiden Klöster in ihrer Landschaft werden parallel in Wort und Bild vorgestellt: der Vinschgau und Tibet, Jesus und Buddha, Benedikt und Tantra/Mantra, Geschichte und Architektur, der Alltag, Gebräuche und Sitten usw. Das Inhaltsverzeichnis, das nicht nach der Reihenfolge der Seitenzahlen vorgeht, stellt die Parallelität der Texte zusammen.
In der Mitte sind dann eine ganze Reihe von Bildern der beiden Klöster und ihrer Landschaft unter dem Titel «Leben, die sich gleichen» gegenübergestellt. Zum besseren Verständnis dieses Vergleichs müsste man wohl zuerst den anschliessenden Text zum tibetischen Kloster lesen. Das ausführliche Glossar (7 Seiten!) ist sehr hilfreich. Mönchtum, ob christlich oder nicht christlich, hat gewisse Ähnlichkeiten, die aber nicht auf eine gemeinsame Wurzel zurückgehen. Eher liegt es im Menschsein als solchem, das, wenn es in die religiöse Tiefe geht, gewisse Gemeinsamkeiten hervorbringt wie Bauten, Schrifttum, Riten und Ritualgegenstände. Wenn es jedoch um die Jenseitsfrage geht, gehen Christentum und Buddhismus auseinander: Auferstehung und Reinkarnation. Gewiss prägt auch die raue Berglandschaft mit den Jahren ihre Bewohner. Das zeigt dieser schön ausgestattete Bildband über die beiden Bergklöster auf eindrückliche Weise.
Bei der Aufzählung der zur Schweizerischen Benediktinerkongregation gehörenden Klöster (S. 46), wozu auch das Kloster Marienberg seit 1931 gehört, fehlt Engelberg. Marienberg hat eine eigene Hostienbäckerei; dazu wird (S. 53) missverständlich gesagt, dass die grossen Hostien «für die Konsekration, die kleinen zur Verteilung bei der Kommunion» hergestellt werden!

Lukas Schenker


Schweizer Katholizismus und Zweiter Weltkrieg

 

Victor Conzemius (Hrsg.), Schweizer Katholizismus 1933­1945. Eine Konfessionskultur zwischen Abkapselung und Solidarität, Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 22002, 696 Seiten, 24 Ill., Fr. 78.­.

Der vor einem Jahr vorgelegte, von Prof. Victor Conzemius herausgegebene Forschungsbericht über das Verhalten der Kirchen zur Zeit des Nationalsozialismus und im Sturm von Krise und Krieg ist soeben in zweiter Auflage erschienen. Dass die erste Auflage des umfangreichen Sammelbandes bereits nach kurzer Zeit vergriffen war, belegt das grosse Interesse an einer wissenschaftlich fundierten und zugleich verständlichen Aufarbeitung der Thematik, die weder reisserische Anklagen formuliert noch schönfärberisch die Schattenseiten der Realität ausblendet.
Zur Begründung, warum der vorliegende Band weiterhin im Handel erhältlich bleiben soll, schreibt der Herausgeber in seinem Vorwort zur Neuauflage:
«Die Fragen des Totalitarismus, der Verfolgung von Religionsgemeinschaften und Minderheiten, des Antisemitismus und des Anteils von Religion und Kirche an der Entstehung von Vorurteilen, aber auch an der Eskalation von Hass und Gewalt sind weiterhin aktuell. Eine differenzierende und facettenreiche Darstellung, wie der Sammelband sie bietet, ist deshalb geradezu unentbehrlich ­ als Plädoyer gegen generelle Schuldzuweisungen, aber für die Wahrnehmung von Verantwortung.
Die nach wie vor notwendige Forderung, über die pastoralen ÐFolgerungen nachzudenken, die sich aufdrängen: in Diakonie und Verkündigung, in Gottesdienst und Gemeindeleben, in Katechese und Jugendarbeitð (R. Zihlmann), kann nur eingelöst werden, wenn möglichst viele Interessierte sich durch die Lektüre des Buches sachkundig machen können.»
Die erneut von der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz und der Römisch-katholischen Zentralkommission des Kantons Zürich finanziell unterstützte Publikation ist wieder im Buchhandel erhältlich.

Daniel Kosch


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003