13/2003 | |
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Biographie |
Lord John Emerich Dalberg Acton (18341902) stammte aus englischem
Adel und wuchs in Neapel auf. In seiner Familie sind deutsche, französische,
italienische und englische Einflüsse nachweisbar, unter anderem Carl
Theodor von Dalberg (17441817), letzter Fürst-Erzbischof von Mainz,
Grossherzog von Frankfurt und Primas Germaniae. Der junge Acton hatte Gelegenheit,
früh Bekanntschaft mit Ignaz von Döllinger in München zu
machen, von dem er entscheidende Impulse für seine geistige Entwicklung
erhielt. Er fühlte in sich die Berufung als Journalist. Nach kurzer
Zeit als englischer Unterhausabgeordneter übernahm er die katholische
Zeitschrift «The Rambler», die sich zu einer hervorragenden,
kritischen, auf hohem Niveau stehenden Zeitschrift entwickelte.
Die italienischen Ereignisse im Zusammenhang mit dem Kirchenstaat besiegelten
das Schicksal des «Rambler». Die Frage, ob die weltliche Macht
zum Wesen des Papsttums gehöre, spaltete die Katholiken. Döllinger
vertrat 1861 auf einer Vortragsreihe im Odeon zu München die Ansicht,
die weltliche Macht gehöre nicht zum Wesen der Kirche. Sie sei zufällig
entstanden. Heute wird Döllingers Lagebeurteilung in der ganzen Kirche
geteilt. Um der von der englischen Hierarchie geäusserten Kritik am
«Rambler» entgegenzukommen, änderte Acton den Namen der
Zeitschrift in «Home and Foreign Review». Er gewann liberal
gesinnte Korrespondenten in mehreren Ländern. Aber der Druck der Hierarchie
auf die Zeitschrift blieb.
Das nächste grosse Kampffeld Actons war die Auseinandersetzung mit
der obersten Lehrautorität des Papstes. Bereits im Vorfeld des Konzils
war bekannt geworden, auf der Kirchenversammlung sollte die päpstliche
Unfehlbarkeit definiert werden. Initiativen, die eine Intervention der politischen
Mächte befürworteten, erwiesen sich als unwirksam. Dafür
sandte Acton während des Konzils von Rom aus seinem Freund Döllinger
ständig Informationen zu, die dieser in seinen «Quirinusbriefen»
verwendete und so für eine einseitige Information über das Konzil
sorgte.
Eine der unmittelbaren Auswirkungen des Konzils im neu gegründeten
Deutschen Kaiserreich war der Kulturkampf. Döllinger wurde exkommuniziert,
als er die Unterwerfung unter das Dogma verweigerte. Alle oppositionellen
Bischöfe traten schliesslich nach dem Entscheid der Konzilsabstimmung
für die Unfehlbarkeit ein, auch Hefele in Rottenburg und ebenso
der Kroate Strossmayer. Döllinger, obschon exkommuniziert, wollte vom
Altkatholizismus nichts wissen und blieb in seinem Herzen und seiner Einstellung
nach katholischer Priester. Leider scheiterten alle späteren Aussöhnungsbemühungen.
Acton wie Döllinger waren entschlossen, in der Kirche zu verbleiben.
Berühmt wurde der Ausspruch Actons: «Macht tendiert zur Korruption
und absolute Macht korrumpiert absolut».
Die Freundschaft dieser beiden Persönlichkeiten geriet in den späten
Siebzigerjahren in eine Krise. Das Erste Vatikanum war der grosse Wendepunkt
in Actons Leben. Es vereitelte seine Pläne, eine Rolle als katholischer
Journalist zu spielen. Ab den Neunzigerjahren war er als Liberaler am Hofe
der Königin Victoria als Kammerherr tätig. 1895 wurde er Regius
Professor für Geschichte in Cambridge. Seine letzten Jahre in dieser
privilegierten Stellung waren wohl die glücklichsten seines Lebens.
Die Bedeutung von Lord Acton für die Freiheit hat eigentlich erst wieder
der moderne Historiker Roger Aubert erkannt, der, mit den Erfahrungen des
Zweiten Vatikanischen Konzils ausgestattet, viel unbefangener auf Antiinfallibilisten
wie Döllinger und Acton schauen konnte und sie eigentlich rehabilitierte.
Es ist faszinierend zu sehen, wie diese Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts
im Lichte des Zweiten Vatikanums eine verstärkte Bedeutung erhalten
haben.
Roland Hill hat sich ein halbes Jahrhundert mit Acton beschäftigt;
er präsentiert hier ein überraschend aktuelles Buch über
den Zusammenhang von Religion und Politik im 19. Jahrhundert. Es ist eine
aufschlussreiche Lektüre zu grundlegenden Fragen um Freiheit und Macht
in der Kirche.<1>
1 Roland Hill, Lord Acton. Ein Vorkämpfer für religiöse und politische Freiheit im 19. Jahrhundert, Herder Freiburg, Basel, Wien 2002, 465 Seiten und mit 42 Illustrationen.