3/2003

INHALT

Autobiographie

Erkämpfte Freiheit

von Iso Baumer

 

Der erste Teil der Autobiographie Hans Küngs hat wieder alle Vorzüge von Küngs Büchern:<1> meisterhafte Bewältigung eines überreichen Stoffes, sprachliche Brillanz, griffige Leitthemen, leserfreundliche Mischung erzählerischer und darstellerischer Abschnitte, Vor- und Rückverweise ­ und ein sehr dankenswertes Personenregister.
Allerdings, wer mit diesem beginnt, und nicht mit der Lektüre der ersten Seite (wie es sich eigentlich gehören würde), stellt gleich (sozusagen selbstverständlich) fest, dass alle Personen nur insoweit vorgestellt und mit kräftigen Pinselstrichen charakterisiert werden, als sie im Zusammenhang seines Lebenslaufes irgendwann ein- oder mehrmals aufscheinen. So könnte es denn sehr leicht geschehen, dass sich die Betreffenden eher karikiert vorkommen müssen, denn Küng ist meisterhaft in der Personenjagd mit Pfeil und Bogen, obwohl er mehrfach beteuert, keinerlei Jagdlust zu verspüren und von Natur aus eher friedlich veranlagt zu sein.
Nun, was ihm auf seiner jahrzehntelangen Karriere als weltweit wohl bekanntester Theologe von ihm nicht sehr wohlgesinnten Personen und Institutionen widerfahren ist, kann einen auf Freiheit bedachten Menschen durchaus kampfbereit machen, und man wird Hans Küng zugestehen müssen, dass er auf diesem Gebiet Wichtiges geleistet hat ­ natürlich nicht nur auf diesem kirchenpolitischen Gebiet. Er wird mit Recht auf die sehr grosse Zahl seiner Bücher verweisen, in denen er von Anfang an mit viel Mut wesentliche Themen der Fundamentaltheologie und der Dogmatik immer solide dokumentiert und zügig, wenn auch oft weitschweifig, dargestellt hat und damit ein Leserpublikum fand wie kaum ein zweiter unter seinen Fachgenossen. Dass überhaupt das Christentum und dann zunehmend auch die andern Weltreligionen in der Weltöffentlichkeit derart präsent sind, hat man weitgehend seinem unermüdlichen Wirken auf allen Medienkanälen zu verdanken.

Im Zeichen der Freiheit

Dieser erste Band, unter dem Zeichen der Freiheit stehend, reicht bis 1968, mit Ausblicken bis heute. Der zweite wird wohl dem Thema der Wahrheit gewidmet sein und die eigentlichen Auseinandersetzungen um seine Person und sein Werk bringen. Doch mit einer gewissen grimmigen Genugtuung stellt Hans Küng fest, dass er schon sehr früh im Fichendossier der Heiligen Inquisition (Glaubenskongregation) verzeichnet ist, das sich sukzessive anreichert. So verfolgt man im ersten Band mit Spannung die liebevoll und dankbar geschilderte Jugend in der Innerschweiz, das überaus gründliche und ­ von heute aus gesehen ­ manchmal grotesk anmutende Studium in Rom, was ihm eine grosse Insiderkenntnis und weltweite Bekanntschaften einbringt. Der frühe Tod zweier Brüder wird mit Ergriffenheit geschildert.
Die Ankündigung des II. Vatikanischen Konzils und die Berufung zum Ordinarius in Tübingen schon mit 32 Jahren werden nun das ganze Leben Küngs prägen. Als Konzilsperitus ist er an der Thematik und ihrer Aufarbeitung brennend interessiert und stürzt sich von Anfang an ins Gefecht, um die dringendsten Themen und Wege zu ihrer Bearbeitung aufzuweisen, und man kann nicht abstreiten, dass er eine grosse Klarsicht und dann auch Hartnäckigkeit beweist in der Verfolgung der Ziele, die er aufrichtig als katholischer Theologe zu Nutz und Frommen der «Kirche» ­ und eben nicht der Kurie und der Hierarchie, wie damals zumeist gemeint ­ verfolgt.
Von Anfang an aber zeichnet sich auch schon die Tragik Küngs ab: Er verficht ­ mit guten Gründen ­ die exegetisch und kirchen- und dogmengeschichtliche Aufarbeitung der katholischen Glaubenslehre mit ungeschminkter Aufrichtigkeit und Direktheit. Und ­ wiederum mit guten Gründen ­ mag er sich nicht mit dem vielfach üblichen Drumherumreden, Scharwänzeln, Buckeln, Totschweigen und schon gar nicht mit dem anonymen Spitzelwesen befreunden, das damals (und zum Teil noch heute) den kirchenpolitischen Alltag prägt. Dass Küng die Anfänge dieser seiner Freiheitslust so nachdrücklich in seine innerschweizerischen Ursprünge, sozusagen bis Wilhelm Tell, zurück verlegt, mag einer Stilisierung entspringen, rührend ist dieses Lob des Herkommens allemal und mag gerade angesichts einer Heimatverdrossenheit und einem Minderwertigkeitsgefühl der Schweizer erfrischend sein.
Doch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich Küng denn doch allzusehr als Zentrum der katholischen Kirche und der Welt fühlt: Das ganze Konzil war von ihm in den wesentlichen Linien sofort erfasst worden, er hat immer an entscheidender Stelle die wichtigen Gedanken vorgetragen, er hat weltweit am meisten Echo hervorgerufen mit seinen Reisen, Vorträgen, Artikeln, Broschüren, Büchern und Wälzern, er hat am meisten Angriffe zu spüren bekommen, er hat (fast) allein bis heute ausgeharrt, er hat einen kleinen Kreis Gleichgesinnter um sich, einen grossen Kreis freundschaftlich Gesinnter, einen Riesenkreis von Lesern und Zuhörern. Gewiss läuft eine Autobiographie Gefahr, fast zwangsmässig den Eindruck zu erwecken, alles drehe sich um die Figur dessen, der sich da selbst darstellt. So werden die Urteile über Mitmenschen (Päpste, Kardinäle, Bischöfe, Theologen) manchmal bzw. häufig sehr direkt, abfällig, ja gehässig, oft mit einer penetranten Verbissenheit. Aber auch jene, die er ganz oder fast verschweigt, sind aufschlussreich. Ich denke an Bernhard Härings Buch «Meine Erfahrung mit der Kirche» (1989) ­ welch andere Gesinnung angesichts ganz ähnlicher «Erfahrungen»! Im Grunde ist das Konzil deswegen nicht ganz nach Wunsch verlaufen, weil die 2400 Konzilsväter, die Kurie und der Papst nicht nach Küng gespurt haben: Das ist der Eindruck, der nach der Lektüre dieses Buches bleibt. Gross ist sein (berechtigtes) Bedauern über Versäumtes, seine Freude an Erreichtem aber ist klein, und das ist etwas schade.
Bei allem umfassenden Horizont Küngs stellt der aus der Froschperspektive urteilende Rezensent auch Mängel fest: In diesem insgesamt imponierend druckfehlerfreien Buch hätte man sich die gleiche Sorgfalt bei italienischen Zitaten gewünscht. Man hat nicht den Eindruck, dass Küng viel für die Liturgie übrig hat; ein rasch und würdig und durchsichtig zelebrierter Ritus mag grad hingehen. Die Ostkirchen sind «quantité négligeable», sie werden als veraltetes «Paradigma» abqualifiziert. Wenn ein Riesenunternehmen wie die Kirche nicht so rasant reagiert, wie es Küng gerne hätte, wird er mitleidlos; immer sind es einzelne böswillige Typen und Cliquen, die alles sabotieren. Aus dieser Grundhaltung heraus verurteilt er dauernd den gierigen Medien gegenüber allem, was von «Rom» kommt, rasch und salopp. Dieses tragische Hass-Liebe-Verhältnis zwischen Hans Küng und der Kirchenleitung und den Theologen-Kollegen wird noch lange die ganze Thematik belasten; beide Kontrahenten kommen nicht von ihren tief verwurzelten Antipathien weg und tun sich gegenseitig nur weh. Hans Küng ist stark rational (nicht rationalistisch!) geprägt ­ was durchaus nicht Mangel an Emotionen besagt; für das Mystische hat er kaum ein Sensorium, würde man nach diesem Buch meinen. Überzeugend aber wieder, was er über das Ur-Vertrauen sagt, die Grundlage allen Glaubens und aller Glaubenslehre.


Anmerkungen

1 Hans Küng, Erkämpfte Freiheit. Erinnerungen, Piper Verlag, München und Zürich 2002, 624 Seiten, 32 Seiten Bildteil.


Als Christ Buddhist?

von Georg Schmid

 

Was bewegt einen jungen Walliser Bergler, in den Jesuitenorden einzutreten, in Japan seine Studien zu vollenden, Zen zu praktizieren, Zenmeister zu werden, sich für den Dialog der Religionen einzusetzen, Spiritualität zu leben gleichzeitig auf östlichem und westlichem Pfad und sich selbst zu guter Letzt Christ und Buddhist zu nennen? Die Antwort auf diese Fragen weiss im Grunde genommen nur der Bergler, Jesuit und Zenmeister selber. Doch vielleicht weiss nicht einmal er selbst genau, weshalb er diesen abenteuerlichen Weg ging und geht. Jedenfalls ist die Rechenschaft, die er vor sich, vor seinen Lesern, seinen Schülern und nicht zuletzt auch vor seinen Zenfreunden und seiner Kirche ablegt, ein faszinierendes, vielschichtiges, von tiefen und weniger tiefen Weisheiten durchsetztes Werk.<1>

Ein Weg

Tiefere allgemeine Einsichten durchziehen das Buch wie der rote Faden den Strick. Aber Klarheit über die wirklichen Motive, Erwägungen und Erfahrungen des Meisters gewinnt der dem so genannten buddhistischen Osten und dem so genannten christlichen Westen wohlgesonnene Leser nur punktuell. Das mag einerseits daran liegen, dass der Meister schon einleitend feststellt, dass nicht alles ausgesprochen soll, was ausgesprochen werden könnte. «Wer alles sagt, sagt zuviel» (S.9). Umfassende Klarheit wird gar nicht angestrebt. Andrerseits verführt die überstarke Liebe zu poetischen Momentaufnahmen dazu, dass die Gedanken nicht voranschreiten, sondern kreisen. Der von Leere oder göttlicher Präsenz erfüllte Augenblick ­ der Leser darf christlich oder mahayana-buddhistisch deuten ­ packt den Meister mit nie erlahmender Faszination, wo immer auch sich dieser Augenblick ergibt. Ganz im Dienste dieses einen Augenblicks ­ mit Vorliebe Moment des «Einklangs mit allem» genannt ­ durchbricht der Verfasser ständig die Zeitebenen. Er beschreibt vergangene Jahre und gleichzeitig seine Erfahrungen, die er während der Niederschrift seines Buches durchläuft. Diese Niederschrifterlebnisse spielen zu einem guten Teil im Umfeld des Klosters Disentis. Diese katholische Szenerie setzt in den Augen des traditionell christlichen Lesers ein wohltuendes Gegengewicht zu der in der biographischen Ebene vorherrschenden Zen-Hallen-Mystik und Tempelatmosphäre.
Die eigene spirituelle Biographie wird aber durch diese eingestreuten Weisheiten, durch die Vorliebe für den ewigen Augenblick und durch das ständige Wechseln der Zeitebenen derart oft durchbrochen, dass die spirituelle Biographie am Schluss einer Nebelwanderung gleicht. Das spricht nicht gegen das Werk. Auch eine Wanderung durch einen lichten Herbstmorgen hat ihren Charme. Das Buch des Meisters ist streckenweise geradezu ein poetisches Werk. Aber wie in der morgendlichen Herbstlandschaft, so fehlen auch hier, wo immer das Auge hinschaut, die klaren Konturen.

Gestalten auf dem Weg

Zwar erlebt der Leser fast nachvollziehbar nicht nur die erwähnten mystischen oder mystiknahen Einheitserfahrungen. Auch Begegnungen des Verfassers mit einigen wegleitenden Gestalten auf seinem Weg, zum Beispiel mit Lasalle oder mit Dumoulin oder mit Yamada Roshi, werden mit so gekonnter Feder nachgezeichnet, dass der Leser den Eindruck gewinnt, er könne nicht nur Porträts erkennen, sondern innere Erfahrungsräume erschauen. (Die skizzierten Begegnungen mit beispielhaften Begleitern auf dem spirituellen Weg sind neben den Schilderungen des «Einklangs mit Allem» echte Perlen mystischer Erleuchtungssuche und die eindrücklichsten Passagen des Buches.)
Andere Begegnungen oder Gestalten aber ­ zum Beispiel die doch für den weiteren Weg bedeutsame Begegnung mit Pia Gyger oder der für den Leser völlig überraschende und unbegreifliche Wechsel von der einen Zenschule zu anderen ­ verlieren sich im Nebel des Herbstmorgens. Was entscheidet nun aber, ob eine Begegnung oder eine Erfahrung dem Leser einfühlbar vor Augen gestellt oder diskret verhüllt oder gar verschwiegen wird? Die äussere Wirklichkeit ist in der Optik des Meisters nicht generell so unbedeutend, dass sie hinter dem inneren Geschehen völlig verblassen darf. Wahrscheinlich sind es Erfahrungen mit menschlich, allzu menschlicher und konfliktträchtiger Wirklichkeit, die der Verfasser am liebsten nur antippt. Sind sie erwähnt, so kann der Meister sie mittels eines hilfreichen Traumes auch so rasch wie möglich wieder hinter sich zurücklassen (Träume sind hier die besten Wegweiser in schwierigen Lebenslagen).
So wird die innere und äussere Landschaft, durch die uns der Meister führt, nie zum Schlachtfeld der Meinungen und Gefühle oder zum Kreisen um leidvolle Erfahrungen. Der Eindruck der Wanderung durch den lichten Herbstmorgen bleibt trotz aller angedeuteten Probleme erhalten. Dieses Wandern durch Andeutungen und hilfreiche Träume entspricht dem Meister. Der scheue Bergler, der er war und ist, präsentiert sich bei alller Bedeutung für die weitere Öffentlichkeit immer noch nicht gerne vor andern.

Vorsicht auf einem abenteuerlichen Weg

Die Vorsicht des Christen und Buddhisten Brantschen, vielleicht sogar die Angst, von Rom misssvertanden und gemassregelt zu werden, drängt in ähnlicher Richtung. Wer abenteuerliche Wege geht, muss Gefahren ausweichen. Wenn er durch Nebel wandert, lässt er sich nicht so leicht ins Visier nehmen. Wahrscheinlich aber finden sich genügend Glaubenswächter, die nur zu gerne die Flinte auf diesen Christen und Buddhisten Brantschen anlegen würden. Willigis Jäger, mit dem Brantschen einen Teil seines Weges gemeinsam ging, wurde unlängst von Rom aus ein Bussschweigen auferlegt, ein Schweigen allerdings, dem sich der eigenwillige Willigis Jäger nicht unterwirft. Brantschen möchte selbstverständlich gar nicht erst zur Zielscheibe der christlichen Religionshüter werden.
Vielleicht schickt er deshalb mit seinem neuen Buch auch am laufenden Band Bekenntnisse zu seinem Jesuitentum und zu seiner katholischen Gesinnung nach Rom. Das ist ihm ­ das Beispiel Willigis Jäger vor Augen ­ nicht zu verargen. Peinlich wird diese Demonstration katholischer Gesinnung nur selten, zum Beispiel dort, wo er die vielen Büros und Abteilungen im Vatikan mit den vielen Wohnungen im Haus des Vaters vergleicht, von denen der johanneische Christus spricht (S.12), oder dort, wo er sich selber Christlichkeit oder katholische Gesinnung attestiert. Wen überzeugen schon Atteste in eigener Sache? In den Augen der Religionswächter wischen solche Bekenntnisse all die Passagen des Werkes nicht auf, die entweder theologisch naiv oder häretisch-pantheistisch klingen (Zen ist im grossen Gegensatz zum alten Buddhismus von pantheistischen Visionen durchtränkt). Wenn Brantschen zum Beispiel die Verehrung der drei Juwelen des Buddhismus (Buddha, Dharma und Sangha, das heisst Buddha, die Lehre und die Mönchsgemeinschaft) zur christlichen Verehrung der Trinität in Analogie setzt (S.151), wenn er in einem spirituellen Grenzerlebnis nicht nur Christ, sondern Christus ist (S.116), oder wenn er in einer Begegnung mit buddhistischen Mönchen erlebt, wie sich hier und heute Christus und Buddha begegnen (S.183), dann wäre doch bei allem nötigen Respekt darauf hinzuweisen, dass andere wegen ähnlicher Sätze früher verbrannt wurden. Das ist heutzutage Gott sei Dank Vergangenheit. Aber Probleme könnte sich der Verfasser mit seinem faszinierenden Weg und seinem ebenso faszinierenden Buch in der Tat einhandeln. In seinem Buch versucht er sich selbst und eine breite Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass er genuin Zenmeister und ungebrochen Jesuit und katholischer Theologe ist. Mich überzeugt dieser Versuch zwar nur halbwegs. Aber ich hoffe gerade deshalb um so dringlicher, dass der Meister nie ins Schussfeld der Wahrheitswächter gerät. Andere könnte sein Versuch noch weniger überzeugen. Aber wo kämen wir hin, wenn nur noch die sicheren und manchmal auch ausgetretenen Pfade der Mehrheit betreten werden dürften?

Rückfragen und Erwägungen

Ich glaube nicht, dass es irgendeinem Menschen gelingt, gleichzeitig wirklich Christ und wirklich Buddhist zu sein. Ich kann als Christ Freund des Buddhismus sein. Aber wer beides sein will, Christ und Buddhist, erliegt einer doppelten Täuschung. Sein Buddhismus ist in seinen Wurzeln kein Buddhismus. (Es ist vielleicht Zufall, dass sich Brantschen in seinem Buch fast nur mit einer pantheisierenden Spätform des Buddhimus, fast nur mit Zen, beschäftigt.) Überdies wäre auch das Christentum des christlichen Buddhisten kein profiliertes Christentum mehr. Wir dienen weder dem Buddhismus noch dem christlichen Glauben, wenn wir auf der grossen Welle Richtung Weltheinheitsreligion uns und anderen vormachen, wir wären gleichzeitig Christen und Buddhisten. Auch Brantschen betont mehrmals, dass er keine Welteinheitsreligion anstrebt. Aber der Untertitel seines Buches «als Christ Buddhist» setzt doch die Weichen in falscher Richtung.
Ähnlich kritisch lese ich Brantschens Empfehlung auf der letzten Seite seines Textes (S.217). Er übernahm diese Empfehlung von einem Vertreter des Ökumenischen Rates der Kirchen. Wir müssten ­ heisst es da ­, wenn wir anderen Religionen begegnen, wie Mose vor dem brennenden Dornbusch, uns bewusst sein, dass wir heiligen Boden betreten, und die Schuhe ausziehen. Dem kann ich nur im Sinne des berühmten Spruchs von Bodhidharma, dem bekanntesten Zen-Patriarchen, entgegenhalten: «Offene Weite, nichts von heilig.» Ich diene keiner Religion, zuallerletzt meiner eigenen, wenn ich vor ihr in die Knie gehe. Vor Gott gehe ich in die Knie, aber nie vor Religionen. Ich bin es jeder Religion schuldig, auch meiner eigenen, dass ich mir Rechenschaft ablege über Licht- und Schattenseiten in jeder religiösen Tradition und Organisation. Auch wenn in jeder Religion mir ein Aspekt Gottes begegnet, so ist doch keine Religion ein brennender Dornbusch, reine göttliche Gegenwart. Jede Religion ist grundsätzlich auch zu jeder Teufelei bereit, wenn die Umstände es nahe legen. Gerade in der Begegnung mit anderen Religionen sind wir es einander schuldig, dass wir auch gegenseitige Kritik einander zumuten.
Brantschen weist in seinem Buch einmal auf die unheilvolle Verbindung von Zen und japanischem Nationalismus in der Zeit vor und während des Zweiten Weltkrieges hin. Solche Hinweise bedürfen der Ergänzung. Im Verlauf seiner Geschichte ging Zen eine enge Verbindung mit Kampftechniken und Kriegermentalität ein. In Zen steckt wahrscheinlich ebenso viel aggressives Potential wie in der christlichen Kreuzfahrermentalität oder der islamischen Mystik des heiligen Krieges. Über diese Schattenseiten hinwegzusehen und aus Zen einen idealen Weg zum Weltfrieden zu machen, wäre schlicht und einfach naiv.
Was Theologie ist oder sein sollte, ist zugegebenermassen unter Theologen/Theologinnen und Kirchen umstritten. Die Theologie mag erfahrungsnah denken, spirituell sich engagieren und Weltoffenheit leben. Aber trotzdem bleibt sie Theologie. Und für jede Theologie gilt, das wissen wir alle: Naivität spricht zwar an, aber sie zahlt sich nicht aus.


Anmerkungen

1 Niklaus Brantschen, Auf dem Weg des Zen. Als Christ Buddhist, Kösel Verlag, München 2002, 224 Seiten.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003