36/2003 | |
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Bildung |
Zu diesen Exerzitien schreibt Prof. Schlemmer: «Wir leben in einer
Zeit der religionsfreundlichen Gottlosigkeit. Das durchaus bestehende grosse
religiöse Interesse läuft aber weithin am Christentum vorbei hinein
in ein Neuheidenheit, das viele Gesichter hat.
In einer Erlebnis- und Spassgesellschaft, in einer Welt der ambivalenten
Dimensionen der Globalisierung und des Zusammenschrumpfens der Werteordnung
auf Wertpapiere können die Kirchen in Liturgie und Seelsorge nicht
einfach so weitermachen, als habe sich nichts verändert. Wir brauchen
eine grundlegende Neuorientierung in der Pastoral. Doch immer noch werden
die Christenmenschen hauptsächlich mit Sakramenten versorgt (Ðsakramentiertð).
Der heutige Mensch mit seiner Wahrheit und Patchwork-Identität wird
dabei völlig verkannt. Humane Defizite der Erlebnisgesellschaft, die
Armut, Leiden und Sterben nicht mehr wahrnimmt, müssen Thema neuer
kirchlicher Feierformen werden.
Diese neuen Feierformen sind auch als Gegenpol zu der allgemeinen Beschleunigung
aller Lebensbereiche zu begreifen und müssen Räume aufschliessen,
in denen Menschen zur Ruhe kommen können.
So braucht es neben standardisierten Rundum-Gottesdiensten alternative und
differenzierte Feierformen, die auf der einen Seite die geltenden Ordnungen
achten, andererseits aber diese auch wagemutig überschreiten, wo es
pastoral geboten erscheint. Gefordert ist schliesslich eine Kommunikationspastoral,
die sich von flächendeckender ÐVersorgungð der Gläubigen
verabschiedet und stärker die am Rande Stehenden, die Menschen mit
Schwierigkeiten, die Menschen auf der Suche nach einem persönlichen
Lebensentwurf in den Blick nimmt.
Zudem reicht auf Dauer eine Insider-Seelsorge nicht aus. Gebot der Stunde
ist eine risikobereite Kommunikationspastoral, die auf die Menschen zugeht
und den Selbsterhaltungsbetrieb Kirche gründlich hinterfragt. Die seit
Jahren propagierte kooperative Seelsorge ist nicht zukunftsträchtig,
da sie nur die Löcher stopft, den Untergang verwaltet und das Konsumverhalten
fördert. ÐIn dieser Stunde der Kircheð (Julius Kardinal Döpfner)
muss das Bewusstsein geweckt werden, neue Menschen für das Christentum
zu sensibilisieren und zu gewinnen. Die missionarische Dimension von Verkündigung
und Seelsorge muss also wieder ins Blickfeld rücken.
Christentum und Kirche haben als Kontrastgesellschaft im heutigen säkularisierten
Umfeld durchaus ihre grosse Stunde und erhebliche Chancen. Diese gilt es
zu nutzen. Denn Kirche der Zukunft wird eher geprägt sein von geistlichen
Kristallisationspunkten, von spirituellen Biotopen und weit weniger von
einem ausgeklügelten flächendeckenden Pfarreiensystem.
So ist das Ziel dieser Exerzitien, zunächst einmal die eigene geistliche
Kompetenz neu zu bedenken, auszurichten und zu verorten. Denn Ðwir müssen
erst selbst von der Frohbotschaft Jesu betroffen sein, bevor wir andere
betroffen machen könnenð. Dann aber gilt es, den Blick zu schärfen
für die aktuellen pastoralen Notwendigkeiten und Mut zu machen, nichtliturgische
und liturgische Feierformen zu wagen, in denen sich die Menschen mit ihren
alltäglichen Nöten und Fragen wiederfinden können. Dies jedoch
setzt voraus, dass wir uns offen halten für die Überraschungen
des Heiligen Geistes. Denn Ðes ist mir immer sehr fern gelegen zu denken,
dass Gottes Barmherzigkeit sich an die Grenzen der sichtbaren Kirche bindet.
Gott ist die Wahrheit. Wer die Wahrheit sucht, der sucht Gott, ob es ihm
klar ist oder nichtð (Edith Stein).»