36/2003

INHALT

Bildung

Priesterexerzitien im Kloster Mariastein

 

Thema: «Wer die Hand an den Pflug legt und zurückschaut, taugt nicht für das Reich Gottes» (Lk 9,62). Pastoraler Aufbruch statt Selbsterhaltungsbetrieb.
Leitung: Dr. theol. Karl Schlemmer, Nürnberg, Prof. em. der Liturgiewissenschaft und Pastoraltheologie an der Universität Passau.
Zeit: Montagnachmittag, 3. November, bis Freitagnachmittag, 7. November 2003.
Gesamtkosten: Fr. 450.­.
Anmeldung an den Gästepater Armin Russi, Telefon 0617351180, Fax 0617351103. Die Angemeldeten erhalten zu gegebener Zeit das detaillierte Programm.

Zu diesen Exerzitien schreibt Prof. Schlemmer: «Wir leben in einer Zeit der religionsfreundlichen Gottlosigkeit. Das durchaus bestehende grosse religiöse Interesse läuft aber weithin am Christentum vorbei hinein in ein Neuheidenheit, das viele Gesichter hat.
In einer Erlebnis- und Spassgesellschaft, in einer Welt der ambivalenten Dimensionen der Globalisierung und des Zusammenschrumpfens der Werteordnung auf Wertpapiere können die Kirchen in Liturgie und Seelsorge nicht einfach so weitermachen, als habe sich nichts verändert. Wir brauchen eine grundlegende Neuorientierung in der Pastoral. Doch immer noch werden die Christenmenschen hauptsächlich mit Sakramenten versorgt (Ðsakramentiertð). Der heutige Mensch mit seiner Wahrheit und Patchwork-Identität wird dabei völlig verkannt. Humane Defizite der Erlebnisgesellschaft, die Armut, Leiden und Sterben nicht mehr wahrnimmt, müssen Thema neuer kirchlicher Feierformen werden.
Diese neuen Feierformen sind auch als Gegenpol zu der allgemeinen Beschleunigung aller Lebensbereiche zu begreifen und müssen Räume aufschliessen, in denen Menschen zur Ruhe kommen können.
So braucht es neben standardisierten Rundum-Gottesdiensten alternative und differenzierte Feierformen, die auf der einen Seite die geltenden Ordnungen achten, andererseits aber diese auch wagemutig überschreiten, wo es pastoral geboten erscheint. Gefordert ist schliesslich eine Kommunikationspastoral, die sich von flächendeckender ÐVersorgungð der Gläubigen verabschiedet und stärker die am Rande Stehenden, die Menschen mit Schwierigkeiten, die Menschen auf der Suche nach einem persönlichen Lebensentwurf in den Blick nimmt.
Zudem reicht auf Dauer eine Insider-Seelsorge nicht aus. Gebot der Stunde ist eine risikobereite Kommunikationspastoral, die auf die Menschen zugeht und den Selbsterhaltungsbetrieb Kirche gründlich hinterfragt. Die seit Jahren propagierte kooperative Seelsorge ist nicht zukunftsträchtig, da sie nur die Löcher stopft, den Untergang verwaltet und das Konsumverhalten fördert. ÐIn dieser Stunde der Kircheð (Julius Kardinal Döpfner) muss das Bewusstsein geweckt werden, neue Menschen für das Christentum zu sensibilisieren und zu gewinnen. Die missionarische Dimension von Verkündigung und Seelsorge muss also wieder ins Blickfeld rücken.
Christentum und Kirche haben als Kontrastgesellschaft im heutigen säkularisierten Umfeld durchaus ihre grosse Stunde und erhebliche Chancen. Diese gilt es zu nutzen. Denn Kirche der Zukunft wird eher geprägt sein von geistlichen Kristallisationspunkten, von spirituellen Biotopen und weit weniger von einem ausgeklügelten flächendeckenden Pfarreiensystem.
So ist das Ziel dieser Exerzitien, zunächst einmal die eigene geistliche Kompetenz neu zu bedenken, auszurichten und zu verorten. Denn Ðwir müssen erst selbst von der Frohbotschaft Jesu betroffen sein, bevor wir andere betroffen machen könnenð. Dann aber gilt es, den Blick zu schärfen für die aktuellen pastoralen Notwendigkeiten und Mut zu machen, nichtliturgische und liturgische Feierformen zu wagen, in denen sich die Menschen mit ihren alltäglichen Nöten und Fragen wiederfinden können. Dies jedoch setzt voraus, dass wir uns offen halten für die Überraschungen des Heiligen Geistes. Denn Ðes ist mir immer sehr fern gelegen zu denken, dass Gottes Barmherzigkeit sich an die Grenzen der sichtbaren Kirche bindet. Gott ist die Wahrheit. Wer die Wahrheit sucht, der sucht Gott, ob es ihm klar ist oder nichtð (Edith Stein).»


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003