51-52/2003 | |
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Jahr der Bibel |
Mit dem Jahr 2003 geht auch das Jahr der Bibel seinem Ende entgegen. Zwar ist es für eine abschliessende Auswertung noch zu früh; doch lässt sich bereits heute feststellen: Das Bibeljahr hat ein vielstimmiges Echo ausgelöst, und die zahlreichen Veranstaltungen in der ganzen Schweiz haben die Erwartungen der Initianten, des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks und der Schweizerischen Bibelgesellschaft weit übertroffen. Es waren vor allem diese vielen Aktivitäten vor Ort, die dem Jahr der Bibel in der Schweiz seine ganz besondere Prägung gegeben haben.
Einen Eindruck dieser Vielfalt vermittelte die elektronische Agenda,
die während des Jahres unter www.jahr-der-bibel.ch aufgeschaltet war.
Da war von biblischen Wanderungen, Lesungen, Weinproben, Liturgien, Konzerten,
Abschreibeaktionen, biblischem Kochen, Theateraufführungen, Kinderfesten,
Ausstellungen und vielen anderen Aktionen zu lesen. Neben Pfarreien und
Kirchgemeinden beteiligten sich unter anderem kirchliche Werke und Verbände,
Ordensgemeinschaften, Bildungshäuser, Theologische Fakultäten,
Katechetische Arbeitsstellen, Kliniken, Bibliotheken, Museen, Schulen und
ganze Dekanate.
Spannend war dabei die Beobachtung, mit wie viel Wohlwollen und regelrechtem
Tatendrang die Idee eines Bibeljahres auf katholischer Seite und zwar
auf den verschiedensten Ebenen aufgenommen wurde, während wir
uns von Seiten mancher reformierter Stellen gelegentlich mit eher reservierten
Nachfragen konfrontiert sahen: Wozu es denn ein eigenes Jahr der Bibel brauche,
wo man sich doch ständig mit der Bibel beschäftige? Ob es nicht
dringendere Themen gäbe zum Beispiel Sakramente? Dagegen schien
auf katholischer Seite das Thema Bibel primär mit Entdeckungslust verbunden.
Kein Wunder: gilt es doch in der katholischen Tradition, ein jahrhundertelanges
Defizit im Bibellesen aufzuholen, während auf reformierter Seite erst
einmal gegen den Fundamentalismusverdacht anzuargumentieren war. Ohne ein
abschliessendes ökumenisches Urteil fällen zu wollen: Geprägt
von der je eigenen Geschichte (oder Nicht-Geschichte) mit der Bibel befürchtete
oder erwartete man auf beiden Seiten zuerst einmal Unterschiedliches von
einem Jahr der Bibel.
Schliesslich trugen aber Beteiligte aus allen Kirchen dazu bei, dieses
Jahr der Bibel zu realisieren:
Die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in der Schweiz (AGCK) begrüsste
das Jahr der Bibel offiziell. Vertreterinnen und Vertreter der Kirchenleitungen,
des Schweizerischen Katholischen Frauenbundes, der Bethlehem Mission Immensee,
Delegierte aus dem Tessin, der Romandie und der Deutschschweiz liessen sich
für ein ökumenisches Komitee an einen Tisch bringen. Die Römisch-Katholische
Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ), die christkatholische Kirche, reformierte
Landeskirchen und die Schweizer Union der Siebenten-Tags-Adventisten unterstützten
neben weiteren Spenderinnen und Spendern wie Kirchgemeinden oder Einzelpersonen
das Jahr der Bibel durch ihre finanziellen Beiträge. Die Schweizer
Bischöfe thematisierten die Bedeutung der Bibel und der Bibellektüre
in Hirtenbriefen. Das Fastenopfer und Brot für alle, Missio und die
Oekumenische Arbeitsgemeinschaft Kirche und Umwelt (OeKU) begleiteten ihre
Jahreskampagnen mit biblischen Materialheften, die sie in Zusammenarbeit
mit Bibelwerk und Bibelgesellschaft herausgaben. Zeitschriften begleiteten
das Jahr mit Themennummern oder Artikelserien. Radio- und Fernsehsendungen
setzten biblische Schwerpunkte. Ihnen und allen Ungenannten, die in ihren
Veranstaltungen die Idee des Bibeljahres aufgegriffen haben, gebührt
ein grosser Dank.
Durch die breite Abstützung des Bibeljahres hat sich die Entscheidung
der Projektstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks als sinnvoll
erwiesen, weniger zentrale Veranstaltungen anzubieten, sondern primär
Hilfen für dezentrale Aktivitäten vor Ort zur Verfügung zu
stellen. Bereits im Sommer 2002 erschien ein Ideenheft für Pfarreien
und Gruppen, Materialhefte mit ausgearbeiteten Vorschlägen für
biblische Veranstaltungen wurden herausgegeben, und mit der Website www.jahr-der-bibel.ch
wurde eine Plattform für Informationen, Ideen und Veranstaltungshinweise
geschaffen. Die vielen dezentralen Veranstaltungen brachten eine Vielzahl
von Beratungen, Kursen, Seminaren und Vorträgen für alle Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter der Bibelpastoralen Arbeitsstelle in Zürich mit sich.
Daneben gab es aber auch zentrale Projekte für die ganze Schweiz. So
wurde das Bibeljahr im Januar 2003 mit einem biblischen Wochenende in Bern
offiziell eröffnet. Eine Artikelserie über sperrige Texte der
Bibel begleitete mit Texten und Fotos das Jahr der Bibel in vielen Pfarrblättern
der Deutschschweiz und wurde im November als Buch publiziert.<1>
Und schliesslich entstand im Laufe des Jahres unter der Federführung
der Schweizerischen Bibelgesellschaft eine handgeschriebene Bibel in vielen
Sprachen und Schriften, an der über 2000 Abschreiberinnen und Abschreiber
mitgewirkt haben. Die rund 1850 meist beidseitig beschriebenen Blätter
wurden zu sechs Folianten gebunden, die im Januar 2004 im Zentrum mehrerer
Abschlussgottesdienste stehen werden. Mit Basel, Genf, Lausanne, Neuenburg,
La Chaux-de-Fonds und Lugano wurden für die Schlussgottesdienste bewusst
Orte aus den drei grossen Sprachregionen gewählt.<2>
Weitere Gemeinden und Pfarreien, die ebenfalls Gottesdienste mit dieser
handgeschriebenen Bibel feiern oder sie im Rahmen einer Ausstellung zeigen
möchten, sind herzlich eingeladen, sich mit der Bibelgesellschaft in
Biel in Verbindung zu setzen.<3>
Neben den kaum zu übersehenden Erfolgen des Bibeljahres sollen im
Rückblick auch kritische Anfragen nicht verschwiegen werden. Was geschieht
zum Beispiel mit all den guten Ideen, die aus zeitlichen, finanziellen oder
personellen Gründen nicht verwirklicht werden konnten? Aber vor allem:
Was geht weiter nach all den verheissungsvollen Initiativen? Mit diesen
Fragen sind sicherlich Desiderata für die zukünftige Arbeit des
Katholischen Bibelwerks und der Bibelgesellschaft formuliert. Die Arbeit
mit der Bibel ist nicht zu Ende.
Andere Fragen berühren grundsätzlichere Aspekte: Warum ist es
nur punktuell gelungen, den engen Rahmen kirchlicher Veranstaltungen zu
verlassen? Wie können biblische Inhalte wirklich in die öffentliche
Debatte eingebracht werden? Warum ist der Dialog mit anderen Religionen
immer wieder in den Hintergrund geraten? Solche Fragen offenbaren die Notwendigkeit
einer tiefer gehenden Reflexion in den Kirchen. Denn mit den Schwierigkeiten,
sich auch ausserhalb der Kirchenmauern einen Ort zu verschaffen, hat das
Bibeljahr sicherlich Anteil an einem gesamtgesellschaftlich zu beobachtenden
Phänomen, dass die Kirche meist nur noch mit negativen Schlagzeilen
in die Medien kommt und dass es ihr immer weniger gelingt, sich mit Inhalten
der christlichen Botschaft in öffentliche Debatten einzumischen. Ist
also die Bibel zu einem Buch nur für Insider geworden? Hat sie (noch)
eine Relevanz für die Gesellschaft?
Am Ende des Bibeljahres lässt sich die Bibel also nicht einfach
zuklappen und bis zu einem nächsten Aktionsjahr im Büchergestell
versorgen. Damit sich zuerst innerhalb der Kirchen selbst, sodann
aber auch in einer weiteren Öffentlichkeit eine im guten Sinne
selbstverständliche und inspirierende biblische Kultur etablieren kann,
gilt es jetzt, die viel versprechenden Ansätze aus dem Bibeljahr aufzugreifen,
das geweckte Interesse ernst zu nehmen, die Fragen wach zu halten.
Um all dem auch einen äusseren Ort zu geben, diskutierte das ökumenische
Komitee in seiner bislang letzten Sitzung die Option eines offiziell in
den Kirchen verankerten ökumenischen Bibelsonntags. Mit einem einheitlichen
und für alle Kirchen verbindlichen Datum sollte er besser als bisher
die Möglichkeit eröffnen, über die Kirchengrenzen hinweg
den gemeinsamen Schatz der biblischen Botschaft zu feiern, ähnlich
wie im Judentum der Freude über die Gabe der Tora im Simchat-Tora-Fest
Ausdruck gegeben wird, und mit diesem regelmässigen Fest einzuüben,
die Bibel als Gesprächspartnerin in heutigen Diskussionen ernst zu
nehmen.
Dass dieses Ernstnehmen der Bibel nichts mit einem naiven oder fundamentalistischen
Biblizismus zu tun hat, machte das ökumenische Komitee bereits in seinem
gemeinsamen «Wort zum Gebrauch der Bibel» deutlich, das es zur
Halbzeit des Bibeljahres veröffentlichte.<4>
Gegen den Missbrauch und die Instrumentalisierung der Bibel beispielsweise
zur Rechtfertigung von Gewalt und Kriegen hält das Komitee an einem
offenen und befreienden Umgang mit der Bibel fest, der zwischen den eigenen
Interessen und der Botschaft des Textes zu unterscheiden weiss und auch
nicht einen einzigen Zugang verabsolutiert.
Ganz im Sinne eines solchen offenen und befreienden Umgangs hat Fulbert Steffensky die Bibel jüngst mit einer alten Lehrerin verglichen, die einen immer wieder auf den Weg schicke und mit ihrem manchmal fremden Blick helfe, die eigene Zeit und das eigene Leben klarer zu sehen. Ein «nachhaltiger» Erfolg des Bibeljahres wird etwas damit zu tun haben, die Bibel wie eine solche alte Lehrerin (wieder) schätzen zu lernen, die mit ihren alten Bildern und Geschichten in unsere heutige Zeit hinein spricht und widerspricht, indem sie auf Gerechtigkeit pocht oder von einer neuen Zeit singt. Es mag eine fremde, manchmal altmodische und manchmal provozierende Stimme sein, aber es ist eine notwendige Stimme in der Debatte um ein gutes Leben für alle.
Die promovierte Theologin Sabine Bieberstein ist Projektverantwortliche des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks für das Jahr der Bibel.
1 Dieter Bauer/Sabine Bieberstein/Angelika Boesch (Hrsg.), Bitte stolpern! Provozierende Texte der Bibel. Mit Fotos von Mathias Walther, Stuttgart 2003.
2 Gottesdienste finden am 18. Januar 2004 in Basel, Genf und Neuenburg, am 24. Januar in Lausanne und am 25. Januar in Lugano und La Chaux-de-Fonds statt. Weitere Gottesdienste sind geplant.
3 Schweizerische Bibelgesellschaft, Spitalstrasse 12, 2501 Biel, Telefon 0323223858, info@bibelgesellschaft.ch
4 Als Download zu beziehen unter www.jahr-der-bibel.ch