44/2003

INHALT

Kirchliche Berufe

Das Mentorat der Laientheologen und -theologinnen im Bistum Chur

von Petra und Thomas Leist

 

Im Oktober 2001 wurde im Bistum Chur ein Mentorat für Laientheologinnen und Laientheologen im Studium und der Phase des Berufseinstiegs eingerichtet. Seither sind Petra und Thomas Leist für dieses mit 30 Stellenprozenten in verschiedenen Arbeitsbereichen tätig.
Die Göttin der Weisheit, Athene, nahm die Gestalt des Mentor, eines Jugendfreundes des Odysseus, an und begleitete mit Rat und Tat dessen Sohn Telemachos nach Pylos, wo er seinen Vater suchen wollte.
Bereits in dieser Herkunft des Wortes «Mentor» liesse sich die Aufgabe des Mentorats erkennen. Das Mentorat ist eine Einrichtung der Begleitung und der Beratung, also ­ kirchlich betrachtet ­ des «Forum internum». Alle Aufgaben und Ziele leiten sich daraus ab. Vor allem aber möchten wir auch im Gesamtkonzept dieser Überzeugung entsprechen: Es geht nicht darum, feste Strukturen zu schaffen, sondern in der Begleitung jeder und jedes Einzelnen flexibel und offen zu bleiben für die je eigenen Bedürfnisse und Anliegen.
Allgemein können wir feststellen, dass die Phase der Berufungsklärung immer häufiger auf das ganze Studium und teilweise auch den Berufseinstieg ausgeweitet und hier auch langfristige Begleitung gesucht wird. Die damit einhergehende Reflexion auf die persönlichen Lebensdaten kann weder allein durch den Ausbildungsleiter noch nur im akademischen Raum gelingen. Wichtig aber ist, dass in einer persönlichen Begleitung und Beratung der Kontakt zu den beiden genannten Kreisen erhalten bleibt. So steht das Mentorat keineswegs allein, vielmehr sind wir von Anfang an darum bemüht, intensive Verbindung zu halten zum Regens, zur Hochschule, zu den Mentoraten anderer Bistümer, aber auch zum Spiritual und dem Leiter des Einführungsjahres in Chur. Darüber hinaus spüren wir, wie bedeutsam es für Studierende ist, persönliche Fragen in einer Atmosphäre der Gemeinschaft zu klären. Gerade jene an anderen Studienorten wollen und sollen spüren, dass sie ihrem Heimatbistum wichtig sind. Kirche ist ja keine Einrichtung, die ausbildet und anschliessend die Besten zur Anstellung auswählt, sondern eine Gemeinschaft, die aus den verschiedenen Berufungen ihrer Glieder lebt. Nicht erst die ausgebildete Person ist «Mitarbeiter/Mitarbeiterin», sondern der ganze Mensch ist immer schon Teil der Kirche und des Bistums.

Die Arbeitsfelder

1. Die Studierenden an der Theologischen Hochschule Chur: Churer und aus anderen Bistümern. Hier geht es uns darum, neben persönlichen Gesprächsangeboten das Studium spirituell zu begleiten, aber auch immer wieder den Blick auf den Studienzweck, die spätere Arbeit, zu richten. So bieten wir je einen Einkehrtag pro Semester an und haben in Zusammenarbeit mit der Hochschule, dem Seminar und Einführungsjahr einen wöchentlichen Hochschulgottesdienst ins Leben gerufen. Hinzu tritt die «Atem-Pause», eine von den Studierenden selbst initiierte wöchentliche Kurzmeditation. Darüber hinaus bemühen wir uns um einen lebendigen Erfahrungsaustausch und möchten auch Praktika während des Studiums fördern und begleiten.

2. Viele «Churer» studieren an anderen Hochschulorten, wie Luzern, Freiburg oder Innsbruck. Sie werden einmal im Jahr durch den Regens besucht und eingeladen, sich alle zusammen am Studierendentreffen in Chur zu begegnen. Hinzu kommt eine Begegnungswoche, die zusammen mit dem Einführungsjahr veranstaltet wird. Es wäre wünschenswert, hier weitere Begleitungsangebote zu schaffen. Doch der Modus ist noch offen, denn zum einen gibt es an den benannten Hochschulorten Mentorate anderer Bistümer, mit denen eine Zusammenarbeit bedacht wird, zum anderen gehen die persönlichen Bedürfnisse mit der grösseren Zahl weiter auseinander. Hier können wir momentan nicht viel mehr als das Angebot bewusst zu machen, für alle jederzeit ansprechbar zu sein und dann gegebenenfalls auch vor Ort zusammenzukommen.

3. Am Ende des Studiums im Übergang zum Beruf steht das Pastoraljahr. Im Pastoraljahr werden erste Berufserfahrungen als Seelsorgerinnen und Seelsorger gemacht. Der Pastoralkurs lädt ein, auf diese und die persönliche Berufung zu reflektieren. Das Pastoraljahr als eigenständige Ausbildungsform hat seinen Sinn nicht darin, Studiendefizite zu kompensieren, sondern Studieninhalte in Einklang zu bringen mit der erlebten Wirklichkeit in unseren Pfarreien. Es geht also um eine Wissensvermittlung im eigentlichen Wortsinn, nicht vorrangig um eine Wissensvermehrung. In der Pfarrei wird die Person Seelsorgende. Im gleichen Masse, wie die Seelsorge nur gelingen kann, wenn sich alle Sorgenden auch persönlich einsetzen, brauchen alle Seelsorgenden auch wieder persönliche Stabilität und Sicherheit. Erneut geht es dabei erst einmal um Vernetzung. Niemand kann die Aufgaben allein lösen, vielmehr braucht es hier eine Gemeinschaft, eine Versammlung, eine Kirche. Der Pastoralkurs bietet in sich bereits ein Austauschforum, welches oft wichtiger ist als der Kursinhalt selbst. Zudem bemühen wir uns als Mentor und Mentorin im Gespräch darum, den eigenen Empfindungen nachzuspüren und bei deren Einordnung zu helfen. Berufung ist nun mehr denn je ein dynamisches und dialogisches Geschehen. Dazu gehört ­ dem Forum internum verpflichtet ­, neben den Besuchen am Einsatzort, das Gespräch mit den Begleitpersonen in der Pfarrei, um mögliche Wahrnehmungsunterschiede früh zu erkennen. Das alles kann nur gelingen im Raum der Kollegialität und Geschwisterlichkeit, denn an dieser Stelle sind alle: Mentorat, Regens, Pastoralkursbegleitung und Pastoralkursteilnehmer/-teilnehmerin gleich: Seelsorgerin und Seelsorger mit je eigenen Stärken und Schwächen.

Ein erster Rückblick

Ein erster Rückblick auf die vergangenen anderthalb Jahre zeigt die Wichtigkeit der Einrichtung. Noch immer wirken die Aktivitäten in den einzelnen Bereichen wie «ein Tropfen auf den heissen Stein». Das Bedürfnis nach einem internen, verschwiegenen Rat und nach Begleitung ist gross. Ebenso war es vom ersten Augenblick an spürbar, dass diese Begleitung nicht zu früh abbrechen darf, sondern es noch Angebote für die ersten Berufsjahre braucht. Diese werden aufzubauen sein.
Wichtig aber ist die Einrichtung des Mentorats zudem für die Kirche in unserem Bistum ­ nicht nur aus den theologischen Erwägungen heraus (der Leib in Sorge für die Glieder), sondern in rein praktischer Absicht: Die Glaubwürdigkeit unserer Kirche wird mehr und mehr daran gemessen, welchen Umgang sie intern pflegt. Eine Kirche, die keine Sorge trägt für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wird als seelsorgende Kirche nicht ernst genommen werden. Dies gilt besonders im System der staatskirchlichen und kirchlichen Verantwortungsteilung. Jede Seelsorgerin und jeder Seelsorger kann die Reichtümer des Glaubens nur so gut entfalten, wie sich die je eigene Berufung entfalten konnte.
Abschliessend bleibt festzustellen, dass es ­ anders als bei Telemachos ­ in unser aller Leben und Entwicklung viele Mentorinnen und Mentoren braucht: Freundinnen und Ratgeber, aber darüber hinaus Einzelpersonen und Institutionen, die ihre Verantwortung unterschiedlich wahrnehmen. So lässt sich die Aufgabe der Begleitung einer seelsorglichen Berufung nicht delegieren, sondern bleibt immer Aufgabe aller Gläubigen. Wir vom Mentorat freuen uns auf eine gute Zusammenarbeit mit allen, die ihre zukünftigen Seelsorgerinnen und Seelsorger unterstützen wollen und danken für diese Hilfe.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003