29-30/2003 | |
INHALT | |
Kirchliche Berufe |
Seit November 2002 konnte der Engelberger Benediktiner P. Markus Muff in einem Teilpensum von 50% das Amt des Spirituals am Seminar St. Beat in Luzern übernehmen. Während der restlichen Zeit wirkt der Autor als Ökonom des Klosters Engelberg. Im Folgenden gibt P. Markus Muff einen Überblick über seine Arbeit am Seminar. Auch andere Personen sind beauftragt, Spiritualität zu lehren oder die Studierenden auf ihrem geistlichen Weg zu begleiten. Die Tätigkeit von Mentorin und Spiritualin wird in einem weiteren Artikel in einer späteren Ausgabe beleuchtet. Diese Artikelreihe wird einen guten Überblick geben über die geistliche Begleitung und das Angebot der Spiritualität am Ausbildungsort Luzern.
Bevor ich die Aufgaben eines Spirituals im Einzelnen darlege, möchte
ich einen Ausspruch von Friedrich Schlegel voranstellen. Schlegel meinte
einmal: «Es ist gleich tödlich für den Geist, ein System
zu haben, und keines zu haben. Er wird sich also wohl entschliessen müssen,
beides zu verbinden.» In diesem Satz ist die Aporie gut ausgedrückt,
der die Institution eines Spirituals unweigerlich begegnen muss: Als fest
angestellter und in einem klar funktionierenden System eingebetteter Mitarbeiter
unterliegt der Spiritual selbstverständlich vielen Aufgaben des Alltages.
Damit ist vor allem Organisation und Verwaltungstätigkeit gemeint;
Sitzungen und Absprachen. Diese Dinge müssen funktionieren und der
Gemeinschaft wie auch dem Individuum dienen. Je selbstverständlicher
das Zusammenleben funktioniert, um so leichter geht manches; um so weniger
Energie wird benötigt in der Bewältigung des Alltages.
Spiritualität lässt sich jedoch nicht auf das Bestehen des Alltags
reduzieren. Der Geist weht, wo er will so lehrt uns die Heilige Schrift.
Und dieses Wehen des Geistes lässt sich eben nicht per Befehl einschalten
oder ausschalten; es lässt sich weder zwingen noch verhindern. Und
schon gar nicht lässt sich der Geist bewahren oder konservieren. Die
uns Menschen leitende und beseelende Kraft Gottes ist uns letztlich unverfügbar,
nicht organisierbar. Sie gehört zu den Wirklichkeiten, die eher zu
erahnen oder zu entdecken sind, die vor allem im gläubigen Betrachten
der eigenen Geschichte und im Gebet wahrgenommen werden können. Die
Wirklichkeit des Geistes wird nicht mit genauen wissenschaftlichen Methoden
analysiert und systematisch in Modelle überführt.
Es ist also gleich tödlich für den Geist, ein System zu haben
und keines zu haben. Er wird sich wohl entschliessen müssen, beides
zu verbinden.
Lassen Sie mich daher als Erstes versuchen, die äusserlich sichtbaren
Tätigkeiten des Spirituals aufzulisten. Das aufzuzeigen, was feststellbar
ist an seiner Arbeit, an seiner Präsenz und seinem wie immer
messbaren Einsatz.
Zu diesen augenfälligen Dingen gehört das Mitleben im Seminar.
Der Spiritual lebt zusammen mit den andern Bewohnerinnen und Bewohnern des
Seminars in Gemeinschaft mit; auch wenn das bei mir konkret nur rund 3 Tage
pro Woche sind; denn meine Anstellung beträgt nur 50%. Die restlichen
50% arbeite ich als Ökonom im Kloster Engelberg.
In der Gemeinschaft mitzuleben heisst, die Struktur des kommunitären
Tagesablaufes weitgehend verbindlich zu machen für die persönliche
Gestaltung des Tages oder der Woche. Der Tag wird hauptsächlich strukturiert
durch Zeiten des gemeinsamen Gebetes, der gepflegten Liturgie in der Kapelle
des Seminars und durch die drei Mahlzeiten. Daran nimmt im Normalfall die
Seminargemeinschaft als Ganzes teil. Zur Seminargemeinschaft gehören
die Studierenden, die Ingenbohler Schwestern, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
des Hauses zusammen mit dem Leitungsteam sowie allfällige weitere Hausbewohner
mit unterschiedlichem Status.
Diese Gemeinschaft führt ein intensives und gut organisiertes Leben,
vor allem während den Semesterzeiten. Aber auch während der vorlesungsfreien
Zeit versucht das Seminar, eine sinnvolle vita comunis aufrecht zu halten.
Die selbstverständliche Anwesenheit der Ordensschwestern unter Leitung
von Sr. Marie-Theodose Hautle ermöglicht das weitgehend.
Menschen im Seminar pflegen sehr viel formelle Aussprachen und Kontakte:
Die Seminarleitung besteht aus Regens Christoph Sterkman, Subregens Hanspeter
Wasmer und Spiritual P. Markus Muff. Sie tagt regelmässig 2 Stunden
pro Woche. Ebenfalls wöchentlich trifft die Leitung des Hauses Vertreterinnen
und Vertreter der Studierenden; dazu kommen regelmässig die Versammlungen
des Seminarrates, in dem sämtliche Studierenden sich mit der erweiterten
Seminarleitung treffen.
Daneben enthält die Agenda des Spirituals wöchentlich eine Sitzung
des Ausbildungsteams; dieses Gremium begleitet die Ausbildung der zurzeit
knapp 90 Studierenden des Bistums Basel Diese Besprechungen werden semesterweise
ergänzt durch mehrtägige Klausursitzungen.
Zu diesen eher hausinternen Sitzungen kommen weitere vielfältige Kontakte,
welche sich aus der Arbeit als Spiritual ergeben. So die Beziehungen zum
Ordinariat in Solothurn, aber auch der Austausch mit andern Spiritualen
in der Schweiz oder im deutschsprachigen Raum (Konferenz deutschsprachiger
Spirituale). Nicht zuletzt bereichert mich auch die Beziehung zum Freundeskreis
des Seminars St. Beat unter ihrem Präsidenten Alois Hartmann.
Die Gemeinschaft in St. Beat ist einem Vorschlag des Hl. Benedikt
sehr nahe in Dekanien aufgeteilt. Daher schliessen sich die Studierenden
im Seminar einer Wohngruppe an. Die meisten Mitglieder der Hausgemeinschaft
besuchen die Veranstaltungen der Theologischen Fakultät, des Dritten
Bildungsweges oder des Katechetischen Institutes. Aber auch angehende Juristen
oder Musiker wohnen im Seminar. Es zeigt sich, dass die Studierenden aus
sehr unterschiedlichen Verhältnissen kommen und eine recht heterogene
Gesellschaft bilden; die Vorkenntnisse und Bedürfnisse sind ebenso
verschieden wie die Ausbildungswege und Ziele der Menschen. Die Wohngruppen
ermöglichen den wichtigen gegenseitigen Kontakt: Die Studierenden lernen
sich kennen und schätzen; sie üben gemeinsam Arbeit und Liturgie;
sie pflegen neue Beziehungen mit ihren späteren Arbeitskollegen und
Kolleginnen. Für das wechselseitige Verständnis und die Teamarbeit
in unserem Bistum aber auch darüber hinaus ist das Konzept
der Wohngruppen eine wichtige Grundlage.
Der Spiritual hat die Aufgabe, eine dieser Wohngruppen zu begleiten. Er
trägt unter anderem die wöchentlichen Anlässe oder Dienste
dieser Gruppe mit. Dazu gehören Gruppenabend, Gruppengebete; Liturgievorbereitung
und Sakristanendienste; aber auch Tischdienst und Telefondienst. Diese Aufgaben
nehmen die Gruppen nach einem klar geordneten System wahr.
Dazu kommt die Vorbereitung der jährlich wiederkehrenden Anlässe.
Bei einem Weekend begegnen sich die Gruppenmitglieder auch ausserhalb des
Seminars und verbringen gemeinsame Tage. Während eines anderen Wochenendes
gestaltet die Gruppe in einer Pfarrei die Liturgie mit.
Dieser ordentliche Ablauf der Tage und Wochen wird ergänzt durch weitere
spezifische Veranstaltungen des Seminars. Besonders wichtig für den
Spiritual sind die jährlichen Exerzitien und Besinnungstage. Der Spiritual
leitet diese Tage des Gebetes und der persönlichen religiösen
Erfahrung. Für mich persönlich ist ein fester Gebetsrahmen eine
gute Voraussetzung dafür; eine Gebetsstruktur, wie sie sich zum Beispiel
in einem Kloster findet. Denn das Psalmengebet bereitet in einzigartiger
Weise vor auf die Zeit des persönlichen Betens und der persönlichen
Gottessuche. Die relative Ruhe eines Klosters ermöglicht Zeiten der
Einkehr und Konzentration.
Dem Spiritual ist inbesondere die Gruppe der Kandidaten anvertraut, die
sich auf das Priesteramt vorbereiten. In zahlreichen halbtägigen und
ganztägigen Veranstaltungen können sich die Männer mit den
Fragen auseinander setzen, die ihnen in ihrem zukünftigen Amt besonders
wichtig sind. Dazu gehören Themen wie: Amtsverständnis des Priesters;
Kirchenbild; Aufgaben des Seelsorgers in einer säkularen Welt; Priesterliche
Spiritualität; aber auch Fragen der Gesprächsführung, der
Zusammenarbeit mit Politik und Gesellschaft; zwischenmenschliche Beziehungen
usw. In Zusammenarbeit mit den Studierenden werden diese Tage vorbereitet
und durchgeführt.
In diesem Jahr bereitet eine Gruppe die Feier des 125-Jahre-Jubiläums
des Seminars vor. Das Jubiläum soll Anlass dazu sein, die Berufungen
zu fördern. Jugendliche insbesondere, aber auch Menschen jeden Alters
sind eingeladen, das Seminar St. Beat zu besuchen. Da St. Beat eine wichtige
Funktion für die Ausbildung des diözesanen Nachwuchses hat, sollten
das Haus und seine Aufgabe anlässlich des Jubiläums etwas besser
ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt werden. Die entsprechenden
Veranstaltungen erstrecken sich über das gesamte Wintersemester 2003/2004.
Ich darf an diesen Vorbereitungen mitwirken.
Es gibt aber auch manchen bereichernden Anlass im Seminar, der ohne Mitarbeit
des Spirituals auskommt Anlässe allerdings, die ich manchmal
auch besuche: so die Studierendentagung, die Seminartagung, den Seminarausflug;
das Nachdiplomstudium «Berufseinführung». Zahlreiche Fortbildungen
und Sitzungen von Gastgruppen finden im Haus statt und machen St. Beat zu
einer Drehscheibe in der kirchlichen Aus- und Weiterbildung. Nicht zu vergessen
ist auch die Auseinandersetzung mit künstlerischer Arbeit, die im Haus
immer wieder präsent ist.
Meine Mitarbeit in der Seminarleitung, im Ausbildungsteam in der Wohngruppe
und mit den Priesterkandidaten gehört zusammen mit dem Mitleben in
der Gemeinschaft zum selbstverständlichen Alltag meiner Aufgabe. Diese
Tätigkeiten gehören zum so genannten Forum externum zu den
Aussenaufgaben des Spirituals.
Zum Forum internum, den vertraulichen, den hörenden und lauschenden,
manchmal beratenden Tätigkeiten des Spirituals, gehört die geistliche
Begleitung. Diese Tätigkeit ist äusserlich gesehen wenig fassbar
und quantifizierbar. Sie kann sehr formell im geistlichen Gespräch
mit den Einzelnen stattfinden. Geistliche Begleitung ist aber auch informell
selbstverständlich gegeben. So vermittelt die Art und Weise der eigenen
Lebensführung bestimmt ebenso wesentliche Inhalte wie die Lehre und
der Unterricht. Im täglichen Umgang miteinander ist das Beispiel oft
einleuchtender und nachhaltiger als die Lehre.
Dennoch: es gibt die geistliche Begleitung in ihrer expliziten Form. Wobei
viele Menschen jeweils etwas anderes darunter verstehen. In erster Linie
halten sich die Mentorin Gabriele Dülberg und der Spiritual für
vertrauliche Aussprachen mit den Studierenden zur Verfügung. Der Austausch
mit anerkannten und langjährigen Kollegen bestätigt meine Erfahrung,
dass diese Gespräche sich vor allem um die Person der Studierenden
drehen: um die Nöte und Sorgen deren Alltagspraxis; um die spirituellen
Grundlagen des eigenen Lebens, die Wertehaltung, das Verhalten «in
Gedanken, Worten und Werken». Im Seminar gehen wir davon aus, dass
die Studierenden während eines Jahres mehrfach diese Form der hoffentlich
befreienden und diskreten persönlichen Aussprache suchen.
Schon im Beschrieb der Wohngruppen habe ich auf die sehr heterogene Studentenschaft
hingewiesen, was bestimmt eine grosse Bereicherung ist. Eine klare Konsequenz
hat das für die geistliche Begleitung. Die persönlichen und religiösen
Fragen der Studierenden sind sehr unterschiedlich. Die Ansprüche sind
so unterschiedlich wie die entsprechenden Menschen: Der junge Maturand hat
nicht die gleichen persönlichen Anliegen wie der erfahrene 60-jährige
Akademiker. Für die erfahrene Mitarbeiterin in der Pfarrei stellen
sich die religiösen Fragen anders als für die Ärztin im Zweitstudium.
Gemeinsam jedoch ist allen Studierenden ein hohes persönliches Engagement
und der Versuch einer bewussten Reflexion ihres persönlichen Glaubensweges.
Es ist bestimmt von Vorteil, wenn der Spiritual eine breite Lebenserfahrung
und ein gesundes Mass an kritischer Selbständigkeit hat wenn
er nicht auf zu viele Abhängigkeiten fixiert ist.
Diese Form des vertraulichen Gespräches mit einer Begleitperson ist
üblich und für manche genügend.
Ideal allerdings ist sie aus meiner Sicht noch nicht. Wir gehen zwar
mit einem gewissen Recht davon aus, dass die äusseren Fragen
des Menschen und seiner Lebensführung wichtig sind. Das Gespräch
darüber ist zweifellos notwendig und hilfreich; besonders wenn es nicht
in Kategorien der Belehrung, der Vorschriften oder gar der Verurteilung
einer bestimmten Lebenspraxis geführt wird; besonders, wenn es die
(vielleicht sogar wenigen) guten Bemühungen und kleinen Ansätze
gelingenden Lebens entdeckt und fördert.
Eine grundlegendere Sicht der geistlichen Begleitung geht davon aus, dass
vermutlich jeder Mensch in der Lage ist, mit Gott in einen vertraulichen
Dialog zu treten. Und diese Form der Kommunikation kann eingeübt werden.
Die Ansprechperson ist dann eben nicht weiter die Mentorin als Begleiterin;
der Spiritual als Begleiter, welcher aktiv zuhört oder allenfalls unterstützend
zu wirken versucht ist. Gott ist vielmehr der «Dialogpartner».
Die Kommunikation der Studierenden mit Gott steht im Zentrum der Aufmerksamkeit.
Der geistliche Begleiter hat die Aufgabe, einen allgemeinen menschlichen
Widerstand überwinden zu helfen: den Widerstand des Menschen, der darin
besteht, dem lebendigen Gott gegenüber offen zu werden und offen zu
bleiben.
Geistliche Begleitung dieser Art möchte auf der je persönlichen
Erfahrung beruhen.
Auf der Erfahrung, die Ignatius von Loyola so vortrefflich in seinem Exerzitienbuch
darstellt: In der ersten Woche der Exerzitien entdeckt die begleitete Person
ihre Sehnsucht, von Gottes Liebe erlöst zu werden mit all den
eigenen Flecken und Runzeln, gegen die man auch angeht. Das grosse Geschenk,
das Ergebnis dieser Dynamik, ist die Freiheit der begleiteten Person, Liebe
zu empfangen Erlösung, Vergebung vom Herrn.
In der zweiten Woche der Exerzitien vergegenwärtigt sich der Exerzitant
die Anstrengung, die es braucht um die Tugenden Jesu zu übernehmen;
sich mit Jesus zu identifizieren und sich dessen anzunehmen, worum Jesus
sich gekümmert hat.
Eine Art Partnerschaft mit Jesus ist das Ergebnis eine Freiheit des
Begleiteten, zu geben oder zu dienen, wie Jesus gegeben oder gedient hat.
Gottes erlösende Liebe anzunehmen, sich mit Jesus weitgehend zu identifizieren:
das sind die grossen Ziele, auf die sich unser ganzes Leben ausrichten darf.
Wenn im geistlichen Gespräch, in der geistlichen Begleitung, diese
Erfahrungen anfangshaft wahrgenommen werden können, dann ist der Weg
eröffnet für das Gebet und die Kontemplation. Und es besteht gar
kein Zweifel: Gebet vita contemplativa und soziales Engagement
vita activa gehen Hand in Hand.
Geistliche Begleitung darf nicht darauf ausgerichtet sein, ideale Menschen
zu formen, funktionierende Mitglieder der Kirche zu züchten; geistliche
Begleitung zielt auf die Förderung einer Beziehung einer Beziehung
der Liebe zwischen Gott und dem Menschen. Jene Menschen, die sich als von
Gott geliebt erfahren, schöpfen aus einer lebendigen Quelle und wirken
hoffentlich nachhaltig für das Kommen des Reiches Gottes.
«Es ist gleich tödlich für den Geist, ein System zu haben
und keines zu haben. Er wird sich also wohl entschliessen müssen, beides
zu verbinden.»