23-24/2003

INHALT

Kirchliche Berufe

Geistliche Begleitung der Theologiestudierenden in Freiburg

von Hildegard Aepli und Thomas Ruckstuhl

 

Die Deutschschweizerische Ordinarienkonferenz (DOK) hat im März 2000 ein neues Konzept für die Studienbegleitung der deutschsprachigen Theologiestudierenden in Freiburg verabschiedet. Damit war auf dem Papier ein neuer Anfang gesetzt, der von den Bischöfen gewünscht und von den Regenten der betreffenden Bistümer ausgearbeitet wurde. Es war ihre Absicht, allen künftigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Anfang ihres Studiums an eine intensive Begleitung und Ausbildung im geistlichen Bereich zu ermöglichen und bestimmte Verpflichtungen auszusprechen.

Neuer Wein in alte Schläuche?

Fortan sollte im grossen und traditionsreichen Convict Salesianum, einem Eigentum der Schweizer Bischöfe, ein Begegnungszentrum entstehen, wo die Studierenden begleitet werden «auf der Suche nach dem Ruf Gottes an sie und ihrem möglichen Weg in den Dienst der Kirche» (Richtlinien für die Studienbegleitung). Wir, die auf die ausgeschriebenen Stellen Gewählten, erhielten den Auftrag, als Ausbildungsleiter (Thomas Ruckstuhl, Priester des Bistums Basel) und als Geistliche Begleiterin (Hildegard Aepli, Pastoralassistentin des Bistums St. Gallen) zusammen mit den Studierenden die neue Studienbegleitung in die Praxis umzusetzen.
Bald nach unserer Ankunft konnten wir dank grosszügiger Spenden verschiedene Renovationsarbeiten in Angriff nehmen, die besonders die Einrichtung des vorgesehenen Begegnungszentrums und den Ausbau eines Frauentraktes ermöglichten. Tatsächlich konnte mit diesen Sofortmassnahmen dem altehrwürdigen Haus bereits wieder etwas frischer Atem eingehaucht werden. Der Einstieg in die Arbeit mit den Theologiestudierenden erwies sich trotz des schnellen Faceliftings als nicht ganz einfach.

Raum schaffen in spannungsvoller Situation

Die Studierenden brauchten Zeit, sich auf die neue Situation und auf neue Gesichter einzustellen; umso mehr, als einige Studierende das neue Konzept nicht begrüssten, da es zur Auflösung des vorherigen Mentorats geführt hatte. Bereits im zweiten und vor allem im jetzt laufenden dritten Jahr unserer Präsenz ist deutlich geworden, dass sich die neuen Studierenden auf uns und unsere Arbeit einlassen. Einige unter ihnen sind ins Salesianum eingezogen, so dass wir im Haus derzeit 30 Theologiestudierende zählen. Zu unserer freudigen Überraschung haben sich viele Türen zu den von uns geschaffenen Räumen der Begegnung und des Gesprächs, der geistlichen Ausbildung und des Zusammenwohnens geöffnet.
Von Anfang an ist uns das Kunstwerk vor der Universität Miséricorde aufgefallen. Ohne die Geschichte, noch allenfalls den Titel der riesigen Skulptur zu kennen, fiel uns der Name «Spannung» ein. Später erfuhren wir, dass das Kunstwerk an eine Brücke erinnern soll: Brücke über den Röstigraben, Brücke zwischen den Sprachen, Brücke zwischen den Disziplinen. Immer wieder ist «Spannung», ja manchmal «Hochspannung» der Name für den Ort Freiburg, respektive seine Theologische Fakultät. Wie an keinem andern Ausbildungsort der Schweiz treffen hier gesellschaftspolitische und sprachliche Prägungen aufeinander, wie auch unterschiedlich spirituell-religöse und theologische Entwicklungen. Dieser Umstand birgt eine enorme Chance in sich für den Blick über sich selber hinaus, für den Dialog, aber gleichzeitig auch die grosse Gefahr für Frontenkämpfe und damit den Rückzug auf die Verteidigung des Eigenen.
Aus dieser Wahrnehmung entstanden konkrete Fragen für die uns gestellte Aufgabe der Begleitung der deutschsprachigen Theologiestudierenden: Wie gelingt es mitzuhelfen, dass aus der vorgegebenen Spannung gute Energie frei wird, die zum persönlichen Wachsen und Reifen der Einzelnen beitragen kann? Welche Voraussetzungen müssen wir als Begleitteam dazu erfüllen? Was heisst das für unsere Zusammenarbeit im Kleinen? Was heisst Begleitung konkret? Welches Gesicht wird unsere Arbeit bekommen?

Raum schaffen im Kleinen

Wie die Begleitung der Theologiestudierenden in Freiburg aussieht, lässt sich nicht losgelöst von unserem kleinen Team denken. Der Spannungsbogen, der sich vor Ort im Grossen auftut, ist auch Teil unserer Zusammenarbeit im Kleinen. Wir bringen beide Seiten mit ein, die die Realität des kirchlichen Dienstes (vor allem der Deutschschweiz) repräsentieren: Priester ­ Laie, Mann ­ Frau. Eine erste wichtige Arbeit bestand und besteht für uns darin, die Chancen dieser Spannung zu erkennen und zu nutzen und mit den Gefahren konstruktiv umzugehen nach der Devise: Der Raum, den wir uns im Kleinen zu schaffen vermögen, wird sich entsprechend im Grossen auswirken. Daraus wuchs die Entschiedenheit, der Situation in Freiburg folgendermassen zu begegnen: Es geht uns nicht um eine theologische Position, sondern um den einzelnen Menschen, der mit uns in Kontakt tritt, und dessen Suche. Wir kämpfen nicht, weder mit den einen, noch gegen andere. Wir sind für alle Studierenden da.

Raum schaffen durch Gesprächskultur

Die Auseinandersetzung mit der Theologie und die Diskussion über verschiedene Standpunkte und Forschungsrichtungen entstehen an der Fakultät und brauchen die Form des Diskurses. Die Aufgabe, die wir übernommen haben, ist nicht eine Verlängerung dieser für Studierende wichtigen Gesprächs- und Denkkultur. Sie hat einen andern Ansatzpunkt; es geht um das Aufnehmen des persönlichen Glaubensfadens, der natürlich nicht getrennt von der vernunftgeleiteten Auseinandersetzung mit dem Glauben existiert, der aber einen andern Zugang braucht, damit er nicht in die Verlorenheit führt. Die wichtigste Hilfe dieses anderen Zuganges ist das Anliegen, immer wieder Raum zu schaffen, wo Studierende von ihrer Erfahrung mit dem Leben und dem Glauben erzählen können. Das bedingt auf der andern Seite das Zuhören, Verstehenwollen und Nachfragen, weil die Erfahrung als solche nicht diskutierbar ist. Auf diese Weise versuchen wir Brücken zu bauen zwischen den Einzelnen und dadurch das Vertrauen zu stärken, dass trotz grossen Unterschieden Gemeinschaft wachsen kann.
Solche Räume können entstehen:

in Gruppen

im Einzelgespräch

In Gesprächen, zu denen wir die Studierenden einladen oder die sich mit ihnen ergeben, spielen folgende Gesichtspunkte eine entscheidende Rolle:

Raum schaffen im Zusammenwohnen: Modell Salesianum

Zu den Besonderheiten unserer Aufgabe in Freiburg gehört es, dass wir im Salesianum wohnen. Das einstige Priesterseminar wurde nach dem 2. Weltkrieg für Studenten anderer Fachrichtungen geöffnet, und seit ein paar Jahren steht der dritte Stock den Frauen zur Verfügung. Die Leitung des Hauses ist Bestandteil unseres Anstellungsverhältnisses, wie auch die Schaffung eines Begegnungszentrums für die Theologiestudierenden in den hauseigenen Räumlichkeiten, ob sie nun im Salesianum wohnen oder nicht. Im Salesianum wohnen 90 Studierende, von welchen sich etwa ein Drittel mit der Theologie beschäftigen. Seit Jahren findet sich immer eine grosse Gruppe Tessiner, wie auch Unterwalliser im Haus vertreten.
Somit leben, arbeiten und begegnen sich Studierende der grossen schweizerischen Sprachregionen und verschiedenster Studienausrichtung unter einem Dach. Priesterkandidaten, künftige kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der katholischen Kirche, Orthodoxe (Stipendiaten der Bischofskonferenz), Frauen und Männer haben im Salesianum die Möglichkeit, sich kennen zu lernen. Das Wohnen und der Austausch werden gestärkt durch das Zusammenkommen zu den Mahlzeiten, die Hausfeste, Möglichkeiten zum gemeinsamen Musizieren und Feiern, gelegentliches Mitarbeiten und sportliche Aktivitäten. Wir erachten die Öffnung des Hauses als grosse Chance, die zu erkunden und auszuschöpfen wir noch lange nicht fertig sind.

Raum schaffen für liturgische und geistliche Erfahrungen

Das erwähnte Treffen der Theologengruppe findet (nach Möglichkeit) wöchentlich statt und erstreckt sich über ein ganzes Jahr. Die Gruppe setzt sich zusammen aus Studierenden des Salesianums und solchen, die in der Stadt wohnen. Sie entscheiden vorgängig, sich auf diesen gemeinsamen Weg des Lernens einzulassen. Unter den Jahresthemen «Menschwerdung» und «Gebet» haben wir eine Vielzahl von verschiedenen Erfahrungen gemacht, die immer auch auf das praktische Einüben zielen; etwa durch Anleitung zum Bibellesen, im Austausch über Themen des Glaubens, bei Einkehrtagen, beim Kennenlernen von Exerzitien im Alltag, in einer Fastenwoche, bei der Stimmbildung im Sprechen und Singen, auf Ausflügen und in zahlreichen Begegnungen mit Gästen der Uni und aus den verschiedenen kirchlichen Berufen.
Neben dem Theologenabend bilden auch verschiedene Gottesdienstformen einen wichtigen Bestandteil unseres Zusammenlebens. Die gemeinsame Feier der Eucharistie erweist dabei immer wieder eine Dichte und Intensität, die wir nicht machen, sondern nur dankbar empfangen können. Das Einüben ins Stundengebet und in freie Formen des Betens und stillen Meditierens ist Teil der Hinführung zu einem persönlichen Rhythmus des Gebetes.
Für die Priesterkandidaten gibt es darüber hinaus eigene Angebote, die ihnen helfen sollen, ihre Berufung zum priesterlichen Dienst zu prüfen und zu stärken. Die jährliche «session d'affectivité» ist eine Hilfe zum Umgang mit dem affektiven Leben und mit der eigenen Sexualität im Hinblick auf ein zölibatäres Leben.

Alter Wein in neue Schläuche?

Die klassische Aufteilung der Rollen in der geistlichen Ausbildung zwischen äusserem und innerem Bereich ist im neuen Konzept der Studienbegleitung gewahrt. Allerdings sind die Titel «Regens» und «Spiritual» ersetzt durch «Ausbildungsleiter» und «Geistliche Begleiterin». Der Ausbildungsleiter ist die Kontaktperson zu den Deutschschweizer Regenten (und Bischöfen), er vertritt sie vor Ort und informiert sie über die Studienbegleitung. Damit deckt er im klassischen Sinn den äusseren Bereich der Studienbegleitung (forum externum) ab. In dieser Funktion ist er Mitglied der Schweizerischen Regentenkonferenz. Die Geistliche Begleitung (forum internum) wird in der Zuständigkeit für alle Studierenden mit Hildegard Aepli erstmals von einer Frau geleitet. Was in anderen Ländern wie etwa den USA nichts Neues ist, dass nämlich Frauen in die geistliche Ausbildung (auch der Priesterkandidaten) einbezogen sind, wird in unseren Breiten, besonders von der französischsprechenden Seite als ungewöhnlich empfunden. Selbstverständlich sind die Studierenden in der Wahl der geistlichen Begleitperson frei, sollen aber während des Studiums einmal über längere Zeit regelmässig diese Erfahrung machen. Die hier vorgenommene Rollenverteilung ist insbesondere auf die Bereitschaft zur Zusammenarbeit ausgerichtet. Wenn sie gelingt, ist damit ein starkes Zeugnis für das bereichernde Miteinander der verschiedenen pastoralen Dienste verbunden.

 

Hildegard Aepli, Pastoralassistentin des Bistums St. Gallen, ist Geistliche Begleiterin, und Thomas Ruckstuhl, Priester des Bistums Basel, Ausbildungsleiter im Theologenkonvikt Salesianum.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003