15/2003 | |
INHALT | |
Kirchliche Berufe |
Nur wenige Menschen ahnen, was Gott aus ihnen machen würde, wenn
sie sich der Führung der Gnade rückhaltlos übergäben»
(Ignatius von Loyola). Mit diesem Wort eröffnet Ignatius von Loyola
eine spannungsvolle Perspektive für das Verständnis von Spiritualität.
Gemeint ist damit nicht ein Teilbereich des Lebens, etwa die Pflege der
eigenen Beziehung zu Gott neben dem «normalen» Alltag, sondern
eine Grundhaltung, die für die Gestaltwerdung des eigenen Lebens entscheidend
ist. Auf dem Spiel steht die Bereitschaft, das eigene Leben für eine
grössere Dynamik zu öffnen auf dem Spiel steht, was Gott
aus Menschen und mit ihnen machen kann.
Dies nun gilt nicht nur für Seelsorger und Seelsorgerinnen, mit deren
Spiritualität sich dieser Beitrag befassen wird. Wenn aber das Zweite
Vatikanische Konzil nachdrücklich einerseits die gemeinsame Berufung
aller Getauften herausgestellt und andererseits den Dienst kirchlicher Ämter
an dieser gemeinsamen Berufung herausgestellt hat, kann Spiritualität
von Seelsorgern auf einer ersten Ebene nicht etwas ganz anderes sein als
die Spiritualität, die das Leben aller Menschen prägen darf. Es
gehört zum Berufsethos von Seelsorgern, selbst zu leben, wozu sie anderen
helfen sollen. Darum zunächst einige Überlegungen zu grundlegenden
Aspekten christlicher Spiritualität, bevor im zweiten Abschnitt spezifische
Züge seelsorglicher Spiritualität angesprochen werden.
In dem zitierten Wort von Ignatius stecken wie in einer Ellipse zwei
Brennpunkte: Gottes Wirken einerseits, das menschliche Sich-Überlassen
andererseits.
Als erstes trägt das Wort von Ignatius auf, Gott ernst zu nehmen. Wer
sich Gedanken über das eigene geistliche Leben macht, denkt vielleicht
über den eigenen Lebensstil nach, über den Tagesablauf, über
geistliche Vollzüge im engeren Sinn. Das alles ist wichtig doch
es muss in diesen Überlegungen der Punkt kommen, wo das alles sich
öffnet in der Einsicht: Ziel ist nicht einfach ein rundes, geordnetes
Leben, sondern das alles dient der eigenen Offenheit für Gott. Das
stimmige Leben, das aus einer guten Lebensordnung erwächst, soll wie
ein gestimmtes Musikinstrument sein, auf dem dann gespielt werden kann
wir sind Gottes Musikinstrumente, auf denen er spielen will, damit es in
dieser Welt seine Musik gibt.
Ausgangspunkt christlicher Spiritualität ist die Überzeugung,
dass Gott am Werk ist und mit den Menschen etwas vorhat. Geistliches Leben
besteht nicht im Arbeiten an sich selbst, sondern zielt darauf, Gott an
sich selbst arbeiten zu lassen; es ist darum nicht Leistung, sondern Beschenkt-Werden,
Einbezogen-Werden in seine Grosstaten, die nicht zwischen die Buchdeckel
der Bibel einzuschliessen sind.
Es ist gut, sich ab und zu die Frage zu stellen: Wie ernsthaft rechne ich
mit Gott als dem, der nicht nur Horizont meines Lebens ist, sondern einen
sehr konkreten Weg mit mir vorhat, so dass ich nach seinem Willen für
mich fragen muss (darf) und gespannt sein darf, was er für mich und
durch mich geschehen lassen will? (Auch) Seelsorger können sich durch
solche Vergewisserung einer grösseren Dynamik in ihrem Leben entlasten
und motivieren lassen.
So sehr das Wort von Ignatius den Blick auf das Wirken Gottes lenkt,
so wenig sieht er den Menschen zur Passivität verurteilt. Das Wirken
Gottes reduziert den Menschen nicht zu einem mechanischen Werkzeug. Gerade
darum formuliert Ignatius ja in der Form eines Bedingungssatzes. Was Gott
mit Menschen vorhat, das geht nicht ohne sie; er respektiert ihre Freiheit,
wartet, bis sie sich ihm überlassen. Und dieses Sich-Überlassen
ist eine sehr aktive, und, dies sei im Folgenden weiter entfaltet, eine
sehr persönliche Sache.
«Nur wenige Menschen ahnen, was Gott aus ihnen machen würde,
wenn sie sich der Führung der Gnade rückhaltlos übergäben»,
hinter diesem Wort von Ignatius steht seine ganze Einsicht in die Bedeutung
der je persönlichen Suche des eigenen Weges, wie sie gerade heute wichtig
sein dürfte.
Kennzeichen unseres gesellschaftlichen Kontextes ist die so genannte Individualisierung
(«Jede/r ein Sonderfall?»). Im kirchlichen Bereich wird dieses
Phänomen zuweilen eher skeptisch betrachtet, scheint doch das Gemeinschaftliche
des Glaubens unterbelichtet zu werden. Die Sache verdient aber eine differenzierte
Betrachtung. Die christliche Botschaft ist von Haus aus ein Ruf, der die
einzelnen vor die Entscheidung stellt. Insofern ist dem Christlichen die
Individualisierung nichts Fremdes, nur dass heute diese individuelle Dimension
(wieder) mehr in den Blick rückt.
Dies hat Konsequenzen für die Suche nach spirituellem Christsein heute
und deswegen gerade auch für die Frage nach der Spiritualität
von Seelsorgern. Wer Menschen helfen soll, ihren je eigenen Weg als Christ
oder Christin zu finden, muss selbst ein Mensch sein, der sich sehr persönlich
von Gott hat ansprechen lassen. «Nur wenige Menschen ahnen, was Gott
aus ihnen machen würde, wenn sie sich der Führung der Gnade rückhaltlos
übergäben» Ignatius bräuchte das nicht so feierlich
zu formulieren, wenn nur bestimmte Lebensregeln, für alle dieselben,
zu übernehmen wären eine Schablone, die auf jede und jeden
passt bzw. schlimmer: für die jede und jeder passend gemacht wird.
Vielmehr rechnet Ignatius damit, dass Gott jeden Einzelnen sehr persönlich
führt; und das Entscheidende ist es, sich aufmerksam und feinfühlig
dieser Führung zu überlassen, um den eigenen, unvertretbaren Weg
zu suchen. Weder die Suche noch Entscheidungen noch das Gehen kann mir jemand
abnehmen, weder ein Regens noch ein Mentor noch ein Spiritual noch ein geistlicher
Begleiter, nicht die Gemeinschaft, in der ich wohne, Kollegen, die mit mir
auf dem Weg sind, auch nicht gute Freunde. Sie alle können helfen,
und solche Hilfe ist auf einer verantwortlichen Wegsuche auch notwendig.
Wer immer aber mit Rat zur Seite steht: er oder sie kann nicht statt meiner
meine unverwechselbare und unvertretbare Antwort geben, um die ich selbst
ringen und zu der ich selbst den Mut aufbringen muss.
Seelsorge in Form von geistlicher Begleitung, wie ausdrücklich auch
immer, wird in Zukunft vermutlich eine bedeutsame Rolle in der Pastoral
spielen. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, müssen Seelsorger und
Seelsorgerinnen selbst auf der Suche nach ihrer persönlichen Berufung
bleiben, damit sie dann auch anderen den Raum für ihre individuelle
Wegsuche gewähren können. Die hl. Caterina von Siena hat im Gespräch
von der göttlichen Vorsehung als Wort des Herrn an sich selbst niedergeschrieben:
«Ich will, dass du achtsam bist und dich selber tadelst, so oft der
Teufel oder dein eigener Unverstand dich dazu drängen, alle Meine Diener
auf den gleichen Weg, den du selber gehst, zu schicken und sie darauf sehen
zu wollen.»<1> Die uralte Versuchung,
den eigenen Weg am liebsten von allen begangen zu sehen, kannte schon Paulus,
wenn er schreibt: «Ich wünschte, alle Menschen wären wie
ich» (1 Kor 7,7), aber er korrigiert sich gleich: «Doch jeder
hat seine Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so.» Geistliche
Begleitung hat nicht zum Ziel, andere auf den eigenen Weg zu führen
und sie zur eigenen Spiritualität hin zu erziehen. Vielmehr soll sie
den Raum schaffen, in dem Menschen in grosser Ehrlichkeit sich selbst und
Gott gegenüber seinen Willen für sich selbst und den eigenen Weg
suchen können.
Spiritualität ist nicht Sondergut für Hauptamtliche, sondern
allen Christen zugetraut und zugemutet. Darin liegt ein erster Hinweis für
eine spezifische Spiritualität von Seelsorgern. Diejenigen, die anderen
auf ihrem je persönlichen Weg mit Gott helfen sollen, müssen deren
Leben mit sehr gläubigen Augen anschauen. Es gehört zur Spiritualität
von Seelsorgern, mit dem Wirken Gottes im Leben anderer zu rechnen und es
staunend und ehrfürchtig wahrzunehmen.
Solche Wahrnehmung beginnt mit der demütigen Einsicht, nicht selbst
Menschen mit Gott zusammenzubringen, sondern lediglich ein Stück ihres
Weges Begleiter/Begleiterin auf ihrem Weg mit Gott zu sein. Das kann die
schöne Form haben, mit Menschen zusammen nach Gottes Finger in ihrem
Leben zu schauen. Zuweilen wird eher aufgetragen sein, beharrlich an Gottes
Nähe zu glauben, wo Menschen diese noch nicht oder nicht mehr sehen
können. Immer aber gilt es, auf Gottes vorgängige Initiative zu
setzen.
Dies hat Konsequenzen für die Gestaltung seelsorglicher Beziehungen.
Weder die eigene Beziehung zu diesen Menschen noch deren Ein-Beziehung in
das Pfarreileben steht in der Seelsorge schlechthin im Vordergrund; vielmehr
ist bei der Geschichte Gottes mit den Menschen anzusetzen. Der Seelsorger
ist der oder die dritte, die dabei steht, freundschaftlich hilft, damit
das Leben des anderen Menschen mit dem ihm eigenen Beziehungsnetz aus der
lebendigen oder verlebendigten Gottesbeziehung heraus Kraft schöpfen
und sich erneuern kann («Wer die Braut hat, ist der Bräutigam;
der Freund des Bräutigams aber, der dabei steht und ihn hört,
freut sich über die Stimme des Bräutigams»: Joh 3,29).
Diese Einsicht legt behutsame Zurückhaltung nahe im Blick darauf, in
welche Richtung der Weg der begleiteten Menschen geht, ob dies nun Einzelne
sind oder ob es um den gemeinschaftlichen Weg der Pfarrei geht. Natürlich
sollen Seelsorger nicht Fähnchen im Wind sein, sie dürfen und
müssen Ziele formulieren und zu erreichen suchen. Seelsorglicher Dienst
heisst aber: offen sein für neue Wendungen, offen sein für den
Geist, der vielleicht in eine andere Richtung führt.
Sich solchermassen in den Dienst des Lebens von Menschen mit Gott zu
stellen, verlangt eine grosse und grossherzige Absichtslosigkeit, die seelsorgliches
Wirken nicht zur Befriedigung eigener Bedürfnisse nach Anerkennung
und nach Beziehungen missbraucht. Von den Ämtern als von Diensten zu
sprechen, ist nicht nur eine Frage der Benennung. Absichtsloser Dienst erfordert
den je neuen Verzicht, auf Lohn und Dank und auf Erfüllung zu rechnen
ganz im Geist der Bergpredigt: Wer dich bittet, dem gib, und wer von
dir borgen will, den weise nicht ab, statt einer Meile Begleitung gleich
zwei; Lieben ohne Unterschied und das alles ohne Schielen auf Lohn, allein
der Zusage glaubend, dass diejenigen, die irdisch gesehen zu kurz kommen,
selig zu preisen sind.
So sehr es eine begründete Zuversicht gibt, dass ein kirchlicher Beruf
ein durchaus erfüllender Dienst ist: Wenn seelsorgliche Arbeit Erfüllung
geben kann, dann nicht, weil sie geradewegs für den Seelsorger selbst
etwas einträgt, sondern weil er oder sie gelegentlich Freude daran
haben kann, wenn das Leben anderer Menschen gelingt und von Gott erfüllt
wird. Gelegentlich wird solche Freude sich rar machen. Denn Seelsorger müssen
das, was sie tun, loslassen können, und oftmals gerade das Gelingende,
das Schöne. Ärzte, Psychologen, Eheberater und oft auch Seelsorger
haben mit Menschen zu tun, die kommen, wenn sie in Schwierigkeiten stecken.
Sobald es wieder stimmt, sobald es wieder möglich ist, das Leben eigenständig
zu bewältigen, gehen sie, und kein Arzt wird sagen: Der Patient ist
aber undankbar, dass er nur kommt, wenn er krank ist. Seelsorgern wird es
manches Mal ähnlich gehen. Niemand ist verpflichtet, ihnen Rechenschaft
abzulegen über die Praxis des eigenen Christseins. (Darum dürfen
sie eine Gemeinde und einzelne Menschen nicht nach dem einschätzen,
was sie wissen; es wird viel sehr schönes gläubiges Leben geben,
von dem sie nicht erfahren.) Ihre Aufgabe ist es, wo sie nur können,
Denkanstösse, Lebensimpulse und Hilfen zu geben in der nüchternen
Erwartung, dass sie vom Angestossenen nur wenig wahrnehmen werden.
Umsonst geben (Mt 10,8), unbekümmert aussäen (Mk 4,19)
seelsorgerlicher Dienst setzt eine Spiritualität verschwenderischen
Grossmuts voraus, die deswegen auf Erfolgsrechnungen verzichten kann, weil
sie gelassen mit der selbstwachsenden Saat rechnet (Mk 4,2629). Gemeint
ist dabei nicht resignierendes Desinteresse, sondern die engagierte Zuversicht,
dass der Einsatz des eigenen Lebens für das Evangelium sich lohnt,
selbst dort, wo die Rahmenbedingungen schwierig sind.
«Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben» (Mt
10,8). Verschwenderischer, absichtsloser Grossmut ist möglich aus einer
tiefen Erfahrung des Empfangen-Habens, die mit der eigenen seelischen Gesundheit
ebenso wie mit einer aus der eigenen Gottesbeziehung erwachsenden Freiheit
zu tun hat.
Bei therapeutischen und beratenden Berufen ist es selbstverständlich,
dass die Sorge um andere Menschen eine gesunde Persönlichkeitsstruktur
voraussetzt. Nicht weniger dürfte für Seelsorger gelten, dass
sie ihre eigenen Probleme nicht an den Menschen abarbeiten dürfen,
für die sie verantwortlich sind. Deswegen ist in der Ausbildungszeit,
aber auch danach, die Sorge um eine reife Persönlichkeit dringlich.
Dazu bedarf es gegebenenfalls psychotherapeutischer Prozesse, in jedem Fall
aber einer geistlichen Begleitung, in der auch Fragen der Biographie, der
menschlichen Entwicklung usw. eine Rolle spielen.
Freiheit von sich selbst ist jedoch nicht nur eine Sache der psychischen
Gesundheit. Der Glaube lenkt den Blick auf den Gott, der sich persönlich
der Menschen annimmt. Wo eine christliche Spiritualität das Vertrauen
nährt, dass das eigene Leben im Sehen Gottes getragen ist, schenkt
sie die Fähigkeit, von sich selbst absehen zu können.
«Wir alle haben das Bedürfnis, von jemandem gesehen zu werden.»<2> Seelsorger und Seelsorgerinnen gehören
zu den öffentlichen Persönlichkeiten, die zwar wahrgenommen werden,
doch gleichsam nur in ihrer Aussenseite. Persönliches Empfinden, eigene
Anliegen, Enttäuschungen und Krisen müssen sie mit sich selbst
ausmachen; meist wäre es fehl am Platz, sich damit der Öffentlichkeit
preiszugeben. Gerade weil Seelsorger intensiv mit sehr persönlichen
Seiten anderer Menschen zu tun bekommen, müssen sie vieles in sich
verschliessen, können sie nicht alles rechtfertigen, was sie tun.
Mit all dem doch von jemandem gesehen zu werden, ist ein verständliches
menschliches Bedürfnis. Die biblischen Glaubenszeugen haben Gott erfahren
als den «Gott, der nach mir schaut» (Gen 16,13). Voraussetzung
ist allerdings, wie Hagar sagen zu können: «Habe ich nicht nach
dem geschaut, der nach mir schaut?» (ebd.). Zur Spiritualität
von Seelsorgern wird auch dieses Ausschauhalten nach dem Blick Gottes gehören,
um daraus das Vertrauen zu schöpfen, das eigene Leben vor dem Antlitz
Gottes leben zu dürfen. Solches Vertrauen korrespondiert nicht geradlinig
einem Gefühl des Geborgenseins. Zuweilen will es errungen sein im Verzicht
auf falsche Hilfe und auf Fluchtbewegungen, um geduldig standzuhalten. Gerade
daraus aber kann die Freiheit erwachsen, die es erlaubt, unabhängig
und aufrecht den alltäglichen Anforderungen zu begegnen.
In dieser inneren Unabhängigkeit setzt sich auch die oben angesprochene
Einweisung in den persönlichen Weg fort. Das Bewusstsein, in Antwort
auf den Ruf Gottes den eigenen unverwechselbaren Weg zu gehen, ermöglicht
Konsequenz in der eigenen Nachfolge. In ihr kann ich nicht auf andere schielen,
kann ich mich nicht auf dem ausruhen, was alle tun und was als normal gilt.
Für mich selbst muss ich selbst geradestehen.
Bei der Taufe und bei der Tauferneuerung wird gefragt, ob ich glaube, und
ob ich bereit bin, dem christlichen Glauben entsprechend zu leben auf meinem
Weg, unabhängig davon, ob andere diesen Weg mitgehen. Wenn bei der
Ordination die Weihekandidaten gefragt werden: «Bist du bereit?»,
dann können sich die Einzelnen nicht mehr umschauen, ob denn die anderen
wohl auch bereit sind, so dass man sich zusammen auf das «Wir sind
bereit» zurückziehen könnte. Auch von Laien, die einen kirchlichen
Dienst übernehmen, wird eine Bereitschaftserklärung verlangt,
die nicht weniger ernst zu nehmen ist. Und niemand von denen, die gesagt
haben: «Ich bin bereit», kann später fragen, warum der
eigenen Bereitschaft mehr und scheinbar Schwierigeres abverlangt war als
den anderen. Wenn jemand anders es leichter hat, was geht das dich an? «Du
aber, folge mir nach» (Joh 21,22).
So wie christliche Spiritualität prinzipiell nicht nur Teilbereiche
des Lebens umfasst, wird auch eine Spiritualität von Seelsorgern in
umfassender Weise Fragen des Lebensstils Aufmerksamkeit widmen müssen.
Wie sehr das eigene Leben für den Anruf Gottes offen ist, hängt
auch davon ab, wie sehr jemand gelernt hat, sein Leben ganz aus einer Mitte
zu gestalten, wie es ihm gelingt, das Menschsein in allen seinen Dimensionen
für die Gnade zu öffnen, statt sich von den eigenen Menschlichkeiten
blockieren zu lassen. Zudem wird es insbesondere bei zölibatär
lebenden Seelsorgern wichtig sein, der Dimension der persönlichen Lebensgestaltung
und auch einer gewissen Privatsphäre hinreichend Rechnung zu tragen.
Jeder Mensch braucht einen Ort, wo es möglich ist, weitgehend einfach
«ich selbst» zu sein, jeder Mensch braucht Anerkennung und Bejahtsein.
Die Rede von der Authentizität von Seelsorgern darf keine Illusionen
wecken. Gemeint ist, dass das, was Seelsorger tun, durch persönliches
Leben gedeckt sein soll. Dies bedeutet aber nicht, dass es nicht eine Spannung
zwischen Amtsausübung und persönlicher Existenz gäbe. Die
Menschen haben ein Recht darauf, dass Seelsorger sich nicht hinter der eigenen
Rolle verstecken, sie haben aber auch ein Recht darauf, dass Seelsorger
ihre Rolle ausfüllen in Zurücknahme ihrer privaten Bedürfnisse.
Das rechte Verhältnis von Nähe und Distanz will nicht nur in Bezug
auf einzelne zwischenmenschliche Beziehungen gelernt sein. Es geht hier
um eine grundsätzliche Fähigkeit, sich ganz in die eigene Aufgabe
hineinzugeben, ohne sich gleichsam den Menschen aufzudrängen. Dies
wird nicht möglich sein, ohne dass Seelsorger sich auch um eine kultivierte
persönliche Lebenswelt mühen. Dazu gehört eine geschützte
Intimsphäre ebenso wie gepflegte Beziehungen zu Menschen, in denen
Anerkennung und Annahme geschenkt sind.
Solche Fragen der Lebenskultur sind nicht theoretisch abzuhandeln
in dieser Hinsicht bedarf es möglichst konkreter Impulse, wie sie hier
nicht gegeben, nur empfohlen werden können<3>.
Eigene Aufmerksamkeit verdient der Aspekt der geistigen Lebenskultur.
Wer heute beansprucht, Menschen in ihrer Religiosität, in ihrem christlichen
Glauben helfen zu wollen, muss einen weiten Horizont haben und geistig auf
der Höhe der Zeit stehen. Im Blick auf Priester schreibt Klaus Demmer,
was für alle Seelsorger/Seelsorgerinnen gelten dürfte: «Wir
leben in einer Bildungsgesellschaft, die jeden nach ihren Kriterien misst.
Auch dem Priester gesteht sie keine Ausnahme zu. An seine intellektuellen
Fähigkeiten werden hohe Forderungen gestellt, ein Ausweichen in Subkultur
oder geistige Unbedarftheit ist ihm verwehrt. Die Kirche war viele Jahrhunderte
hindurch Trägerin höherer Bildung. Dieses Verdienst wird nun für
sie selbst zur Verpflichtung ... Wer ihm [dem Priester] begegnet, muss den
begründeten Eindruck gewinnen, er habe es mit einem Menschen zu tun,
der auf der Höhe seiner Zeit steht ... Frömmigkeit ohne gedankliche
Kultur, ohne Weite des geistigen Horizonts, ohne Souveränität
des Wertens und Urteilens, verkommt mit Sicherheit zum Sektierertum und
wird den Gläubigen zur Beklemmung, den Aussenstehenden Anlass zum Spott.»<4>
Ein geistig weiter Horizont ist dabei nicht nur im Blick auf die Gemeinden
notwendig, sondern ebenso sehr für die Weite des persönlichen
Lebens.
An solchem Niveau hat sich auch der theologische Gehalt der pastoralen Tätigkeit
auszurichten.
Die Aufgabe eines Seelsorger ist es, die christliche Botschaft zu verkünden,
Menschen im Glauben zu helfen, und zwar so, dass den Menschen zugetraut
wird, den Glauben anzunehmen für den Ernstfall des ganzen Lebens. Es
wäre nicht redlich, dies zu tun, ohne die Fragen, die dieser Glaube
aufwirft, selbst zu durchdenken. Wer selbst seinen Glauben für einen
alten Ladenhüter hält und das schale Gefühl hat, gegen den
Trend etwas verkaufen zu müssen, was keiner will und was ja im wirklichen
Leben auch nicht zu gebrauchen ist der sollte die Zumutung des Glaubens
besser nicht verkündigen. Vor der Verkündigung muss die Entdeckung
liegen, dass hier ein Schatz zu heben ist.
Grundlegend dafür ist das theologische Studium, welches aus-bilden
soll, was Seelsorger in ihrem ganzen Leben bleiben und fort-bilden müssen:
eine «theologische Persönlichkeit» (Kl. Demmer): Menschen,
die Gott in den Mittelpunkt auch ihres Denkens stellen und die gelernt haben,
dass theologische Themen nicht Gegenstand blossen Wissens sind, sondern
das eigene Leben ganz persönlich und existentiell betreffen.
Es gilt, in der ganzen Radikalität denkenden und existentiellen Fragens
durchzubuchstabieren, was der christliche Glaube bedeutet, wie er mit den
grossen Fragen der Menschheit zu tun hat und warum Christen bekennen, in
Jesus Christus gefunden zu haben, was menschliches Leben erfüllen kann.
Warum ist auch in einer Epoche, die so viele Möglichkeiten aufweist
und die so viele Wege eröffnet, dieser Jesus Christus der Weg, die
Wahrheit, das Leben schlechthin? Um dafür einstehen zu können,
ist eine wache Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Kultur ebenso
wie die Fähigkeit zu theologischer Reflexion verlangt.
Zur theologischen Positionierung gehört auch eine unverkrampfte kirchliche
Standortbestimmung. Seelsorger und Seelsorgerinnen müssen als kirchliche
Amtspersonen gelernt haben, unaufgeregt und überzeugt ihren eigenen
kirchlichen Ort einzunehmen. Gewiss ist dies gar nicht so einfach. Wer hauptamtlich
in der Kirche arbeitet, steht in Gefahr, das Leben der Gemeinden wie der
Kirche insgesamt vornehmlich unter dem Aspekt der Organisation zu betrachten.
Wer hauptamtlich in der Kirche arbeitet, steht überdies mehr als andere
in Gefahr, an dieser Kirche auch Anstoss zu nehmen, wenn sie dunkle Stellen
aufweist. Kirchlichkeit will deswegen eingeübt sein: in grundlegender
Bejahung der Kirche als des unverzichtbaren Ortes, an dem Glauben und Christsein
überhaupt nur möglich sind, darum in Dankbarkeit für diesen
Wurzelboden der eigenen christlichen Existenz und für konkrete Erfahrungen
der Weggemeinschaft und des Getragenseins, aber auch in nüchterner
Gelassenheit, dass die Kirche nicht das Reich Gottes ist, und darum schliesslich
auch in der Bereitschaft, selbst durch kritische Loyalität für
das Gelingen des Weges der Kirche beizutragen. Zum Dienst in der Kirche
gehören auch die Beherztheit und das Rückgrat, unbequeme Positionen
durchzutragen, statt den einfacheren Weg des Rückzugs zu wählen.
Spiritualität ist, wie anfangs betont, nicht eine Besonderheit von
Seelsorgerinnen und Seelsorgern. Dem entspricht abschliessend eine Einweisung
in eine nicht nur berufsmässige, sondern sehr persönliche Spiritualität,
wie auch Seelsorger sie pflegen müssen.
In den Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils zu Dienst und Spiritualität
der Priester gab es von den Vorbereitungstexten bis zum verabschiedeten
Text eine bemerkenswerte Entwicklung. Die ersten Entwürfe für
das Dekret Presbyterorum Ordinis beschrieben eine traditionelle Standesfrömmigkeit
als Voraussetzung für den priesterlichen Dienst. Frömmigkeitsübungen
als Weg zur priesterlichen Heiligkeit standen im Vordergrund, ohne von der
Seelsorge her betrachtet zu werden. In der konziliaren Diskussion des Dekretes
wurde gefordert, mehr den Dienst selbst in den Blick zu nehmen und von ihm
her auch die priesterliche Spiritualität zu beschreiben. So geschah
es im endgültigen Text etwa in folgender Formulierung: «Die Priester
gelangen auf ihnen eigene Weise zur Heiligkeit, nämlich durch aufrichtige
und unermüdliche Ausübung ihrer Ämter im Geist Christi»
(PO 13).
Für Laien wie Priester im kirchlichen Dienst gilt: Nicht Spiritualität
als Sonderbereich neben dem Dienst, sondern Spiritualität des Dienstes
ist gefragt. Zugespitzt gesagt: Der Dienst selbst kann eine sehr intensive
Erfahrung der Gottesbegegnung sein, weil darin die Nähe des sendenden
Herrn und der Anruf des Geistes spürbar werden. Nicht ein resigniertes
«Niemand hat uns angeworben» bestimmt das Leben, sondern die
Erfahrung: Ich bin in Dienst und in Pflicht genommen.
Wer aber andererseits seine Gottesbeziehung nur noch als Dienst lebt, endet
schliesslich wohl in einem Dienst, der mit Spiritualität nicht mehr
viel zu tun hat. Die Fähigkeit, den eigenen Dienst in Offenheit für
Gott und in einer Grundhaltung der Beziehung zu Gott auszuüben, hängt
daran, dass eine solche Beziehung auch ausdrücklich gepflegt und genährt
wird. Wer kirchliches Leben zu seinem Beruf macht, wird sonst leicht nur
noch wahrnehmen, was funktionieren muss (sollte), wie der Karren am Laufen
zu bleiben hat; wer hauptamtlich mit Glaube und Theologie zu tun hat, steht
immer in Gefahr, das Staunen zu verlieren. Hier bedarf es je neu der absichtslosen
Begegnung mit dem je grösseren Gott, der aus unverfügbarer Freiheit
die Schritte ins Weite führt, auf die Wege in das Reich Gottes, das
all unser Sehnen überbietet.
Ignatius, der Theologe der Sendung, hat bei diesem Wort vermutlich in
erster Linie an das gedacht, was Gott mit Menschen anfangen kann, um durch
sie zu wirken. Dennoch lässt sich aus diesem Wort auch ein Staunen
heraushören über das, was da mit mir selbst geschieht wie
sehr ich in meinem Menschsein über mich selbst hinauswachse und wie
sehr mich das beschenkt.
Für Profis, die angetreten sind, ihr Leben im Dienst des Glaubens anderer
zu leben, ist es nicht immer selbstverständlich, dass das, was sie
anderen verkündigen, auch für sie selbst gilt. Und doch fehlt
für diesen Dienst die Basis, wenn Gott nicht mehr zugetraut wird, auch
dem eigenen Leben Erfüllung zu schenken. Die ursprüngliche Bereitschaft,
sich in den Dienst ganz hineinzugeben, tritt dann in Konkurrenz mit dem
eigenen Glücksverlangen, die alte Schlange schlängelt sich in
die Gedanken und streut Zweifel aus, ob Gott es (mit mir) wirklich gut meint.
Wenn insgeheim die Frage bohrt: «Und ich? Ich möchte doch auch
etwas vom Leben haben!», wächst die Versuchung, sich auf eigene
Faust selbst Ersatzbefriedigungen zu suchen in Lebensbereichen jenseits
der eigenen Gottesbeziehung.
Doch: Spiritualität ist nicht ein Teilbereich des Lebens. Es trägt
nicht weit, die eigenen Wünsche nach Glück auszuklammern und die
Erfüllung dafür woanders zu suchen. Eine authentische Spiritualität
muss auch der eigenen Sehnsucht nach Glück Raum geben und auch sie
Gott vertrauensvoll hinhalten. Nur wenige Menschen, Seelsorger eingeschlossen,
ahnen, wie sehr Gott ihnen Leben in Fülle schenken würde, wenn
sie ihre ganze Sehnsucht auf ihn richten würden.
Eva-Maria Faber ist ordentliche Professorin für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Theologischen Hochschule Chur und deren Prorektorin.
1 Caterina von Siena, Gespräch von Gottes Vorsehung. Eingeleitet v. E. Sommer-von Seckendorff und H. U. v. Balthasar, (Lectio spiritualis 8), Einsiedeln 1964, 133 (Nr. 104).
2 Milan Kundera, Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, Frankfurt/M. 1987, 257.
3 Nicht nur für Priester ist hilfreich das Buch von Hubertus Brantzen, Lebenskultur des Priesters. Ideale Enttäuschungen Neuanfänge, Freiburg i.Br. 1998.
4 Klaus Demmer, Zumutung aus dem Ewigen. Gedanken zum priesterlichen Zölibat, Freiburg i.Br. 1991, 30f.