48/2003

INHALT

Berichte

Die Kirche und die Familien

von Walter Ludin

 

Die Familienpastoral ist eine «Querschnittaufgabe» der Seelsorge. Viele Seelsorgeräte der Schweiz beschäftigen sich zurzeit intensiv mit der Pastoral der Zukunft. So könnten zwei Schlagzeilen der diesjährigen Interdiözesanen Koordination (IKO) lauten. Delegierte von diözesanen und kantonalen Seelsorgeräten trafen sich zum 19. Mal zu einem Erfahrungsaustausch und zur Behandlung eines Schwerpunktthemas (7./8. November 2003 im Kongresszentrum La Longeraie, Morges). Diesmal ging es um die Thematik «Wert und Werte der Familien ­ Familienpastoral und Familienpolitik».

Jesus und die Moral

Den Einstieg ins Thema machte die Theologin Béatrice Vaucher von der katholischen Familienpastoral Lausanne. Sie erinnerte zuerst an wichtige Grundsätze:

Bezüglich der Scheidung machte Béatrice Vaucher einen Unterschied zwischen dem Ideal und dem, was einem Paar möglich ist. Man könne die Menschen einladen, das Ideal zu leben. Aber: «Wenn wir es ihnen verkaufen wollten, würden sie uns davonlaufen.» Und: «Wir wollen die Morallehre nicht so darstellen, dass die Menschen sich von Jesus Christus abwenden.»

Familienarmut

Der Hintergrund des Tagungsthemas: Eine Arbeitsgruppe aus verschiedenen Kommissionen der Schweizer Bischofskonferenz (Pastoralplanungskommission [PPK], Ehe und Familie, Frauen in der Kirche) hat die Aufgabe, Vorschläge für eine verbesserte Familienpastoral sowie für familienpolitische Postulate zu machen. Anne Durrer orientierte die 20 Delegierten der Seelsorgeräte über gesellschaftliche Hintergründe. Zuerst definierte sie die Familie als eine «auf Dauer angelegte Lebensgemeinschaft von zwei oder einem Erwachsenen mit einem oder mehreren Kindern». Dann erinnerte sie daran, dass Kinder in der Schweiz ein Armutsrisiko sind. Oder anders ausgedrückt: «Die Familie ist ein wichtiges Handlungsfeld im Kampf gegen die Armut.»
Ohne Alt und Jung gegeneinander ausspielen zu wollen, stellte die Referentin die entsprechenden Sozialzulagen einander gegenüber:

Anne Durrer wies darauf hin, dass in der Schweiz das Kinderhaben zu einer privaten Entscheidung geworden ist. Sie schloss mit der Feststellung: «Ein Kind auf die Welt stellen ist ein Zeichen der Hoffnung.»

Keine Sonderangebote

Michael Krüggeler vom Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut (SPI), das im Auftrag der PPK jeweils die Treffen der Seelsorgeräte organisiert, hatte unter kirchlichen Experten eine Umfrage durchgeführt und daraus ein Arbeitspapier mit «Perspektiven» für die Familienpastoral in der Schweiz verfasst. Hier vier wichtige Postulate aus dem Text:
Die in der Seelsorge Tätigen sollen durch die Familienpastoral nicht noch zusätzlich belastet werden. Diese ist vielmehr eine Querschnittaufgabe: «Es geht darum, das, was die Seelsorgerinnen und Seelsorger in ihrer alltäglichen Praxis mit grossem Engagement immer schon leisten, einfach daraufhin zu reflektieren, dass und wie diese Praxis zum Nutzen und zum Gefallen der vielfältigen Realität in der heutigen Schweiz gestaltet werden kann.» Es braucht also keine «Sonderangebote». Denn «es genügt, das alltägliche kirchliche Handeln mit Bedacht und Einfühlungsvermögen immer auch zielgerichtet auf den Kontext der Familien hin zu gestalten».
Zuerst aber gilt es, die «vielfältige und widersprüchliche Realität» von Ehe und Familie vorbehaltlos zu betrachten. Oder wie es der nächste Referent, Niklaus Knecht von der Arbeitsstelle «Partnerschaft ­ Ehe ­ Familie» im Bistum St. Gallen formulierte: «Wir müssen hinschauen und den Menschen mit gütigem Interesse und mit der Grundhaltung von Achtung und Respekt vor den Lebensgeschichten begegnen.»
Ein weiteres Postulat betrifft die «diakonische Familienpastoral». Hier gilt es, die Präsenz der Kirche in politisch-öffentlichen Kommissionen und Einrichtungen zu gewährleisten und hier «das christliche Menschenbild in die Diskussion brisanter gesellschaftspolitischer Fragen einzubringen».
Eine weitere «Perspektive» betrifft den Zusammenhang von Katechese und Familienpastoral: «Eine Katechese, die nicht auf eine religiöse Sozialisation in Familien aufbauen kann, bewegt sich notwendig in einem luftleeren Raum. Von daher wäre in Kirchgemeinden zu bedenken, ob es nicht zu einer Umlagerung von Ressourcen (Finanzen, Personal) von der Katechese auf die Familienpastoral kommen sollte.»
Im Anschluss an die Vorstellung der «Perspektiven» meldeten sich vor allem Gäste zu Wort. Bischofsvikar Hans Zünd, Solothurn, plädierte für die Begleitung der Ehe während Krisen. Bischof Ivo Fürer, St. Gallen, warnte vor pauschalen Postulaten an «die Kirche». Ebenso sollten «man-Formulierungen» vermieden und stets konkrete Akteure benannt werden. Agnell Rickenmann, Generalsekretär der Schweizer Bischofskonferenz, betonte die Verpflichtung der Kirche, «den Menschen Ideale vorzuschlagen».

Belastendes

Niklaus Knecht begann sein Statement mit einem Zitat von Guy Bodenmann vom Institut für Familienforschung und Beratung, Freiburg i.Ü. Demnach spielen bei den heutigen Familienproblemen Faktoren eine Rolle wie «die hohe Instabilität von Paarbeziehungen, die ungenügende Familienpolitik in der Schweiz, die Tatsache, dass viele Paare und Familien mit Problemen wie Gewalt und Erziehungsschwierigkeiten konfrontiert sind sowie die immer noch nicht erreichte egalitäre und faire Rollenteilung zwischen Mann und Frau».
Knecht forderte den Abschied von einem «lebensfeindlichen Perfektionismus». Familie sein heisse, «darum wissen, dass wir einander immer etwas schuldig bleiben. Schuld gibt es nicht nur dort, wo Eltern auseinander gehen. Schuldig werden gehört zum Leben.» Der Referent meinte, Vorwürfe und Besserwisserei seien entmutigend. Wenn jedoch die Familien in der Kirche eine Mut machende Spiritualität anträfen, seien sie auch daran interessiert, «von diesem Geheimnis des Glaubens weiterzugeben».
Alain Wyss, Vater von drei Kindern und Pfarrer der reformierten Kirche, wies in seinem Kurzreferat darauf, dass Paare hohe, mitunter sehr hohe Ideale hätten. Daraus erwachse ein Druck, unter dem sie oft scheitern. Ihnen bliebe die Zusage: «Der Segen Gottes bleibt da, auch wenn die Menschen scheitern.»

Fakten und Normen

In seinem Kommentar zu den vorgetragenen «Perspektiven» warnte Domherr Christoph Casetti, Chur, davor, das Faktische zur Norm zu erheben. Er wünschte sich eine vertieftere, kritische Auseinandersetzung mit den veränderten Familienformen, sprach sich für eine «diakonische Familienpastoral» aus und bedauerte, dass die neue Familienarmut noch nicht ins Bewusstsein der Öffentlichkeit getreten sei. Im Übrigen könnten Mütter nicht frei entscheiden, ob sie arbeiten wollten. Viele seien dazu gezwungen, weil der Lohn des Mannes nicht ausreiche. Darum müsse die Kirche «für einen Lastenausgleich plädieren, der eine freie Entscheidung der Frauen zulässt».
In den Gruppen- und der anschliessenden Plenumsdiskussionen wurde nochmals «die diakonische Familienpastoral» in den Vordergrund gestellt. Es genüge nicht, dass Kirchenleute alles tun, damit es den Familien besser geht. Entscheidend sei, dass sie sich ebenfalls in den politischen Diskurs einmischten und so dazu beitrügen, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu ändern. Zur Konkretisierung des Postulats regte eine Gesprächsgruppe an, in Pfarreien «Runde Tische» zu organisieren.

Farbige Berichte

Mit dem Stichwort «Runder Tisch» wurde ein Gedanke aufgenommen, der in der vorausgehenden Auslegeordnung der Seelsorgerats-Delegierten präsentiert worden war. Der Seelsorgerat des Kantons Luzern stellte die erwähnte Broschüre «Runder Tisch» sowie die ebenfalls soeben erschienene «Wegleitung zu einer Kultur des Abschieds» vor.
Wir können hier nicht auf viele Einzelheiten der farbigen und inhaltsreichen Berichte eingehen (zumal die SKZ laufend über die Räte berichtet). Bevor wir das eine oder andere herausgreifen, eine erfreuliche Feststellung: Die Delegierten vernahmen erfreut, dass ein neuer Seelsorgerat gegründet wurde: jener vom Kanton Glarus, der allerdings noch mit Widerständen zu kämpfen hat («Es sind nicht alle einverstanden, dass es uns gibt...»). Hingegen mussten sie erfahren, dass die Räte von Thurgau und Neuenburg weiterhin inaktiv sind und dass der Rat des Bistums Lugano ebenfalls «ruht», bis ein neuer Bischof im Amt ist.
Ein Gremium, das es umständehalber lange Zeit nicht mehr gab und inzwischen auferstand, ist der diözesane Seelsorgerat Chur, die Diözesane Pastoralkonferenz. Sie beschäftigte sich intensiv mit Ehe- und Familienpastoral sowie mit der Dekade der Gewaltfreiheit. Auch für die Zukunft sind gesellschaftliche Themen vorgesehen: «die Verbundenheit mit der Schöpfung» und/oder «die Erd-Charta».
Der Rat des Bistums St. Gallen wie unter anderem auch jener von Lausanne-Genf-Freiburg behandelte pastorale Perspektiven für die Diözese. Die St. Galler haben sich gefragt, welche Gestalt die Kirche in zehn oder zwanzig Jahren haben wird. Sie erhoffen sich von den breit angelegten Überlegungen einen Aufbruch, ähnlich wie ihn die Synode 72 ausgelöst hat. Im Bistum Basel standen beispielsweise die neuen Strukturen der Regionalisierung auf der Traktandenliste. Ferner wird eine Vernetzung der kantonalen Seelsorgeräte angestrebt. Der zuständige Bischofsvikar erwartet davon eine Aufwertung der Laien.
Schliesslich sei noch die Arbeit des Zürcher Seelsorgerates herausgegriffen. Eines seiner Anliegen ist die Ökumene. Um die «Vielfalt christlicher Traditionen sichtbar zu machen», führen die 17 (!) im Kanton wirkenden Kirchen gemeinsame Veranstaltungen durch.

Laienrat?

Zum Schluss der Tagung stand einmal mehr die «Zukunft der Interdiözesanen Koordination» zur Diskussion. Die meisten Delegierten plädierten für eine stärkere Vernetzung «nach unten»: Zur Förderung der Kommunikation zwischen den verschiedenen Seelsorgeräten sollen alle E-Mail-Adressen gesammelt und eine Internet-Seite eingerichtet werden.
Die Chancen für die Errichtung eines eigentlichen Laienrates in der Kirche Schweiz wurden von allen Seiten eher skeptisch beurteilt. Der Vorstand wird die empfohlenen Perspektiven für die Zukunft der Interdiözesanen Koordination weiterverfolgen, auch im Gespräch mit der Schweizer Bischofskonferenz.


Hilfen für das Lukas-Lesejahr

 

Zum neuen Lesejahr erschien im Katholischen Bibelwerk ein «Bibel heute»-Heft: Lukas: einen anderen Lebensstil entdecken.<1> Eigentlich wissen wir nur sehr wenig über Lukas, den Verfasser des dritten Evangeliums. Die Frage nach einem anderen Lebensstil allerdings, der uns als Menschen und ebenso den Ressourcen dieser Welt entspricht, ist drängend geworden. Und gerade da kann das Lukasevangelium Impulse anbieten: zu einem alternativen, aufmerksamen und verantwortlichen Lebensstil.
Ebenfalls zum Lukas-Lesejahr bei der Bibelpastoralen Arbeitsstelle erhältlich: Lukas entdecken.<2> Dieses Lese- und Arbeitsbuch vereinigt zu zwölf zentralen Texten aus dem Lukasevangelium allgemeinverständliche Erklärungen sowie jeweils Vorschläge für eine Bibelarbeit in der Gruppe. Ausserdem ermöglichen Impulsfotos mit meditativen Texten einen eher spirituellen Zugang zum Lukasevangelium.
Als Hilfe für eine vertiefte Bibelarbeit liegt der WerkstattBibel-Band zu Lebenssinn und Lebensstil nach Lukas vor.<3> Lukas ist der Evangelist des Alltags. Seine Jesuserzählungen wollen darauf aufmerksam machen, dass wir in jeder Situation Gottes Gegenwart entdecken, aber auch verpassen können. Diesem Zusammenhang zwischen Bibeltext und Alltagserfahrung wollen die Autorinnen und Autoren in den Bibelarbeiten dieses Buches durch einfache Wahrnehmungsübungen auf die Spur kommen. Zusatzinformationen zum sozialgeschichtlichen Hintergrund der Texte runden die Bibelarbeiten ab.


Anmerkungen

1 Lukas: einen anderen Lebensstil entdecken. Bibel heute Nr. 153 / 2. Quartal 2003. Fr. 8.50 plus Versand. Bestellungen an: info@bibelwerk.ch (Bibelpastorale Arbeitsstelle SKB, Bederstrasse 76, 8002 Zürich, Telefon 01 205 99 60, Fax 01 201 43 07).

2 Lukas entdecken. Lese- und Arbeitsbuch zum Lukasevangelium, Stuttgart 1997, 144 S., br., Fr. 14.80 plus Versand.

3 Daniel Kosch/Brigitte Schäfer/Claudia Zanetti, Jesus im Alltag begegnen. Lebenssinn und Lebensstil nach Lukas, (WerkstattBibel Bd.1), Stuttgart 2001, 80 S., br., Fr. 21.50 plus Versand.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003