46/2003

INHALT

Berichte

Interreligiöses Lernen

von Rolf Weibel

 

In den Schuhen des anderen zu gehen versuchen sei ein guter Weg, um den anderen verstehen zu lernen, auch den anders Glaubenden verstehen zu lernen. Nachdrücklich empfahl der Jesuit Jacques Dupuis diesen Weg auf der vom Katechetischen und vom Ökumenischen Institut Luzern veranstalteten Tagung «Interreligiöses Lernen», die zugleich die Herbsttagung der Schweizerischen Theologischen Gesellschaft war.
In einem systematischen Referat aus katholischer Sicht zeigte Jacques Dupuis zunächst auf, welche Herausforderung der interreligiöse Dialog für die christliche Identität bedeutet. Das Zweite Vatikanische Konzil hat die in den anderen Religionen enthaltenen Werte anerkannt; den Zusammenhang von Dialog und Mission wurde vom kirchlichen Lehramt aber erst später aufgezeigt. So erscheint 1984 in einem Dokument des Sekretariates für die Nichtchristen die ausdrückliche Verkündigung und Katechese als eines von fünf Momenten der Missionstätigkeit der Kirche; andere Momente sind der Dialog und der Kampf gegen die Strukturen der Ungerechtigkeit. Die theologische Grundlage für diese Sicht findet sich bereits in einem Konzilstext, dann aber vor allem in der Verkündigung von Papst Johannes Paul II. «Das Geheimnis der Einheit» reicht für ihn von der Schöpfung bis zur Berufung aller Menschen zum Heil, von der universalen Gegenwart des Heiligen Geistes bis zur Universalität des Reiches Gottes.
Nach dieser Grundlegung zeigte P. Dupuis, der Jahrzehnte in Indien und dann noch in Rom Theologie gelehrt hat, die Herausforderungen und Früchte des intrerreligiösen Dialogs auf. Eine erste Herausforderung sei, im Dialog die christlichen Vorurteile zu überwinden; dabei dürften weder die Religionen auf eine nicht gegebene Gemeinsamkeit reduziert noch die eine Religion verabsolutiert werden. Sodann gelte es, in sich selber die religiöse Frage wahrzunehmen sowie den anderen zu erfahren, sich in ihn hinein zu denken und zu fühlen; Voraussetzung des inter-religiösen Dialogs sei so der intra-religiöse Dialog. Der Ertrag des interreligiösen Dialogs sei dann eine Bereicherung und eine Reinigung, die Befreiung zum Beispiel von Vorurteilen. Dabei sei auf beiden Seiten der Geist Gottes anwesend und wirksam, so dass von einer gegenseitigen Evangelisierung die Rede sein dürfe.

In Schule und Erwachsenenbildung

Nebst theologischer Kompetenz wollte die Tagung auch Impulse für die Praxis in Schule und Erwachsenenbildung vermitteln. So wurden zum einen Anregungen aus der Religionspädagogik und der Unterrichtsforschung und zum andern Praxisberichte vorgetragen. Der in München lehrende Schweizer Religionspädagoge Stephan Leimgruber, der bereits 1995 ein Buch über interreligiöses Lernen veröffentlicht und sich seither namentlich mit dem Lernen zwischen Christen und Muslimen befasst hat, zeigte des weite Feld christlich-islamischen Lernens auf: von den Dimensionen interreligiösen Lernens über eine Didaktik der Weltreligionen bis zu wichtigen Lernfeldern und praktischen Fragen. Auch er plädierte dafür, im anderen nicht nur den anders Glaubenden, sondern den anders Glaubenden zu sehen. Wenn auch zahlreiche Unterschiede kultureller Natur sind, bedürften andere der theologischen Auseinandersetzung. Besonders wichtig sei hierbei das Alter der Schülerinnen und Schüler, denn die erforderliche Abstraktionsfähigkeit sei erst in dem Alter möglich, das die Entwicklungspädagogik das postkonventionelle nennt.
Im Rahmen eines Forschungsprojektes wertet die Religionswissenschaftlerin Katharina Frank Unterrichtsstunden aus, in denen interreligiöses Lehren und Lernen geschieht. Für sie geschieht solches Lehren und Lernen, wenn Symbolsysteme zueinander in Bezug gesetzt werden. Dabei können Symbole auf die eigene Lebenssituation bezogen oder es können Gleichwertigkeiten in verschiedenen Kulturen gesucht werden. Bei beiden Vorgehensweisen lauern, wie die Referentin an konkreten Beispielen aufzeigen konnte, typische Gefahren. Besondere Achtsamkeit erfordert eine Differenz zwischen der religionswissenschaftlichen Erklärung und dem Selbstverständnis der Religionsangehörigen.
In den Unterrichtsalltag führte anschliessend der Luzerner Kantonsschullehrer Benno Bühlmann mit seinen Video-Projekten zum interreligiösen Dialog, die von der Grundidee «Lernen durch Begegnung» ausgehen. Mit einer genauen Strukturierung und einer geschickten Moderation gelingt es ihm, die Jugendlichen zu motivieren und in der gegebenen knappen Zeit die gesteckten Bildungsziele zu erreichen: Selbstkompetenz, Sozialkompetenz und Sachkompetenz. Die Begegnung, den Besuch bei einem Angehörigen bzw. einer Angehörigen der gewählten Religionsgemeinschaft bereiten die Schülerinnen und Schüler unter Hilfestellung durch ihren Religionslehrer nämlich auch wissensmässig gründlich vor.
Interreligiöses Lernen braucht, wie schulisches Lernen überhaupt, Lehrmittel. In der Westschweiz entwickelt ENBIRO (Enseignement Biblique et Interreligieux Romand), eine von Staat und Kirchen getragene Institution, unter dem Namen «Au fil du temps» zurzeit ein interreligiöses Lehrmittel für alle Schulstufen; erschienen sind die beiden ersten Bände. Bevor der Generalsekretär von EMBIRO, Yves Dutoit, das Konzept dieses mehrbändigen Lehrmittels erläuterte, führte der Präsident von ENBIRO, der an der Lausanner Hochschule für Pädogogik Religionspädagogik lehrende Claude Schwab in die komplexe Welt der Westschweizer Kantone ein. Deren religiöse Traditionen reichen von stramm katholisch über streng protestantisch bis zu laizistisch, was die Herstellung eines allen gemeinsamen Lehrmittels nicht eben leicht macht.
In die Welt der Erwachsenen führte der Herrnhuter Pfarrer Hartmut Haas mit dem Berner Projekt «Haus der Religionen ­ Dialog der Kulturen», für das er von seiner Kirche aus Verantwortung übernehmen konnte. So legte er zunächst eine Theologie der Begegnung in der Tradition der Herrnhuter Brüdergemeine dar und regte an, eine Kultur der Begegnung zu entwickeln. Im «Haus der Religionen» soll jede Glaubensgemeinschaft einen eigenverantwortlichen Raum erhalten, alle zusammen einen gemeinsamen Bereich, und ein öffentlicher Bereich öffnet das Haus auf die ganze Gesellschaft. Im abschliessenden Podium wurde dann auch daran erinnert, dass es nicht nur unterschiedliche religiöse Traditionen gibt, sondern auch nicht-religiöse. Auch ihnen gegenüber müssten sich die Religionen als dialogfähig erweisen.


Die IM in einer schwierigen Periode

von Arnold B. Stampfli

 

Die Inländische Mission kann nur solange ihre vielfältig gefragte Hilfe anbieten, als sie dazu dank der Opfer- und Spendefreudigkeit der Bevölkerung in die Lage versetzt wird. Freilich gehe es nicht allein ums Geld, «sondern um wertvolle Zeichen gelebter Solidarität zwischen stärkeren und schwächeren Gliedern unserer katholischen Volksgemeinschaft». So beginnt das von Präsident Hans Danioth, Altdorf, verfasste präsidiale Vorwort zum Jahresbericht 2002/03 der Inländischen Mission (IM).
Dem allgemeinen Trend entsprechend musste das älteste kirchliche Hilfswerk in der Schweiz, 1863 in Zug gegründet, wieder einen Spendenrückgang erfahren. Das offiziell für den Bettag verordnete Kirchenopfer muss an vielen Orten wegen ökumenischen Gottesdiensten anderen Kollekten weichen. Zudem fällt da und dort die Empfehlung im Gottesdienst allzu bescheiden aus; viele Kirchenbesucher wissen zu wenig über die Aufgaben dieser Institution.
Dabei versucht die IM, der im Laufe der Jahre zusätzliche Aufgaben überbunden wurden, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen. Vor einem Jahr zeigten sich die Mitglieder an der Jahresversammlung erfreut über die vorgenommenen Strukturänderungen und Anpassungen. Begrüsst wurde die völlige Integration der vorher selbständigen Schweizerischen Katholischen Adressenzentrale (SKAZ), die heute unter der Bezeichnung «Erhaltung von Schweizer Kirchen» sammelt. Allerdings gab es zwischen dem Vorstand und dem seit Oktober 2000 als Direktor tätigen Adrian A. Aellig (49) bezüglich der Zielrichtung der Inländischen Mission unterschiedliche Auffassungen, so dass er mit dem Tag der Mitgliederversammlung (30. Juni 2003) aus dem Amt schied. Damit genügend Zeit bleibt, die Leitung wieder langfristig bestellen zu können, hat sich Ferdinand Jud bereit erklärt, die Geschäftsleitung ad interim wahrzunehmen.

Reorganisation, neue Geldsammelmethoden, bessere Kommunikation

Im Jahresbericht ist festgehalten, dass die Geschäftsstelle in Zug im vergangenen Jahr die Schwerpunkte auf Reorganisation, neue Geldsammelmethoden, Kommunikation und Personal fokussiert hat. Nach dem letzten Rechnungsabschluss sind auf Wunsch der Revisionsstelle die alten Spezialfonds überprüft und eine systematische Bonitätsprüfung aller Darlehen aus dem Epiphaniefonds vorgenommen worden. Diese bewirkte unter anderem die Rückzahlung von über einer Million Franken mehr als dies in den Verträgen festgelegt war. Diese Gelder konnten inzwischen neuen Zwecken zugeführt werden.
Die vor rund vierzig Jahren geschaffene katholische Adressenzentrale, welche bereits vor einigen Jahren von der IM übernommen und nun völlig in sie integriert wurde, hat die Bezeichnung «Erhaltung von Schweizer Kirchen» bekommen. Für zweckbestimmte Projekte konnten von Unternehmungen, Stiftungen selbst aus dem Ausland bedeutende Summen empfangen und weitergeleitet werden. Der erstmals von der IM ausgerichtete «Preis für innovative Pfarreiprojekte» ist von Sponsoren gestiftet worden. Wenn möglich soll dieser Preis auch in Zukunft alle zwei Jahre ausgerichtet werden. Empfänger waren diesmal Pfarreien in Gossau (SG), Zürich-Liebfrauen und St-Maurice im Wallis.

Immer noch erfreuliche Sammelergebnisse

Angesichts des erschwerten Umfeldes ­ erinnert wird im Jahresbericht an Kriegsstimmung, Wirtschaftsflaute, Arbeitslosigkeit ­ durfte die Inländische Mission trotz Rückgang der Einnahmen immer noch bedeutende Summen zur Weiterleitung erhalten. Die Bettagskollekte des vergangenen Jahres ergab einschliesslich Direktspenden den Betrag von 864353 Franken (im Vorjahr 1,018 Millionen). Die Epiphaniekollekte erbrachte 582000 (588000) Franken. Die drei Pfarreien in Muggio (TI), Täsch (VS) und Bure (JU) haben je 194000 Franken erhalten.
Die Mitgliederversammlung in Zug hat anerkannt, dass erneut viel und gute Arbeit geleistet worden ist. Sie hiess einmütig den Vorschlag gut, in Bälde sowohl die von 1989 stammenden Statuten wie das ältere Verwaltungsreglement einer Revision zu unterziehen und die beiden Dokumente besser aufeinander abzustimmen. Vorgesehen ist die Einberufung einer ausserordentlichen Mitgliederversammlung für die Wahl eines neuen Geschäftsführers sobald als möglich; nach den heutigen Bestimmungen hat sie den Direktor zu wählen.


Der Sabbat ist für den Menschen da! ­ Eine Glosse von Heinz Angehrn

 

Ein bekanntes biblisches Prinzip. Menschenwürde, Menschenrechte, ja Leben in Fülle eines jeden, einer jeden, ist Ziel der Botschaft Jesu, ist erste Erfüllung im Kommen des Königreiches Gottes. Doch es folgten 2000 Jahre Kirchengeschichte, 2000 Jahre, in denen die Rechtsgelehrten zurück an die Macht fanden, die das Einhalten von Gesetzen und Bestimmungen, gleich ob vernünftig oder nicht, wieder als oberstes Prinzip etablierten. Weh all jenen, die eigene Wege gingen, die ihrer Selbstfindung das sklavische Einhalten erlernter Vorschriften, theologischer und ethischer Art, unterzuordnen wagten! Genau sie und nicht die, deren Seelen im System verkümmerten und verkümmern, werden an den Rand gedrängt, ja freundlich gebeten, das Schiff doch lieber zu verlassen. Zurück bleibt freilich nicht der heilige Rest der Befreiten, sondern eine trost- und geistlose Gesellschaft.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003