45/2003 | |
INHALT | |
Berichte |
Die prophetisch-missionarische Rolle der Ordensleute in Ortskirche und Gesellschaft»: Mit diesem Thema befasste sich die Vereinigung der Höhern Ordensobern (VOS) an ihrer diesjährigen Studientagung, die sie im Rahmen ihrer Generalversammlung in Delsberg durchführte (23.26. Juni 2003). Referenten waren Prof. Paul M. Zulehner und der französische Arbeiterpriester und Kapuziner Dominique Pacreau.
«Die zwei grossen Herausforderungen in unserer Kultur und Gesellschaft der nächsten Zeit sind Solidarität und Spiritualität.» So stellte der Wiener Pastoraltheologe einleitend fest. Die Sehnsucht nach Solidarität wachse dort, wo jeder und jede in der Gefahr stehe, «überflüssig» zu werden. Dies erläuterte der Referent anhand der Stichworte, mit welchen die heutige Gesellschaft charakterisiert wird:
Paul M. Zulehner skizzierte dann den Hintergrund, auf dem die Sehnsucht
nach Spiritualität gedeiht. Es gilt, «in 90 Lebensjahren alles
und zwar subito» zu erreichen. Weil die Vertröstung auf das Jenseits
von der Vertröstung auf das Diesseits abgelöst wurde, wächst
die Angst, zu kurz zu kommen. Man flieht vor dieser Angst in Alkohol, Drogen
und andere Surrogate.
Paradoxerweise schrumpfen heute die Kirchen, obwohl sie mit ihren «biblisch
verbürgten Kernstärken der Gottes- und Nächstenliebe»
eine Antwort auf diese Situation haben.
Zulehner stellte dann die These auf: «Wenn die Orden sind, was
sie sein möchten, könnten sie ÐGottes Kirchentherapieð
(Norbert Lohfink) sein. Dazu braucht es nichts anderes als die evangelischen
Räte radikal zu leben.» Denn die überzeugt gelebten Gelübde
seien die beste Antwort auf die drei menschlichen «Urwünsche»:
die Sehnsucht nach Einmaligkeit, nach Heimat und nach Macht. Die Jungfräulichkeit
bedeute eine «zugespitzte, radikale Beziehungsfähigkeit»,
der Gehorsam «zugespitzte Freiheit» und die Armut «zugespitzte
Solidarität». So könnten die Ordensgemeinschaften vor allem
auch durch ihr «starkes Miteinander und Füreinander» ein
Segen für die Menschen sein.
Während 32 Jahren lebte der französische Kapuziner Dominique Pacreau
in Bordeaux sein Ordens-Charisma als Arbeiterpriester auf radikale Weise.
Er war unter anderem als Lastwagenfahrer tätig. In all den Jahren hatte
er keinen einzigen Arbeitskollegen, der praktizierender Christ war. Am Anfang,
so erzählte er, seien noch alle katechetisiert, aber der Kirche gegenüber
feindlich gesinnt gewesen. Später hätten alle für die Kirche
Interesse und Sympathie gezeigt. Doch in Glaubensfragen habe komplette Ignoranz
geherrscht. Dazu Bruder Dominque: «Hier habe ich gelernt, das Evangelium
in eine Sprache zu übersetzen, die keinen Bezug zur Kirche hat. Aber
Gott war schon im Herzen der Menschen am Werk.»
In der Diskussion nach den beiden Referaten rief Professor Zulehner die
in Delsberg versammelten Äbte und Provinziale dazu auf, «pastoral
etwas zu riskieren». Er unterstrich: «Wir brauchen Orte, nicht
Worte.» Er plädierte nochmals für einen radikal gelebten
Glauben. In diesem Zusammenhang stellte er fest: «Früher litten
wir unter der Verdrohlichung Gottes. Gott wurde zur Domestizierung der Aufmüpfigen
missbraucht. Heute gibt es eine Verniedlichung Gottes. Aus der Bedrohung
wurde die Beliebigkeit.»
Im geschäftlichen Teil der VOS-GV wurde Jesuiten-Provinzial Hansruedi
Kleiber zum neuen Vorstandsmitglied gewählt (anstelle von Erwin Gwerder,
der turnusgemäss die Leitung der Heimatprovinz der Immenseer Missionare
abgab). Die rund 35 Anwesenden freuten sich darüber, dass im Herbst
in Freiburg wiederum eine «Tagsatzung der Ordensleute» stattfinden
werde. Dazu würden rund 500 Brüder und Schwestern erwartet.
An der GV, die unter der Leitung des VOS-Präsidenten Ephrem Bucher
OFMCap stand, gab der Plan der Bischöfe viel zu reden, 2005 ein «Jahr
der Priesterberufungen» durchzuführen. Einige zeigten sich darüber
befremdet, da bereits eine Gruppe daran war (unter anderem auf Wunsch einiger
Bischöfe!) für den gleichen Zeitraum ein «Jahr der Berufung»
vorzubereiten. Abt Martin Werlen betonte, es handle sich lediglich um eine
«Focussierung» des Themas. Dies bedeute keineswegs eine Geringschätzung
der andern Berufe. Ein Konkurrenzdenken über die Aufgaben im Leib Christi
sei keine christliche Haltung.<1>
1 Während jeder VOS-GV werden drei Gemeinschaften eingeladen, sich kurz vorzustellen. Diesmal traf es unter anderem das Kloster Einsiedeln. Auf die Frage, wie viele Mönche dort «noch» lebten, meinte er, dieses «noch» töne reichlich resignativ. Zahlen seien nicht das Entscheidende. Eine Gemeinschaft von zwei Mitgliedern könne viel lebendiger sein als eine mit 100.