41/2003 | |
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Berichte |
Konkrete Praxisfelder, in denen sich Ökumene bewährt, aber
auch Fragen aufwirft, bildeten thematisch die Klammer der diesjährigen
Churer Sommervorträge, die unter der Überschrift «Zur Ökumene
verpflichtet» standen. Setzte Prof. Helga Kohler-Spiegel (Feldkirch)
mit ihrem Beitrag «Ökumenisches Lernen im Religionsunterricht
Identitätsverlust oder Bereicherung?» den ersten Akzent,
so schloss ein weiteres Handlungsfeld den Bogen der Vorträge und Überlegungen
ab. Letzterer öffnete zugleich eine globale Perspektive. Eine Wurzel
der ökumenischen Bewegung liegt nämlich in der Einsicht, dass
Christen in gemeinsamen Belangen der gemeinsamen Welt gemeinsam handeln
müssen. Dort, wo es um Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung
geht, sind Christen gefordert, praktische, gesellschaftspolitische und theologische
Perspektiven zu öffnen und anzubieten. Dabei können sie auf eine
Fülle gemeinsamer Erfahrungen und Projekte zurückschauen. Herausgefordert
von vielfältigen und bedrängenden Formen von Armut, Not und Ungerechtigkeit
in einer globalisierten Welt, relativieren sich konfessionelle Unterschiede,
ohne sich freilich einfach aufzuheben.
Neben den beiden Gästen referierte Prof. Eva-Maria Faber (Chur) zum
Thema «Gemeinschaft am Tisch des Herrn. Römisch-katholische Erwägungen
zum Thema Eucharistiegemeinschaft»; Kirchenratspräsident Ruedi
Reich (Zürich) sprach über «Reformierte Zugänge zur
Ökumene. Zum Verständnis der reformierten Kirche von Einheit und
Vielfalt in der Kirche», «Von der Mühe konkreter Schritte.
Umkehr als Prinzip der Ökumene» handelte schliesslich ein zweiter
Beitrag von Eva-Maria Faber.
Die ethische und praktische Dimension der Ökumene prägte auch
den Abschlusssvortrag von Prof. Christoph Stückelberger aus Basel.
Hauptamtlich fungiert er seit 1992 als Zentralsekretär des evangelischen
Werks «Brot für alle», ist Mitglied verschiedener Eidgenössischer
Kommissionen im Bereich von Ethik und internationaler Zusammenarbeit, Autor
verschiedener Bücher zu sozial-, wirtschafts- und umweltethischen Themen.
Im November 1999 wurde er zum Präsidenten des Ökumenischen Darlehensfonds
(ECLOF) ernannt, einer Einrichtung des Ökumenischen Rats der Kirchen.
Zudem ist er nebenamtlich Professor für systematische Theologie mit
Schwerpunkt Ethik an der Theologischen Fakultät der Universität
Basel.
Sein zentrales Anliegen formuliert Christoph Stückelberger sehr pointiert:
«Ökumene dank und trotz der Armen. Erfahrungen von Brot für
alle/Fastenopfer und ethische Perspektiven». Wir werden durch die
Armen genötigt zu gemeinsamem Handeln wir verdanken ihnen einen
grundlegenden ökumenischen Impuls.
In seinem klar strukturierten, gut verständlichen Vortrag erinnerte
Stückelberger eingangs an die Grundbedeutung des Wortes «Ökumene».
Es meint zunächst schlicht die gesamte Erde als Handlungs- und Verantwortungsraum.
In der besonderen Sendung der Christen hat sich eine weltweite Kirche entwickelt,
die weltweite Verantwortung übernimmt.
Am Beispiel der Geschichte der kirchlichen Werke «Brot für alle»
(gegründet 1961 vom Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund) und
«Fastenopfer» (1962 in Zusammenarbeit mit der Schweizer Bischofskonferenz
entstanden) erläuterte Stückelberger die seit 1968 währende
Zusammenarbeit dieser Institutionen in der Schweiz. Schon ihre Gründung
ist eine kirchliche Antwort auf die von der UNO ausgerufenen Initiativen
eines ersten Entwicklungsjahrzehntes.
In den 35 Jahren gemeinsamer Initiativen und Projekte hat sich eine Fülle
von gemeinsamen Orientierungen und Basisüberzeugungen durchgehalten
und entwickelt. Christliche Grundwerte von Gerechtigkeit, Solidarität,
einer «Option für die Armen» gehören dazu, ebenso
wie die Überzeugung, dass Entwicklung durch Bekämpfung der vielen
Armutsfaktoren zu erreichen ist. Dies entspricht einem ganzheitlich, freundschaftlich
einladenden Sendungsstil der Kirchen (die nicht mit einer Missionierung
zur Mitgliederrekrutierung zu verwechseln ist). Partnerschaftlichkeit ist
hier das Stichwort (nicht umsonst verglich Stückelberg die Kooperation
der beiden kirchlichen Werke mit einer lang währenden Ehe). Gemeinsame
Optionen, und das betonte Stückelberger immer wieder paritätischer,
gleichberechtigter und gleichverantwortlicher Arbeitsstil prägen und
spiegeln sich in den vielfältigen gemeinsamen Projekten. Dabei ist
nationale und internationale Vernetzung mit anderen kirchlichen wie nichtkirchlichen
Organisationen ein integraler Bestandteil geworden.
Der ausgeprägt gleichberechtigte Arbeitsstil der beiden kirchlichen
Werke, der in sich eine ökumenische Erfahrung und Praxis ist und daher
wertvoll, lässt auch Unterschiede und Grenzen sichtbar werden. Je eigene
Akzentsetzungen sind spürbar, aber eben auch fruchtbar: Während
«Brot für alle» eine stärker entwicklungspolitische
Position bezieht, bringt «Fastenopfer» deutlicher spirituelle
und liturgische Momente ein. Hier wird in der Unterschiedlichkeit Ergänzung
und wechselseitige Bereicherung sehr positiv erfahren.
Stückelberger verschwieg auch keineswegs Grenzen und Problemzonen,
die sich für zwei Organisationen stellen, die im offiziellen Auftrag
ihrer Kirchen handeln. Dass es sich dabei um die bekannten, oft diskutierten
Fragen handelt (also vor allem die unterschiedlichen Auffassungen des Abendmahls,
aber auch Positionen zu Fragen der Sexualethik), heisst aber genau nicht,
dass diese Spannungen nicht ausgehalten werden können, gerade weil
man ein gemeinsames Ziel und gewachsene gemeinsame Erfahrungen in der Arbeit
für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung hat.
Abschliessend benannte Stückelberger eine Reihe von gemeinsamen zukünftigen
Herausforderungen, denen sich die ökumenische Zusammenarbeit beider
Werke im internationalen Verbund wird stellen müssen. Dazu sind zu
zählen zum Beispiel die Frage, wie eine ökumenische, also von
evangelischen und katholischen Christen getragene Projektarbeit in Länder
vermittelt werden kann, für die Ökumene kein vorrangiges Problem
darstellt. Das kann darauf beruhen, dass in Zielländern eine Konfession
so dominant ist, dass ökumenisches Zusammenarbeiten dort eher ungewöhnlich
und fremd sind.
Eine weitere Herausforderung neben dem Problem des religiösen
oder politischen Fundamentalismus, der zu allen ökumenischen Bemühungen
quer steht sieht Stückelberger im massiven Zulauf, den evangelikale
Pfingstkirchen in manchen Weltgegenden haben. Deren Missionspredigt setzt
auf das unmittelbare Versprechen von Reichtum, nicht von Befreiung und Entwicklung.
Und diese Predigt verfängt wen wundert es? nicht selten.
Doch auch angesichts dieser Herausforderung setzen Werke wie «Fastenopfer»/«Brot
für alle» auf ein nachhaltiges, nicht neue Ungerechtigkeiten
schaffendes Entwicklungskonzept, das genuiner Ausdruck der jesuanisch-evangelischen
Sorge um die ist, die am Rande stehen.
Ein in jeder Hinsicht heisser Abend an der Theologischen Hochschule Chur:
Das Thema erwies sich als heisser und anspruchsvoller, als manche Theorieübungen
vermuten lassen. Immer wieder blitzte die Zuversicht des Referenten auf,
dass die grossen sozialen, ökonomischen und politischen wie ökologischen
Herausforderungen unserer Zeit und dieser einen Welt für die Christen
beider grossen Konfessionen eine Fülle an Möglichkeiten bieten,
praktisch und sehr konkret gemeinsam Zeugnis für die lebensstiftende
Kraft des gemeinsamen Evangeliums für die Menschen weltweit zu geben.
Heiss war dieser sommerliche Abend schon der Raumtemperatur wegen
erfreulicherweise fanden viele den Weg in die Aula der Hochschule
und dort bei aller Hitze, bei allen offenen Fragen eben doch ein ermutigendes
Klima.
Die Jahresversammlung des Schweizerischen Heiligland-Vereins (SHLV),
die am Montag nach dem Bettag in Luzern stattgefunden hatte, liess nach
den statutarischen Geschäften den Islamwissenschafter und Journalisten
Andreas Tunger-Zanetti auf die Frage antworten: Wie informiere ich mich
über den Palästina-Konflikt?
Im ersten Teil seines Referates ging Andreas Tunger, wegen seinen Analysen
und Kommentaren weit herum geschätzter Redaktor bei der Neuen Luzerner
Zeitung, auf die Namen und Begriffe «Heiliges Land», «Palästina»
und «Israel» ein. Dabei zeigte er die Bedeutungsverschiebungen
auf, die diese Begriffe im Verlauf der Jahrhunderte durchgemacht haben.
Das gilt namentlich für den Begriff «Israel», den biblischen
Beinamen für Jakob, den die Zionisten dem neuen jüdischen Staat
gegeben haben. Dass der Staat Israel seine Grenzen nie offiziell festgelegt
hat, ist allerdings Teil des Palästina-Konflikts.
Mit dem Blick in die Tiefen der Geschichte gelang Andreas Tunger der
Aufweis, dass in jenem Stück Land die Geschichte in Schichten übereinander
liegt, richtig auf-geschichtet ist. Ein Grossteil der aufgeschichteten Traditionen
ist jedoch nicht durch überprüfbare Fakten belegt, sondern besteht
einzig darin, dass an einem bestimmten Ort ein bestimmtes Geschehen immer
neu zugeschrieben worden ist. Solche Traditionsbildungen sind aber nicht
nur Geschichte, vielmehr werden sie auch heute noch von beiden Konfliktparteien
versucht.
So sei es eine Erfindung der israelischen Propaganda, dass in den Friedensverhandlungen
von Camp David das denkbar grosszügigste Angebot gemacht worden sei.
Ein halbes Jahr später wurde es in Taba nachgebessert; die maximale
Grosszügigkeit konnte also doch noch gesteigert werden. Auf palästinensischer
Seite sei das «Massaker von Dschenin» ein solches Propagandamärchen;
es gab Meldungen, wonach Hunderte von Palästinensern getötet worden
seien. Wohl ging die israelische Armee rücksichtslos und völkerrechtswidrig
vor und nahm den Tod von Palästinensern in Kauf. Erhärten liess
sich später der Tod von rund 50 Palästinensern und von rund einem
Dutzend israelischer Soldaten.
Um sich zu informieren, sei es also wichtig, gesicherte Fakten und Propaganda
zu trennen, was zwar nicht leicht, in vielen Fällen aber durchaus möglich
sei. Um der Vielschichtigkeit des Problems gerecht zu werden und keinem
einseitigen Zerrbild zu erliegen, empfahl Andreas Tunger, sich der Vielfalt
der Quellen zu stellen und verschiedene Medien, vor allem auch das Internet,
kritisch zu nutzen.
Dass er dabei besonders auch die Musik empfahl, mochte zunächst erstaunen.
Für Andreas Tunger ist die Musik das Tor zum Frieden, weil die Menschen
beim Musizieren eine gemeinsame Tonsprache finden und dadurch auch eine
Sprache des Zusammenlebens. Denn der Kern des Palästina-Problems sei,
noch vor dem Kampf ums Land, das Nicht-wahr-Nehmen des andern. Die grosse
Mehrheit der Zionisten verdränge bis heute die Tatsache, dass die angestrebte
jüdische Heimstätte ein Haus war, in dem schon Menschen wohnten.
Anderseits nehmen viele Palästinenser das Trauma nicht wahr, das die
Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, besonders die Schoa, in der jüdischen
Identität hinterlassen hat. So sei denn das Wahr-Nehmen des Andern
auch der Schlüssel zur Lösung des Problems. Dafür, dass Juden
und Palästinenser friedlich miteinander umgehen und leben können,
gibt es viele Beispiele. Ein Projekt der persönlichen Begegnung, das
Zelt der Völker in Bethlehem, unterstützt der Schweizerische Heiligland-Verein
mit seiner diesjährigen Herbstkollekte.