41/2003

INHALT

Berichte

Ökumene dank - oder trotz - der Armen

von Andreas-Pazifikus Alkofer

 

Konkrete Praxisfelder, in denen sich Ökumene bewährt, aber auch Fragen aufwirft, bildeten thematisch die Klammer der diesjährigen Churer Sommervorträge, die unter der Überschrift «Zur Ökumene verpflichtet» standen. Setzte Prof. Helga Kohler-Spiegel (Feldkirch) mit ihrem Beitrag «Ökumenisches Lernen im Religionsunterricht ­ Identitätsverlust oder Bereicherung?» den ersten Akzent, so schloss ein weiteres Handlungsfeld den Bogen der Vorträge und Überlegungen ab. Letzterer öffnete zugleich eine globale Perspektive. Eine Wurzel der ökumenischen Bewegung liegt nämlich in der Einsicht, dass Christen in gemeinsamen Belangen der gemeinsamen Welt gemeinsam handeln müssen. Dort, wo es um Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung geht, sind Christen gefordert, praktische, gesellschaftspolitische und theologische Perspektiven zu öffnen und anzubieten. Dabei können sie auf eine Fülle gemeinsamer Erfahrungen und Projekte zurückschauen. Herausgefordert von vielfältigen und bedrängenden Formen von Armut, Not und Ungerechtigkeit in einer globalisierten Welt, relativieren sich konfessionelle Unterschiede, ohne sich freilich einfach aufzuheben.
Neben den beiden Gästen referierte Prof. Eva-Maria Faber (Chur) zum Thema «Gemeinschaft am Tisch des Herrn. Römisch-katholische Erwägungen zum Thema Eucharistiegemeinschaft»; Kirchenratspräsident Ruedi Reich (Zürich) sprach über «Reformierte Zugänge zur Ökumene. Zum Verständnis der reformierten Kirche von Einheit und Vielfalt in der Kirche», «Von der Mühe konkreter Schritte. Umkehr als Prinzip der Ökumene» handelte schliesslich ein zweiter Beitrag von Eva-Maria Faber.
Die ethische und praktische Dimension der Ökumene prägte auch den Abschlusssvortrag von Prof. Christoph Stückelberger aus Basel. Hauptamtlich fungiert er seit 1992 als Zentralsekretär des evangelischen Werks «Brot für alle», ist Mitglied verschiedener Eidgenössischer Kommissionen im Bereich von Ethik und internationaler Zusammenarbeit, Autor verschiedener Bücher zu sozial-, wirtschafts- und umweltethischen Themen. Im November 1999 wurde er zum Präsidenten des Ökumenischen Darlehensfonds (ECLOF) ernannt, einer Einrichtung des Ökumenischen Rats der Kirchen. Zudem ist er nebenamtlich Professor für systematische Theologie mit Schwerpunkt Ethik an der Theologischen Fakultät der Universität Basel.
Sein zentrales Anliegen formuliert Christoph Stückelberger sehr pointiert: «Ökumene dank und trotz der Armen. Erfahrungen von Brot für alle/Fastenopfer und ethische Perspektiven». Wir werden durch die Armen genötigt zu gemeinsamem Handeln ­ wir verdanken ihnen einen grundlegenden ökumenischen Impuls.
In seinem klar strukturierten, gut verständlichen Vortrag erinnerte Stückelberger eingangs an die Grundbedeutung des Wortes «Ökumene». Es meint zunächst schlicht die gesamte Erde als Handlungs- und Verantwortungsraum. In der besonderen Sendung der Christen hat sich eine weltweite Kirche entwickelt, die weltweite Verantwortung übernimmt.
Am Beispiel der Geschichte der kirchlichen Werke «Brot für alle» (gegründet 1961 vom Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund) und «Fastenopfer» (1962 in Zusammenarbeit mit der Schweizer Bischofskonferenz entstanden) erläuterte Stückelberger die seit 1968 währende Zusammenarbeit dieser Institutionen in der Schweiz. Schon ihre Gründung ist eine kirchliche Antwort auf die von der UNO ausgerufenen Initiativen eines ersten Entwicklungsjahrzehntes.
In den 35 Jahren gemeinsamer Initiativen und Projekte hat sich eine Fülle von gemeinsamen Orientierungen und Basisüberzeugungen durchgehalten und entwickelt. Christliche Grundwerte von Gerechtigkeit, Solidarität, einer «Option für die Armen» gehören dazu, ebenso wie die Überzeugung, dass Entwicklung durch Bekämpfung der vielen Armutsfaktoren zu erreichen ist. Dies entspricht einem ganzheitlich, freundschaftlich einladenden Sendungsstil der Kirchen (die nicht mit einer Missionierung zur Mitgliederrekrutierung zu verwechseln ist). Partnerschaftlichkeit ist hier das Stichwort (nicht umsonst verglich Stückelberg die Kooperation der beiden kirchlichen Werke mit einer lang währenden Ehe). Gemeinsame Optionen, und ­ das betonte Stückelberger immer wieder ­ paritätischer, gleichberechtigter und gleichverantwortlicher Arbeitsstil prägen und spiegeln sich in den vielfältigen gemeinsamen Projekten. Dabei ist nationale und internationale Vernetzung mit anderen kirchlichen wie nichtkirchlichen Organisationen ein integraler Bestandteil geworden.
Der ausgeprägt gleichberechtigte Arbeitsstil der beiden kirchlichen Werke, der in sich eine ökumenische Erfahrung und Praxis ist und daher wertvoll, lässt auch Unterschiede und Grenzen sichtbar werden. Je eigene Akzentsetzungen sind spürbar, aber eben auch fruchtbar: Während «Brot für alle» eine stärker entwicklungspolitische Position bezieht, bringt «Fastenopfer» deutlicher spirituelle und liturgische Momente ein. Hier wird in der Unterschiedlichkeit Ergänzung und wechselseitige Bereicherung sehr positiv erfahren.
Stückelberger verschwieg auch keineswegs Grenzen und Problemzonen, die sich für zwei Organisationen stellen, die im offiziellen Auftrag ihrer Kirchen handeln. Dass es sich dabei um die bekannten, oft diskutierten Fragen handelt (also vor allem die unterschiedlichen Auffassungen des Abendmahls, aber auch Positionen zu Fragen der Sexualethik), heisst aber genau nicht, dass diese Spannungen nicht ausgehalten werden können, gerade weil man ein gemeinsames Ziel und gewachsene gemeinsame Erfahrungen in der Arbeit für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung hat.
Abschliessend benannte Stückelberger eine Reihe von gemeinsamen zukünftigen Herausforderungen, denen sich die ökumenische Zusammenarbeit beider Werke im internationalen Verbund wird stellen müssen. Dazu sind zu zählen zum Beispiel die Frage, wie eine ökumenische, also von evangelischen und katholischen Christen getragene Projektarbeit in Länder vermittelt werden kann, für die Ökumene kein vorrangiges Problem darstellt. Das kann darauf beruhen, dass in Zielländern eine Konfession so dominant ist, dass ökumenisches Zusammenarbeiten dort eher ungewöhnlich und fremd sind.
Eine weitere Herausforderung ­ neben dem Problem des religiösen oder politischen Fundamentalismus, der zu allen ökumenischen Bemühungen quer steht ­ sieht Stückelberger im massiven Zulauf, den evangelikale Pfingstkirchen in manchen Weltgegenden haben. Deren Missionspredigt setzt auf das unmittelbare Versprechen von Reichtum, nicht von Befreiung und Entwicklung. Und diese Predigt verfängt ­ wen wundert es? ­ nicht selten. Doch auch angesichts dieser Herausforderung setzen Werke wie «Fastenopfer»/«Brot für alle» auf ein nachhaltiges, nicht neue Ungerechtigkeiten schaffendes Entwicklungskonzept, das genuiner Ausdruck der jesuanisch-evangelischen Sorge um die ist, die am Rande stehen.
Ein in jeder Hinsicht heisser Abend an der Theologischen Hochschule Chur: Das Thema erwies sich als heisser und anspruchsvoller, als manche Theorieübungen vermuten lassen. Immer wieder blitzte die Zuversicht des Referenten auf, dass die grossen sozialen, ökonomischen und politischen wie ökologischen Herausforderungen unserer Zeit und dieser einen Welt für die Christen beider grossen Konfessionen eine Fülle an Möglichkeiten bieten, praktisch und sehr konkret gemeinsam Zeugnis für die lebensstiftende Kraft des gemeinsamen Evangeliums für die Menschen weltweit zu geben.
Heiss war dieser sommerliche Abend schon der Raumtemperatur wegen ­ erfreulicherweise fanden viele den Weg in die Aula der Hochschule ­ und dort bei aller Hitze, bei allen offenen Fragen eben doch ein ermutigendes Klima.


Heiliges Land, Palästina, Israel

von Rolf Weibel

 

Die Jahresversammlung des Schweizerischen Heiligland-Vereins (SHLV), die am Montag nach dem Bettag in Luzern stattgefunden hatte, liess nach den statutarischen Geschäften den Islamwissenschafter und Journalisten Andreas Tunger-Zanetti auf die Frage antworten: Wie informiere ich mich über den Palästina-Konflikt?
Im ersten Teil seines Referates ging Andreas Tunger, wegen seinen Analysen und Kommentaren weit herum geschätzter Redaktor bei der Neuen Luzerner Zeitung, auf die Namen und Begriffe «Heiliges Land», «Palästina» und «Israel» ein. Dabei zeigte er die Bedeutungsverschiebungen auf, die diese Begriffe im Verlauf der Jahrhunderte durchgemacht haben. Das gilt namentlich für den Begriff «Israel», den biblischen Beinamen für Jakob, den die Zionisten dem neuen jüdischen Staat gegeben haben. Dass der Staat Israel seine Grenzen nie offiziell festgelegt hat, ist allerdings Teil des Palästina-Konflikts.

Ein vielschichtiges Thema

Mit dem Blick in die Tiefen der Geschichte gelang Andreas Tunger der Aufweis, dass in jenem Stück Land die Geschichte in Schichten übereinander liegt, richtig auf-geschichtet ist. Ein Grossteil der aufgeschichteten Traditionen ist jedoch nicht durch überprüfbare Fakten belegt, sondern besteht einzig darin, dass an einem bestimmten Ort ein bestimmtes Geschehen immer neu zugeschrieben worden ist. Solche Traditionsbildungen sind aber nicht nur Geschichte, vielmehr werden sie auch heute noch von beiden Konfliktparteien versucht.
So sei es eine Erfindung der israelischen Propaganda, dass in den Friedensverhandlungen von Camp David das denkbar grosszügigste Angebot gemacht worden sei. Ein halbes Jahr später wurde es in Taba nachgebessert; die maximale Grosszügigkeit konnte also doch noch gesteigert werden. Auf palästinensischer Seite sei das «Massaker von Dschenin» ein solches Propagandamärchen; es gab Meldungen, wonach Hunderte von Palästinensern getötet worden seien. Wohl ging die israelische Armee rücksichtslos und völkerrechtswidrig vor und nahm den Tod von Palästinensern in Kauf. Erhärten liess sich später der Tod von rund 50 Palästinensern und von rund einem Dutzend israelischer Soldaten.

Der Kern des Problems

Um sich zu informieren, sei es also wichtig, gesicherte Fakten und Propaganda zu trennen, was zwar nicht leicht, in vielen Fällen aber durchaus möglich sei. Um der Vielschichtigkeit des Problems gerecht zu werden und keinem einseitigen Zerrbild zu erliegen, empfahl Andreas Tunger, sich der Vielfalt der Quellen zu stellen und verschiedene Medien, vor allem auch das Internet, kritisch zu nutzen.
Dass er dabei besonders auch die Musik empfahl, mochte zunächst erstaunen. Für Andreas Tunger ist die Musik das Tor zum Frieden, weil die Menschen beim Musizieren eine gemeinsame Tonsprache finden und dadurch auch eine Sprache des Zusammenlebens. Denn der Kern des Palästina-Problems sei, noch vor dem Kampf ums Land, das Nicht-wahr-Nehmen des andern. Die grosse Mehrheit der Zionisten verdränge bis heute die Tatsache, dass die angestrebte jüdische Heimstätte ein Haus war, in dem schon Menschen wohnten. Anderseits nehmen viele Palästinenser das Trauma nicht wahr, das die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, besonders die Schoa, in der jüdischen Identität hinterlassen hat. So sei denn das Wahr-Nehmen des Andern auch der Schlüssel zur Lösung des Problems. Dafür, dass Juden und Palästinenser friedlich miteinander umgehen und leben können, gibt es viele Beispiele. Ein Projekt der persönlichen Begegnung, das Zelt der Völker in Bethlehem, unterstützt der Schweizerische Heiligland-Verein mit seiner diesjährigen Herbstkollekte.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003