38/2003 | |
INHALT | |
Berichte |
Der Mangel bei den kirchlichen Berufen nimmt zu. Nicht nur gehen bei uns die Priester- und Ordensberufe zurück. Es gibt auch weniger neue Laientheologen und -theologinnen, Katecheten und Katechetinnen, Jugendarbeiter und Jugendarbeiterinnen. Die Anzahl der Studienanfänger und -anfängerinnen für kirchliche Berufe nimmt auch in der Schweiz ab.
Umso grössere Bedeutung bekommt daher die Förderung kirchlicher
Berufe. Dieses Anliegen wird in der deutschen Schweiz von der IKB (Information
kirchliche Berufe) massgebend unterstützt. Jedes Jahr treffen sich
auch die Verantwortlichen der Länder Europas, um über die aktuellen
Probleme bei der Förderung kirchlicher Berufe nachzudenken und auszutauschen.
Nach dem grossen Kongress «Neue Berufe für ein neues Europa»
vom Mai 1997 in Rom folgten europäische Treffen in Ungarn (1998), Slowenien
(1999), Österreich (2000), Irland (2001) und Bosnien-Herzegowina im
Jahre 2002 (siehe dazu SKZ 2002, S. 468).
Das neueste Treffen fand am 2.6. Juli 2003 in Warschau (Polen) statt,
an dem aus der Schweiz Robert Knüsel (IKB), José Fernandez (CRV:
Centre romand des vocations) und Weihbischof Martin Gächter teilnahmen.
Diesmal wurde die seit 1997 immer wieder genannte Erkenntnis vertieft, dass
die Berufungspastoral Teil jeder Pastoral ist und sein sollte und
nicht ein besonderer Zusatz. Der vorsitzende Erzbischof Alois Kothgasser
(Salzburg) konnte über 60 Teilnehmende aus 23 Ländern Europas
begrüssen: Priester, Ordensleute, Laien und 12 Bischöfe. Zwar
waren noch nicht alle 34 Länder Europas vertreten, doch die Teilnahme
der verschiedenen Länder wird immer kompetenter. Es kamen mehr Bischöfe.
In allen Ländern wird die Berufungspastoral ernster genommen und besser
organisiert. Dem Osten Europas wird besondere Aufmerksamkeit geschenkt,
haben doch vier der sechs Kongresse der letzten Jahre in postkommunistischen
Ländern stattgefunden. Diesmal war Polen Gastgeber, das am 1. Mai 2004
in die Europäische Union eintritt und im geografischen Mittelpunkt
Europas liegt, was uns in Westeuropa noch zu wenig bewusst sein dürfte.
Der scheidende Sekretär des Europäischen Berufungsdienstes (EU-Vocatio-Service
EVS) Dr. Rainer Birkenmaier (Freiburg i.Br.) erinnerte in seiner Einleitung
daran, dass in der Kirche alle berufen sind. Aus der Sicht des Glaubens
hat Gott 1. alle Menschen ins Leben gerufen, also zum Menschsein berufen.
Er lädt uns 2. auch zum Christsein ein, um Brüder und Schwestern
Jesu zu werden, 3. ruft er uns zur bewussten Nachfolge Christi, und 4. ruft
er jeden Christen und jede Christin zum Dienst der Erlösung im Geist
der Frohbotschaft Christi und zwar jeden nach seinen persönlichen
Fähigkeiten, mitten in der Welt und auch in der Kirche. Einige beruft
Gott zum vollamtlichen Dienst in der Kirche als Laien, Ordensleute und Priester.
Beim Europäischen Kongress 2003 wurde daran erinnert, welch wichtige
Zeit für Europa wir momentan erleben. Es geht dabei nicht nur um die
Formulierung der neuen Europäischen Verfassung, bei der darum gerungen
wird, wie stark die christlichen Wurzeln Europas erwähnt werden sollen.
Beim Eintritt neuer Länder in die Europäische Union soll nicht
nur eine grössere politische und soziale Einheit erreicht werden, sondern
Europa sollte auch eine menschliche und christliche Seele bekommen, wozu
die kirchlichen Berufe auch für die Welt von grosser Bedeutung sind.
Der Regens des Priesterseminars von Warschau berichtete, dass in Polen jedes
Jahr über 1000 junge Männer in die Priesterseminare eintreten,
was 25% aller Seminaristen von ganz Europa ausmacht! Er hat die Denkweise
der polnischen Seminaristen geschildert und das grosse Warschauer Priesterseminar
gezeigt. Auch Kardinal Josef Glemp von Warschau hat den Kongress besucht.
Auf der Wallfahrt zur Schwarzen Madonna von Tschenstochau kam es auch zu
einer Begegnung mit dem polnischen Kurienkardinal Zenon Grocholewski, dem
die Sorge um die Priesterausbildung in der ganzen Welt anvertraut ist.
Die eindrücklichsten Erkenntnisse brachte an diesem Kongress der Römer
Professor für Pastoraltheologie, Dr. Amadeo Cencini. Er erinnerte daran,
wie jedes Tun der Kirche berufend und werbend ist. Gott ruft alle Menschen
aus Liebe an, was im Italienischen schön ausgedrückt werden kann:
Dio chi-ama. Gott, der sich uns voll Liebe schenkt, weckt in den Menschen
auch das Bedürfnis, seine grosse Liebe nicht nur dankbar anzunehmen,
sondern sie auch freudig weiterzuschenken. Aus Berufenen werden Rufende.
Daher schwingt in jedem pastoralen Tun der Kirche immer auch die Berufungspastoral
mit. Es braucht allerdings noch einige Anstrengungen, bis bei jedem Katholiken
das Bewusstsein wächst, dass er vor Gott nicht nur ein glücklicher
Empfänger ist, sondern auch ein freudiger Geber des Empfangenen sein
darf. Professor Cencini schilderte die vielen Schritte, die der Einzelne
durchschreiten muss, bis er seine eigene Berufung klar erkennen und annehmen
kann. Dabei sollte jeder auf seinem persönlichen Weg auch gut begleitet
werden.
Am Kongress wurde der bisherige Koordinator Dr. Rainer Birkenmaier als Gründerpersönlichkeit
gefeiert und verabschiedet. Seine Stelle übernimmt Father Kevin Doran
(Irland), unterstützt durch Schwester Hélène Daccord
(Frankreich), Prof. Marek Dziewiecki (Polen) und Dr. Kurt Schmidl (Österreich).
Der nächste Kongress wird für den 1.4. Juli 2004 in Strassburg
geplant, der übernächste 2005 in Bratislava (Slowakei).