27-28/2003

INHALT

Berichte

Die ökologische Berufung entdecken

von Walter Ludin

 

Die Sorge für die Schöpfung ist Teil unseres Glaubens. Wir müssen darum unsere ökologische Berufung entdecken.» Aldo Giordano, der Generalsekretär des Rates der europäischen Bischofskonferenzen (CCEE), erinnerte am Beginn der 5. CCEE-Konsultation für Umweltfragen an dieses Wort von Papst Johannes Paul II. Das Treffen fand vom 15.­18 Mai 2003 im polnischen Wroclaw statt, dem ehemaligen Breslau. Das Thema der Tagung, die im kircheneigenen, recht grosszügig gebauten Hotel Dom Jana Pawla II. durchgeführt wurde, hiess: «Bildung für Schöpfungsverantwortung und nachhaltige Entwicklung». Es nahmen rund 60 Fachleute, darunter sieben Bischöfe, daran teil. Sie vertraten 22 Länder.

Die Fische des Auferstandenen

In seinem originellen Einleitungsreferat warnte Patrick Kelly, der ökologisch sehr versierte Erzbischof von Liverpool, davor, von der Bibel allzu viel Antworten auf ökologische Fragen zu erwarten. Er wies auf wissenschaftliche Erkenntnisse hin, wonach Fische leiden, erinnerte an den Beruf der Apostel und meinte: «Wirft die Tatsache, dass der auferstandene Jesus Fische fing, irgendwelche Frage für uns auf? Und was ist vom jungen, schwachen Osterlamm zu halten?»
Im Gegensatz zu den meisten andern Referenten und Votanten, die das Staunen über die Natur an den Anfang der Umwelterziehung stellen möchten, gestand Patrick Kelly: «Es erfüllt mich immer ein wenig mit Sorge, wenn ich erlebe, wie Kindern eine Welt voller Küken, Kaninchen und Schmetterlingen gezeigt wird und sie dann aufgefordert werden, zu Gott-Vater zu beten. Es ist, als würde man die dunkle, todgeweihte Welt vergessen. Das Lied von einem reinen, geradezu trotzigen Vertrauen, der Sonnengesang des heiligen Franz, ist auf einem Hintergrund von Leid und Armut entstanden.»

Zum Handeln führen

«Umweltbildung muss zum Handeln führen und nicht Wissen um des Wissens willen vermitteln.» In diese These mündete das Referat von Professor Gerhard Mertens, Pädagogisches Seminar der Universität Köln. Am Anfang stand die Bestimmung des Begriffs «Nachhaltigkeit»: «Die zulässige Nutzung ist so zu begrenzen, dass den Nachkommen die gleiche Nutzungs-Chance gewährleistet wird; das heisst natürliche Systeme müssen sich dauerhaft selbst regenerieren können.»
Mertens unterstrich, die Natur habe eine eigene Sinnhaftigkeit, die nicht darin aufgehe, nur für menschlichen Nutzen da zu sein. Die Gegenposition sah er ad absurdum geführt in der alten, naiven Vorstellung, Mond und Sterne seien dazu geschaffen, den Menschen nachts die Wege zu beleuchten...
Der Pädagoge und Theologe plädierte schliesslich dafür, die Umwelterziehung immer an einem ganz konkreten, erfahrbaren Ausgangspunkt zu beginnen. Dies könne beispielsweise eine Pflanze sein, ein Tier, ein Biotop, eine Mülldeponie oder ein aktuelles bauliches Projekt.

Sinn und Sinnlichkeit

Markus Vogt von der Clearingstelle «Kirche und Umwelt» der Salesianer Don Boscos in Benediktbeuren wies in seinem Votum darauf hin, dass heute der Schöpfungsgedanke im Zusammenhang mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen wie der Chaos-Theorie oder der Quantenphysik von Neuem in Diskussion kommt. Zur Umweltbildung meinte er, weil es nicht bloss um Sach-, sondern auch um Sinnwissen gehe, brauche es hier die Kirche. Wie Mertens sprach sich Vogt dafür aus, Erlebniswerte zu schaffen, gerade im Umgang mit Jugendlichen. Sinn und Sinnlichkeit müssten miteinander verbunden sein.
Es wurde übrigens von vielen Teilnehmern und Teilnehmerinnen der Konsultation beklagt, dass das Treffen diesen Grundsatz vernachlässigte, zumal der Botanische Garten der Stadt direkt hinter dem Tagungszentrum lag.

Klöster als Vorbilder

Unter den Gästen der Konsultation befand sich Stefan Lunte von ComECE, der Vertretung der Bischofskonferenzen bei der Europäischen Union (EU) in Brüssel. Er berichtete, die Mitglieder des EU-Parlamentes weigerten sich nicht, mit der Kirche in Kontakt zu treten. Doch: «Sie kennen die Kirche nicht, weil sie in ihrem Bereich nicht vorkommt.»
Paul Gallagher, der Spezialbeauftragte des Vatikans beim Europarat in Strassburg, rief als weiterer Gast dazu auf, die bestehenden «Netzwerke» wie Pfarreien, Diözesen und kirchliche Organisationen auf globaler Ebene für die Lösung von Umweltfragen zu nutzen. Zudem müssten die Christen zeigen, dass sie bereit seien, Opfer zu bringen und sie nicht bloss von den andern zu fordern.
Vor allem auch Klöster könnten durch vorbildliches Handeln im Umweltschutz eine führende Rolle einnehmen, indem sie Experimente wagen und Pilotprojekte entwickeln. So könnten sie «auf kleiner Ebene grosse Dinge vorwärts bringen» und beweisen, wie Massnahmen zur Bewahrung der Schöpfung praktikabel und effizient sind.

Sorgenkind Landwirtschaft

Paul Gallagher rief auch dazu auf, die Kirche solle auf politischer Ebene Hauptthemen einbringen und sich nicht mit Nebensächlichkeiten beschäftigen. Eines der ökologischen Hauptthemen der Zukunft ist sicher die Landwirtschaft. Sie stand einen Nachmittag lang auf dem Programm der Konsultation. Der Breslauer Weihbischof Edward Janiak erzählte einleitend, in Polen gäbe es so viele Bauern wie in Deutschland, Frankreich und Italien zusammen. Es ist kaum absehbar, welche Probleme auf Europa zukommen, wenn Polen Mitglied der EU wird.
Fachleute beklagten sich, dass die europäische Landwirtschaft nicht nachhaltig ist. Dazu kommt, dass ihre hoch subventionierten Produkte die Märkte in den Entwicklungsländern zerstören und so für den Welthunger mitverantwortlich sind.
In der Schlusserklärung<1> der Konsultation heisst es zum Thema «Landwirtschaft»: «Die Chancen nachhaltiger Landwirtschaft stehen in Europa in Verbindung mit dem Naturschutz: zum Beispiel Biotop-Management, die Förderung nachhaltiger Rohstoffe (z.B. Raps als Grundlage regenerativer Energie), Massnahmen des Klimaschutzes (z.B. Anpflanzen von Wäldern, was CO2 bindet und zugleich Arbeit im ländlichen Raum schafft), Hochwasserschutz auf landwirtschaftlichen Flächen. Auch sanfter Tourismus kann zur nachhaltigen Entwicklung ländlicher Räume beitragen.»

171 Seminaristen

Schon am ersten Tag der Konsultation erhielten die Teilnehmenden zu ihrem Erstaunen einen kleinen Einblick in den polnischen Katholizismus. Die Kapelle des Priesterseminars, in dem sie ihren Eröffnungsgottesdienst feierten, war gut zur Hälfte gefüllt mit jungen Priesteramtskandidaten in schwarzen Soutanen und mit «Römerkragen». Die Diözese Breslau, so war zu erfahren, hat neben den hier wohnenden 140 Seminaristen im ehemaligen Zisterzienserkloster Henrykow (dem früheren schlesischen Heinrichsau) 31 Absolventen des Propädeutikums.
Ein Holländer sagte nach dem Verlassen der Kapelle: «So war es bei uns vor 50 Jahren. Und heute?»

 

Der Kapuziner Walter Ludin wurde als Vorstandsmitglied der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft Kirche und Umwelt (OeKU) von der Schweizer Bischofskonferenzen an die Konsultation delegiert.


Anmerkung

1 Der Text und die wichtigsten Referate der Konsultation finden sich im Internet: www.ccee.ch


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003