25/2003 | |
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Berichte |
Ein neues Buch<1> und neue Erkenntnisse
und damit die Rehabilitation des früh ins Galluskloster gekommenen
und lange verkannten Mönches Ratpert (Ý vor 912). Mit seinen
St. Galler Klostergeschichten stand er im Schatten des berühmteren
und fabulierfreudigeren Geschichtsschreibers Ekkehart IV. (Ý gegen
1060).
Der Frauenfelder Historiker Hannes Steiner (Universität Zürich)
hat sich im Rahmen eines Stipendiums der Monumenta Germaniae Historica<2> während drei Jahren mit Ratperts
Geschichtswerk auseinander gesetzt. Herausgefunden hat er, dass es sich
dabei weniger um eine historische Abhandlung, denn um eine politische Denkschrift
handelt. Mit ihr wollte Ratpert die Mönche des Gallusklosters wachrütteln.
Vor diesem Hintergrund wertet Steiner Ratperts Werk als einzigartiges verfassungs-
und geistesgeschichtliches Dokument der spätkarolingischen Zeit. Im
Musiksaal des ehemaligen Klosters stellte Hannes Steiner Anfang April die
Neuedition den Mitgliedern des Freundeskreises der Stiftsbibliothek, Historikern
und Mittelalterforschern vor. Sie enthält neben dem lateinischen Text
einen gründlichen historischen Kommentar und eine vollständige
deutsche Übersetzung.
Der St. Galler Mönch und strenge Schulmeister Ratpert, der von Ekkehart IV. zusammen mit den Freunden Notker Balbulus und Tuotilo zum idealisierten «Dreigestirn» des «Goldenen Zeitalters» des Gallusklosters hochstilisiert worden ist, hat als erster eine Geschichte seines Klosters von den Anfängen bis in seine Zeit um 884 geschrieben. Ins Zentrum der «Casus sancti Galli», der St. Galler Klostergeschichten, stellte er den Konflikt mit den Bischöfen von Konstanz, die das Kloster nach dem Tod des Abtes Otmar im Jahr 759 für lange Zeit in ihrer Gewalt hatten. Engagiert schilderte er den Kampf des Konvents um die Lösung von diesen Fesseln und um eine von königlicher Seite abgesicherte freie Abtwahl. Ratpert war fest überzeugt, dass es für die gedeihliche Entwicklung des Klosters die Freiheit braucht. Seine Chronik endet mit dem Besuch von Kaiser Karl III. des Dicken (839888) im Galluskloster just zu der Zeit, nämlich 883, da die Mönche mit Abt Bernhard einstimmig den Nachfolger für den resignierten Abt Hartmut wählten. Der Kaiser hatte sich, wie Ratpert festhielt, von der Wahlversammlung ferngehalten und damit die freie Abtwahl garantiert. Bereits 890 ist Abt Bernhard dann allerdings von König Arnulf, dem Nachfolger des Kaisers, abgesetzt und durch den Weltkleriker Salomo ersetzt, das heisst den Mönchen ohne deren Mitsprache vor die Nase gesetzt worden.
Ekkehart IV. schrieb die Geschichte Ratperts als bewusste Fortsetzung über einen Zeitraum von 870 bis 972 weiter. An der Buchpräsentation wiesen der Autor wie auch der St. Galler Stiftsbibliothekar Ernst Tremp darauf hin, dass das, «was der schreibbegabte und rhetorisch glänzende Literat des 11. Jahrhunderts zustande brachte, das schlichtere nüchterne, wenn nicht gar trockene Geschichtswerk des Schulmeisters Ratpert zwangsläufig in den Schatten stellte». Zudem hätten ihn «hyperkritische Historiker des 19. Jahrhunderts» sogar mit dem Stigma des Fälschers versehen. Es wurde ihm unterstellt, er habe geschichtliche Fakten einseitig dargestelt, verdreht, unterschlagen, sei parteilich gewesen, nur um seine Erzählabsichten durchzusetzen. Das hat nun Hannes Steiner widerlegt und dadurch Ratpert rehabilitiert. Für diese Rehabilitation dankte Ernst Tremp dem Forscher.
Die Choralschola der Kathedrale St. Gallen mit ihrem Leiter, Domkapellmeister Hans Eberhard, umrahmte die Buchpräsentation mit geistlichen Gesängen Ratperts in einer Rekonstruktion von David Hiley, Regensburg. Der Mönch war nicht nur Geschichtsschreiber, sondern hat auch als Dichter geistlicher Gesänge Bedeutendes geleistet. Seine liturgischen Gedichte liegen in einer vom Reklusen Hartker um das Jahr Tausend angelegten und neumierten Sammlung in der Stiftsbibliothek.
Rosmarie Früh ist Informationsbeauftragte des Bistums und des Katholischen Konfessionsteils des Kantons St. Gallen.
1 Ratpert von St. Gallen (Ý vor 912), Casus sancti Galli/St. Galler Klostergeschichten, Band 75 der Monumenta Germaniae Historica, herausgegeben und übersetzt von Hannes Steiner, Verlag Hahnsche Buchhandlung, Hannover 2003.
2 Die Monumenta Germaniae Historica, seit 1949 in München ansässig, haben die Aufgabe, die historischen Quellen des europäischen Mittelalters in kritischen Textausgaben herauszugeben und durch Untersuchungen zu erschliessen. Ihr Ursprung liegt in der 1819 vom Reichsfreiherrn Karl vom Stein gegründeten «Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde», deren Aufgaben 1875 eine Zentraldirektion mit dem Sitz in Berlin übernahm. Diese wurde 1935 im Zuge der Umwandlung der Monumenta Germaniae Historica in ein «Reichsinstitut für ältere deutsche Geschichtskunde» aufgelöst, 1945 aber durch Vertreter aller deutschen Akademien und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften wieder hergestellt, ergänzt durch persönliche Mitglieder aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Seit 1976 erhalten jüngere Schweizer Mediävisten regelmässig einen Editionsauftrag. Die Schweizer Stipendiatenstelle wird vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung finanziert.