10/2003

INHALT

Berichte

"Werbung für die Götter"

von Rolf Weibel

 

Skarabäen warben für den Schöpfergott Ptah von Memphis und trugen seinen Segen in die Welt hinaus (17.­1. Jh. v. Chr.); den Mondgott Sin von Harran machten Rollsiegel und die Standarte mit der Mondsichel im grossen assyrischen Reich bekannt (10.­6. Jh. v. Chr.); den Ruhm und den Segen der Göttin Artemis von Ephesus verbreiteten Münzen (600 v. Chr.­300 n. Chr.); mit verschiedensten Artikeln des Andenkens und der Andacht wird vom 15. Jahrhundert bis heute für Maria von Einsiedeln geworben; moderne (Massen-)Medien halten das Idol Elvis Presley von Memphis (1935­1977) virtuell am Leben.
Diese fünf Heiligtümer mit ihren Kultbildern und vor allem auch Kommunikationsmitteln werden in einer Sonderausstellung im Berner Museum für Kommunikation unter dem Titel «Werbung für die Götter. Heilsbringer aus 4000 Jahren» vorgestellt.<1> Dem Museum geht es, wie dessen Direktor Thomas Dominik Meier an der Medienorientierung ausführte, bei dieser zweiten Ausstellung zur Thematik «Werbung» darum, Gemeinsamkeiten über 4000 Jahre hinweg sichtbar, damit auf Analogien zwischen den unterschiedlichsten Wallfahrtsorten aufmerksam zu machen und so den Umgang mit «Heilsbringern» als eine menschliche Grundkonstante aufzuzeigen.
Zustande gekommen ist diese Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Projekt «Bibel+Orient Museum» des Departementes für Biblische Studien der Universität Freiburg. Auch die ausgestellten Objekte stammen aus der Sammlung dieses Projektes ­ inzwischen umfasst diese Sammlung rund 14000 Objekte ­ sowie aus verschiedenen öffentlichen und privaten Sammlungen, und die meisten werden in Bern zum ersten Mal öffentlich gezeigt und im äusserst informativen Ausstellungskatalog<2> dokumentiert.<3>
Wie Thomas Staubli als Leiter des «Bibel+Orient Museum»-Projekts erläuterte, will das geplante Museum, und dies bereits mit seinen jetzigen Aktivitäten, die orientalischen Wurzeln der europäischen Kultur sichtbar machen. Nachdem eine erste Ausstellung über «Tiere in der Bibel und im Alten Orient» überaus gut aufgenommen worden ist (und noch aufgenommen wird), werden jetzt in der Ausstellung im Museum für Kommunikation die Kulturobjekte und Kultobjekte als Massenkommunikationsmittel vorgestellt, die im Dienst sowohl der Ausstrahlung eines Heiligtums wie dessen Aneignung (Andenken) stehen. Dabei geht es Thomas Staubli um eine lebendige Religionskultur, wie denn auch die Berner Ausstellung eine konstruktive Ausstellung gegen die gesellschaftliche Tabuisierung von Religion sein und sich für eine echte religiöse Kultur jenseits von säkularistischer Glaubensvergessenheit und religiösen Fundamentalismen einsetzen will.
An der Vernissage vertiefte Thomas Staubli seine Überlegungen zur Religionskultur mit Gedanken, auf die ihn das Erlernen des Ausstellungsmachens gebracht hat. Die in der Ausstellung gezeigten Amulette, Siegel, Münzen, Helgeli oder Briefmarken ­ «Segen im Taschenformat» ­ liest er als eine Antwort auf die Gretchenfrage. Denn für den Ausdruck dessen, was die Welt im Innersten zusammenhält, haben die Menschen die Assoziationsweise des Symbols gegenüber der Eindeutigkeit des Wortes immer bevorzugt; dazu kommt, dass diese Gegenstände Massenware, aber äussere Zeichen von Gemeinschaften sind und deshalb verbinden und vernetzen.
Eine Leitfrage beim Ausstellungsmachen ist die Frage nach der Kernbotschaft. Thomas Staubli nennt sie nun das Amulett-Prinzip, weil die Kunst der Devotionalien in der genialen Vereinfachung liegt.
«Godly Things ­ Göttliche Dinge» gehören, wie eine britische Studie gezeigt hat, «zu den rohen Eiern der Museologie». Die echte oder scheinbare Aufgeklärtheit der Bürgerinnen und Bürger hat Religion zu einem privaten, intimen und mehr als die Sexualität tabuisierten Bereich werden lassen. Die Auseinandersetzung mit der Ausstellung könnte mindestens zur Erkenntnis führen, dass auch Religion eine sehr konkrete, dingliche Seite hat und, im besten Fall, dazu anregen, «unsere eigenen Erfahrungen des Göttlichen in stimmige Symbole und Formen zu fassen und so kommunizierbar zu machen».
Als «Gottesgebärerin» wurde Maria Artemis gegenüber profiliert und jeder Vergleichbarkeit entrückt. Dennoch zeigen die religionsgeschichtlichen Verbindungen die Tiefe der Quellen auf, aus welchen die christliche Tradition schöpft. In einer «vertikalen Ökumene» seien deshalb die roten Fäden, die uns mit anderen Kulturräumen und Zeitaltern verbinden, wahrzunehmen und zu verstehen.
Das Ausstellungsplakat für «Werbung für die Götter» zeigt ein kitschiges «Lüüchthelgeli», das der Grafiker in einem Trödelgeschäft an der Zürcher Langstrasse entdeckt und das Thomas Staubli zunächst befremdet hat. Doch rasch hat er den Zugang zu dieser «Unserer Lieben Frau von der Langstrasse» gefunden, «wird Maria, die Mutter des Erlösers der kleinen Leute doch überall dort am aufrichtigsten verehrt, wo die Not und die Sehnsucht nach Barmherzigkeit und Geborgenheit am grössten ist».
Darauf, dass Sehnsucht in der Unterhaltungsindustrie aber auch gut vermarktet werden kann, machte anschliessend der Projektleiter des Museums für Kommunikation Ueli Schenk aufmerksam.


Anmerkungen

1 Bis 25. Januar 2004, Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr (Helvetiastrasse 16, 3000 Bern 6).

2 Über den Universitätsverlag Freiburg Schweiz im Buchhandel erhältlich.

3 Begleitet wird die Ausstellung von einem Rahmenprogramm, dessen Einzelheiten der Tagespresse und www.mfk.ch zu entnehmen sind, sowie einem museumspädagogischen Angebot.
Für Lehrer/Lehrerinnen und Katecheten/Katechetinnen gibt es in Ergänzung zum Ausstellungskatalog eine didaktische Mappe (pdf-Datei unter www.mfk.ch); es sind auch Führungen für Schulklassen möglich. Information, Beratung und Anmeldung: Museum für Kommunikation, Bildung & Vermittlung, Gallus Staubli, Telefon 0313575519, g.staubli@mfk.ch


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003