8/2003 | |
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Berichte |
Den 20. Band der von Simon Lauer und Clemens Thoma für das Institut
für jüdisch-christliche Forschung an der Universität Luzern
herausgegebenen Reihe «Judaica et Christiana» besorgte Silvia
Käppeli als Festschrift zum 70. Geburtstag von Clemens Thoma, dem ersten
Inhaber des Lehrstuhls für Judaistik an der Theologischen Fakultät
Luzern und dem ersten Leiter ihres Instituts für jüdisch-christliche
Forschung. Unter dem Titel «Lesarten des jüdisch-christlichen
Dialoges»<1> ist eine stattliche
Reihe von Beiträgen (in deutscher und englischer Sprache) versammelt,
die verschiedenste Momente der jüdisch-christlichen Beziehungen in
Geschichte und Gegenwart, aber auch anstehende Aufgaben zur Sprache bringen
seien es Themen der jüdisch-christlichen Forschung oder Bedingungen
der Möglichkeit des jüdisch-christlichen Gesprächs. So bedenkt
etwa Rudolf Schmid die jüdisch-christliche Forschung als eine auch
der katholischen Theologie inhärente Notwendigkeit. Und so klagt Leon
Klenicki den beidseitigen Triumphalismus als Hindernis für dialogische
Beziehungen an: auf Seiten des Christentums den theologischen Triumphalismus
(«der einzige Weg zum Heil») und auf Seiten des Judentums den
Triumphalismus des Leidens und der Erinnerung.
Überreicht wurde die Festschrift Clemens Thoma an einer Geburtstagsfeier,
zu der jüdische und christliche Gäste geladen waren, und die Festreden
von einem jüdischen Philosophen und einem katholischen Theologen gehalten
wurden. Norbert Samuelson, Professor für jüdische Philosophie
an der Arizona State University, sprach über Rache und Vergebung in
der jüdischen Tugendethik. Eingehend stellte er dar, was Maimonides
zu diesem Themenkreis lehrt; denn für die traditionelle rabbinische
Ethik sei keine Autorität so wichtig wie Maimonides. Aus dem Werk «Moreh
Nebuchim (Führer der Verirrten [Unschlüssigen]» erhob er
die grundsätzliche und allgemeine Aussage Maimonides', Vergebung sei
eine Tugend und Rache nicht. Die Erörterungen in «Mischneh Tora
(Wiederholung des Gesetzes)» konkretisieren dann diesen Grundsatz.
So hat der Tugendhafte keinen Zorn über erlittenes Unrecht aufkommen
zu lassen; als Lehrer hat er aber den, der Unrecht getan hat, damit zu konfrontieren.
Ein tugendhafter Mensch wird dem, der ihn beleidigt hat, vergeben, wenn
er bereut, besonders weil eine tugendhafte Person sich durch eine Beleidigung
nicht beleidigt fühlt. Vergebung ist jedenfalls von Gerechtigkeit unabhängig;
Gerechtigkeit verlangt nämlich, dass die Missetäter für ihre
Missetaten bezahlen, selbst wenn sie sie bereuen. Wiedergutmachung indes
erfordert allein die allgemeine Wohlfahrt der Gesellschaft.
Maimonides' Tugendethik sei keine allgemeingültige Lehre, schränkte
Norbert Samuelson ein. Denn zum einen richte sie sich an ein jüdisches
Publikum Maimonides behandelt die Beziehungen zwischen Juden
und zum andern ist auch dieses besondere Publikum vielgestaltig; vor allem
aber entwickelte Maimonides seine Tugendlehre für die «Gerechten»,
nicht für das gewöhnliche Volk.
Auch über das Vergessen äussert sich Maimonides nicht. Die neuere
jüdische Literatur bezeichnet die Erinnerung als eine zentrale jüdische
Tugend; für sie gelte aber, was für jedes allgemeine Gesetz gelte:
es kann nicht zu jeder Zeit in gleicher Weise angewendet werden. Für
Norbert Samuelson kann die Erinnerung sogar zu einem Laster verkommen. Die
Aufmerksamkeit ständig auf die grossen Untaten richten, die dem jüdischen
Volk angetan wurden, sei kein Rezept für ein gesundes jüdisches
Leben.
Als christlicher Theologe setzte sich der Jesuit Christian Rutishauser,
im Lassalle-Haus Bad Schönbrunn für das jüdisch-christliche
Gespräch verantwortlich, mit Rabbi Joseph B. Soloveitchik (19031993)
auseinander, der sich in seinem Aufsatz «Confrontation» in Bezug
auf den theologischen Dialog mit der römisch-katholischen Kirche ablehnend
geäussert hatte; seine Einschätzung wurde vom «Rabbinical
Council of America» übernommen und dessen Urteil gilt noch heute.<2> Christian Rutishauser zeigte auf, wie
sich die Prämissen der Einschätzung von Joseph B. Soloveitchik
zwischenzeitlich geändert haben, so dass heute das Urteil des «Rabbinical
Council of America» revidiert werden könnte.
Beide Festreden zeigten die Notwendigkeit auf, in den jüdisch-christlichen
Beziehungen über erinnern und vergessen, bereuen und verzeihen vertieft
und gemeinsam nachzudenken.
1 Verlag Peter Lang, Bern 2002, 369 Seiten.
2 Der Aufsatz von Joseph B. Soloveitchik ist zuerst in der Vierteljahreszeitschrift der orthodoxen Yeshiva University in New York «Tradition» (Vol. 6, Nr. 2, 1964, S. 529) veröffentlicht worden. Der «Rabbinical Council of America» hat sein Urteil in derselben Nummer von «Tradition» (S. 29f.) veröffentlicht.