4/2003

INHALT

Berichte

Sexuelle Ausbeutung

von Matthias Müller

 

Am 23. Oktober 2002 lud die Deutschschweizerische Arbeitsgruppe für Ministranten-/Ministrantinnenpastoral DAMP zu ihrer jährlichen Tagung für Präsides nach Luzern ein. Mit dem Thema «Sexuelle Belästigung ­ körperliche Übergriffe ­ Missbrauch» wollte die DAMP den verantwortlichen Bezugspersonen in den Pfarreien eine fachliche Orientierungshilfe für ihre tägliche Arbeit mit den Ministrantinnen und Ministranten mit auf den Weg geben. Die Meldungen aus dem In- und Ausland über sexuelle Übergriffe auch innerhalb der kirchlichen Strukturen führten und führen verbreitet zu Verunsicherung im eigenen Handeln und werfen Fragen auf: Wie viel Nähe und Distanz brauchen Kinder? Wo verlaufen die Grenzen? Wie geht man mit möglicherweise betroffenen Kindern um? Wie kann ich präventiv handeln?

Vom Umgang mit Macht

Die Verunsicherung beginnt meistens schon bei der Frage, welche Begriffe im emotional geladenen Themenfeld die richtigen sind. Im Bereich der Freizeitarbeit mit Kindern und Jugendlichen ­ zu dem auch die Ministranten-/Ministrantinnen-Arbeit zählt ­ trifft die Bezeichnung «sexuelle Ausbeutung» am besten zu. In ihrer Einleitung machte die Referentin Dolores Waser Balmer, Kinderkrankenschwester mit Ausbildung und Erfahrung in Kinderpsychiatrie, Mitglied der Fachgruppe gegen sexuelle Ausbeutung der Stadt St. Gallen und Leiterin des Schlupfhauses in St. Gallen, deutlich, dass im Vordergrund der (un-)verantwortliche Umgang mit Macht und Grenzen steht. Gleichzeitig dürfe gerade in der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit die wertvolle Kultur von Nähe, Beziehung und Berührung nicht verloren gehen. Wo beginnt nun die sexuelle Ausbeutung? Ist es beispielsweise noch erlaubt, als Priester einer Ministrantin beim Binden der Kordel zu helfen? Die Antwort ist ein klares Ja. Wo die Grenzüberschreitung erfolgt und das Kind in seiner Integrität verletzt wird, zeigt folgende Umschreibung: «Sexuelle Ausbeutung beginnt dort, wo Erwachsene oder Jugendliche absichtlich Situationen herbeiführen, planen oder ihre Machtposition missbrauchen, um sich sexuell zu befriedigen.» Der verantwortungsvolle Umgang mit seiner Machtposition zeigt sich darin, dass man sich in zweifelhaften Situationen fragt: Was ist die Absicht der Handlung? Von wem geht die Handlung aus? Kann das Mädchen/der Knabe ohne Mühe Nein sagen? Welche Gefühle habe ich in dieser Situation?

Zur Situation der Opfer

Urs Hofmann, Pädagoge und Geschäftsführer des Vereins mira (Prävention sexueller Ausbeutung im Freizeitbereich) beleuchtete anschliessend die Situation der Opfer. Er betonte, dass selbst gleich geartete Formen von sexueller Ausbeutung je nach Person unterschiedliche, teilweise auch gegensätzliche Reaktionen hervorrufen können. Einen eigentlichen Kriterienkatalog für äusserlich feststellbare Symptome gebe es nicht. Gemeinsam sei den Betroffenen jedoch, dass sie mit der Zeit lernten, mit ihrer Situation umzugehen und sich eine eigene Welt aufbauten. Damit sie diese aufrechterhalten könnten, müssten sie häufig mehrere, sich im Grunde widersprechende Signale und Fakten in Einklang zu bringen versuchen. Deshalb müsse jede Form von externer Intervention sehr sorgfältig erfolgen. Betroffene dürften nicht einfach im Rahmen einer «Feuerwehrübung» an einem Bein angepackt werden. Hofmann beantwortete damit eine der sicher brennendsten Fragen der Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer, wie sie bei einem Verdacht auf sexuelle Ausbeutung handeln können bzw. sollen: Keine vorschnelle, noch so gut gemeinte Intervention, auch wenn die Ausbeutung unter Umständen immer noch andauert, sondern zwingend professionelle Hilfe bei einer fachlichen Beratungsstelle einholen. Laien könnten der betroffenen Person höchstens die Möglichkeit zum Gespräch anbieten, verknüpft mit dem Versprechen, dass nichts unternommen wird, was diese nicht will.

Zur Typologie der Täter und Täterinnen

Ein weiterer, für die Diskussion des Themas im kirchlichen Umfeld interessanter Hinweis war eine Liste von verschiedenen Typen von Täterinnen(!) und Tätern. Rund 23 können als «kompensatorische Pädosexuelle» bezeichnet werden. Ihre ausbeuterischen Handlungen pflegen sie parallel zu einer normalen sexuellen Beziehung. Die eigentlichen «pädophilen», das heisst auf eine bestimmte Altersgruppe fixierten Täter, machen im Vergleich dazu nur einen kleinen Teil aus.
Am Nachmittag wurde in geschlechtergetrennten Gruppen gearbeitet. Die Frauen schauten den Film einer betroffenen jungen Frau an, die als eine der ersten ihren Vater anzeigte und vor Gericht brachte. Im Anschluss wurden verschiedenste Fragen diskutiert, und Dolores Waser Balmer zeigte bei einzelnen Themen direkte Hilfestellungen bzw. mögliche weitere Schritte auf. Die Männer diskutierten anhand einer Erzählung die Grenzen des Verstehenkönnens von Argumenten und Handlungen eines Täters. Dabei wurde klar, dass man nicht vorschnell jegliche Fantasien als Keim von sexueller Ausbeutung fürchten muss, sondern sie auch als normale Reaktion akzeptieren darf. Anhand von Entwicklungsphasen von der Fantasie bis zu den sexuellen Handlungen und Schuldgefühlen wurde gleichzeitig deutlich, wo der Missbrauch der eigenen Machtposition beginnt.
Abschliessend wies Urs Hofmann darauf hin, dass das Thema «sexuelle Ausbeutung» im kirchlichen Umfeld durch verschiedene Umstände eine besondere Brisanz erhält: Die patriarchale geistliche Hierarchie und der Charakter des «Heiligen» verstärkten das Machtgefälle innerhalb der Strukturen. Das nach wie vor negativ vermittelte Bild der Sexualität erschwere es, offen über mögliche Gefahren und Probleme zu sprechen. Prävention innerhalb der Institution Kirche sei daher am effektivsten über eine Selbstverpflichtung von einzelnen Gruppen und Organisationen möglich.
Die Bereitschaft der Präsides, sich auch in persönlicher Auseinandersetzung mit dem Thema zu beschäftigen, bildete die Grundlage für die gelungene Tagung. Dolores Waser Balmer und Urs Hofmann gelang es, mit ihren präzisen Ausführungen wertvolle Orientierungshilfen zu vermitteln und Mut zu machen für ein unverkrampftes Auftreten gegenüber den Ministrantinnen und Ministranten.<1>


Anmerkung

1 Weitere Informationen zur Fachstelle mira: www.mira.ch


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