42/2002

INHALT

Wortmeldung

Auferstehung?

 

In der SKZ 38/2002 empfiehlt Daniel Kosch ein «Kompendium feministischer Befreiungstheologie» als «Pflichtlektüre» zum Thema Auferstehung. Ich habe nur die Besprechung dieses Buches, nicht aber das Buch selber gelesen. Der Rezensent ist in der SKZ bekannt für seine exegetischen Einführungen zu den Sonntagslesungen.
Der besprochene Sammelband kritisiert und verändert das traditionelle Auferstehungsverständnis, wie es in unserem Glaubensbekenntnis als Auferstehung Christi und als Auferstehung der Toten zum ewigen Leben grundgelegt ist. Er spricht von «Auferstehungserfahrungen», die «mit Alltag, Praxis und Leben zu tun haben, was zugleich ausschliesst, dass ÐAuferstehungð erst jenseits der Todesgrenze stattfindet». Ich habe nichts dagegen, dass man Heils- und Heilungserfahrungen im AT, im NT und im eigenen Leben als «Auferstehungsgeschichten in nuce» bezeichnet. Wollen aber die feministischen Autorinnen des besprochenen Bandes (und der Rezensent) damit wirklich den grundlegenden Glauben an die Auferstehung Christi und an das ewige Leben ersetzen? Ist der christliche Glaube an die objektive Auferstehung und an das ewige Leben nur ein «theoretisch-theologisches Konzept» einer sterilen und müden traditionellen theologischen Sprache? Offensichtlich werden hier die «Erfahrungen und Erinnerungen der Jesusbewegung» ausgespielt gegen ein «dogmatisches Auferstehungsverständnis, das aus der Ðmännlichen religiösen Gefangenschaft befreitð werden muss». Der folgende Satz zeigt, dass der marxistisch geprägte Klassenkampf zwischen Männern und Frauen noch nicht vorbei ist: «Die religiös und politisch Machthabenden verzweckten Auferstehung zu einem in der Person Jesu zentrierten Dogma», so dass sie «schliesslich Ursache von Ausschluss und Verfolgung vieler Menschen wurde. Die Jesusbewegung dagegen gründete sich auf Werte, die fähig waren, die Würde aller Ausgegrenzten zu garantieren...» Mit solchen Aussagen wird der christliche Auferstehungsglaube als unmoralisch (im Sinn des Marxismus) diffamiert. Es bleibt dann nur der rein diesseitige Erfahrungsbereich, und Jesus Christus wird reduziert «zu einer Art gemeinsamem Bezugspunkt, gemeinsamer Sprache in der Vielfältigkeit der Ausdrucksformen von Auferstehung». Er bleibt zwar in Erinnerung, hat aber für die Gegenwart keine weitere Bedeutung. Hat sich die feministische Theologie tatsächlich so weit vom christlichen Glauben entfernt? Wer kann sie dann noch ernst nehmen?
Mich wundert es, dass ein «im Fach Exegese promovierter Theologe» solche Aussagen akzeptiert und sogar als zukunftsweisend anpreist. Er kennt doch das 15. Kapitel des 1. Korintherbriefes des Apostels Paulus mit dem Satz: «Wenn wir unsere Hoffnung nur in diesem Leben auf Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher daran als alle anderen Menschen. Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen.» Er kennt doch auch die johanneischen Texte, die vom ewigen Leben sprechen. Auch die klaren Aussagen Jesu in den Evangelien über dieses Thema sind ihm sicher nicht unbekannt. Wie kann man behaupten, die Autoren des NT hätten so geschrieben, weil sie zu den «religiös und politisch Machthabenden» gehörten? Hat die ideologische Brille den Rezensenten so blind gemacht, dass er nicht merkt, in welchem Widerspruch zum Neuen Testament und zum Glauben der christlichen Kirchen er steht?
Er verweist auf die Aufklärung, die historische Kritik an der Bibel und die «Entmythologisierung», die er im Band der feministischen Autorinnen teilweise vermisst, und liefert hier ein Beispiel, wie man mit Hilfe der modernen exegetischen Methoden den biblischen Text in das genaue Gegenteil verkehren kann. Gegen diesen Missbrauch der kritischen Methoden der Bibelauslegung müssten eigentlich die Exegeten selber antreten. Die wirklich guten Exegeten kennen ja nicht nur die Möglichkeiten ihrer Methoden, sondern auch deren Grenzen. Ich hoffe, dass diese im «Jahr der Bibel» in den Vordergrund treten.

Max Syfrig


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002