25/2002

INHALT

Wortmeldung

Religionsunterricht

 

Zunächst herzlichen Dank, Alexander Schroeter, für den ausführlichen und ­ jedenfalls für den religionspädagogisch Interessierten ­ anregenden Artikel in der SKZ 22/2002.
Es ist eine Möglichkeit, den RU ­ wie in Punkt 5 ­ als Balanceakt zwischen Kirche, Eltern und Kindern zu beschreiben. Mir scheinen dabei allerdings einige Bedingungen ausgeblendet. Denn dieser Balanceakt findet ja nicht im zusammenhanglosen Raum statt. Er ist eingebettet in die Bedingungen unseres Menschseins und die Bedingungen unserer Kultur. Von daher ergeben sich für den Religionsunterricht durchaus gewichtige Argumente.
So formulieren wir zum Beispiel im neuen Lehrplan für die Landeskirche Schaffhausen: «Religion ist ein grundlegendes Faktum in den Kulturen der Menschheitsgeschichte ... Religion ist ein wesentliches Grundphänomen menschlicher Existenz.» «Religiös sein bedeutet, leidenschaftlich nach dem Sinn unseres Lebens zu fragen ... Eine solche Auffassung macht die Religion zu etwas universal Menschlichem ...
Religion ist in ihrem wahren Wesen ... das Sein des Menschen, sofern es ihm um den Sinn seines Lebens und Daseins überhaupt geht.»
Weil also der Mensch grundlegend religiös veranlagt ist ­ auch wenn das nicht immer bewusst ist und die eigentlich religös-spirituelle Sehnsucht häufig marktwirtschaftlich angezapft und in eine Konsumsucht umgeleitet wird ­, ist es wichtig ­ im Sinne der Reifung des Menschen ­, diesen Bereich in Bildung und Erziehung wahrzunehmen. «Religion und Religiosität gehören untrennbar zum Menschsein. Als Grundkonstante menschlichen Lebens muss Religion durch Schule und Erziehung entfaltet, begleitet und zur Reife gebracht werden. Gerade gegen weltanschauliche Gleichgültigkeit auf der einen und fundamentalistische Engführungen auf der anderen Seite muss es Ziel einer religiösen Bildung sein, die religiöse Reife, Toleranz, Differenzierungsfähigkeit und Verwurzelung der Heranwachsenden zu begleiten und zu fördern. Religion als erkennbare Dimension der Wirklichkeit verdient es, im schulischen Kontext aufgedeckt, reflektiert und gebildet zu werden.»
Unsere Kultur, in der wir leben, ist gewachsen. Sie ist nicht eine «Erfindung» des 21. Jahrhunderts. «Jede Gesellschaft ist geprägt durch weltanschauliche und religiöse Vorstellungen. Diese Vorstellungen sind gewachsen. In einem langen Prozess wurde unsere Kultur geprägt durch die christliche Religion. Die Kirchen haben diese religiösen Vorstellungen überliefert und bis heute bewahrt. Die zentralen Wurzeln der europäischen Kultur liegen zweifelsohne im Christentum.»
Religionsunterricht ist meines Erachtens nicht nur ein Balanceakt zwischen Kirche, Eltern und Kindern. Auch Gesellschaft und Staat müss(t)en ein Interesse daran haben, welche Gottes-, Menschen- und Weltbilder die Generation von morgen zum Handeln motivieren.
Zwar ist es richtig, dass der Staat weltanschaulich neutral ist und sich entsprechend verhalten soll. Aber damit gerät er spätestens im Bereich der Bildung in Spannungen. Ich kann mir schlechterdings keine Pädagogik vorstellen, die im weltanschaulichen Niemandsland angesiedelt ist. Jede verantwortungsvolle Pädagogik hat eine Vorstellung vom Menschen, vom Sinn seines Lebens, vom Ziel seiner Entwicklung und lebt damit von bewussten oder unbewussten weltanschaulichen Axiomen. Eine weltanschaulich neutrale Pädagogik ist ­ zu Ende gedacht ­ ein hölzernes Eisen.
Deswegen ist es meines Erachtens nicht nur die Aufgabe der Kirchen, für die sinnvolle religiöse Bildung und Erziehung der nachwachsenden Generation zu sorgen. Sondern vor allem auch der Staat müsste sich dieses Themas ­ in Zusammenarbeit mit den Kirchen ­ annehmen.
Den Balanceakt zwischen Staat und Kirche gerade im Bereich der öffentlichen Schule bekommen die Religionslehrkräfte allerdings häufig täglich vor Ort zu spüren, wenn es zum Beispiel um Stundenpläne, Zimmerzuteilungen oder Klassenzusammenlegungen geht. Dieser strukturelle Teil muss auch bearbeitet werden.

Hannes Steinebrunner
Katechetische Arbeitsstelle
Schaffhausen


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002