23/2002 | |
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Wortmeldung |
Sehr geehrter Herr Müller
wir erachten es als positiv, dass das Thema Exorzismus in einem offiziellen
Organ der Kirche behandelt wird, nachdem es an den Theologischen Hochschulen
während Jahrzehnten beinahe systematisch ausgeklammert wurde. Doch
erlauben wir uns aus der seelsorglichen Praxis heraus einige
Anmerkungen.
Wie antworten Sie auf den Vorwurf freikirchlicher Kreise, dass die Landeskirchen
dem Auftrag «treibt Dämonen aus» heute nur noch in äusserst
beschränktem Mass nachkommen? Wie setzt die Römisch-Katholische
Kirche Lk 9,1 um, wo es heisst: Jesus «gab ihnen die Kraft und die
Vollmacht, alle Dämonen auszutreiben und die Kranken gesund zu machen».
Ist der ganz selten zur Anwendung kommende Exorzismus schon die Erfüllung
dieses Auftrags? Wir müssen Ihnen nicht alle Bibelstellen aufzählen,
in welchen von Austreibung der Dämonen gesprochen wird. Wie häufig
kommen solche Texte in der Liturgie vor und wie oft versucht man in der
Predigt zu vermeiden, die Stellen «fundamentalistisch» auszulegen.
Wird man jedoch mit einer symbolischen Deutung diesen Stellen gerecht?
Und wie steht es mit Krankenheilungen in unserer Kirche? Wir finden sie
fast ausschliesslich in «fundamentalistischen» Kreisen. Was
immer der Grund solcher Heilungen ist für die betroffenen Menschen
sind sie gültige Erfahrungen! Statt «fundamentalistische Kreise»
(ist das ein Fachbegriff oder ein Schimpfwort?) oberflächlich und verletzend
anzuprangern, könnte man etwas von ihnen lernen. Vielleicht haben diese
Kreise auch eine prophetische Botschaft für unsere Kirche.
Sie schreiben vom Beispiel der Anneliese Michel. Wir denken, es ist enorm
wichtig, sich im Rahmen einer theologischen Diskussion nicht auf Sensationsberichte
abzustützen, sondern wissenschaftliche Literatur beizuziehen, zum Beispiel
das aufschlussreiche Buch von Prof. Dr. Felicitas D. Goodman, welche auf
S. 294 zum Schluss kommt, dass letztlich die Verschreibung von Tegretal
zum Tod von Anneliese führte. Und selbst wenn sie tatsächlich
an den Folgen des Exorzismus gestorben wäre, könnte man niemals
a priori auf die Schlechtigkeit desselben schliessen. Ansonsten müssten
Ärzte und Psychiater ihre Tätigkeiten sofort alle einstellen.
Wie mancher Patient stirbt in der psychiatrischen Behandlung? Wie manche
Operation endet mit dem Tod? Deshalb darf man ja weder Medizin noch Psychiatrie
pauschal verurteilen!
Bedenklich scheint uns auch, den so genannten «Probe-Exorzismus»
kategorisch zu verbieten. Gabriele Amorth, ein erfahrener Exorzist mit unzähligen
Erfolgen, schreibt, dass manchmal die einfachste Methode festzustellen,
ob eine Besessenheit vorliegt, eben der Exorzismus sei.
Und zum Schluss geben wir Ihnen noch zwei Knacknüsse von Einzelfällen
aus unserem Bekanntenkreis: Eine Frau hatte plötzliche Ängste
und schizophrene Zustände (sie hörte Stimmen usw.). Von zwei Priestern,
bei denen eine Freundin von ihr angeklopft hat, wurde sie abgewiesen. Die
Antwort war: «Gehen Sie zum Psychiater». Wir sind anhand der
Beschreibung des Falls überzeugt, dass sie heute noch in Behandlung
wäre. Jedenfalls griff ihre Freundin kurzerhand zum Exorzismus: und
mit Erfolg! Die Frau ist von Ängsten und schizophrenen Zuständen
befreit! Ob es hier nicht angesagt ist, mangels Erfüllung des Auftrags
der «offiziellen» Kirche, den Can. 1752 des CIC geltend zu machen
(welcher ja von liberalen Kreisen so gerne zitiert wird).
Der zweite Fall ist ein Mann, der oft zerstörerische Wutausbrüche
hatte. Nachdem eine Psychotherapie wegen zu hohen Kosten (und ohne geringsten
Erfolg!) abgebrochen wurde, suchte dieser Mann einen Bischof auf, welcher
den Exorzismus machte (also einer dieser Exorzismuswallfahrer!). Und siehe,
der Erfolg war so gross, dass der Mann selber staunte.
Wie gesagt es ist lobenswert, dass der Exorzismus in der Kirchenzeitung
thematisiert wurde. Wir wünschten uns jedoch mehr Unvoreingenommenheit
in dieser Sache. Die Einzelfälle müssten genauer untersucht werden,
die Erfolge des Exorzismus dürften nicht heruntergespielt werden, und
Misserfolge von Medizin, Psychiatrie und Psychologie müssten weit ernster
genommen werden. Der Forderung an die Seelsorger, Leute mit krankhaften
Erscheinungen an den Arzt, Psychiater, Psychologen weiter zu verweisen,
müsste auch eine Forderung in die andere Richtung entsprechen! In der
Praxis stösst man zudem auf die Schwierigkeit, Psychiater/Psychologen
zu finden, welche die Möglichkeit dämonischer Einflüsse ernst
nehmen. Deshalb bleibt die Forderung einer Zusammenarbeit oft frommes Wunschdenken.
Es ist uns sehr wohl bewusst, dass der unsachgemässe Gebrauch des Exorzismus
bei labilen Menschen grossen Schaden anrichten kann. Ebenso ist es uns aber
auch bewusst, dass der «Abschied vom Teufel» und die damit verbundene
Unterbindung des Exorzismus weder dem Evangelium noch der Tradition unserer
Kirche entspricht. Die betroffenen Menschen werden von der Kirche allein
gelassen und in den Bereich der Illegalität gedrängt. Wenn schon
so grosses Gewicht darauf gelegt wird, dass nur speziell vom Bischof beauftragte
Priester den Exorzismus vollziehen dürfen, ist es ein offensichtlicher
Missstand, dass wie Sie behaupten in der ganzen Schweiz nur
ein einziger Bischof einen Exorzisten ernannt hat. Überhaupt stellt
sich die Frage, warum man über solche Leute so hart urteilt, während
permanente Verstösse gegen die Liturgischen Regeln (z.B. selbstgemachte
Hochgebete, Konzelebration von Laientheologen, Spendung von Pseudo-Krankensalbungen
usw.) schon längst zur Normalität gehören.
Dankbar für Ihren Beitrag grüssen wir Sie und bleiben im Gebet verbunden.