15/2002 | |
INHALT | |
Wortmeldung |
Mit Interesse und Betroffenheit habe ich den Artikel in der SKZ 10/2002
von Bruno Strassmann-Schanes gelesen: Interessiert, weil ich selbst jene
Erfahrungen kenne und laufend kennen lerne, die der Verfasser anspricht.
Seine Analyse der Situation bringt es buchstäblich auf den Punkt. Betroffen,
weil immer noch zu leichtfertig mit dieser Thematik umgegangen wird. Weder
in theologischen Ausbildungen noch in Pastoralkursen, weder in Vorbereitungsseminaren
zu Diakonatsweihen noch in Weiterbildungsangeboten taucht die Fragestellung
der Zerreissprobe zwischen Pfarrei und Familie auf.
Es stimmt: die katholische Kirche hierzulande kann nur auf wenig Erfahrungswerte
zurückblicken. Aber darf dies als Entschuldigung gelten, dass man verheiratete
Frauen und Männer diesbezüglich unvorbereitet in die Leitung einer
Pfarrei entlässt, die womöglich bis vor kurzem durch zölibatär
lebende Priester geleitet wurde? Es ist eine Tatsache, dass mit der Schaffung
von Pfarreileitern bzw. Pfarreibeauftragten (wie bei uns im Bistum St. Gallen)
gerade verheiratete Seelsorger oder Seelsorgerinnen in Arbeitssituationen
entlassen wurden, die bis anhin durch zölibatäre Berufe besetzt
waren. Die Unterscheidung, dass diese ja keine Priester sind, sondern eine
Art Bezugspersonen mit Verantwortung und Kompetenzen, ist nur auf dem Papier.
De facto sind sie gerade in der unmittelbaren Seelsorge und im Gemeindeaufbau
der «Pfarrer» am Ort (was ja auch sympathisch ist und
zeigt, dass sie von den meisten Pfarreimitgliedern akzeptiert werden). An
sie werden dieselben Erwartungen gerichtet, und in manchen Pfarreien wird
deren Erfüllung sogar noch schärfer überprüft. Pfarreileiter
bekommen meistens nicht dieselben Vorschusslorbeeren wie Priester. So sind
jene Schwierigkeiten vorprogrammiert, die zwangsläufig kommen müssen:
Rollenkonflikte zwischen Pfarrei und Familie, unerfüllte Ideale als
Familienvater oder -mutter, zermürbender Kampf mit dem Terminkalender
um Freiräume, Familie als Puffer, und nicht zuletzt die lähmende
ständige innerkirchliche Auseinandersetzung um Kompetenzen und Verantwortung.
Leider immer noch wird auch unter den betroffenen Seelsorgerinnen und Seelsorgern
geschwiegen. Kaum jemand spricht über die Herausforderungen, die sich
die Familien in der «Pfarrerfunktion» zu stellen haben. Dabei
sind die Chancen, welche Familien in die Seelsorge hineinbringen, ungeahnt.
Die Familie in ihrer Vielseitigkeit als christlicher (und katholischer)
Wert in Verbindung mit Pfarreileitungsfunktionen ist in unserer pluralen
Welt ein grundsätzlich positives Zeichen. Verheiratete Seelsorger wissen
um Ängste, Fragen und Nöte von Vätern und Müttern.
Nicht nur für die berufliche Praxis bin ich unendlich dankbar für
eigene Erfahrungswerte. Die Familie ist für mich persönlich ein
enorm wichtiger Ausgleich, verlangt aber auch meine entsprechende Aufmerksamkeit
und den nötigen Schutz vor einer beruflichen Verzwecklichung. Dort,
wo es gelingt, als Familie wahrgenommen zu werden, ohne dass man sofort
den «Pfarrer» erkennt und benennt, können natürliche
und freundschaftliche Beziehungen aufgebaut werden. Wir machen die Erfahrung,
dass wir nicht nur über den Beruf definiert werden, sondern als junge
Familie, die in denselben gesellschaftlichen Herausforderungen steht. Dabei
ist es interessant zu beobachten, dass christlicher Glaube, Kirche und Seelsorge
unverhofft zum Gespräch werden auf Spielplätzen, im Kindertreff,
beim Elternabend...
Ich hoffe sehr, dass die Familie, die ein Seelsorger, eine Seelsorgerin
in die Tätigkeit mitbringt, besser wahrgenommen wird und die besondere
Herausforderung, in die gerade ein Pfarreileiter, eine Pfarreileiterin mit
Familie gestellt wird, in Weiterbildungen, bei Dekanatsveranstaltungen,
in Ausbildungen endlich angesprochen wird. Es gibt genügend Frustrationspotenzial.
und man müsste es nicht künstlich noch erhöhen.