51-52/2002

INHALT

Kirche in der Welt

Bethlehem: Versperrte Wege

von Klaus Röllin

 

In ihrem Aufruf zum Weihnachtsopfer für die Kinderhilfe Bethlehem schreiben die Schweizer Bischöfe: «Inmitten der täglichen Nachrichtenflut nehmen wir Bethlehem heute wahr als eine der politisch und militärisch bedrängten Städte Palästinas. Wochenlang war die Geburtskirche in Bethlehem belagert. Über Monate hin sind durch lange dauernde Ausgangssperren die Menschen gedemütigt und entmutigt worden. Ihr wirtschaftliches, soziales und familiäres Leben ist aufs Tiefste gestört und behindert.» Diese Situation, die nach Ostern und bis in den Sommer hinein dauerte, ist auch jetzt wieder entstanden. Zum dritten Mal in diesem Jahr hat gegen Ende November die israelische Armee Bethlehem besetzt und eine rigoros durchgeführte Ausgangssperre verhängt. Während mehr als 120 Tagen hat die Bevölkerung Bethlehems seit dem Osterdienstag dieses Jahres nun ihre Häuser nicht verlassen dürfen. Die Menschen sind in ihrer Wohnung gefangen. Palästinenser haben in den letzten Jahren oft gesagt: «Wir leben in einem grossen Gefängnis, und Israel hat den Schlüssel in der Hand.» Heute sind sie sogar gefangen in ihren vier Wänden ­ mit allen Folgen für das Leben.

Das Kinderspital ist erweitert und saniert

Inmitten dieser politisch angespannten und oft gefährlichen Situation, inmitten dieser trostlosen wirtschaftlichen Ödnis, inmitten der von vielen Menschen als hoffnungslos empfundenen politisch-militärischen Situation hat die Kinderhilfe Bethlehem das Kinderspital, das Ambulatorium und die Sozialdienste aufrechterhalten können. In einem gegenüber den Vorjahren etwas eingeschränkten Rahmen konnte auch die Unterstützung von Projekten im Bereich der Gesundheitsvorsorge, der Behindertenarbeit und der Sozialarbeit fortgesetzt werden. Stärker als in früheren Jahren war man engagiert in der humanitären Soforthilfe.
Unter sehr erschwerten Umständen hat die Trägerschaft in den letzten fünf, sechs Jahren das Kinderspital erweitert und saniert. Die für Bauaufgaben in den Vorjahren gebildeten Reserven sind aufgebraucht worden. Derzeit belasten die getätigten Bauaufgaben die Rechnung noch erheblich. Die Bauarbeiten haben oftmals politisch bedingte Verzögerungen erfahren, weil sehr viele Materialien und auch handwerkliches Know-how aus Israel bezogen werden musste. Sehr oft und manchmal auf längere Zeit hin war keine israelische Firma bereit oder in der Lage, in Bethlehem die erforderlichen Bauarbeiten zu verrichten oder die technischen Einrichtungen einzubauen. Es war ein reiner Glücksfall, dass die meisten Arbeiten im Spätjahr 2000, damals begann die so genannte zweite Intifada, die Al-Aksa-Intifada, abgeschlossen waren. Einzig die Wasseraufbereitungsanlage war noch nicht montiert. Da jedoch zuvor aus Gründen der Sicherheit und der Vorsorge eine provisorische Anlage erstellt worden war, ist daraus für das Spital noch kein Nachteil erwachsen.
Grössere Bautätigkeiten, wie sie die Trägerschaft in diesen Jahren in Bethlehem unternommen hat, sind unter den dortigen politischen Verhältnissen zwar nicht ein «Va-Banque-Spiel», aber doch immerhin ein «Va-Banque-Unternehmen». Einen Baufortgang unter den dortigen Verhältnissen mit europäischen Massstäben messen zu wollen (und wie unterschiedlich sind doch selbst die europäischen Massstäbe), grenzt schon fast an eine kulturelle Anmassung. Trotzdem gehört es eben auch zu den Aufgaben der Trägerschaft, an eine solche umfangreiche Bautätigkeit die hiesigen Sonden zu legen und eine Bauprüfung vorzunehmen, die so präzis wie nur möglich Arbeitsabläufe, Bausubstanz und Kosten erfasst und prüft. Nachdem nun mit Ausnahme der Wasseraufbereitung alle Arbeiten erledigt sind (bis hin zur Erneuerung des Labors und der Einrichtung einer neuen Röntgenanlage und eines neuen Ultrasound-Geräts), konnte eben jetzt der Auftrag zur Bauprüfung bzw. der Bauabrechnung erteilt werden.

Innerer Ausbau ist ebenso wichtig

So wichtig für die Trägerschaft wie auch für die breite Spenderschaft eine professionelle Rechenschaftsablage über die Bautätigkeit ist, so wichtig ist zu sehen, dass auch die Dienstleistungen im Kinderspital und in der Projektarbeit der periodischen Überprüfung bedürfen. Die Kinderhilfe Bethlehem hat zu einer Zeit, als es den palästinensischen Menschen vergönnt war, an den Aufbau einer eigenen Verwaltung zu denken, den Entscheid gefällt, das Kinderspital zu erweitern und grundlegend zu sanieren. Das war eine klare Botschaft an die einheimische Bevölkerung. Es war die Botschaft: «Wir sind hier ­ seit nunmehr 50 Jahren ­ und wir werden hier bleiben, auch unter politisch misslichen Bedingungen.»
Unterdessen sind die Zeiten wieder ausserordentlich schlecht geworden, und das Caritas Baby Hospital ist weiterhin offen, wenn auch für manche Eltern oft nicht oder nur unter gefährlichen Umständen erreichbar. Wer in Bethlehem auf ruhige Zeiten wartet, um etwas zu tun, der wird nie ein Resultat haben. Die Kinderhilfe Bethlehem hat lernen müssen, dass man Schritte tut, selbst dann, wenn alle sagen, dass es keinen Weg gibt, auf den man den Fuss setzen kann. Deshalb wird auch jetzt darüber nachgedacht, in welche Richtung sich die Angebote dieses Kinderspitals entwickeln sollen. Gerade weil das Kinderspital zu einem Gesundheitszentrum der Region geworden ist und in im Bereich der Gesundheitsvorsorge und der therapeutischen Arbeit noch viel zu tun ist, wird derzeit überlegt, ob das Spital nicht gezielt zu einem «Ausbildungsspital» («Teaching-Hospital») für verschiedene Medizinalberufe werden könnte. Abgeklärt wird derzeit auch, ob das Spital sich nicht auch auf die Aufnahme von Kindern ab sechs, sieben Jahren einrichten sollte. Bis jetzt ist das Spital eine Kleinkinderklinik.
Neue Aufgaben werden auch durch die politischen Verhältnisse diktiert. Gebieterisch stellt sich die Frage, ob das Spital nicht Patientensammelstellen einrichten muss, um die Patienten (und ihre Eltern) sicher ins Spital bringen zu können. Ebenfalls nur in Kontakt und Absprache mit den örtlich jeweils herrschenden Verwaltungen kann der Frage nachgegangen werden, ob nicht «das Spital zu den Kindern gehen muss», wenn die Kinder nicht ins Spital gebracht werden können. In dieser «Herberge» ist zwar Platz vorhanden, aber die Wege sind oft zugesperrt, verbarrikadiert.

Weihnachten in Bethlehem

Um eines Kindes willen, das in Bethlehem geboren wurde, feiert die christliche Welt Weihnachten. Im Mittelpunkt dieses Festes steht das Kind Jesus ­ Gott rettet. Ein verheissenes Kind nimmt seinen Anfang in einer Höhle, in einem Futtertrog inmitten von Stallgeruch und Tierwärme. Der Evangelist Matthäus berichtet von weitern Umständen: Engel verkünden Frieden, Hirten eilen zum Kind, Magier suchen den Weg. Der Stern steht still über diesem Ort. Eine Mitarbeiterin des Kinderspitals schreibt dazu: «Diese Bilder aus der Bibel in Ort und Landschaft Bethlehems hineinzustellen, fällt einem leicht. Noch gibt es sie ­ die Hirtenfelder, die Höhlen, den Geruch der Tiere, das unbeschreibliche Licht, die belagerte Stadt. Notunterkünfte sind auch heute noch gefragt. Die Erwartung nach Licht und Sehnsucht nach Frieden sind nicht weniger gross als damals.»
Doch das Bethlehem von heute bietet sich in dieser Adventszeit so dar: Vor der Geburtskirche von Bethlehem stehen Militärjeeps, die Strassen sind menschenleer, und immer mehr Geschäfte schliessen, weil sie keine Waren mehr anbieten können. Bethlehem ist zur Adventszeit wieder durchgehend von israelischem Militär besetzt ­ zum dritten Mal in diesem Jahr. Auch das Caritas Baby Hospital ist davon betroffen, ganz stark auch seine rund 180 einheimischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sieben italienischen Ordensfrauen von Padua und die kleine Gruppe von europäischen Fachleuten. Wie bei den Besatzungszeiten zuvor bleibt das Spital auch unter den so schwierigen Bedingungen für seine kleinen Patienten offen.
Bethlehem feiert dreimal Weihnachten. Am 24./25. Dezember ist es das Fest der Kirchen des Westens, die dem gregorianischen Kalender folgen. Am 6./7. Januar feiern die Ostkirchen, die sich dem julianischen Kalender verpflichtet wissen, und die armenischen Christen halten sich an den Festkalender von Jerusalem aus dem Jahr 420. Sie feiern am 18./19. Januar. Wer in Bethlehem oder in Jerusalem wohnt, muss sich Tage zuvor ­ so sagt es eine Mitarbeiterin des Spitals ­ immer wieder in Erinnerung rufen: Am 24. und 25. ist Weihnachten. Die Christen im Heiligen Land sind eine kleine, sehr kleine Minderheit geworden. Man spricht noch von 2 bis 4 Prozent der Bevölkerung. Da kann man sich denn leicht vorstellen, dass das Alltagsleben nicht vom christlichen Festkalender geprägt ist.
Für das Caritas Baby Hospital und seine Trägerschaft, die Kinderhilfe Bethlehem, bleibt es in solcher Lage ausserordentlich wichtig, aus ihrem christlichen Selbstverständnis heraus der menschlichen Not zu begegnen. Dass sie dabei auf die moralische und finanzielle Unterstützung der Christinnen und Christen in Europa angewiesen bleibt, ist unverzichtbar. Das Weihnachtsopfer der Schweizer Katholiken ist ein massgeblicher Beitrag ­ für dieses Kinderspital in Bethlehem und für viele weitere humanitäre Aktionen in den Ländern des «Heiligen Landes».

 

Klaus Röllin ist Geschäftsführer der Kinderhilfe Bethlehem.


Geschichte der Kinderhilfe Bethlehem

 

1948

In der Gründung des Staates Israel sehen die arabischen Nachbarn die Rechte der Palästinenser missachtet. Sie greifen den Staat Israel an. Schätzungsweise 600 000 bis 1 Mio. Palästinenser leben nach dem Krieg in provisorischen Flüchtlingslagern, weil sie nicht in ihre Dörfer zurückkehren können.

1952

Pater Ernst Schnydrig, der im Auftrag des Deutschen Caritasverbandes aus den palästinensischen Flüchtlingslagern berichtet, erlebt in Bethlehem, wie ein verzweifelter Vater am Heilig Abend sein Kind in der Nähe eines Flüchtlingslagers im Morast beerdigen muss. Daraufhin mietet er ein Haus mit 14 Bettchen und nennt es optimistisch «Caritas Baby Hospital». Schnydrig vertraute darauf, dass sich Freunde und Förderer finden werden, die das Hospital finanziell fördern. Das CBH ist bis heute das einzige Kinderhospital im ganzen Westjordanland.

1963

Der Verein Caritas Kinderhilfe Bethlehem wird gegründet, aus dem die Kinderhilfe Bethlehem in ihrer jetzigen Form hervorgegangen ist.

1964

Die Schweizer Bischöfe empfehlen zum ersten Mal, die Kollekte in den Weihnachtsgottesdiensten für die Kinderhilfe Bethlehem aufzunehmen.

1968

Eine Krankenschwester wird für die Mütterschule eingestellt. Dort werden die meist noch jungen Mütter in Babypflege, Hygiene und Gesundheitsvorsorge unterrichtet. Beginn einer systematischen Vorsorge.

1978

Einweihung des Neubaus.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002