48/2002

INHALT

Theologie in Luzern

Religionspädagogik und Katechetik in Luzern

von Monika Jakobs

 

Wie kann der christliche Glaube in heutiger Zeit weitergegeben werden? Sind Kinder und Jugendliche für religiöse Themen noch ansprechbar? Welche Methoden eignen sich für Religionsunterricht und Katechese? Gehört religiöses Wissen zur Allgemeinbildung?
Diese Fragen werden angesichts der nunmehr seit mindestens 30 Jahren behaupteten Tradierungskrise des christlichen Glaubens auch an die Religionspädagogik und Katechetik gestellt, oft mit dem Anspruch, dass diese doch die Handhabe bereitstellen müssten, womit der Krise zu begegnen sei.
Die Methoden der Glaubensvermittlung bilden jedoch nur ein kleines Teilgebiet des Faches ab. Es geht vielmehr um religiöse Lern- und Sozialisationsprozesse im weitesten Sinne. Das Religiöse bildet hier mehr ab als etwa die Glaubenslehre, vielmehr interessieren auch gelebte und individuelle Religiösität oder die Vermittlung und das Bild von Religion im Medienzeitalter. Hierzu sind die analytischen Instrumente der Sozialwissenschaften notwendig.
Der Begriff «Religionspädagogik» wurde erstmals im katholischen Bereich 1913 von J. Göttler benutzt und grenzte sich damit zu dem damals gebräuchlicheren Ausdruck «Katechetik» ab. Damit sollte angezeigt werden, dass sich Religionspädagogik als Wissenschaft von der religiösen Erziehung insgesamt verstand. Nicht zufällig geschieht dieser Begriffswandel in einer Zeit, in der die Pädagogik als Reformpädagogik mit Grundsätzen wie «Zurück zum Kinde» auch auf das katechetische Handeln einen nachhaltigen, bis heute andauernden Einfluss hatte. Generell kann man sagen, dass neben die traditionellen Inhalte, um deren Vermittlung sich die Katechese immer bemüht hatte, die Frage nach den angemessenen und das heisst kindgerechten Methoden trat und der Blick auf die Adressaten.
«Katechese» wird heute vor allem im Zusammenhang mit kirchlicher Glaubensvermittlung (z.B. Sakramentenkatechese, Gemeindekatechese) verwendet, während Religionspädagogik den übergreifenderen Zusammenhang darstellt.

Theologie und Pädagogik

Religionspädagogik als eigenständiges Fach der Theologie hat zwei Bezugswissenschaften: die wissenschaftliche Theologie und die Pädagogik. Ihre Aufgabe ist es, religiöse Praxis, insbesondere religiöse Lernpraxis, zu beschreiben, zu analysieren, zu reflektieren und im Blick auf diese Praxis Problemlösungen und Konzepte zu erarbeiten. Konkrete Lernorte einer solchen Praxis sind die Familie und der engere Lebensraum, Schule, Kirchgemeinden oder andere kirchliche Lernorte sowie das kulturelle Umfeld.
Dabei schaut sie auf die Bedingungen dieser Prozesse (z.B. Wegfall religiöser Sozialisation in der Familie, Zunahme der Mediensozialisation), auf die Akteure (Institutionen, Professionelle, gläubige Laien usw.), die Adressaten (Kinder, Jugendliche, erwachsene Gläubige, Fernstehende usw.), versucht die Ergebnisse zu evaluieren, Ziele für bestimmte Handlungsfelder zu formulieren, sowie methodische und inhaltliche Praxisvorschläge zu erarbeiten.
In der religionspädagogischen Forschung haben in den letzten Jahren die empirischen Methoden an Bedeutung gewonnen. Damit wird einerseits ein Trend der Sozialwissenschaften aufgenommen, andererseits spiegelt sich darin das Interesse einer religiösen Bestandsaufnahme in einer säkularisierten Gesellschaft. Thematisch ist eine Konzentration auf die Erforschung religiöser Haltungen zum Beispiel bei Jugendlichen zu beobachten. In der Frage der Umsetzung solcher Forschungsergebnisse kann es beispielsweise darum gehen, in welchem Verhältnis Einstellungen und Lebenswelten Jugendlicher produktiv in die religiöse Erziehung mit einbezogen werden können.
Die Religionspädagogik ist ein Fach, das mehr als andere gesellschaftliche, kirchliche und politische Entwicklungen wahrnehmen muss. In Bezug auf den kirchlichen Bereich erstreckt sich die Thematik einerseits auf das Verhältnis zwischen Religionsunterricht und Katechese (das meines Erachtens einer klaren Abgrenzung bedarf), auf Probleme der Sakramentenkatechese (Gibt es eine Alternative zwischen Klasse und Masse?), zunehmend auch auf die Perspektive einer Erwachsenenkatechese. Pädagogisch ist hier nach dem Ziel der kirchlichen religiösen Sozialisation zu fragen (Wie kann eine reife tragfähige religiöse Haltung gefördert werden?), theologisch zum Beispiel nach den Bedingungen und Begrenzungen, die sich von der Theologie her für die Sakramentenkatechese ergeben.
Im Hinblick auf den gesellschaftlichen Bereich drängt sich die Frage nach dem Wie und Was des Religionsunterrichts an der öffentlichen Schule auf; hier fordert die Religionspädagogik religiöse Bildung als Teil der Allgemeinbildung ein. Zum anderen werden in der Mediengesellschaft immer stärker nichtintendierte, unbewusste Lernprozesse angestossen (Bild von Religion in den Medien), die offen gelegt und reflektiert werden müssen.
Religionspädagogik im Fächerkanon der Theologie hat natürlich auch eine Funktion für die Theologie selbst. Die Katechetik wurde lange missverstanden als Anwendungsdisziplin der Dogmatik, Religionspädagogik hingegen diejenige Disziplin, die die Theologen und Theologinnen daran erinnert, dass die Widerspruchslosigkeit der wissenschaftlichen Argumentation Lebenslinien nicht abbilden kann, dass Religion mit Menschen zu tun hat, dass Religion immer gelebte ist, dass sie Sinn und Verständigung ermöglichen muss.
Das Interesse der Religionspädagogik ist es, die Themen der Religion, die Frage nach Gott, die Frage nach dem Sinn des Lebens, nach dem Woher und Wohin im wahrsten Sinne des Wortes als frag-würdig, der Frage wert zu erhalten. Religionspädagogisch muss ermöglicht werden, dafür sowohl eine persönliche Ausdrucksform wie eine öffentliche Kommunikation zu finden. Dies geschieht in Auseinandersetzung mit der christlichen, aber auch anderen religiösen Traditionen. Religionspädagogik steht im Dienst des religiösen Verstehens und der religiösen Verständigung.
Schwerpunkte der Religionspädagogik und Katechetik an der Theologischen Fakultät Luzern sind unter anderem Fragen und Methoden des Religionsunterrichts, Gemeindekatechese, Religion bei Kindern und Jugendlichen, feministische Religionspädagogik sowie religiöse Erziehung und Medien.
Regelmässige Literaturtipps sind auf unserer Website unter «Tipp des Monats» zu finden.

Das Katechetische Institut Luzern (KIL)

Die Professur Religionspädagogik und Katechetik ist verbunden mit der Leitung des Katechetischen Instituts, das seit nunmehr fast 40 Jahren eine Ausbildung für Berufsleute zum/zur Diplom-Katecheten/Katechetin anbietet. Die derzeit 312-jährige Vollzeitausbildung vermittelt theologische Grundlagen und praktische Kompetenzen in den Bereichen schulischer Religionsunterricht, Gemeindekatechese und kirchliche Jugendarbeit. Ein intensiver Praxisbezug ist selbstverständlich.
Es ist vorgesehen, dass die Ausbildung ab 2004 modularisiert wird, so dass die Ausbildung teilweise berufsbegleitend absolviert werden kann bzw. einzelne Module besucht werden können.
Schnuppertage und Infogespräche sind jederzeit nach Voranmeldung möglich. Aufschluss gibt auch unsere Website.

 

Monika Jakobs studierte in Trier Katholische Theologie, Germanistik und Sozialkunde, 1993 Promotion zur Dr. phil., Tätigkeit als Lehrerin verschiedener Schulformen, dann in der Lehrerausbildung an der Universität Landau, seit 1999 Inhaberin des Lehrstuhls für Religionspädagogik und Katechetik der Theologischen Fakultät der Universität Luzern.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002