45/2002

INHALT

Theologie in Luzern

Dogmatik in Luzern

von Wolfgang W. Müller

 

Das Fach Dogmatik, einst Königswissenschaft der Theologie, ist in Verruf geraten. Dogma, dogmatisch ­ damit wird heute gemeinhin Starre, Engstirnigkeit und Lebensfeindlichkeit verstanden. Der Begriff dogmatisch steht für Unterdrückung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse zugunsten einer ideologischen Begründung eines Machtanspruchs. Der Begriff (und Vorwurf) «dogmatisch» bezieht sich in dieser Perspektive nicht auf den Inhalt einzelner Dogmen, sondern insgesamt auf den universalen und definitiven Wahrheitsanspruch des Christentums, der sich mit den Bedürfnissen einer «Cafeteria-Religiosität» schlecht verträgt. Postchristliche Privat-Religionen mit ihrer subjektivistischen Selbstbedienungsmentalität stellen eine objektive Rede von Gott ebenfalls in Abrede. Religiöser Dogmatismus wie religiöse Beliebigkeit sind extreme und letztlich unhaltbare Glaubenseinstellungen.

Glaubenswissenschaft

Die Dogmatik versteht sich als «methodisch reflektierte Darstellung von Realität und Zusammenhang der uns Menschen erlösenden Selbstmitteilung des dreifaltigen Gottes in Jesus Christus, wie sie sich im Medium des kirchlichen Glaubensbekenntnisses (symbolum, Dogma) ausdrückt» (Gerhard Ludwig Müller).
Dogmatik als Teil der systematischen Theologie nennt als Gegenstand den christlichen Glauben und seine geschichtliche Entfaltung. Fragen nach dem Wie und dem Was stehen im Mittelpunkt systematischer Betrachtung des geoffenbarten Glaubens. Dogmatik als Glaubenswissenschaft bezieht sich auf die Gesamtverkündigung und auf einen im Leben wirksamen Glauben, dessen Subjekt nicht nur einzelne Amtsträger oder kirchliche Instanzen, sondern die gesamte Gemeinschaft der Glaubenden ist. Dogmatik ist zunächst auf die Heilige Schrift als normierendes Offenbarungszeugnis ausgerichtet und arbeitet mit Exegese und Bibeltheologie zusammen. Zum Verbindlichen des Glaubens gehört nach katholischem Verständnis eine absichernde und verdeutlichende Interpretation des Glaubens, hinter die eine hermeneutische Aneignung des Glaubens nicht zurückgehen, über die sie jedoch hinausgehen kann; diese letztverbindliche Glaubensentscheidung der Kirche ist das Dogmatische im engeren Sinne.
Das Fach Dogmatik ist nicht nur eine umfassende Darstellung des Glaubens, sondern ebenso dessen kritische Reflexion vor dem Forum der Vernunft, die sich der Wahrheitsfrage verpflichtet weiss. Die Dogmatik betreibt ihr Geschäft in mehreren Bereichen: In einer phänomenologischen Analyse werden die (mehr oder weniger) verbindlichen Glaubensaussagen der Kirche betrachtet, die einen Wahrheitsanspruch erheben. Neben der Liturgie, in der sich die betende Kirche manifestiert («lex orandi»), stehen das Glaubensbekenntnis («lex credendi») sowie die damit gegebene Lebensunterweisung («lex vivendi»), die es theologie- und dogmengeschichtlich darzustellen und zu verstehen gilt. Die positive Dogmatik will deren gegenseitigen Zusammenhang sowie deren Widerspruchsfreiheit aufzeigen. In der spekulativen Dogmatik wollen wir verstehen, was wir glauben, und zugleich prüfen, ob das Geglaubte den Anspruch auf Wahrheit erheben und letztlich auch einlösen kann. Das Geschäft der Dogmatik bedingt somit einen kritischen Umgang mit der Glaubenstradition der Kirche. Es kommt bei dieser ­ für die Kirche notwendigen ­ Arbeit zu einer fruchtbaren Spannung zwischen jenen Instanzen, denen es obliegt, den Glauben der Kirche verbindlich vorzulegen und zu verkünden, und denen, die sich im Auftrag der Kirche um die wissenschaftliche Vertretbarkeit zu kümmern haben.
Die Dogmatik als Teil des wissenschaftlichen Theologiebetriebs ist ein Dienst der Kirche in einer Gesellschaft und für eine Gesellschaft, deren Selbstverständnis mit auf Wissensvermittlung und -aneignung basiert. Die «alte» auf eine Gründung der Gesellschaft Jesu zurückgehende Theologische Fakultät der Universitären Hochschule lebt heute diesen Auftrag im Kanon der Wissenschaften als «junge» Theologische Fakultät der Universität Luzern.
Nach Karl Rahner hat die dogmatische Theologie die Aufgabe, den Glauben so zu reflektieren, dass die vielen Aussagen des Glaubens auf deren transzendentalen Grund hin gesichtet und durchdacht werden. Die Dogmatik vermittelt Regeln der theologischen Urteilsbildung und dient der Herausbildung theologischer Urteilskraft. Die Aufgabe der Dogmatik als wahrheitsverpflichtenden Hermeneutik des Glaubens (Thomas Pröpper) meint deswegen einen Übersetzungsvorgang. Die Dogmatik ist somit ihrem Selbstverständnis nach nicht nur reine Theorie, sondern ­ in Bezug auf den Menschen ­ immer auch praktische Wissenschaft, wobei Theorie und Praxis in einem dialektischen Verhältnis zueinander stehen.
Den klassischen Schwerpunkt dieser Disziplin bilden grundsätzliche Fragen des Glaubens: Gott, Jesus Christus, Hl. Geist, Schöpfung, theologische Anthropologie/Gnadenlehre, Sinn und Funktion der Kirche und der Sakramente und die Fragen nach den Letzten Dingen des Lebens. Das Spektrum der dogmatischen Theologie ist gross, sie arbeitet mit anderen theologischen Disziplinen zusammen, tritt in Dialog mit Humanwissenschaften und den anderen christlichen Traditionen. Neben der ökumenischen Ausrichtung kamen in den letzten Jahren noch die Frauenfrage und die interreligiöse Fragestellung hinzu. Ein Schwerpunkt dogmatischer Reflexion stellt sich in der Frage nach den kirchlichen Traditionen. Welche Traditionen können sich ändern, welche gehören zum Grundbestand christlichen Glaubens? Daran schliessen sich Fragen an, die sowohl in die Gesellschaft ausstrahlen (z.B. Gottesfrage, Universalität Christi) als auch nach innen und aussen wirken (Selbstverständnis der Kirche, Ämtertheologie, Sakramententheologie und andere mehr).
Dem Lehrstuhl für Dogmatik ist in Luzern ein Ökumenisches Institut zugeordnet, das von der Stiftung Ökumenisches Institut Luzern getragen wird, in der die drei Landeskirchen und der Kanton vertreten sind. Das Institut will an der Vermittlung des ökumenischen Gedankenguts als einer Stelle zwischen wissenschaftlicher Theologie, gemeindlichem Kontext und kirchlicher Leitung mitwirken. Die Arbeit des Instituts reflektiert die theologischen Traditionen und versteht sich als Ausdruck geschwisterlichen Suchens nach der Wahrheit.
Der Lehrstuhlinhaber hat als Arbeitsschwerpunkte: Symbolverständnis und Sakramententheologie, theologische Anthropologie, Theologiegeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Werk der französischen Philosophin Simone Weil.

 

Der Dominikaner Wolfgang W. Müller ist seit dem Wintersemester 2001/2002 Inhaber des Lehrstuhls Dogmatik an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002