33-34/2002

INHALT

Theologie

Zum Verhältnis von Architektur und Sakralraum

von Adrian Schenker

 

Die vom weltberühmten Architekten Mario Botta in Mogno im oberen Lavizzara-Tal, einem Seitental des Valmaggia im Tessin, an Stelle eines ältern, 1986 von einer Lawine verschütteten Kirchleins 1992­1996 errichtete neue Kirche schlägt die zahlreichen Besucher, die sich jetzt dort einfinden, magnetisch in ihren Bann. Wer zu Fuss nach Mogno kommt, sieht sich von dem Bau schon von weitem angezogen. Es ist nicht nur das Kirchengebäude selbst, sondern überhaupt der ganze es umgebende Hof mit seinen verschiedenen Niveaus und die Kirche selbst, die dieses Bauwerk ausmachen. Dem Spiel der runden und eckigen Formen und der graugrünen und weissen Steine der Bodenfliesen und des Mauerwerks kann sich niemand entziehen. Es ist kein gewöhnliches Bauwerk, was hier die Besucher anrührt. Sie spüren etwas von der Macht der architektonischen Schönheit und Sprache.

Die Sprache des Raumes

Architektur ist ja Sprache. Jedes Bauwerk sagt etwas über seine Erbauer, Bewohner und Nutzer. Dies ist natürlich bei Tempeln, Heiligtümern und Kirchen besonders klar sichtbar. Wer die bauliche Symbolik etwa des Himmelstempels in Peking oder einer mittelalterlichen oder barocken Kirche etwas kennt (um nur willkürlich zwei Beispiele zu nennen), weiss, dass solche Bauten gelesen werden können wie ein Text. Und wie die Textinterpretation das ausdrücklich Ausgesprochene wie auch das bloss Implizierte und Vorausgesetzte verstehen muss, um dem vom Text Gemeinten zu begegnen, so gibt es auch in der Architektur und namentlich in sakralen Bauwerken explizit Ablesbares (z.B. die Richtung des Bauwerkes von Süden nach Norden in China oder von Westen nach Osten bei den christlichen Kirchen und dergleichen mehr) neben Unausgesprochenem, aber durchaus Mitgemeintem (z.B. der Platz, wo ein sakrales Gebäude steht, der seine Gründe hat, mögen diese auch oft nicht mehr bewusst sein). Welches ist in solcher Perspektive der «Sinn» der Kirche von Mogno? Wie dürfen wir sie «lesen» und interpretieren?<1>
Diese Frage stellte sich mir bei ihrem Besuch im letzten Sommer sogleich, als ich ihren Innenraum betrat. Er wird in einer unübersehbaren Weise durch die torartige Rückwand beherrscht. Vor unseren Augen wölbt sich ein mächtiges, in der Art romanischer oder gotischer Portale in zwölf ineinander gestellte Bögen gestaffeltes, vertieftes Tor.
Eine besondere schachbrettartige Wirkung bringen die abwechslungsweise grünen und weissen Quadersteine, aus denen jeder der hintereinander stehenden zwölf Bögen zusammengefügt ist. Was die Proportionen anlangt, ist die Breite aller Bögen zusammengenommen etwa das Vierfache der Toröffnung selbst, die daher klein und niedrig wirkt. Die Tiefe des Portals entspricht etwa der Höhe der eigentlichen Türöffnung.
Der Scheitel des äussersten und höchsten Bogens ist nicht so hoch wie die Wand selbst. Auf diese Weise bilden die linke und rechte Seitenwand zusammen mit der das Bogenportal oben überragenden flachen Wand einen Rahmen, der das Portal hervorhebt. Dadurch werden das Portal selbst und die Bewegung, die es tief in die Rückwand hineinstösst, in ihrer Wirkung kraftvoll unterstrichen.
Links des Portals, etwas über Augenhöhe, füllt eine Steinplastik der Muttergottes die schmale Wandfläche zwischen der linken Ecke der Kirche und dem Portal. Ihr entspricht symmetrisch rechts der Tabernakel. Über dem Scheitel des Bogens hängt das Kruzifix an der flachen Wand. Diese drei Zeichen bilden ein äusseres Dreieck um das Portal und betonen es daher nochmals. Sie haben überdies die Funktion, dem Raum die religiöse Identität einer katholischen Kirche zu verleihen. Vor dem Tor steht der weisse Altar, der die schlichte Form einer Steintafel aufweist, die auf einem Pfeiler aufruht, sodass ein T entsteht, das einen längeren Quer- als Tragbalken aufweist.
Das Tor selbst ist leer. Keine Tür verschliesst es. Der Blick geht in einen nicht näher bestimmten dunklen Raum.

Was sagt diese Raumgestalt?

Wie ist diese Raumgestalt zu verstehen? Die Tiefenstaffelung des Portals, seine äussere Rahmung durch die sie umfangende flache Wand, seine Dimensionen und sein zentraler Platz geben ihm klar die Hauptbedeutung im Raum.
Da das Portal durch seine Tiefe die Wand öffnet, schafft es eine Bewegung. Der Blick wird von dem gestaffelten Gewände angezogen, mitgenommen und auf den letzten Bogen und die Tür zugeführt. Das Kruzifix über dem Bogenscheitel steht ausserhalb dieses dynamischen Raums, ja, es schafft ihn mit, zusammen mit Madonna und Tabernakel. Sie alle in ihrer Dreierkonstellation betonen das Portal und dessen Fluchtpunkt, die Türöffnung, hinter der ein leerer Raum ist. Der Altar steht vor dem Bogen. Mit seinen Dimensionen, durch seine Position vor dem Portal, durch seinen nur weissen, nicht weissgrünen Marmor, ist er nicht in die Dynamik der Rückwand einbezogen. Er steht ausserhalb. Fast ist er noch weniger zum alles bestimmenden Portal hingeordnet als Kruzifix, Tabernakel und Maria, die wenigstens klar zum Rahmenfeld des Bogens gehören.
Das Tor, auf das alles hinstrebt, steht im Mittelpunkt, und es ist leer oder erfüllt von Dunkel oder Leere. Altar, Kruzifix, Tabernakel, Madonna identifizieren den Raum als Kirche. Daher meine Frage: Entspricht die Gestaltung dieses Raums seinem Sinn und Zweck? Ist es für eine Kirche richtig, alles in ihr auf den Fluchtpunkt einer dunklen, von Leere erfüllten Tür hinzuordnen?
Man erlaube mir hier, nochmals zu betonen, dass ich diesen Bau in keiner Weise unter der Hinsicht der architektonischen und ästhetischen Lösung, die Mario Botta gefunden hat, in Frage stellen möchte. Es ist ihm in meinen Augen, soweit ich mir hier überhaupt ein Urteil erlauben darf, ein unerhört starkes und schönes Bauwerk gelungen, das empfängliche Betrachter verzaubert. Meine Frage ist eine andere. Es ist diese: Ist es ein christlicher Sakralbau? Ist es eine Kirche?<2> Genügen der Altar und die das Tor in einem Dreieck einfangenden drei plastischen Zeichen von Muttergottes, Kruzifix und Tabernakel, um es zum christlichen Sakralbau zu machen? Da die ins Dunkel des leeren gewölbten Durchgangs führende Portalwand oder Triumphpforte den Blick mit unwiderstehlicher Gewalt anzieht und verschlingt, ist sie im Mittelpunkt. Sie spricht. Sie muss in dieser Kirche gehört, gelesen, verstanden werden.
Das Kruzifix und der Altar treten davor zurück, selbstverständlich auch das Marienbildnis und der Tabernakel. Ist es aber theologisch richtig, die Gegenwart Christi, die im Altar, dem Tisch seines Memoriale, wo er gegenwärtig wird, und das Bild des Gekreuzigten, das zugleich die Menschwerdung und das durch sein Sterben erwirktes Heil für uns darstellt, dem wortlosen Dunkel eines Tors, eines Durchgangs unterzuordnen, die nirgendwohin, oder im Sinn der hier sprechenden Symbolik, in ein gestalt- und namenloses Geheimnis hineinführt? Ist hier nicht eine Rangordnung symbolisiert, in der Menschwerdung und Passion als Vorstufen zu einem Geheimnis ohne Namen werden, da sie vor und am äussern Rand des zentralen Punktes und Weges sind, auf das alles hinstrebt?
Gewiss ist Gott Geheimnis. Jesus Christus hat es nicht aufgelöst. In gewisser Weise hat er es im Gegenteil vertieft, weil der Abstieg, die Kenose Gottes, seine Demut nach dem Wort des heiligen Franz (considerate l'umiltà di Dio!) ihn noch geheimnisvoller offenbaren. Aber ist dieses Geheimnis am adäquatesten zum Ausdruck gebracht, wenn seine zentralste, das heisst in der Zeichensprache der Architektur unüberbietbare, wichtigste Form ein namenloser Durchgang ist, der sich hinter dem Altar und unter dem Kreuz, das heisst an einer architektonisch zentraleren Stelle als es die Gegenwart Christi in Altar und Kreuz ist, öffnet? Gottes Geheimnis begegnen wir am vollsten in Jesus, dem Herrn. Menschwerdung, Kreuz und Eucharistiefeier sind die drei Koordinaten oder Dimensionen des christlichen Sakralraumes, zu dem Maria und die Heiligen als die Gemeinschaft der jetzt lebenden und der schon gestorbenen, aber im Himmel lebenden Heiligen und der Tabernakel als Zeichen der Diakonie (Eucharistie für die Kranken) und der immerwährenden, nie unterbrochenen Gegenwart Christi hinführen.
Hat bei diesem in architektonischer und künstlerischer Hinsicht überragenden Bauwerk der Dialog zwischen dem Architekten und den Kennern der Traditionen des christlichen Sakralbaus (den dafür zuständigen Instanzen des Bistums) umfassend und auf der Höhe der Aufgabe stehend stattgefunden? Es wäre interessant, von Botta zu hören, was für ihn seine Gestaltung des sakralen Raums von San Giovanni Battista in Mogno bedeutet. Jedenfalls scheint mir die ungewöhnliche und schöpferische Ausgestaltung seines Kirchenbaus auch eine liturgische und theologische Diskussion herauszufordern. Meines Erachtens liegt hier ein Beispiel vor, wo das Verhältnis zwischen theologischem oder ikonographisch-liturgischem Programm und Idee des Architekten in besonderem Masse zu Fragen Anlass gibt, gerade weil es eine Schöpfung von so herausragender Qualität ist. Mir scheint überhaupt, dass dieses Verhältnis in vielen Kirchenbauten oder künstlerischen Ausstattungen der letzten Jahre und Jahrzehnte zumindest in der Schweiz nicht immer genügend bedacht wurde, im Gegensatz vielleicht zu früheren Epochen des Kirchenbaus.

 

Der Dominikaner Adrian Schenker ist Ordinarius für Altes Testament an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg und Curator des Biblischen Departements.


Anmerkungen

1 Mir bekannte Interpretationen finden sich in Autori vari, Mario Botta Emozioni di pietra. Un percorso fra le architteture pubblicche. Fotografie delle architteture Pino Musi, fotografie dei modelli Marco D'Anna, Milano (Skira Editore) 1997; Giovanni Meier, «Ab edendo et ab orando in Mario Botta. Dalla casa di Stabio alla chiesa di Mogno», (unveröffentlichter) Artikel für den «Giornale del popolo» 1993 (theologischer und religiöser Deutungsversuch). Vgl. auch die Sondernummer der Zeitschrift Messaggero 91, Juli­August 2001, Nr. 4, besonders den Aufsatz von G. Pozzi, «chiesa mistica e chiese di pietre», S. 4­9.

2 Ist es zufällig, dass in dem genannten Werk «Mario Botta Emozioni di pietre» keiner der Autoren die Frage stellt, welche Sakralität gemeint ist.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002