26/2002

INHALT

Theologie

"Herr, ich bin nicht würdig..."

von Hanspeter Betschart

 

Seit 1300 Jahren rezitieren wir diesen liturgischen Formelvers aus Mt 8,8 in der römisch-katholischen Messe nach der Brechung des Brotes; seit ihrer frühen Kindheit fühlen sich dadurch viele Christinnen und Christen menschlich degradiert, unwürdig und wertlos.
In jeder Eucharistiefeier lädt der Priester die Gemeinde mit dem Ruf von Johannes dem Täufer ­ in seiner prototypischen Funktion ­ zur Kommunion ein: «Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt.» Die gemeinsame Antwort von Priester und Volk ist jeweils das neutestamentliche Bekenntnis «Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.»
Diese Antwort steht fast wörtlich in der Perikope Mt 8,5­13, wo ein syrischer Offizier in römischen Diensten Jesus um Heilung für seinen Knecht bittet. Das liturgische Responsorium hat im Vulgatatext bloss «puer meus» in «anima mea» generalisiert bzw. spiritualisiert!
Der syrische Papst Sergius I. (687­701) hatte diesen ostkirchlichen Brotbrechungsgesang als Hinweis auf die Passion Jesu in die lateinische Messfeier eingeführt. In diesem biblischen Miniatur-Cento antwortet dem Versiculus: «Ecce Agnus Dei...» (Joh 1,29.36; vgl. Apk 5­6) litaneiartig der Ausspruch des Hauptmanns von Kafarnaum: «Domine, non sum dignus...» (Mt 8,8/Lk 7,6).
Die klassische Etymologie des Wortes «würdig»<1> enthält keinerlei moralisierende (Dis-)Qualifikation. Das zugrunde liegende griechische Adjektiv ikanoV ist eine Nominalbildung zur Wurzel ik­ der synonymen Bewegungsverben ikw, vgl. hkw bzw. ikneomai, ikanw «kommen, gelangen, erreichen». Schon bei Homer findet sich die Bedeutung: «Ich kam als Schutzflehender» (X 260), vgl. das Deverbativum ikethV.
Eine erste Übersetzung könnte von daher lauten: «Ich bin (noch) nicht (dahin) gelangt... Ich habe (den Level) nicht erreicht... Ich bin kein (entsprechend qualifizierter) Bittsteller...».
ikanoV wird (wie axioV) bei Sachen und Personen verwendet, etwa bei Herodot im Sinne von «kompetent» (3,4,1) und «imstande, fähig» (3,45,3). Das Bedeutungsspektrum des Lemma ikanoV in der paganen Lexikographie «hinreichend, genügend; geeignet, fähig; ansehnlich, bedeutend» spricht mit der Negation ebenfalls eine quantitativ und qualitativ unerreichte bzw. unerreichbare Bezugsgrösse an.
Dies erklärt zumindest im Griechischen, warum die LXX den hebräischen Gottesnamen «Schaddaj» ­ «der (sich selbst) Genügende» ­ etymologisch nicht gesichert mit o ikanoV übersetzt, vgl. Rut 1,20­21 und häufig bei Ijob. In der LXX-Rezeption interpretiert Philon von Alexandrien, Leg. alleg. I,44 diesen Gottesnamen mit ikanoV autoV eautw o qeoV «Gott genügt sich selbst».
In der neutestamentlichen Schlüsselstelle 2 Kor 3,4­6a führt Paulus mit einer Figur der Wiederholung jede menschliche Tauglichkeit und Tüchtigkeit radikal auf Gott zurück und gestaltet in seiner strikte theologischen Argumentation mit drei Wörtern derselben Wurzel eine triadische Paronomasie: «Ein solches Vertrauen aber haben wir durch Christus zu Gott. Nicht dass wir von uns selbst her fähig (ikanoi) sind, etwas zu beurteilen wie aus uns selbst, sondern unsere Fähigkeit (h ikanothV) stammt aus Gott, der uns auch befähigt (ikanwsen), Diener eines Neuen Bundes zu sein.»
Im NT kommt das Adjektiv ikanoV<2> insgesamt 39u vor, davon allein 27u im hellenistischen lukanischen Doppelwerk Lk 9u und Apg 18u. Mt und Mk haben nur je drei Belege, Pl 5 und Past 1. Die quantitative Übersetzung mit «hinlänglich, genügend, entsprechend, gross genug» findet sich bei Mt in 28,12, wo die führenden Priester und Ratsältesten die Wachsoldaten mit «genug» Geld bestechen: arguria ikana edwkan toiV stratiwtaiV.
Die im NT seltenere, qualitative Grundbedeutung «passend, geeignet, geschickt, tauglich, tüchtig» mit dem Akzent von «wert, würdig» findet sich bei Mt 3,11parr. exakt in der gleichen Formel eines negativen Vergleichs wie in 8,8: ouk eimi ikanoV ta upodhmata bastasai, vgl. noch 1 Kor 15,9. Der Wassertäufer Johannes wird damit klar Jesus und seiner Geist- und Feuertaufe nachgeordnet. Der Täufer versieht als puer Sklavendienst! Gemeint ist keine Disqualifikation des Täufers. In der Sicht des Mt soll Johannes zur Herzensumkehr und Nachfolge des ihm gegenüber weit Stärkeren ermutigen. Das neutestamentliche Synonym in den entsprechenden Passagen Joh 1,27 und Apg 13,25 erklärt die spätere Liturgie der Ostkirche: ouk eimi axioV.
Die beiden bekenntnishaften Stellen im Mt-Ev bezeugen die evidente Vorrangstellung des überragenden Gottesmann Jesus von Nazareth, der die Göttlichkeit Gottes ­ biblisch h ikanothV tou ikanou ­ repräsentiert. Die göttliche Dignität Jesu wird in Mt 8,8 durch den Hoheitstitel kurioV weiter über die zwischenmenschliche Anrede erhoben. Auch das anschliessende Räsonnement des römischen Offiziers will offensichtlich eine eindeutige Rangordnung betonen: Zuerst kommt Gott und sein Gesalbter, dem der Mensch in keiner Weise zu entsprechen vermag, vgl. das dreifache ouk estin mou axioV in Mt 10,37f. und das doppelte ouketi eimi axioV klhqhnai uioV sou in Lk 15,19.21.
Mt 8,5­13 par. geht im Kern auf Q zurück, wo urspünglich wohl nur der Dialog der VV. 5­10 zwischen Jesu und dem Hauptmann fast wörtlich mit der weiter entfalteten Lukas-Version in 7,1­10 übereinstimmt. In der übrigen Erzählung jedoch decken sich nurmehr der Offiziersgrad «Hauptmann» und die Richtungsangabe «hineingehen nach Kafarnaum». Wahrscheinlich ist auch Joh 4,46­54 eine Elaboration dieser Fernheilung, die in Mk 7,24­30 eine traditionsgeschichtliche Variante hat.
Der heidnische Hauptmann wird in der theologischen Perspektive des Mt menschlich nicht disqualifiziert oder sein Haus bezüglich der jüdischen Reinheitsgebote tabuisiert, wie «Die Gute Nachricht» anstelle einer Übersetzung kontextgerecht, aber textfremd interpretieren will: «Herr, ich weiss, dass ich dir, einem Juden, nicht zumuten kann, mein Haus zu betreten.» Hier wird von der Perikope her historisch-kritische Eisegese betrieben. Dabei bleibt gänzlich unbeachtet, dass Jesus als Zöllner- und Sünderfreund verschrien war, gerade weil er die Reinheitsgebote immer wieder durchbrach. Da elaborierte die kirchliche Tradition mit feinerem Gespür!
Die im Vers angelegte Generalisierung und Spiritualisierung betont, dass der heidnische Hauptmann ­ wie jede Jüdin und jeder Jude, aber auch wie jede Christin und jeder Christ ­ vor Gott «nicht würdig», biblisch «sündig» ist! Die Heilung des Knechts beginnt im Eingeständnis der eigenen Unfähigkeit und im Bekenntnis der menschlichen Unwürdigkeit durch seinen römischen Herrn. Aber die matthäische Aussageintention verläuft gerade umgekehrt: Mit dem Stehen zu menschlichen Grenzen und Fehlern wird die Würde und Grösse Gottes und seines Messias gepriesen. Dessen wirkmächtiges Wort ist weit erhaben über alles Menschliche: Jüdisches wie Nichtjüdisches. Dieser menschenfreundliche Gott ermöglicht umfassende Befreiung und das Heil der Welt.
Wie Luther (1545) übersetzen das «Münchner Neues Testament» und die «Einheitsübersetzung» mit «Herr, ich bin nicht wert», die Neuausgabe der Zürcher Bibel mit «Ich bin nicht gut genug». Die Übersetzung der «Jerusalemer Bibel» aber ist mit dem altvertrauten Glaubensbekenntnis, dem Eingeständnis der «conditio humana» und der christologisch ausgerichteten Heilserwartung gut beraten: «Herr, ich bin nicht würdig...».
Eine biblische «aemulatio» könnte den Vers vielleicht so in unsere Zeit setzen: «Christus Jesus, mein Bruder und mein Herr, ich bin nicht imstande, dich bei mir aufzunehmen, doch schon ein Wort von dir schenkt mir Frieden mit den Menschen und göttliches Heil!»

 

Hanspeter Betschart, lic. theol., lic. phil., Mitglied der Schweizer Kapuzinerprovinz, unterrichtete bis 1998 als Mittelschullehrer am Stanser Kollegium St. Fidelis Religion, Alte Sprachen sowie Kunstgeschichte der Antike und wirkt seither als Pfarrer in St. Martin, Olten. Seit 1990 versieht er einen Lehrauftrag für Latein und Bibelgriechisch an der Universität Luzern; dazu verfasste er einen Kurzlehrgang in 14 Lerneinheiten: «Latinitas Christiana. Einführung in die christliche Latinität».


Anmerkungen

1 Vgl. H. Frisk, Griechisches etymologisches Wörterbuch I, Heidelberg 1973, 719f. sub voce ikw.

2 Vgl. K. H. Rengstorf, s.v. ikanoV, in: G. Kittel u.a. (Hrsg.), Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament III, Stuttgart 1938, 294­297; P. Trummer, ibid., in: H. Balz, G. Schneider (Hrsg.), Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament II, Stuttgart 1981, 452f.; C. Spicq, Lexique Théologique du Nouveau Testament, Fribourg 1991, 729­734: ikanoV, ikanothV, ikanow.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002