23/2002

INHALT

Theologie in Freiburg

Das Departement für Praktische Theologie

von Martin Klöckener

 

Insofern Theologie je neue Reflexion der gelebten Verwirklichung des Evangeliums Jesu Christi und seiner Überlieferung ist, gehört die Praktische Theologie zum Grundbestand alles theologischen Forschens und Lehrens. Sie fragt in besonderer Weise nach dem Leben und Handeln der Kirche in ihrer Zeit und ihrem Kontext. So kann theologische Erkenntnis nicht nur aus Schrift und Tradition wachsen, sondern auch aus dem Vollzug des Auftrages der Kirche selbst. Diesen Praxisfeldern des kirchlichen Lebens wenden sich verstärkt, wenn auch nicht ausschliesslich, die im Departement für Praktische Theologie zusammengeschlossenen Fächer zu.

Die Fächer des Departements für Praktische Theologie

Dem Departement gehören die Fächer Liturgiewissenschaft, Pastoraltheologie, Religionspädagogik und Homiletik (deutsch), Katechetik (französisch) und Kanonisches Recht an. Zwar haben sie alle ihren je verschiedenen Gegenstand und eigene Methoden; gemeinsam ist ihnen dennoch die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Leben, der Verkündigung und der Feier des christlichen Glaubens. Sie befragen diese Dimensionen im Horizont des Offenbarungs- und Heilsgeschehens.
Der Liturgiewissenschaft geht es speziell um den Menschen und die Kirche, insofern sie Gottesdienst feiern, das heisst gemäss dem Liturgiebegriff des Zweiten Vatikanischen Konzils das Christusmysterium gedenkend vergegenwärtigen und in den Dialog mit Gott eintreten, der sich im Gottesdienst in Wort und Zeichen vollzieht. Ohne sich einseitig auf eine praktisch-theologische Handlungsorientierung zu beschränken, untersucht die Liturgiewissenschaft die Geschichte und die gegenwärtige Gestalt des Gottesdienstes in seinen vielfältigen Formen, fragt nach den theologischen Grundlagen genauso wie nach den anthropologischen Bedingungen, nach rechtlichen und spirituellen Aspekten. Sie ist ökumenisch ausgerichtet und arbeitet interdisziplinär.
Die Pastoraltheologie betrachtet die kritische Reflexion oder Theorie des christlichen und kirchlichen Handelns als ihre eigentliche Aufgabe. Dabei geht es nicht nur um das Lernen für die seelsorgliche Praxis oder für kirchliche Berufe, sondern um die Analyse der menschlichen und gesellschaftlichen Erfahrungen, die Reflexion der Handlungskriterien sowie die Entwicklung von Handlungsperspektiven unter den gesellschaftlichen Bedingungen. Die Pastoraltheologie arbeitet ebenfalls stark mit anderen Disziplinen, besonders den Humanwissenschaften, zusammen.
Der Religionspädagogik und Katechetik geht es um die wissenschaftliche Reflexion und Orientierung religiöser Lernprozesse. Die christlich-kirchlich bezogenen Erziehungs- und Bildungsbemühungen sowie die Vermittlung christlicher Glaubensinhalte im schulischen und gemeindlichen Kontext stehen dabei im Mittelpunkt. Ähnlich befasst sich die Homiletik mit der gottesdienstlichen Verkündigung des christlichen Glaubens und Lebens, der Auslegung der in der Liturgie verkündeten Heiligen Schrift und anderer liturgischer Elemente und Strukturen.
Das Kanonische Recht (Kirchenrecht) gründet letztlich in der Sendung und Bevollmächtigung der Jünger durch Jesus Christus, fragt nach diesen theologischen Grundlagen und nach den rechtlichen Aspekten des Lebens der Kirche und ihres Verhältnisses zum Staat und anderen Körperschaften. Teils geschieht dies im Blick auf die Gegenwart; ebenso unentbehrlich ist die Rechtsgeschichte. Innerhalb des Theologiestudiums kommt der Vermittlung von Wissen um rechtliche Sachverhalte und Zusammenhänge sowie um ihre adäquate Beurteilung im Blick auf eine berufliche Tätigkeit in der Kirche besondere Bedeutung zu.
In dieser Zusammensetzung verwirklicht das Departement für Praktische Theologie massgebliche Ziele der Universität Freiburg und ihrer Theologischen Fakultät. So sind die Lehrstühle für Liturgiewissenschaft und Kanonisches Recht zweisprachig und unterstützen damit aktiv das zweisprachige Unterrichtssystem; sie nehmen zwischen den beiden Sprachen und den damit verbundenen Mentalitäten und Kulturen eine wichtige Brückenfunktion ein. Die Internationalität der Theologischen Fakultät schlägt sich im Departement stark nieder: Die derzeitigen Fachvertreter und -vertreterinnen stammen aus der Schweiz, aus Deutschland, Frankreich und Italien. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen kommen genauso wie die grosse Zahl von Doktoranden aus verschiedenen Ländern und Kulturen.

Die Lehrenden des Departements

Die Fächer werden derzeit folgendermassen vertreten: Den Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft/Sciences liturgiques hat seit 1994 Martin Klöckener inne, den Lehrstuhl für Pastoraltheologie (deutsch) seit 1982 Leo Karrer. Die Professur für Théologie pastorale (französisch) ist ­ nach dem Ausscheiden von Marc Donzé (jetzt Pfarrer in Freiburg) und der vorübergehenden Besetzung mit dem Kanadier Marcel Viau ­ vakant und wird demnächst zur Wiederbesetzung ausgeschrieben. Professorin für Religionspädagogik und Homiletik ist seit 1999 Brigitte Fuchs (bis Herbst 2002). Die Katechetik (französisch) wird von der Lehr- und Forschungsrätin Alexandrette Bugelli vertreten. Den Lehrstuhl für Kanonisches Recht/Droit canon hat seit 1992 Pier Aimone inne.
Diese Lehrstellen werden ergänzt durch Lehraufträge, zu denen regelmässig Dozierende aus dem In- und Ausland eingeladen werden. Hervorgehoben sei die Tätigkeit von Titularprofessor Bruno Bürki, der von 1982 bis zu seinem altersbedingten Ausscheiden Ende des WS 2001/02 als reformierter Theologe einen Lehrauftrag für Liturgiegeschichte wahrnahm und engagiert die ökumenische Dimension in der Liturgiewissenschaft und im Gespräch mit anderen Fächern zur Geltung brachte. Durch Lehrbeauftragte abgedeckt werden ebenfalls pastoralsoziologische und -psychologische Themen, die Bereiche Medien und Film, Rhetorik- und Kommunikationskurse. So bietet das Departement insgesamt reiche und vielfältige Lehrveranstaltungen an.

Studienangebote

Die obligatorischen Lehrveranstaltungen verteilen sich auf die verschiedenen Studienjahre. Eine Einführung in die Liturgiewissenschaft hat ihren Platz im Propädeutikum (1. Studienjahr), eine Einführung in die Pastoraltheologie im 2. Studienjahr. Alle Fächer des Departements sind im Hauptstudium vertreten.
In Liturgiewissenschaft besteht die Möglichkeit eines speziellen Nebenfachstudiums, das von Studierenden der Theologie und anderer Fächer wahrgenommen, teilweise auch als Aufbaustudiengang genutzt wird; das vertiefte Studium der Liturgiewissenschaft eröffnet interessante Kombinationsmöglichkeiten innerhalb der Theologie (historisch, systematisch, praktisch) und mit anderen Fächern (z.B. Kunstgeschichte, Christliche Archäologie, Mediävistik, Zeitgeschichte). Ein spezielles Nebenfachstudium wird zurzeit auch in Pastoraltheologie vorbereitet.
Pastoraltheologie, Religionspädagogik/Katechetik und Liturgiewissenschaft gehören zum Programm für Studierende der Theologie im Nebenfach, zum Beispiel aus Sozialarbeit, Psychologie, (Heil-)Pädagogik, Journalistik, Geschichte.
Das Lehrangebot des Departements berücksichtigt den prinzipiell notwendigen und in der neueren Diskussion um die Aufgabe der Universitäten stärker geforderten Berufsbezug des Studiums (vornehmliche Perspektive des Theologiestudiums sind kirchliche Berufe), was auch Erwartungen der Schweizer Bischofskonferenz entspricht. In Zusammenarbeit mit Pfarreien und Schulen gehören dazu Übungen zur Vorbereitung auf den Lehrberuf und für die Verkündigung (Predigt). Das von der Pastoraltheologie angebotene Pfarreipraktikum, das Diakoniepraktikum und die pastoralpsychologische Ausbildung finden in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Praktische Theologie der Universität Bern statt. Durch die Kooperation des Kanonischen Rechts mit dem Institut für Kirchen- und Staatskirchenrecht (Rechtswissenschaftliche Fakultät) kann das Lizentiat «utriusque iuris» erworben werden.

Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte der einzelnen Lehrstühle und Fachvertreter

Alle Disziplinen des Departements kooperieren mit anderen theologischen und nicht theologischen Hochschulen sowie sonstigen wissenschaftlichen Institutionen in der Schweiz und im Ausland: zum Beispiel mit den Praktischen Theologen im Verbund Benefri, dem Institut Supérieur de Liturgie (Paris) und vielen anderen. Auch werden in allen Fächern anerkannte Forschungsleistungen erbracht. In den letzten Jahren wurden Forschungsprojekte mit Mitteln des Schweizerischen Nationalfonds, der Deutschen Forschungsgemeinschaft, des Forschungsfonds der Universität Freiburg und von anderen Institutionen unterstützt. Hierzu zählen (in Auswahl):

a) im Kanonischen Recht die Edition der Summa des Simon von Bisignano, einer wichtigen Rechtsquelle des 13. Jahrhunderts;
b) in der Liturgiewissenschaft die mehrbändige Edition «Dokumente zur Erneuerung der Liturgie» nach dem Vaticanum II; ein internationales Forschungsprojekt «Liturgiereform in Vergangenheit und Gegenwart»; die Erforschung einer liturgischen Handschriftengruppe des 11. Jahrhunderts St. Galler Provenienz;
c) in der Pastoraltheologie die Projekte «Solidarität und christlicher Glaube» und «Die therapeutische Dimension von Bibliodrama».

Unabhängig von diesen Projekten haben sich als Arbeitsschwerpunkte herausgebildet:

a) Im Kanonischen Recht vor allem die Rechtsgeschichte.
b) In der Liturgiewissenschaft werden in der Lehre stärker praktisch-theologische Aspekte berücksichtigt, während die Forschung eher liturgiegeschichtlich orientiert ist. Besonderes Interesse gilt dem interdisziplinären und ökumenisch angelegten Projekt «Gottesdienstliche Erneuerung in den Schweizer Kirchen im 20. Jahrhundert». Andere Schwerpunkte ergeben sich durch die Einbindung des Lehrstuhlinhabers in internationale Forschungs- und Editionsprojekte (vgl. unten). Aufgrund seiner Geschichte und seiner nationalen und internationalen Vernetzungen darf der Freiburger Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft, bald ein halbes Jahrhundert lang der einzige an den schweizerischen theologischen Fakultäten, als gesamtschweizerisches Kompetenzzentrum betrachtet werden.
c) In der Pastoraltheologie sind Schwerpunkte: Konzepte für kirchliche Berufe im Zusammenhang mit Pfarreitheorie; Kirche und Gesellschaft (besonders im Blick auf die schweizerische Situation); kirchliche Sozialformen (Synodalität; Verständnis Laien ­ Klerus); Diakonie als Grundfunktion der Kirche; das Projekt «Film und Theologie». Zusätzlich soll ein Curriculum für Jugendarbeit/-seelsorge, eventuell als Postgraduierten-Studiengang, entwickelt werden.
d) In der Homiletik/Kerygmatik wurde in letzter Zeit ein Schwerpunkt bei der Thematik «Heilende Verkündigung» gesetzt, der interdisziplinär besonders mit Medizinern betrieben wurde.

Darüber hinaus nehmen die Fachvertreter in Wissenschaft und Kirche breite Aufgaben in Dienstleistung und Weiterbildung wahr.

Publikationen

Die Professoren und Professorinnen des Departements beteiligen sich durchwegs mit Monographien und Fachbeiträgen am wissenschaftlichen Gespräch. Darüber hinaus tragen sie verschiedene Publikationsunternehmen massgeblich mit:
So ist M. Klöckener hauptverantwortlicher Herausgeber des international führenden «Archiv für Liturgiewissenschaft» (Sitz: Maria Laach), bei dem rund 25 Ständige Mitarbeiter aus mehreren Ländern fest eingebunden sind. Er gehört zum Herausgebergremium der Reihen «Spicilegium Friburgense» und «Spicilegii Friburgensis Subsidia», die schwerpunktmässig liturgiewissenschaftliche Quellentexte edieren und zugeordnete Hilfsmittel herausbringen. Er ist Mitherausgeber des zehnbändigen Handbuchs der Liturgiewissenschaft «Gottesdienst der Kirche» und des «Augustinus-Lexikon», einem Langzeitprojekt der Mainzer Akademie der Wissenschaften.
L. Karrer gibt die angesehene Reihe «Praktische Theologie im Dialog» heraus. Er gehört zum Redaktionsteam der pastoraltheologischen Fachzeitschrift «Diakonia», des «Bulletin ET» der Europäischen Gesellschaft für Katholische Theologie und ist ebenso Mitherausgeber der Reihe «Film und Theologie».
Bei der internationalen theologischen Zeitschrift «Concilium» sind L. Karrer und M. Klöckener jeweils für ihre Bereiche Mitglieder im Advisory Board.
Mit diesen vielfältigen und in der Fachwelt anerkannten Aktivitäten erweist sich das Departement für Praktische Theologie als ein lebendiger Teil der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg. Es trägt auf seine Weise dazu bei, Theologie als das Forschen des Menschen nach Gott, so wie er von Jesus Christus verkündet wurde, auch in einer Zeit kirchen- und glaubenskritischen Verhaltens der Gesellschaft mit ihrer Relevanz für die Menschen von heute wachzuhalten und auf Zukunft hin zu entwickeln.
Weitere Informationen über die Fächer des Departements für Praktische Theologie bietet die Homepage http://www.unifr.ch/de-theo/departement/dpt_theopratiqueD.html.

 

Prof. Martin Klöckener ist Präsident des Departements für Praktische Theologie.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002