18/2002 | |
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Theologie in Freiburg |
Es scheint mir ein Zeichen von Nachlässigkeit, wenn es uns nicht
drängt, aus Glauben das, was wir glauben, zu verstehen», schreibt
der Kirchenlehrer Anselm von Canterbury im 11. Jahrhundert. Seit ihren Anfängen
weiss sich die Theologie verpflichtet, die Wahrheit des Glaubens mit der
Vernunft verstehend zu durchdringen, das geoffenbarte Wort Gottes argumentativ
auszulegen und es mit anderen Denkformen und Religionen in Beziehung zu
setzen. Darum kann Theologie zu Recht als Glaubenswissenschaft bezeichnet
werden. In diesem weiten Rahmen sind alle theologischen Fächer organisch
miteinander verbunden, setzen aber verschiedene Akzente.
Das Departement für Systematische Theologie an der Theologischen Fakultät
der Universität Freiburg wird nach den in seinem Schosse versammelten
Fachbereichen benannt: 1. Fundamentaltheologie, Dogmatik und Theologie der
Ökumene und das mit ihnen verbundene Institut für Ökumenische
Studien; 2. Missiologie und Religionswissenschaft mit ihrem eigenen Institut;
3. Philosophie. Die Vorlesungen werden auf Deutsch und auf Französisch
gehalten. Die Professorenschaft des Departements ist ausgesprochen international,
so dass sie Erfahrung und Sensibilität der Kulturen mehrerer Länder
einbringt (Frankreich, Belgien, Deutschland, Irland, Indien und sogar die
Schweiz). Zur internationalen Herkunft der Dozenten und Dozentinnen kommt
die Mannigfaltigkeit der im Departement vertretenen Disziplinen und macht
es zu einem kulturellen und theologischen Mikrokosmos.
1. Dogmatik, Fundamentaltheologie und Theologie der Ökumene sind miteinander
verwandt und arbeiten naturgemäss aufs Engste zusammen. Dies zeigt
sich zum Beispiel in der Schwerpunktsetzung des diesjährigen Sommersemesters.
Die Dogmatik-Vorlesung Ekklesiologie (Prof. Barbara Hallensleben) öffnet
ökumenische Perspektiven und leistet einen «politischen»
Beitrag, weil Ekklesiologie auch mit dem Problem des weltweiten menschlichen
Zusammenlebens in Frieden und Gerechtigkeit zu tun hat. Im Wintersemester
2002/2003 wird der emeritierte katholische Professor für Systematische
Theologie und Kontroverstheologie am Fachbereich Evangelische Theologie
der Universität Hamburg, Prof. Dr. Otto Hermann Pesch, Vorlesungen
zum Thema «Was heisst ÐWort Gottesð?» halten. Dabei
wird er seine neu erarbeitete Dogmatik vorstellen.
Auf Seiten der französischsprachigen Vorlesungen führen die beiden
Dogmatiker Gilles Emery und Benoît-Dominique de La Soujeole, beide
Dominikaner, die alte Freiburger Tradition der Theologie im Lichte von Thomas
von Aquin fort. Dabei ordnen sie das Denken des Aquinaten in die Philosophie-
und Theologiegeschichte ein, damit seine Relevanz für heute sichtbar
wird. Theologie und Philosophie, Glaube und Vernunft, Spiritualität
und rationale Methode sollen nach dem Beispiel des Heiligen Thomas eine
lebendige Einheit bilden. Die thomasische Theologie gibt der Fakultät
von Freiburg ein besonderes Profil.
Damit ist die Brücke zur Fundamentaltheologie geschlagen, die von Prof.
Guido Vergauwen OP vertreten wird. Sie behandelt die Frage nach dem Verhältnis
von Glaube und Vernunft sowie Aufgaben, Methoden und Grenzen der rationalen
Glaubensverantwortung im heutigen Kontext. Diese Aufgabe impliziert das
Gespräch mit der Philosophie (insbesondere mit der neueren jüdischen
Religionsphilosophie) sowie mit den Sozialwissenschaften. Im Sommersemester
2002 führen Fundamentaltheologie und Dogmatik in Zusammenarbeit mit
dem Christkatholischen Departement der Theologischen Fakultät Bern
ein ökumenisches multidisziplinäres Seminar zur theologischen
Hermeneutik biblischer Texte unter exegetischer, systematischer und spiritueller
Hinsicht durch. Theologisches Denken ist ja grundsätzlich hermeneutisch
angelegt, das heisst auf Texte bezogen, in denen religiöse Erfahrungen
artikuliert und reflektiert werden und die auf anderen vorgegebenen Schriften
beruhen.
Das Institut für Ökumenische Studien (Direktor Prof. Guido Vergauwen
OP), das Prof. Heinrich Stirnimann OP in den sechziger Jahren gegründet
hatte, geht in den letzten Jahren in Lehre und Forschung neben dem Studium
der reformierten Tradition vermehrt auch auf den Bereich der Geschichte,
Kultur und Theologie der Ostkirchen ein, übrigens in Zusammenarbeit
mit dem Interfakultären Institut für Ost- und Mitteleuropa an
der Universität Freiburg. Im Sommersemester 2002 wird das Verhältnis
von orthodoxen und katholischen Kirchen in der Ukraine unter der Überschrift
«Kirchenkonflikt oder ökumenisches Miteinander?» thematisiert.
Ferner ist ein theologisches Seminar mit Studierenden der orthodoxen theologischen
Fakultät Sofia in einem bulgarischen Kloster sowie eine Reise in die
Ukraine geplant. Im Rahmen eines grösseren Forschungsprojektes (Prof.
Barbara Hallensleben) zum Werk des russischen Ökonomen, Religionsphilosophen
und Theologen Sergij Bulgakov findet im Sommersemester 2002 ein Seminar
zum Thema «Philosophische Grundlagen der Theologie Theologische
Implikationen der Philosophie» auf der Basis von Bulgakovs «Philosophie
der Wirtschaft» statt. Zwei Publikationsreihen, die im Universitätsverlag
Freiburg erscheinen, zeugen von der Forschung in den Bereichen der Fundamentaltheologie,
Dogmatik und ökumenischer Theologie: die Reihe der «Ökumenischen
Beihefte» und die «Studia Friburgensia».
2. Missiologie und Religionswissenschaft haben ihren spezifischen Charakter.
Aber die Theologie der Mission ist ohne Religionswissenschaft undenkbar.
Daher wurde schon früh in den dreissiger und vierziger Jahren von den
Theologieprofessoren Bernard Allo OP und Jean de Menasce OP Religionsgeschichte
gelehrt. Daraus erwuchs das Institut für Missiologie und Religionswissenschaft
an der Theologischen Fakultät, dem heute Prof. Anand Nayak vorsteht.
Das Institut bietet ein grosses Weiterbildungsprogramm unter dem Namen CEDRO
(Christen im Dialog mit den Religionen der Welt) an. Es führt regelmässige
Seminare und Studienwochen für ein weiteres Publikum in der Schweiz,
Frankreich, Belgien und Québec durch. Namentlich die so genannten
Sadhana-Seminare wecken ein grosses Interesse.
In der Missiologie liegt der Schwerpunkt auf der Neuen Evangelisierung.
Die Vermittlung des christlichen Glaubens ist eine Aufgabe, die sich in
allen Kontinenten stellt. Durch Veröffentlichungen, Weiterbildungsprogramme,
Studienreisen und Erneuerungskurse für in der Mission tätige Personen
erfasst das Institut weite Kreise über die Universität hinaus.
In einem Zyklus von vier Jahren werden Hinduismus, Buddhismus, Islam und
lateinamerikanische Religionen gelehrt, wobei der Akzent auf die Darstellung
der Religionen, wie sie in der heutigen Welt gelebt werden, gelegt wird.
Um die Besonderheit jeder Religion herauszuarbeiten, werden komparative
Studien durchgeführt. Damit sollen Grundlagen für den interreligiösen
Dialog geschaffen werden.
Heute legt die Theologische Fakultät ein verstärktes Interesse
an der Religionswissenschaft an den Tag, da die Begegnung der Religionen
zusehends an gesellschaftlicher und religiöser Bedeutung gewinnt. Die
Theologie als die für religiöse Fragen spezialisierte Wissenschaft
ist kompetent, auf diesem Gebiet qualifizierte Beiträge zu leisten.
Die Fakultät prüft daher die Möglichkeit, parallel zum Lizentiat
in Theologie einen Studiengang Religionswissenschaft zu schaffen.
3. Alle systematischen theologischen Fächer wurzeln in der Philosophie.
Aus diesem Grund verfügt das Departement über zwei Lehrstühle
in Philosophie: Antike Philosophie (Prof. Dominic O'Meara) und Mittelalterliche
Philosophie (die Wiederbesetzung dieses Lehrstuhls ist im Gang). An diese
zwei Lehrstühle sind Metaphysik und Ontologie gebunden. Die Philosophie
steht in Freiburg nicht nur am Anfang des Theologiestudiums, sondern begleitet
es während seiner ganzen Dauer. Philosophie ist ja in jeder theologischen
Reflexion impliziert. So wird zum Beispiel im Sommersemester 2002 der bekannte
Heidelberger Philosoph Prof. Rüdiger Bubner einen Vorlesungszyklus
unter dem Thema halten: «Welche Rationalität bekommt der Gesellschaft?».
Die Lehrstühle der Philosophie unseres Departements gehören gleichzeitig
zum Departement der Philosophie, was die Zusammenarbeit mit der Philosophischen
Fakultät fördert. Die enge Verbindung zwischen Theologie und Philosophie
erscheint namentlich in der Freiburger Zeitschrift für Philosophie
und Theologie, deren Redaktion unserem Departement angeschlossen ist. Der
Forschungsschwerpunkt antike und mittelalterliche Philosophie in Freiburg
ist durch zwei Reihen bekannt geworden: die Reihe «Vestigia»
(antikes und mittelalterliches Denken) der Lehrstühle Antike und Mittelalterliche
Philosophie, und die Reihe «Dokimion», die als Beihefte der
Freiburger Zeitschrift für Philosophie und Theologie erscheinen. Die
in den theologischen Kursus integrierte Philosophie hat viel zur internationalen
Ausstrahlung unserer Theologischen Fakultät beigetragen: sie gab und
gibt der Systematischen Theologie in Freiburg ein spezifisches Profil.
Der Dominikaner Gilles Emery, Ordinarius für Dogmatik, ist Präsident des Departements für Glaubens- und Religionswissenschaft, Philosophie.