17/2002

INHALT

Theologie in Freiburg

Departement für Patristik und Kirchengeschichte

von Mariano Delgado

 

Gerhard Ebeling hat ­ wohl ein wenig übertreibend ­ geschrieben, dass von den Theologen gewöhnlich noch am ehesten der «Kirchenhistoriker» allgemeine wissenschaftliche Reputation geniesst. In der Tat gilt für den Kirchenhistoriker, dass die Qualität seiner Forschungen in erster Linie daran zu messen ist, ob er mit der Methodik der Geschichtswissenschaft sauber arbeitet oder nicht.

Die Kirchengeschichte als theologische Disziplin

Aber die Kirchengeschichte ist mit gutem Recht auch eine Disziplin an theologischen Fakultäten: nicht nur aufgrund ihres Gegenstandes, sondern auch weil sie ­ ohne sich von dogmatischen Aprioris verleiten zu lassen ­ mit einem Sinn für Theologie, Kirche und christliche Religionsgeschichte zu betreiben ist. Hierzu gilt analog das, was Nietzsche vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben geschrieben hat: Die Kenntnis der Kirchengeschichte steht im Dienste der Gegenwart und Zukunft des Lebens von Kirche und Christentum. Die Kirchengeschichte darf das Christentum nicht «historisieren» und es zum Bildungsgut, zum Wissens- und Diskussionsstoff der Gebildeten degradieren. Es liesse sich dann vortrefflich gebildet über Christentum und Kirche palavern, ohne zur Gegenwart und Zukunft von Christentum und Kirche beizutragen! Hier gilt wiederum das Mahnwort Nietzsches angesichts der liberalen Theologie seiner Zeit, die in die Falle des Historismus gegangen war: «Was man am (liberalen) Christenthume lernen kann, dass es unter der Wirkung einer historisierenden Behandlung blasirt und unnatürlich geworden ist, bis endlich eine vollkommen historische, das heisst gerechte Behandlung es in reines Wissen um das Christenthum auflöst und dadurch vernichtet, das kann man an allem, was Leben hat, studiren: dass es aufhört zu leben, wenn es zu Ende secirt ist und schmerzlich krankhaft lebt, wenn man anfängt an ihm die historischen Secirübungen zu machen.»
Der Kirchenhistoriker darf den Sinn für das «Geheimnis» in der Geschichte nicht verlieren. Denn auch für die allgemeine Geschichtswissenschaft gilt letztlich, dass Genies wie Mozart und Beethoven nicht restlos wissenschaftlich erklärbar sind: «Versetzt nur ein Paar solcher modernen Biographen in Gedanken an die Geburtstätte des Christenthums oder der lutherischen Reformation; ihre nüchterne pragmatisirende Neubegier hätte gerade ausgereicht, um jede geisterhafte actio in distans unmöglich zu machen: wie das elendeste Thier die Entstehung der mächtigsten Eiche verhindern kann, dadurch dass es die Eichel verschluckt. Alles Lebendige braucht um sich eine Atmosphäre, einen geheimnisvollen Dunstkreis; wenn man ihm diese Hülle nimmt, wenn man eine Religion, eine Kunst, ein Genie verurtheilt, als Gestirn ohne Atmosphäre zu kreisen: so soll man sich über das schnelle Verdorren, Hart- und Unfruchtbarwerden nicht mehr wundern.»
Der Kirchenhistoriker muss gewiss die historische Methodik akribisch beherrschen; wenn er aber keinen Sinn für den Gegenstand «Kirche und Christentum» hat, für diese Religion, die in der Kraft des Geistes aus zwölf galiläischen Fischern zu einer weltumspannenden Glaubensgemeinschaft herangewachsen ist, zu einem seit zwei Jahrtausenden laufenden (freilich oft auch sich im Menschlich-Allzumenschlichen leer laufenden) Motor der Weltgeschichte, wird er mit seinen Forschungen nur dazu beitragen, dass Kirche und Christentum als Gestirn ohne Atmosphäre kreisen.

Von der Aktualität der Kirchengeschichte

Goethe brachte um 1800 das Unbehagen der Gebildeten mit der Kirchengeschichte spöttisch zur Sprache:

«Sag', was enthält die Kirchengeschichte?
Sie wird mir in Gedanken zunichte;
Es gibt unendlich viel zu lesen,
Was ist dann aber das alles gewesen?
Zwei Gegner sind es, die sich boxen,
Die Arianer und die Orthodoxen.
Durch viele Säkla dasselbe Geschicht,
Es dauert bis an das Jüngste Gericht»
(Sprüche Nr. 176 und Nr. 178).

Und er fügte hinzu:

«Es ist die ganze Kirchengeschichte Mischmasch von Irrtum und Gewalt»
(Sprüche, Nr. 178).

Auf Goethes Kritik folgte aber nicht der Niedergang der Kirchengeschichte als theologische Disziplin, sondern eher ihr «goldenes Jahrhundert». Im Schatten der historischen Methode avancierte die Kirchengeschichte im 19. Jahrhundert zum Wetterwinkel der Theologie. Es genüge hier daran zu erinnern, dass Johann Adam Möhler und Ignaz von Döllinger, um nur zwei paradigmatische Gestalten zu nennen, «Kirchenhistoriker» waren. Das «historische Auge» der Theologie wurde damals zur Grundlage des spekulativen ­ und nicht umgekehrt. Nach der Modernismuskrise hingegen privilegieren die neuscholastisch geprägten theologischen Studienordnungen die systematischen Disziplinen und reduzieren die Kirchengeschichte quasi zur Hilfswissenschaft. Die Disziplin, die wie keine andere «das Ganze der Theologie» umgreift (Wolfhart Pannenberg), muss immer wieder um «ihren» Platz in den verschiedenen Curricula kämpfen ­ und an manchen Fakultäten wird sie gar auf ein Minimum reduziert. Nimmt man aber das hermeneutische Programm «Erinnern und Versöhnen» ernst, mit dem die Kirche sich im Schatten des Jahres 2000 den Verfehlungen in ihrer Vergangenheit stellen will, dann bräuchten wir im Theologiestudium nicht weniger, sondern mehr Kirchengeschichte ­ sofern diese dabei zwei Extreme vermeidet, nämlich eine Apologetik, die alle Schattenseiten und alles Versagen herunterspielt oder leugnet, und eine fundamentalistische Kritik nach Art einer Kriminalgeschichte, der es um den Aufweis geht, dass die Kirche nicht von Gott kommen kann und dass sie im innersten Wesen korrumpiert sei, wenn man sie an ihren Idealen misst.

Das Departement für Patristik und Kirchengeschichte in Freiburg

Das Departement ist geprägt durch die besonderen Merkmale der Universität Freiburg: Zweisprachigkeit in der Lehre, Brückenfunktion und Vermittlung zwischen dem deutschsprachigen und dem frankophonen, ja dem gesamtromanischen Kulturraum, grosse Vielfalt in Lehre und Forschung, weltkirchlicher Blick ­ sowohl wegen der internationalen Zusammensetzung des Lehrkörpers als auch wegen der besonderen Verbindung zum Predigerorden, der in der ganzen Welt tätig ist. Aus diesen Gründen, und nicht zuletzt auch weil an der Universität Freiburg als volle Universität für Studierende der Theologie zahlreiche Studienkombinationen möglich sind, ist Freiburg ein beliebter Standort für Studierende aus der ganzen Welt geworden und geblieben.
Zurzeit sind an unserem Departement vier Professoren tätig, je ein Ordinarius und ein Assoziierter Professor für den Bereich Patristik/Alte Kirchengeschichte (Otto Wermelinger, Franz Mali) sowie Mittlere und Neuere Kirchengeschichte (Guy Bedouelle OP, Mariano Delgado); das Lehrangebot im Bereich Patristik/Alte Kirchengeschichte wird zudem durch einen ständigen Lehrbeauftragten (Flavio Nuvolone) unterstützt, der zugleich die Aktivitäten der «Groupe Suisse d'Études Patristiques» koordiniert. Diese Grunddisziplinen werden durch Lehre und Forschung in folgenden Bereichen ergänzt: Christliche Orientalische Sprachen, Kultur- und Religionsgeschichte der christlichen Umwelt, Dogmen- und Theologiegeschichte, Aussereuropäische Kirchen- und Theologiegeschichte. Verschiedene Schwerpunktprogramme und Spezialisierungszeugnisse (etwa im Bereich der Forschungsschwerpunkte «Spätantike» und «europäische Religions- und Kulturgeschichte des 16. und des 19. Jahrhunderts») werden auch angeboten. Dem Departement ist das «Institut für Biblische und Orientalische Sprachen» angegliedert.
Zahlreiche Publikationsreihen werden von Mitgliedern des Departements betreut: Im Bereich Patristik/Geschichte der Alten Kirche die Reihen «Paradosis» (Universitätsverlag Freiburg, Herausgeber: O. Wermelinger) und «Orbis Biblicus et Orientalis. Subsidia didactica» (Universitätsverlag Freiburg und Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Herausgeber: F. Mali); im Bereich Mittlere und Neuere Kirchengeschichte die Reihen «Studia Friburgensia. Series historica» (Éditions universitaires Fribourg, Éditeur: G. Bedouelle), «Histoire du Christianisme» (Jaca Book Mailand, Éditions du Cerf Paris, Éditeur: G. Bedouelle) und «Studien zur christlichen Religions- und Kulturgeschichte» (Universitätsverlag Freiburg und Verlag W. Kohlhammer Stuttgart, Herausgeber: M. Delgado). Zudem nehmen Mitglieder des Departements die Schriftleitung von zwei internationalen wissenschaftlichen Zeitschriften verantwortlich wahr: «Mémoire dominicaine» (G. Bedouelle) und «Zeitschrift für Missionswissenschaft und Religionswissenschaft» (M. Delgado).
Alle Mitglieder des Departements stehen auf schweizerischer und internationaler Ebene in zum Teil enger Kooperation mit anderen theologischen und nicht theologischen Hochschulen oder sonstigen wissenschaftlichen Institutionen. Auf schweizerischer Ebene ist einerseits die Kooperation mit den Theologischen Fakultäten von Bern und Neuenburg im Rahmen von BENEFRI hervorzuheben, andererseits die Zusammenarbeit mit den anderen frankophonen Fakultäten der Romandie im Troisième Cycle Histoire de l'Eglise, dessen Präsident derzeit G. Bedouelle ist. Mitglieder des Departements haben in den letzten Jahren zahlreiche wissenschaftliche Kolloquien und Ausstellungen organisiert, so etwa über den Manichäismus und über Leben und Werk des Kirchenvaters Augustinus (O. Wermelinger), über die spirituelle Identität Polens (G. Bedouelle), über Gustavo Gutiérrez' Theologie der Befreiung und über zwei Jahrtausende Geschichte und Utopie in der Rezeption der Danielschen Weltreiche-Lehre (M. Delgado). Ebenso werden kirchen-, religions- und kulturhistorische Studienreisen angeboten.<1>

 

Mariano Delgado ist Präsident des Departements für Patristik und Kirchengeschichte.


Anmerkung

1 Nähere Informationen über das Departement für Patristik und Kirchengeschichte vermittelt unsere neue Homepage: http://www.unifr.ch/phe


Schweizerische Kirchengeschichte

 

Die Vereinigung für Schweizerische Kirchengeschichte wird traditionsgemäss von einem an einer Theologischen Fakultät tätigen Historiker präsidiert, während ihre Zeitschrift praktisch ununterbrochen von einem Historiker der Philosophischen Fakultät der Universität Freiburg redigiert wird. Aktueller Präsident der Vereinigung ist Prof. Mariano Delgado, der Anmeldungen zur Mitgliedschaft gerne entgegennimmt.

Redaktion


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002