16/2002

INHALT

Theologie in Freiburg

Attraktives Theologiestudium

von Adrian Schenker

 

Die Vorstellung der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg im Üchtland beginnt nicht zu Unrecht mit dem Departement für biblische Studien. Die Heilige Schrift ist nach einem bekannten Wort (dessen Ursprung ich allerdings nicht kenne!) die Seele der Theologie. Damit ist die Verantwortung aller Personen, die die Bibel dozieren, schon umrissen. Ihnen ist der Auftrag gegeben, diese Quelle des jüdischen und christlichen Glaubens zu interpretieren und den Studierenden zu erschliessen.
Zurzeit gibt es zwei Ordinarien für Altes und zwei für Neues Testament, jeweils einen in der französisch- und einen in der deutschsprachigen Sektion, nämlich im AT Othmar Keel (der auf Herbst 2002 zurücktritt) und Adrian Schenker OP sowie im NT Hermann-Josef Venetz (der auf Herbst 2003 zurücktreten möchte), Benedict Viviano OP (aus den USA) sowie Prof. Max Küchler (NT, zwischentestamentliche Literatur, Qumran), Privatdozent Christoph Uehlinger (AT Deutsch) und Yohanan Goldman (AT Französisch).
Die Zweisprachigkeit der Lehre ist charakteristisch für Freiburg. Sie bringt die Kulturbereiche der deutschsprachigen Länder und die Frankophonie ins Gespräch. Zur französischsprachigen Welt gehören viele afrikanische Studierende und solche aus den sprachlich verwandten Ländern der iberoamerikanischen Welt und aus Italien. Heute sind vermehrt Studierende aus Mittel- und Osteuropa in unserer Fakultät eingeschrieben; manche von ihnen kommen für ein biblisches Doktorat. Das ist eine grosse Chance für uns. So ist ein Lehrbeauftragter, Dr. Innocent Himbaza, aus Rwanda, Pfarrer der evangelisch-reformierten Gemeinde in Estavayer-le-Lac bei uns tätig.
Eine so vielfältige Gemeinschaft von Lehrenden und Studierenden stellt einen grossen menschlichen Reichtum dar, der am Souper biblique spürbar wird. Dieses geht in die Ursprünge des biblischen Departements zurück, als es noch biblisches Institut hiess und unter der unerschöpflichen Inspiration von Ceslas Spicq (NT) und vor allem von Dominique Barthélemy (AT) stand, die in den Sechzigerjahren das Fach Bibel vertraten, jetzt aber beide schon aus diesem irdischen Leben in die Ewigkeit aufgebrochen sind, Dominique Barthélemy erst vor ganz kurzem am 10. Februar 2002. Alle vierzehn Tage, jeweils am Donnerstagabend, nachdem Verwaltungstechnisches und Organisatorisches (das auch in Freiburg stetig anschwillt) besprochen ist, trägt jemand aus der Teilnehmerschaft, manchmal auch ein Gast, der gerade anwesend ist, eine biblische Thematik in einem Referat vor, woran sich oft eine lebhafte Diskussion anschliesst. Alle, Dozenten, Assistentenschaft, Studierende in den obern Semestern, die dazustossen können, profitieren von diesem Austausch, der übrigens bei einem Glas stattfindet und Schlag 10 Uhr, wie eine vorverschobene Geisterstunde, aufhört. Unter dieser Teilnehmerschaft gibt es Dominikaner und Diözesanpriester, Laien, Frauen und Männer, Priesteramtskandidaten und Laientheologen. So entsteht ein Mikrokosmos von Kirche und Welt. Die Zusammenarbeit ist bei so vielen Mentalitäten nicht immer leicht, aber sie kann auf diese Weise geübt werden.
Im biblischen Departement gibt es verschiedene Ausrichtungen der Tätigkeiten. Biblische Weiterbildung, Vorträge, Exerzitien, Sessionen, Mitarbeit an der École de la Foi, Artikel und Publikationen für eine spezialisierte und für eine breitere Leserschaft, Radiosendungen bilden ein stattliches Segment der Gesamtaktivität sowohl auf Deutsch wie auf Französisch, gelegentlich auch auf Englisch, landesweit und international. Sehr bekannt sind inzwischen die bedeutenden Sammlungen altorientalischer Kleinkunst aus Palästina-Israel und aus den Nachbarländern geworden. Sie sind ein Teil der weitherum bewunderten Forschungen auf dem Gebiet der biblischen Archäologie, Ikonographie und der damit eng verwobenen Religionsgeschichte, die Othmar Keel, Max Küchler, Christoph Uehlinger mit ihren früheren Doktoranden entwickelt haben. Diese jahrzehntelange, intensive Forschungsarbeit mündet in das Projekt eines zu gründenden Bibel- und Orient-Museums ein, das in die Phase der Realisierung eingetreten ist.
Seit Dominique Barthélemy ist Freiburg auch zu einem Zentrum der alttestamentlichen Textgeschichte geworden; gegenwärtig widmen sich A. Schenker, Y. Goldman und I. Himbaza der Textgeschichte und bereiten eine neue kritische Handausgabe der hebräischen Bibel vor im Auftrag der Deutschen Bibelgesellschaft in Stuttgart und in internationaler und interkonfessioneller Zusammenarbeit.
An Studiengängen gibt es verschiedene Möglichkeiten in Kombination mit den andern Fakultäten der Universität. In Verbindung mit der Theologie ist namentlich die Religionswissenschaft bedeutend, und das antike Judentum sowie die Sprachen des alten und des christlichen Orients werden besonders gepflegt. Die Bibel kann als Nebenfach von Nichttheologen gewählt werden. «Biblische und hebräische Literatur» ist ein Lizentiatsfach, das die philosophische Fakultät anerkennt. Viele Studierende aus Deutschland und Österreich wählen gerne Freiburg für ihre Freisemester.
Seit Prof. Grégoire Rouiller, Chorherr von St-Maurice, als Nachfolger des unvergessenen, viel zu früh verstorbenen Prof. Bernard Trémel OP das NT auf französischsprachiger Seite vertrat, hat auch die semiotische und poetologische Forschung einen festen Platz am Departement erhalten. Y. Goldman pflegt diese Methoden weiter. Prof. Georg Schelbert, Immenseer Missionar, hatte seinerseits das damalige biblische Institut mit seiner profunden Gelehrsamkeit auf aramaistischem und judaistischem Gebiet während langen Jahren bereichert.
Es ist auch der Erwähnung wert, dass die Publikationsreihen Orbis Biblicus et Orientalis (OBO) (AT) und Novum Testamentum et Oriens Antiquus (NTOA) das Departement mit zahlreichen biblisch Arbeitenden und Interessierten weltweit verbindet und bekannt macht. In dieser Reihe sind die meisten biblischen Dissertationen unserer Fakultät erschienen.

 

Der Dominikaner Adrian Schenker, Ordinarius für Altes Testament, ist Curator des Biblischen Departements.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002