15/2002

INHALT

Theologie in Luzern

Attraktives Theologiestudium

von Markus Wehrli

 

Die Vielzahl seiner Disziplinen macht das Theologiestudium per se schon zu einem der vielseitigsten und interessantesten Studiengänge. Die breite Palette der wählbaren Nebenfächer und neue Möglichkeiten haben dies noch verstärkt.
Ende November hat die Universität Luzern ihren alljährlichen «Tag der offenen Tür» für die Mittelschülerinnen und Mittelschüler durchgeführt. Fester Bestandteil ist dabei die Präsentation der einzelnen Fakultäten. Zum ersten Mal hat sich dabei auch die neu eröffnete Rechtswissenschaftliche Fakultät den zukünftigen Studentinnen und Studenten präsentiert. Dass Jus ein sehr gefragtes Studium ist, ist bekannt, und hat sich bei uns in Luzern durch die eindrückliche Zahl von 160 Neuanfängerinnen und Neuanfängern erneut bestätigt. Keine leichte Aufgabe, als Theologische Fakultät daneben zu bestehen! Vor allem, weil die halbstündigen Präsentationen am «Tag der offenen Tür» den Schülerinnen und Schülern einen direkten und schonungslosen Vergleich zwischen den einzelnen Fakultäten möglich machten. Da ich als überzeugter Theologe nicht bereit bin, klein beizugeben und mich mit dem so genannt Realistischen abzufinden, habe ich die neue Herausforderung angenommen. Diese Aufgabe hat mich vor grundsätzliche Fragen gestellt, die für die Zukunft des universitären Theologiestudiums von grosser Tragweite sind: Wie lässt sich das Theologiestudium so präsentieren, dass junge Studienanwärterinnen und -anwärter darin eine interessante und attraktive Studienmöglichkeit mit Perspektiven für ihre Zukunft erkennen? Ist dies überhaupt möglich, ohne eine unredliche PR-Show zu inszenieren und den elementaren Bezug dieses Studiums zum katholischen Glauben und zur Kirche totzuschweigen? Wie kann ich bei den Schülerinnen und Schülern die Reflexreaktion: «Theologie? Bestimmt nicht, ich werde doch nicht Priester!» umgehen und sie neugierig machen, was dieses Studium alles zu bieten hat?

Was ist Theologie?

Ich habe meine Präsentation der Theologischen Fakultät mit der Feststellung begonnen, dass über die Theologie viel Überholtes und Seltsames in den Köpfen herumgeistere, das mit der Realität und dem heutigen Studium herzlich wenig zu tun habe. Sie sollten sich deshalb auf einige Überraschungen gefasst machen.
Um was geht es bei der Theologie? Theologie ist die Wissenschaft, die sich mit Gott beschäftigt und den christlichen Glauben mit wissenschaftlichen Methoden reflektiert. Diese Antwort erwarten alle. Und so korrekt sie ist ­ sie ist nur die eine Hälfte: Genauso wichtig sind in der Theologie die aktuellen Fragen der heutigen Gesellschaft und die Fragen der einzelnen Menschen. Theologie verbindet beides miteinander, die Reflexion des Glaubensgutes und das, was die Menschen bewegt, damals wie heute. Im Zentrum der Theologie steht immer der Mensch ­ in einer Weise, wie dies sonst in keiner anderen Wissenschaft der Fall ist. Die Einzelwissenschaften fassen immer nur Teilaspekte des Menschseins und des menschlichen Lebens ins Auge. Theologie geht darüber hinaus und versucht, den Menschen in seiner Ganzheit zu erfassen. Das schliesst die Sinnfrage wesentlich mit ein, die Frage nach den tragenden Werten im Leben und die Berücksichtigung der religiösen Dimension des Menschen. Nirgendwo sonst wird der konkrete Mensch von heute so ernst genommen wie in der Theologie.
Das Theologiestudium ist deshalb ein sehr vielseitiges und umfassendes Studium, wie der Blick auf die Liste der Teildisziplinen schnell klar macht. Die Einteilung in einen historischen, einen systematischen und einen praktischen Bereich findet sich auch bei anderen Studienfächern. Einen so starken und breiten Einbezug anderer Wissenschaften sucht man bei anderen Studienfächern hingegen vergeblich: Sprachwissenschaften, Naturwissenschaften, Medizin, Recht, Pädagogik ­ es gibt im Theologiestudium kaum eine Wissenschaft, die nicht einbezogen wird. Diese Vielfalt und diese ausgeprägte Interdisziplinarität ist eine der grossen Stärken des Theologiestudiums. Theologie ist eine der letzten «studia generalia». Dies ist den Theologinnen und Theologen auch ausserhalb ihres «Kerngeschäfts» von grossem Nutzen: Neben dem Einblick in eine Vielzahl von Wissenschaften lernen die Theologiestudierenden im Verlauf ihres Studiums praktisch alle wissenschaftlichen Arbeitsmethoden kennen. Die Theologinnen und Theologen erhalten damit eine breite, gute Grundlage und einen Zugang zu den anderen Wissenschaften, der sich je nach Interesse ausbauen und vertiefen lässt.

Offen für Nebenfächer

Hier zeigt sich bereits der nächste Vorteil der Theologie: Kaum ein anderes Studium bietet so ideale Voraussetzungen für die Kombination mit verschiedensten Nebenfächern wie das Theologiestudium. Für fast jedes Nebenfach sind in der Theologie bereits Ansatzpunkte vorhanden. Das ist der Grund, weshalb die Theologische Fakultät an der Universität Luzern die Wahl der Nebenfächer den Studierenden völlig freistellt. Sie können ohne weiteres Astrophysik oder Mikrobiologie als Nebenfach für ihr Theologiestudium wählen, wenn sie das interessiert und wenn es für ihr berufliches Ziel von Nutzen ist. Meistens ist den Studierenden jedoch mehr an Religionswissenschaft, Philosophie, Soziologie oder Recht gelegen. Im Hinblick auf ihre berufliche Zukunft treffen sie damit eine gute Wahl, wie die Erfahrung zeigt: Etwa die Hälfte der Absolventinnen und Absolventen eines Theologiestudiums arbeiten ausserhalb der Kirche, wo sie eine ganze Reihe attraktiver Arbeitsbereiche finden. Das Spektrum reicht von Erwachsenenbildung über Supervision und Sozialberatung bis hin zu Projektmanagement, Personalführung und Journalismus. Dass Nebenfächer und Zusatzausbildungen den Einstieg in diese Bereiche erleichtern, versteht sich von selbst. Das dürfte mit ein Grund sein, weshalb sich immer mehr Studierende für den Hauptfach-Nebenfach-Studiengang entscheiden. Doch auch im Hinblick auf den Dienst als Seelsorgerin oder Seelsorger ist das Studium von Nebenfächern eine interessante Option: Sei es Psychologie, Management oder Betriebswirtschaft ­ welcher Seelsorger hat sich nicht schon gewünscht, ein grösseres Rüstzeug in diesen Bereichen für seine Arbeit zu Verfügung zu haben? Diesbezüglich öffnen sich in Luzern derzeit völlig neue Perspektiven: Die Theologische Fakultät hat den Weg frei gemacht, damit in Kürze auch Nebenfächer an den Fachhochschulen belegt werden können. Theologie im Hauptfach und Sozialarbeit oder Wirtschaft im Nebenfach muss nicht länger ein Wunschtraum bleiben!
Interessante Beobachtung: Die überwältigende Mehrheit der Studierenden im Hauptfach-Nebenfach-Studiengang wählt Ergänzungstheologie als eines der beiden Nebenfächer und hält sich damit die Option des kirchlichen Dienstes bewusst offen. Das Motto «Theologiestudium ja, Kirche nein» ist also nicht zu befürchten.
Wenn ich das hohe Lob des Theologiestudiums im Hauptfach-Nebenfach-Studiengang gesungen habe, dürfen die bemerkenswerten Qualitäten des klassischen Vollstudiums nicht unerwähnt bleiben. Dank der Beschränkung auf die theologischen Disziplinen steht die ganze Studienzeit für diese Fächer zur Verfügung. Damit ist natürlich ein wesentlich breiteres theologisches Studium, in dem die verschiedenen Fächer ausgewogen vertreten sind, sowie eine vertiefte Auseinandersetzung mit den einzelnen Fächern möglich. Doch auch beim Vollstudium haben wichtige Neuerungen Einzug gehalten: Wer sich vor ein paar Jahren für das Theologiestudium entschieden hat, hat sein Studium nach einem einheitlichen, festen Plan absolviert. Heute haben die Studierenden die Möglichkeit, in ihrem Studium einen individuellen Akzent zu setzen. Möglich geworden ist dies durch die Schaffung des so genannten Schwerpunktstudiums im zweiten Studienabschnitt. Die Studierenden können dabei zwischen dem biblisch-historischen, dem systematischen und dem praktischen Bereich wählen und in den betreffenden Fächern mehr Studienleistungen erbringen. Damit ist bereits eine gewisse Spezialisierung möglich, die jedoch nicht auf Kosten der theologischen Allgemeinbildung geht.

Praxisbezug

Eine Spezialität des Vollstudiengangs ist auch der für ein Universitätsstudium bemerkenswert hohe Anteil an praktischen Elementen. Neben den praxisorientierten Disziplinen wie Religionspädagogik, Pastoraltheologie und Kirchenrecht sind in Luzern auch zwei Praktika im Pflichtprogramm des Studiums enthalten. Für alle verpflichtend ist das katechetische Praktikum, einschliesslich der vorgängigen Methodik-Vorlesung und den praktischen Übungen auf allen Unterrichtsstufen während eines ganzen Jahres. Das zweite Praktikum kann im kirchlichen und sozialen Bereich frei gewählt werden. Die Stichworte Pfarrei, Diakonie, Privatwirtschaft und Spital zeigen, wie vielfältig die Möglichkeiten sind.
Kürzlich habe ich von einer ganz unerwarteten Seite eine hohe Wertschätzung für das Theologiestudium feststellen können: Wie mir eine Studentin erzählt hat, stellt eine der Schweizer Grossbanken seit Jahr und Tag gerne Theologinnen und Theologen ein, und zwar unabhängig von Nebenfächern und Zusatzqualifikationen ­ aus der Überzeugung, dass das Theologiestudium per se eine ausgezeichnete wissenschaftliche und menschliche Grundlage für verschiedenste fachliche Spezialisierungen ist.
Ob aus Erfahrung oder intuitiv: Die betreffende Grossbank hat den Wert des Theologiestudiums erkannt. Beim Theologiestudium geht es nicht nur um Wissenserwerb, auch nicht nur um die Beschäftigung mit dem Glauben, sondern auch um die Förderung menschlicher Fähigkeiten wie Einfühlungsvermögen, Argumentationsfähigkeit und Dialogfähigkeit. Alles höchst wichtige und gefragte Fähigkeiten, in welchem Lebens- und Berufszusammenhang auch immer.
Darüber hinaus besitzen Theologiestudierende mit ihrer fundierten Kenntnis der christlichen Glaubenstradition ein Wissen, ohne das unsere heutige Gesellschaft mit ihren allgegenwärtigen christlichen Wurzeln und Bezügen nicht zu verstehen ist.
Ob es den genannten Argumenten, der selbstbewussten Präsentation oder dem heiligen Geist zuzuschreiben ist, kann und muss ich als Theologe nicht einwandfrei entscheiden. Jedenfalls haben sich nach der Vorstellung aller Fakultäten vier Maturandinnen und Maturanden bei mir gemeldet, die ein unmittelbares Interesse am Theologiestudium haben. Eine derart positive Reaktion macht mich zuversichtlich, dass dieses Studium Zukunft hat. Nicht zuletzt auch deshalb, weil auch jene Interessentinnen und Interessenten, die nicht im Besitz eines Maturazeugnisses sind, nach einer Aufnahmeprüfung an unserer Fakultät Theologie studieren können.

 

Markus Wehrli arbeitet als Studienleiter der Theologischen Fakultät an der Universität Luzern und schreibt seine Dissertation im Fachbereich theologische und philosophische Ethik bei Prof. Hans J. Münk zum Thema «Ist Eigeninteresse zu verantworten?»; daneben engagiert er sich im Leitungsteam des Glaubenskurses «Cursillo».


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002