6/2002 | |
INHALT | |
Theologie |
Jubiläen<1> sind Gelegenheiten
innezuhalten und zurückzuschauen: zu danken für das, was die Vergangenheit
für die Menschen vor uns bereitgehalten hat, und zu danken dafür,
dass wir auf diesem Fundament leben können. Jubiläen sind aber
auch eine Herausforderung innezuhalten und zu schauen, in welche Richtung
es weitergehen kann. Nach verschiedenen Formen des geschichtlichen Rückblickes
steht der heutige Tag im Zeichen der Gegenwart und der Zukunft. Wo stehen
wir heute, und wo soll es hingehen? Zu einer solchen Standortbestimmung
lädt bereits das Lukasevangelium ein:
«Wenn einer von euch einen Turm bauen will», ein Pfarrzentrum
errichten will, eine Kathedrale renovieren will..., «setzt er sich
dann nicht zuerst hin und rechnet, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben
ausreichen? Sonst könnte es geschehen, dass er das Fundament gelegt
hat, dann aber den Bau nicht fertig stellen kann. Und alle, die es sehen,
würden ihn verspotten» (Lk 14,28f.). So sind wir hier zusammengekommen,
um die Chancen auszurechnen, die das Evangelium heute hat.
Die Rede von der Chance des Evangeliums mit dem Ausrechnen von Chancen in
Verbindung zu bringen, löst Unbehagen aus und das soll es auch!
Denn so kann heilsam die Frage aufbrechen, was hier eigentlich wie berechnet
werden soll. Woran sollen wir uns orientieren, wenn es um die Chance des
Evangeliums geht?
Es ist menschlich, dass wir uns an Bestandsaufnahmen, an Statistiken halten,
die uns Auskunft über verfügbare Mittel und «mobilisierbare
Anhänger/Mitglieder» geben. Überliessen wir uns diesem Bann
der Zahlen, dann kämen wir möglicherweise zu dem resignierten
Ergebnis, es sei vernünftiger, Kathedralen nicht zu renovieren, nicht
in eine Hochschule und ein Seminar zu investieren und schon gar nicht neue
Projekte anzugehen denn es könnte sein, dass wir den Bau zwar
noch hinstellen, ihn aber gar nicht mehr brauchen.
Eine solche Mentalität, die Zukunftsperspektiven am Besitzstand ablesen
will, läuft aber Gefahr, die Chance des Evangeliums zu verpassen. Das
Lukasevangelium, das da vom Errechnen der Mittel spricht, endet ganz überraschend:
«Darum kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf
seinen ganzen Besitz verzichtet» (Lk 14,33). Die ganze Geschichte
vom Rechnen scheint vor allem die Einsicht wecken zu wollen, dass man bei
dem, worum es im Evangelium geht, mit dem Ausrechnen des Vorhandenen nicht
weiterkommt. In der Nachfolge Jesu gilt es, anders anzusetzen gilt
es, sich von falschen Stützen zu verabschieden. Entscheidendes Investitionsmittel
ist die eigene Bereitschaft, sich auf das Evangelium einzulassen. Dieses
Evangelium schöpft seine Chancen nicht aus menschlichen Erfolgsbilanzen
es bringt seine Chancen vielmehr selbst mit gerade deswegen
ist es ja Evangelium, Frohbotschaft. Am Anfang der christlichen Kirche steht
darum nicht die Frage, ob am Besitzstand ablesbar ist, welche Chance das
Evangelium hat, am Anfang der Kirche steht der Ruf: «Kehrt um, und
glaubt an das Evangelium» (Mk 1,14).
Wir kommen nicht umhin, diese Herausforderung auf uns selbst zu beziehen.
Das Evangelium bringt seine Chancen mit, doch braucht es Menschen, die es
verkündigen, und zwar Menschen, die selbst an das Evangelium glauben
und davon überzeugt sind, dass sie eine Froh-Botschaft zu verkünden
haben (s.u. III.).
Zuerst sei aber einer anderen Frage Raum gegeben, die der Ratlosigkeit,
die uns gegenwärtig umtreibt, entspringt. Es ist ja gut und schön,
die Chance des Evangeliums in ihm selbst festzumachen. Doch: ist es nicht
unser Problem heute, dass der Ruf zum Glauben, zum Evangelium ungehört
verhallt? Demgegenüber möchte ich im ersten Teil meines Vortrags
für die Überzeugung werben, dass das Evangelium auch in unserer
Zeit eine Chance hat, ja mehr noch, dass das Evangelium für unsere
Zeit eine Chance ist. Wir sollten den Mut haben, unsere Zeit als Kairos,
als günstige Zeit, für die Verkündigung des Evangeliums zu
erkennen (I.) und die damit verbundene Herausforderung (II.) anzunehmen.
Unsere Pfarreien sind kleiner geworden trotz aller Bemühungen,
sie lebendig zu gestalten. Und manche Christen haben etwas resigniert und
denken: Man sollte sich damit abfinden und mit und in der kleinen Herde
zufrieden sein. Doch wer das Evangelium selbst als das gehört und angenommen
hat, was es ist, als eine frohe, befreiende Botschaft, der wird sich mit
dem Rückzug auf die kleine Schar nicht abfinden. Mit dem, was uns selbst
kostbar geworden ist, können wir nicht hinterm Berge halten. Wir können
es auch nicht in den kleinen, inneren Kreisen unserer Pfarreien belassen.
Wer aus diesem Grund den Dialog mit unserer gegenwärtigen Zeit sucht,
wird entdecken, dass die Menschen um uns herum mehr als erwartet suchende
Menschen sind. Es gibt nicht nur eine oberflächliche Spassgesellschaft,
sondern daneben oder sogar mitten darin «eine neue Nachdenklichkeit»<2>. Eine ganze Palette von Symptomen zeugt
von intensiven Suchbewegungen der Menschen heute, angefangen von Filmen,
die in beeindruckender Weise letzte Existenzfragen thematisieren, über
einen Boom von religiösen Angeboten bis hin zur Werbung, die nicht
so sehr auf religiöse Symbole setzen würde, entspräche dies
nicht verbreiteten Bedürfnissen.
Gewiss, die Suchbewegungen gehen zuweilen etwas eigenartige Wege; die neue
Nachdenklichkeit bleibt oftmals ratlos. Aber wir dürfen von den Menschen
nicht erwarten, dass sie von sich aus das Evangelium schreiben so
wie auch wir es nicht selbst erdacht und geschrieben, sondern gehört
haben. Die Frage ist nicht, ob Menschen heute immer schon christlich denken
nein, das tun sie nicht, aber haben Menschen je «immer schon
christlich» gedacht? Jedenfalls ist diesbezüglich die Pastoral
dringend gefragt, umzulernen und anders anzusetzen als bisher. Wir können
nicht einfach davon ausgehen, dass alle Menschen schon Christen sind und
nur noch etwas geködert und intensiver eingebunden werden müssen
(und dann sind wir enttäuscht, dass sie nicht anbeissen). Viele Menschen
kennen das Evangelium so wenig, dass wir es ihnen ganz neu bezeugen müssen.
Voraussetzung dafür ist nicht, dass Menschen bereits christlich denken,
sondern allein, dass sie eine gewisse Offenheit für das Evangelium
mitbringen.
Die erwähnten Suchbewegungen unserer Zeit lassen zuversichtlich sein,
dass das Evangelium heute auf einen fruchtbaren Boden fallen kann. Nicht
verschwiegen sei andererseits, dass es Anzeichen dafür gibt, wie bedroht
Menschen auf ihrer Suche nach Sinn und Glück sind. Gerade diese Ambivalenz
unterstreicht, dass wir zum Dienst an den suchenden Menschen verpflichtet
sind, auch wenn ihre Wege sie nicht unmittelbar zur Kirchentür führen.
An zwei Facetten der gegenwärtigen Lebenswelt sei dies vertieft.
Die Ambivalenz menschlicher Suchbewegungen ist bereits an einem Phänomen
wie der Werbung ablesbar. Sie preist ihre Kaufobjekte dadurch an, dass sie
diese mit der Verheissung besonderer Erfahrungen verknüpft. Menschen
sind nicht mehr einfach mit dem materiellen Produkt zufrieden, sondern erwarten
sich davon mehr: ein Erlebnis, also eine mehr innere Befriedigung. Der neue
Schuh ist nicht nur ein neuer Schuh, sondern bringt jedenfalls der
Werbung zufolge ein neues Lauferlebnis mit sich. Die so genannte Erlebnisgesellschaft
hat den blossen Materialismus, der viel mehr in der Immanenz verschlossen
war, abgelöst und weist an sich durchaus in eine gute Richtung. Menschen
empfinden sehr wohl, dass das Materielle allein sie nicht zufrieden stellen
kann. Der französische Philosoph Luc Ferry bringt es etwas ironisch
so auf den Punkt: Der Mensch spürt, «dass er nicht ausschliesslich
deshalb auf der Welt ist, um ständig immer leistungsfähigere Autos
oder Videogeräte zu kaufen»<3>.
Doch wo zu finden wäre, was ganzheitlich erfüllen könnte,
das wissen Menschen oft nicht. Der Werbung zufolge ist die Antwort auf ihre
Sehnsüchte dann doch nur ein Auto, eine Urlaubsreise usw. Wenn sich
dazu keine Alternative zeigt, wird die Dynamik menschlichen Strebens, die
im letzten auf Transzendenz zielt, auf endliche, begrenzte Güter zurückgebogen.
Doch selbst Nichtglaubende werfen demgegenüber heute unverblümt
die Frage nach einem letzten, umfassenderen Sinn auf; der soeben zitierte
Luc Ferry ist nur ein Beispiel dafür. Dabei geht er sogar so weit,
ausweichende und vorletzte Antworten auf die Sinnfrage mit der Situation
der Beerdigung und der Verlegenheit vor dem offenen Grab zu konfrontieren<4>. Es ist heute wieder möglich, in
dieser Weise letzte Lebensfragen zu stellen.
Wir sollten uns in Pflicht genommen wissen, das Evangelium auf diesem Niveau
ins Gespräch zu bringen (s.u. III.2.). Menschen suchen heute, was ihr
Leben erfüllen kann. Zwar umgehen sie oftmals die letzten Sinnfragen,
weil es weh tut, sich ihnen zu stellen, solange man damit ins Leere läuft.
Aber wenn unsere Pfarreien Räume eröffnen, in denen das zur Sprache
kommen kann, was die menschliche Existenz in ihrem Innersten betrifft, dann
werden Menschen froh sein, ihre Vermeidungsstrategien aufgeben zu können
und ihrer Sehnsucht nach umfassendem Sinn trauen und folgen zu dürfen.
Eine zweite Facette heutiger Lebenswelt, die eine ähnlich ambivalente
Suchbewegung erkennen lässt, ist die so genannte Individualisierung.
Der Begriff steht in der soziologischen Analyse der Gesellschaft für
die grössere Freiheit, in der Menschen heute ihr Leben je individuell
gestalten können, ja, gestalten müssen. Dieses Phänomen muss
differenziert angeschaut werden. Im kirchlichen Bereich werden oftmals eher
kritisch negative Erscheinungsformen dieser Lebenseinstellung vermerkt:
etwa ein Hang zum Individualismus, der rücksichtslos die eigenen Lebensziele
zu verwirklichen sucht, oder eine Tendenz zur Bindungslosigkeit.
Eine pauschale Verurteilung verbietet sich jedoch aus zwei Gründen.
Zum einen ist die Individualisierung nicht kurzschlüssig gleichzusetzen
mit Individualismus; sie ist auch als solche selbst nicht negativ zu bewerten.
Ist nicht die Herausforderung, je individuell den eigenen Lebensweg zu suchen,
der christlichen Überzeugung verwandt, dass Gott jeden Mensch auf je
persönliche Weise ruft und führt?
Zum anderen hilft es rein pragmatisch gesehen nicht, das Phänomen der
Individualisierung zu verurteilen, weil es keine Chance gibt, ihr durch
ein solches Urteil zu entkommen: sie ist unausweichlich. Es gibt unzählige
Wahlmöglichkeiten, doch eines steht heute paradoxerweise nicht zur
Wahl: an diesem Prozess der Individualisierung teilzunehmen oder nicht.
In Anlehnung an Sartre ist formuliert worden: «Die Menschen sind zur
Individualisierung verdammt»<5>.
Das gilt im Übrigen nicht nur für «die Menschen» (die
anderen Menschen), sondern für uns alle.
In dieser Situation verdichten sich die Anzeichen, dass Menschen mit dem
Anspruch, ihre Biographie weitgehend selbst zu gestalten, überfordert
sind. Und so läuft ihre Lebens«wahl» vielfach darauf hinaus,
sich jeweils «chamäleonartig» in verschiedenen Lebensausschnitten
an die Gegebenheiten anzupassen, ohne Rücksicht darauf, ob ihr Leben
dabei stimmig bleibt. Die Wahlbiographie wird dann zur Bastelbiographie,
die allzu oft in einer Bruchbiographie endet<6>.
Statt mit innerer Konsequenz den gewählten Lebensweg zu gehen, verliert
man sich an das, was jeweils Befriedigung verspricht; statt aus Eigenem
zu leben und der inneren Stimme zu folgen, wird gehascht nach Aufmerksamkeit,
nach Anerkennung. Die einen finden solche Anerkennung durch flexible, rückgratlose
Anpassung an das je Erwartete, die anderen durch fundamentalistische Totalidentifikation
mit einer bestimmten Gruppe eine persönliche Identität lässt
sich weder auf die eine noch auf die andere Weise gewinnen.
Hier liegt die eigentliche Herausforderung der Individualisierung: Viele
Menschen spüren sehr gut, dass sie, wenn sie angesichts der vielen
Möglichkeiten mit sich identisch bleiben wollen, ihr Leben aus einer
eigenen Mitte heraus gestalten müssen. Zum Gelingen der Wahlbiographie
ist eine gefestigte Identität vorausgesetzt, ohne dass für eine
solche zuvor hinreichend gesorgt wäre<7>.
Diese Not der Identitätsfindung dürfte zumindest eine Wurzel sein
für die überraschenden religiösen Suchbewegungen unserer
Tage. Wer bin ich eigentlich? Welches Ziel hat mein Leben? das sind
Heilsfragen ersten Ranges geworden.
Wir stehen da in einem Umbruch, den ein Vergleich verdeutlichen kann.
In den vergangenen Jahrzehnten ist vielen neu aufgegangen, dass man mit
der Schöpfung nicht ausbeuterisch umgehen darf. Die Sensibilität
für die Unverfügbarkeit der Schöpfung ist gewachsen. Vielleicht
wird in den kommenden Jahren eine vergleichbare Einsicht im Bereich des
je persönlichen Lebensentwurfes wachsen. Auch der eigenen Lebensgeschichte
gegenüber gilt es ehrfürchtig zu sein, es gilt, sie verantwortlich
zu gestalten, wenn sie gelingen soll. Wer ausbeuterisch mit seiner Lebenszeit
umgeht, nur getrieben von der Sucht, alles herauszuholen, dem stirbt das
Leben ab.
In der Diagnose sind sich heute wiederum viele einig: Soziologen und Psychologen,
Nichtglaubende und Glaubende: In der gegenwärtigen Phase der Individualisierung
steht mit der Frage nach der Identität das Menschsein des Menschen
auf dem Spiel. Deswegen dürfen wir Christen in einer Zeit, die mehr
und mehr verzweifelt nach Sinn und Orientierung fragt, nicht verschämt
das Potential an Identitätsstiftung, welches unser Glaube birgt, zurückhalten
(s.u. III.3.). Es ist nicht Frömmelei zu bekennen, dass die Beziehung
zu dem Gott, der uns zugleich bedingungslos annimmt und in unbedingter Weise
in Anspruch nimmt, unserem Leben eine Mitte gibt. Menschen, die an der bindungslosen
Freiheit scheitern, sind wir das Zeugnis schuldig von dem Bundesgott, der
eine Bindung seinen Bund so mit uns knüpft, dass uns dies
eine königliche Freiheit gibt. Und wenn unsere Pfarreien Lebensräume
des Glaubens sind, in denen nicht nur ein «religiöser Ausschnitt»
des Lebens, sondern das ganze Leben Familie, Beruf und Beziehungen,
Erfolg und Scheitern... vorkommen darf, dann werden Menschen diese
Ganzheitlichkeit zu schätzen wissen. Kinder und Jugendliche, und seien
sie vorerst auch nur gelegentlich zu Gast bei uns, wird es nicht unberührt
lassen, wenn sie Menschen begegnen, die mit Rückgrat und Konsequenz
durchs Leben gehen.
Fazit: Es ist heute immer noch oder wieder möglich, die Frage nach
einem letzten Sinn zu stellen, es gibt religiöse Bedürfnisse,
ja, es gibt sogar eine grosse Not in Sachen Sinn, Identitätsfindung
und Gelingen des Lebens. Unsere Welt ist solchen Fragen gegenüber nicht
so verschlossen, wie wir manchmal meinen. Das darf uns ermutigen.
Zugleich sollte deutlich geworden sein, dass wir diese Einsicht nicht einfach
nur mit Genugtuung zur Kenntnis nehmen dürfen. Es steht uns nicht frei
zu überlegen, ob wir diese Chance ergreifen oder nicht. Denn zuerst
ist diese Chance eine Not, die uns in Pflicht nimmt. Zum diakonischen Auftrag
der Kirche gehört das Eingehen auf diese Not entscheidend dazu!
Nun könnte man einwenden: das sei ja gut und schön, nur: diese
Offenheit des Menschen für die Sinnfrage und für die Frage nach
dem Gelingen des Lebens habe doch offenkundig nicht zur Folge, dass die
kirchliche Verkündigung wieder mehr Anklang findet.
Einmal abgesehen davon, dass es durchaus Menschen gibt, die sich wieder
neu den Kirchen zuwenden und sich vom Evangelium ansprechen lassen: die
Feststellung, dass dies nicht im grossen Stil geschieht, lässt noch
offen, was man daraus zu folgern hat. Manche meinen, dass sich die Menschen
im Zeitalter des Pluralismus eben einer letzten Wahrheit verschliessen und
aus diesem Grund das christliche Bekenntnis ablehnen. Die unbedingte existentielle
Herausforderung werde in einer nur sehr vagen religiösen Praxis gemieden.
So gesehen läge die Verantwortung für die Schwierigkeit, die wir
mit der Glaubensverkündigung haben, einseitig bei der oberflächlichen
Mentalität unserer Zeit. Doch ist diese Deutung nicht ein bisschen
zu bequem? Wir sollten uns die Sache nicht zu einfach machen. Unübersehbar
interessieren sich Menschen für religiöse Angebote, und das oftmals
in einer grossen Ernsthaftigkeit. Es muss uns ein Stachel sein, wenn so
wenige auf die christliche Botschaft zurückkommen. Ist vielleicht der
Anspruch vieler Menschen höher als das, was von uns Christen angeboten
wird?
Sie kennen die Frage (nicht nur) von Jugendlichen: «Was bringt mir
das?» Und entsprechend: «Was bringt mir der Glaube?» Wir
hören die Frage nicht gern, sie klingt uns zu oberflächlich. Hören
wir sie vielleicht manchmal auch deswegen nicht gern, weil es uns schwer
fällt zu benennen, was eigentlich der christliche Glaube bringt? Der
Glaube will aber doch tatsächlich etwas bringen Grundbegriff
dafür ist der theologische Begriff Gnade , und unser Zeugnis muss
glaubwürdig davon sprechen, wie solche Gnade tatsächlich unser
Leben verwandelt. Dies bedeutet nicht, den Glauben an der Nützlichkeit
zu messen und um seiner Nützlichkeit willen anzunehmen und anzupreisen.
Glauben heisst Leben in der Beziehung zu Gott, die offenkundig nicht als
Mittel zum Zweck weil sie etwas bringt eingegangen wird. Sehr
wohl ist aber von ihr zu bekennen, wie beglückend sie Hoffnung und
Freude zu stiften vermag.
Es ist ein Kennzeichen der neueren Religiosität, dass Menschen darin
eine Lebenskunst zu finden hoffen<8>.
Menschen erwarten zu Recht von der Religion Lebenswissen, ein Wissen, das
Leben gelingen lässt. Sie suchen nach Weisheit, die im Alltag trägt.
Ist uns diese weisheitliche Dimension des Glaubens zu sehr abhanden gekommen?
In diesem Sinne scheint mir auch nicht das christliche Bekenntnis mit seinem
Wahrheitsanspruch als solches Hindernis zu sein, das Menschen auf Distanz
gehen oder bleiben lässt. Problematisch ist aber, dass Menschen den
Eindruck gewinnen, wir hätten ein Bekenntnis, das nur äusserlich
bleibt und uns Christen nicht wirklich prägt. Sätze ohne lebensprägende
Kraft, Worthülsen, die nicht bedeutungsvoll sind, finden verständlicherweise
und berechtigterweise kein Echo.
So müssen wir uns fragen lassen, ob wir aus unserem Bekenntnis Lebenskunst
schöpfen. Leben wir aus unserem Bekenntnis? Oder noch dichter formuliert:
Leben wir unser Bekenntnis? Wird die Wahrheit unseres Glaubens zu einer
gelebten Wahrheit, zu der etwa ein Lebensstil gehört?
Kurzum, mir scheint, wir dürften die Frage, warum Menschen nicht gerade
in unsere Kirchen strömen, nicht in bequemer Trägheit so beantworten,
dass wir den Grund dafür allein bei ihnen suchen; wir sollten uns selbst
fragen, ob wir als Einzelne Seelsorger und «normale» Christen
und ob wir als Kirche, als Pfarreien den Menschen dadurch etwas schuldig
bleiben, dass wir nicht genügend aus dem Glauben heraus leben. Die
Chance des Evangeliums in unserer Zeit setzt auf unserer Seite voraus, dass
wir das Niveau nicht unterbieten, auf dem Menschen heute auf der Suche sind.
Menschen sind heute nicht mehr selbstverständlich Christen. Je mehr
sie ohne christliche Sozialisation, ohne christliche Vorgeschichte
von aussen kommen, desto mehr begegnen sie uns als Menschen, die sehr
kritisch hinschauen und nachfragen. Und das ist gut so! Wir Menschen sind
verantwortlich für unsere Überzeugungen, für die Redlichkeit
auch unserer religiösen Ausrichtung. Wir sollten es begrüssen,
wenn Menschen religiöse Einstellungen nicht unbesehen übernehmen,
wenn sie hohe Erwartungen mitbringen und sich nicht mit weniger zufrieden
stellen lassen.
Um diesem Anspruch gerecht zu werden, bedarf es in unseren Pfarreien einer
gepflegten Kultur der Gastfreundschaft. Wenn Menschen aus ganz anderen Kontexten
und mit anderen Lebenseinstellungen, mit ihren Fragen, mit ihren Zweifeln
und Hoffnungen kommen, müssen sie auf Respekt stossen, statt skeptisch
und ein wenig abfällig beäugt zu werden, weil sie nicht so sind,
wie «man» in der Pfarrei ist. Spüren sie unterschwellig
den Vorwurf, warum sie nicht «fertige Christen» nach unserem
Geschmack sind, ziehen sie sich verständlicherweise sehr schnell wieder
zurück. Nein, sie müssen erfahren, dass sie willkommen sind; und
sie dürfen von uns erwarten, dass wir bereit sind, uns auf ernsthafte
Auseinandersetzungen einzulassen. Gäste sind solche Menschen nicht
in dem Sinne, dass sie sich uns als Gastgebern fügen müssten;
Gäste sind sie, weil sie vom Geist zu uns geführt und uns anvertraut
werden, damit wir ihnen von der Freude mitteilen, Hausgenossen Gottes (Eph
2,19) zu sein.
Solche Gastfreundschaft ist gar nicht so selbstverständlich, weil sie
hohe Anforderungen an uns stellt. Menschen, die von aussen kommen, werden
bisweilen unbequem sein, weil sie recht schonungslos auch unsere Schwachstellen
entblössen. Es ist für uns eine Nagelprobe, ob wir fähig
sind, derart Rede und Antwort zu stehen, wenn wir gefragt werden, was wir
da eigentlich leben. Christen und Christinnen, die erwachsene Katechumenen
zur Taufe begleiten, wissen davon zu berichten. Gewiss, die Wahrheit des
Glaubens hängt nicht davon ab, ob wir diese Wahrheit leben. Doch um
diese Wahrheit glaubwürdig zu bezeugen, müssen Leben und Zeugnis
zusammengehen. Das Zeugnis bezeugt eine Wahrheit, die grösser ist als
das eigene Leben; doch wäre ein Zeugnis kein solches, wenn es nicht
zugleich bekennen würde, selbst von dem Bezeugten getroffen zu sein.
Das authentische Zeugnis geht aus dem Glauben hervor, der zum geistlichen
Lebensreichtum geworden ist.
«Aus eigenem Lebensreichtum weitergeben», diese Formulierung
lehnt sich an eine Aussage des Erfurter Bischofs Joachim Wanke an, der im
Zusammenhang mit Überlegungen zum «Missionarisch Kirche sein»
das in manchen Ohren anstössige Wort Mission neu erschliesst:
«ÐMissionð heisst für mich schlicht: Das weitersagen,
was für mich selbst geistlicher Lebensreichtum geworden ist»<9>.
Ich möchte diese Formulierung als Schlüssel für einige weitere
Überlegungen zur Pastoral von heute und morgen wählen.
Pastoral hat in unserer Zeit die Botschaft des Evangeliums vernehmlich
anzusagen durch ein glaubwürdiges Zeugnis von dem, was uns selbst geistlicher
Lebensreichtum geworden ist. Den Seelsorgern und Seelsorgerinnen unter Ihnen
sei dies zunächst eine entlastende Botschaft. Denn wenn die Zukunft
der Pfarrseelsorge so aussieht, dann verlangt sie nicht, noch mehr Aktivitäten
zu entfalten (so dass die Priester, Pastoralassistenten und Pastoralassistentinnen
noch mehr be- oder überlastet würden). Entscheidend ist, wie wir
selbst zu unserem Glauben stehen, wie wir aus ihm leben. Und das heisst
auch für Sie als hauptamtliche Seelsorger und Seelsorgerinnen, dass
Sie nicht noch eine Anforderung mehr schlucken müssen. Zuallererst
dürfen Sie sich Zeit nehmen für Ihren eigenen Glauben, für
Ihr eigenes Leben aus dem Glauben, für Ihr Leben in der Beziehung zu
Gott.
Dies allerdings ist zugleich auch dringend notwendig. Ein glaubwürdiges
Zeugnis setzt voraus, dass das Evangelium auch wirklich eigener Lebensreichtum
geworden ist; es setzt voraus, selbst mit allen Fasern des eigenen Lebens
den Glauben als Antwort auf die eigenen tiefsten Sehnsüchte zu ergreifen.
Ich wähle an dieser Stelle bewusst den Begriff «Antwort».
Wir sind vorsichtig geworden mit diesem Anspruch, dass unser Glaube eine
Antwort auf Lebensfragen bieten könnte derartige Äusserungen
klingen so triumphalistisch. Wir sind wohl auch mit Recht vorsichtig damit,
weil der Glaube uns nicht den Gefallen tut, für all unsere Fragen sogleich
eine Lösung zu haben<10>. Zudem
ist die Antwort, um die es geht, nicht eine Formel, die man auswendig lernen
und rezitieren könnte.
Und doch geht es im Glauben auch um das Finden, um ein Ankommen bei der
Gewissheit, einen Schatz gefunden zu haben. Das Zeugnis davon ist uns aufgetragen,
gerade in einer Zeit, in der wieder viel von menschlichen und auch von religiösen
Sehnsüchten die Rede ist. Es wird ihnen nachgespürt in der Literatur,
in moderner Poesie, wo es in der Tat eindrucksvolle Versprachlichungen gibt<11>. Doch manchmal scheint es, als seien
diese Sehnsüchte auch für christliche Augen faszinierender als
die Botschaft von ihrer Erfüllung. Jedenfalls finden wir keine Sprache,
davon ebenso faszinierend zu künden. Die Sprache früherer Zeiten
ist uns weithin fremd geworden. Das ist auch normal, und es trägt nicht
weit, in der Verkündigung verbissen an Sprachmitteln festhalten zu
wollen, die nicht mehr sprechend sind. Aber wir müssten doch neue Sprachgewänder
finden! Die Sprachlosigkeit in Sachen des Glaubens nicht zuletzt bei
professionellen Seelsorgern und Theologen wird vielfach beklagt<12>; und an vielen Stellen wird der Ruf
nach einer neuen, unverbrauchten Sprache für die Rede von Gott laut.
Bevor wir aber anfangen, nach möglichst originellen Vokabeln zu forschen,
sollten wir innehalten und nach der eigentlichen Wurzel solcher Sprachlosigkeit
fragen. Ist es nicht auch die vorausgehende Erfahrungslosigkeit? Fehlen
uns die Erfahrungen, die ein gläubiges Leben ausmachen, und die sich
den Weg zur Sprache bahnen würden? Ich meine damit nicht so sehr Gotteserfahrungen,
auf die sich manche vielleicht sogar vorschnell berufen; ich meine Glaubenserfahrungen:
sehr alltägliche Erfahrungen damit, was es für das eigene Leben
bedeutet, sich auf Gott einzulassen; Erfahrungen, im Ruf Gottes sich selbst
und die Mitmenschen, und in der Nachfolge Jesu den Sinn des Lebens zu entdecken.
Es geht dabei nicht darum, angestrengt erlöst auszusehen. Auch wir
Christen sind noch nicht angekommen, wir stehen nicht über den Nöten
und Schwierigkeiten des Lebens und nicht über den Ängsten unserer
Zeit. Aber wenn wir anderen Menschen glaubwürdig das Evangelium verkünden
wollen, dann gilt es, zuerst selbst entschieden darin den Ausgangspunkt
des eigenen Lebens zu nehmen, vertrauend, dass es keinen besseren gibt.
Menschen müssten an uns eine lebendige Gewissheit spüren, dass
wir die Sehnsüchte, die wir mit ihnen teilen, in einer christlichen
Lebensgeschichte gut aufgehoben wissen.
Was dies bedeutet, kann im Blick auf zwei früher bereits angesprochene
Themen Sinnfrage und Individualisierung erhellt werden.
Der reformierte Heidelberger Katechismus beginnt mit einer eindrücklichen
Frage: «Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?»
Damit ist das Niveau gekennzeichnet, auf dem das Evangelium Lebensreichtum
sein will. Wir sind Christen nicht, weil uns das als religiöse Verzierung
unseres Lebens gefällt oder zugefallen ist, sondern weil im Evangelium
zu finden ist, was im Leben ebenso wie im Angesicht des Todes tragfähig
ist. Auf diesem Niveau will das Evangelium auch verkündet werden.
Das hat die Kirche immer getan als die Instanz, die sich auch der verdrängten
Randzonen des Lebens annimmt. Möglicherweise wird aber dieser Dienst
noch mehr wieder in die Mitte kirchlicher Verkündigung rücken
müssen. In den letzten Jahrzehnten ist zuweilen die Mahnung Dietrich
Bonhoeffers, von Gott nicht an den Grenzen, sondern in der Mitte des Lebens
zu sprechen<13>, sehr verinnerlicht worden.
Es wäre auch in der Tat ungut, Menschen möglichst brutal mit ihren
Grenzen zu konfrontieren, um besser den «Ausweg» des Glaubens
anpreisen zu können. Menschen sozusagen in die Sinnfalle tappen zu
lassen, ihnen einen Mangel anzudemonstrieren, um sich dann als Defizitbeseitiger
anzubieten, das wäre eine höchst suspekte Strategie.
Doch inzwischen werden die Grenzen wieder sehr viel mehr in der Mitte des
Lebens wahrnehmbar. Die Sinnfrage, so sahen wir, bricht heute radikal auf,
und vielfach scheut sie auch nicht die Konfrontation mit Extremsituationen,
mit der Frage nach dem Sinn des Lebens angesichts des Todes. Wir Menschen
können uns mit Krankheit und Tod, mit Schuld und Verzweiflung nicht
abfinden. Das, worauf man sein Leben baut, muss demgegenüber standhalten
können.
Christen trauen dem Gott, der die Ausgänge des Todes in der Hand hält
(Ps 68,21); dem Gott, der die Toten auferweckt und das, was nicht ist, ins
Dasein ruft (Röm 4,17). Damit das Evangelium von diesem Gott in unserer
Zeit eine Chance hat, muss es uns selbst zum Lebensreichtum werden, indem
es lebensprägend wird. An der Lebenspraxis unseres Alltags zeigt sich,
ob wir selbst wirklich auf diesen Gott setzen. Damit sind wir als Einzelne
und als Pfarreien gefragt: Unsere Lebensweise und unser gesellschaftliches
Engagement müssen erkennen lassen, dass wir uns Grenzerfahrungen ohne
Ausweichen stellen, weil wir einer Verheissung trauen, die uns im Angesicht
solcher Bedrohung Erfüllung unserer tiefsten Sehnsüchte zusagt.
Es ist zu spät, den Glauben an den Gott, der unsere menschlichen Sackgassen
sprengt, erst an den Grenzen zu aktivieren. Unser Dienst an den Menschen
besteht nicht nur in tröstenden Worten am Krankenbett und am Grab
Dienst an den Menschen ist eine Gemeinschaft von Christen, die in der Mitte
des Lebens anders leben, ohne die dauernde Angst, etwas zu verpassen und
zu kurz zu kommen, Christen, die in der Mitte des Lebens den Tod in seinen
verschiedenen Formen (Vergeblichkeit, Lebenskrisen, Scheitern, ...) zulassen
können, weil sie ihn schon überwunden wissen und darum anders
leben können. Gerade so wäre unser Glaube an Auferstehung nicht
nur ein Lippenbekenntnis, sondern Lebensweisheit.
Lebensreichtum ist der Glaube nicht als barocke Verzierung, sondern als
tragender Grund, indem er ernst macht mit dem Vertrauen auf Gott, auch dort,
wo es sehr radikal heisst, Selbstsicherheit aus eigenem Vermögen loszulassen
und Wege zu gehen, die nach irdischem Ermessen nur ein Verlustgeschäft
sein können.
Lebensreichtum ist somit der Glaube, in den das ganze eigene Leben eingebracht
ist. Damit der Glaube zum Lebensreichtum wird, genügt es nicht, den
Bekenntnistext zu unterschreiben. Was uns im Glauben geschenkt ist, muss
angeeignet werden, muss durchbuchstabiert werden durch das ganz persönliche
Leben hindurch. Lebensreichtum ist das Evangelium dann geworden, wenn es
unter die Haut gegangen ist, wenn es mehr und mehr mit der eigenen Lebensgeschichte
verwoben ist, ja, wenn es zur je persönlichen Lebensgeschichte geworden
ist.
Und auch das zeigt eine Richtung für die Pfarrseelsorge an. In einer
Zeit der Individualisierung ist von ihr ein Beitrag zur Menschwerdung und
zur Christwerdung verlangt. Kirche tut nicht gut daran, sich einseitig als
Korrektiv zur Individualisierung zu verstehen, als blosser Ruf in die Gemeinschaft,
weil die Gesellschaft so verwerflich individualistisch ist. Das wäre
falsch verstandene communio! Die Pfarrseelsorge der Zukunft muss für
eine Gemeinschaft sorgen, in der die Einzelnen je mehr sie selbst (und gerade
so beziehungsfähig und gemeinschaftsfähig) werden. Das erste Ziel
der Pastoral ist nicht, Menschen an pfarreiliche Aktivitäten zu binden,
sondern ihnen zu helfen, ihr Leben aus einer christlichen Identität
heraus zu gestalten.
Eine solche christliche Identität ist indes nicht als Schablone zu
haben, sondern nur als Frucht eines sehr persönlichen Suchens. Christen
sind nicht diejenigen, die der Wahlbiographie, der je persönlichen
Gestaltung ihres Lebens entgehen, weil sie in ihrer kirchlichen Bindung
eine Vorgabe übernehmen, die sie davon dispensiert. Im Gegenteil, Christen
müssten verwirklichen, was Individualisierung auch heissen könnte:
Leben aus einer Identität, die es erlaubt, in grosser Freiheit und
auf sehr persönliche Weise den eigenen Weg zu suchen. Christen leben
aus dem Glauben, dass sie Originale sind, weil sie Gott unverwechselbar
gewollt hat und annimmt, und weil er sie in unverwechselbarer Weise ruft.
Die Pfarrseelsorge der Zukunft muss darum anspruchsvoll sein und Menschen
diese je persönlichen Wege zutrauen, und sie muss zugleich weitherzig
sein und ehrfurchtsvoll gegenüber der Vielfalt menschlicher Lebenswege.
Wenn Pfarreien Orte sind, wo das Evangelium von Menschen je persönlich
und gemeinsam übernommen wird wo es als Lebensreichtum «anschaubar»
wird dann werden Menschen bei uns im Lebensraum des Evangeliums gern
zu Gast sein, und sie werden in einem tiefen Sinn das Evangelium als ihre
eigene Chance und als ihren eigenen Lebensreichtum entdecken können.
Eva-Maria Faber ist ordentliche Professorin für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Theologischen Hochschule Chur und deren Prorektorin.
Im Rahmen der üblichen Sommervorträge an der Theologischen Hochschule Chur findet in diesem Jahr eine Vorlesungsreihe zum Thema: «Warum? Der Glaube vor dem Leiden» statt. Die Hochschule lädt zu fünf Vorträgen an folgenden Terminen ein: Dienstag, 7. Mai, Dienstag, 14. Mai, Donnerstag, 23. Mai, Dienstag, 28. Mai, und Dienstag 4. Juni, jeweils 20.15 Uhr. Das nähere Programm wird zu einem späteren Zeitpunkt bekannt gegeben werden.
1 Der hier abgedruckte Vortrag wurde anlässlich des Churer Bistumsjubiläums (4512001) am 1. Dezember 2001 im Priesterseminar St. Luzi, Chur, gehalten.
2 Die deutschen Bischöfe, «Zeit zur Aussaat». Missionarisch Kirche sein. 26. November 2000. Hrsg. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Die deutschen Bischöfe 68), Bonn 2000, 9.
3 Luc Ferry, Von der Göttlichkeit des Menschen. Oder: Der Sinn des Lebens, Wien (Zsolnay) 1997, 19.
4 «Es ist eine unumstössliche Tatsache, dass die Psychologie die Theologie entthront hat. Und trotzdem überfällt die Menschen am Tag des Begräbnisses beim Anblick des geöffneten Grabes und des Sarges Verlegenheit. Was kann man der Mutter sagen, die ihre Tochter verloren hat, was dem verzweifelten Vater? Mit einem Mal sind wir ganz rückhaltlos mit der Frage nach dem Sinn, oder vielmehr mit ihrem Verschwinden in der laizistischen Welt konfrontiert» (ebd. 10).
5 Ulrich Beck/Elisabeth Beck-Gernsheim, Individualisierung in modernen Gesellschaften Perspektiven und Kontroversen einer subjektorientierten Soziologie, in: dies. (Hrsg.), Riskante Freiheiten. Individualisierung in modernen Gesellschaften (edition suhrkamp 1816), Frankfurt/M. (Suhrkamp) 1994, 1039, 14.
6 Ebd. 13.
7 Vgl. Franz-Xaver Kaufmann, Wie überlebt das Christentum? (Herder spektrum 4830), Freiburg i.Br. (Herder) 2000, 119124.
8 «Die aktuelle Nachfrage nach Religion äussert sich vor allem in der Suche nach einem ÐLebenswissenð, nach einer neuen ÐLebenskunstð, welche die Grundkonflikte und Reifungskrisen des Menschen kreativ zu bewältigen hilft, seine Lebenspraxis sinnhaft strukturieren kann und die Möglichkeiten zur Vergewisserung der eigenen Identität gibt. Vom Religiösen erwartet man Auskunft auf die Frage, was es mit dem Leben eigentlich auf sich hat, worauf man es gründen kann, um Stand und Stehvermögen im Dasein zu gewinnen. Im Religiösen erhofft man Gegenmittel für den Utopieverlust, die Phantasielosigkeit und Monotonie des modernen Ðbusiness as usualð. Religiöse Traditionen stehen für die kritische Erinnerung an das, was inmitten aller Selbstzufriedenheit mit dem Erreichten und allem Sichabfinden mit dem Verlorenen geltend macht, dass solche Einstellungen Verdrängungen und Verkümmerungen der Suche nach dem eigentlichen Leben sind» (Hans-Joachim Höhn, Zerstreuungen. Religion zwischen Sinnsuche und Erlebnismarkt, Düsseldorf [Patmos] 1998, 21).
9 Wanke schreibt dies in einem lesenswerten Brief, der dem Dokument der deutschen Bischöfe «Zeit zur Aussaat» beigefügt wurde: aaO. 3542, hier 37.
10 «Gott klingt wie eine Antwort, und das ist das Verderbliche an diesem Wort, das so oft als Antwort gebraucht wird. Er hätte einen Namen haben müssen, der wie eine Frage klingt» (Cees Nooteboom, Rituale. Roman, Frankfurt/M. [Suhrkamp] 1998, 68f.).
11 Vgl. z.B. Georg Langenhorst, Wenn die Poeten beten... Schriftsteller als Sprachlehrer der Gottesbeziehung? in: GuL 74 (2001) 2742.
12 So in einem Band zum Jubiläum des Berufs der Pastoralreferenten im Bistum Limburg. Zum pastoralen Dienst gehöre, so heisst es dort, «die eigene Glaubensüberzeugung und vor allem die Fähigkeit, authentisch und nicht formelhaft über diese zu sprechen, unverzichtbar dazu ... So ist in allen Seelsorgsberufen festzustellen, dass die gesellschaftliche Sprachlosigkeit in Glaubensdingen auch den geweihten und ungeweihten Hauptamtlichen nicht unbekannt ist, gerade wenn es um das persönliche Zeugnis geht»: Clemens Olbrich/Ralf M.W. Stammberger (Hrsg.), Und sie bewegen sich doch. PastoralreferentInnen unverzichtbar für die Kirche, Freiburg i.Br. (Herder) 2000, 33.
13 Vgl. Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft (Gütersloher Taschenbücher Siebenstern 1), Gütersloh (Gütersloher Verlagshaus Mohn) 1985, 156 (Eintrag vom 25. Mai 1944).