4/2002

INHALT

Theologie

Zeitzeichen und Zäsuren

von Daniel Kosch

 

In zahlreichen Artikeln und Kommentaren war es zu lesen: Die Welt ist nach dem 11. September 2001 nicht mehr die gleiche wie zuvor. Der Anschlag auf die Wahrzeichen des freien Welthandels und auf das Pentagon als Zentrum des militärischen Schutzes der freien Welt unter der schützenden Hand der «pax americana» war ein Schock und ist ein Zeichen der Zeit, das zu beachten und zu deuten eine wichtige und schwierige Aufgabe ist ­ auch für die Theologie und die Kirchen. Handelt es sich um den Anfang vom Ende der «offenen Gesellschaft»? Handelt es sich um den Beginn eines «clash of civilizations» zwischen der aufgeklärten, postmodernen und liberalen westlichen Gesellschaft in christlicher Tradition und der unaufgeklärten, prämodernen und traditionalen islamischen Welt? Gilt der Angriff unserer Freiheit? Oder unserem Wohlstand? Wird er der Spassgesellschaft den Garaus machen und eine neue «Wertorientierung» anstossen? Oder wird er als Zwischenfall in die Geschichte eingehen, der den Globalisierungsprozess nicht aufzuhalten mochte?
Diese Fragen sind wichtig. Die kirchliche Verkündigung und auch die Erwachsenenbildung sollten sich ihnen stellen, und zwar ernsthaft und nicht nur rhetorisch. Auch die Frage, mit Hilfe welcher Traditionen und Bilder diese Ereignisse gedeutet werden, muss sorgfältig überlegt werden: War es ein «Babelturm», der da eingestürzt ist ­ Symbol menschlicher Arroganz und Überheblichkeit? Oder war es ein «Tempel», der da zerstört wurde ­ Ort der Begegnung, Symbol einer freiheitlichen Gesellschaft? Ist New York eine Art «modernes Jerusalem», zu dem die Völker wallfahren, voll Hoffnung auf eine neue, gerechte Welt, in der es keinen Hunger, keine Krankheit und keine Trauer mehr gibt? Oder ist New York ein Zentrum gott- und lebensfeindlicher Gegenmacht, des Materialismus, der Ausbeutung und Unterdrückung, so wie das für die Offenbarung des Johannes die Stadt Rom war, apostrophiert als «Hure Babylon», bei deren gewaltsamer Vernichtung Jubel ausbrach bei den Unterdrückten am Rand der damaligen Welt?
Von solchen Fragen ausgehend könnten grundsätzliche Überlegungen angestellt werden zur Wechselwirkung zwischen der Deutung der Lebenswirklichkeit und dem Umgang mit der Bibel: Beide durchdringen und bedingen sich gegenseitig. Die biblische Erinnerung an die Kritik an der «Hure Babylon» und am römischen Imperialismus warnt davor, Gott nur auf der Seite der Amerikaner zu sehen und die Taliban oder Osama Bin Laden zu verteufeln. Aber die schrecklichen Bilder brennender Männer und Frauen hinter den Glasfassaden provozieren auch kritische Rückfragen an biblische Texte: Was ist das für eine Theologie, die im Namen der Gerechtigkeit angesichts der brennenden Stadt Jubellieder anstimmt?

Zäsuren als Impulse zur Lebensgestaltung

So spannend diese Fragen sind ­ ich verfolge sie hier nicht weiter, sondern kehre zur Ausgangsthese zurück, die Welt sei nach dem 11. September 2001 nicht mehr die gleiche wie zuvor. Hat also mit diesem Tag eine neue Zeit begonnen? Werden künftige Generationen die Geschichte in die Zeit vor und nach diesem Katastrophentag einteilen? Es gibt gute Gründe, daran zu zweifeln. Allein im 20. Jahrhundert lassen sich eine ganze Reihe anderer, ebenso wichtiger Zäsuren aufzählen: die russische Revolution, der Zweite Weltkrieg, der Holocaust, Hiroshima, der Mauerbau, der Fall der Mauer, das Reaktorunglück in Tschernobyl...Auch in neutestamentlicher Zeit gab es übrigens wichtige historische Zäsuren: den Brand Roms unter Nero, die Zerstörung Jerusalems und des Tempels im Jahr 70. Und zwischen dem ersten Jahrhundert und heute gibt es viele weitere Ereignisse, die so wichtig sind, dass man die Geschichte in die Zeit «davor» und «danach» einteilen kann. Das ist zweifellos auch gemacht worden. Wer zynisch sein mag, darf auch an das eben erst abgeklungene Millenniumsfieber erinnern: Unter ganz anderen Vorzeichen wurde da in einer Welt, deren Realität sich kaum von der heutigen unterscheidet, eine ganz andere Stimmung verbreitet.
Zeiteinteilungen sind mehr als blosse Rechen- oder Gedankenspiele. Sie sagen etwas aus über die Bezugspunkte, an denen eine Gesellschaft sich orientiert und von denen her sie das Leben deutet und gestaltet. Für die alten Ägypter begann jeweils mit dem Herrschaftsantritt einer neuen Dynastie eine neue Epoche. Sie orientierten sich an den obersten Repräsentanten der Macht, die sie übrigens vergöttlichten und mit dem Titel «Sohn Gottes» bezeichneten. Die Römer zählten die Jahre «ab urbe condita» und drückten so ihre Überzeugung aus, dass die Stadt Rom die «Mitte der Welt» ist. Damit verbindet sich ein Machtanspruch, der weitere, wesentlich handfestere Folgen hatte: «Alle Wege führen nach Rom», sagt das Sprichwort und verschweigt, dass auf diesen Strassen von Rom her mit den Legionen auch Krieg, Zerstörung und Plünderung bis an die Ränder der damals bekannten Welt vordrangen ­ und dass auf dem Rückweg die Reichtümer der Völker, die Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit nach Rom abtransportiert wurden. Wer die Zeit und die Welt mit Hilfe von Herrschaftsantritten, Schlachten, Siegen oder Katastrophen einteilt, bringt damit eine ganz bestimmte Sicht des Lebens und der Geschichte zum Ausdruck. Ein auf solche Daten ausgerichtetes Geschichtsbild versteht das Leben als eine Mischung «aus Streit, aus Hass, aus Geldmachen und Menschentöten» (P. von Matt). Das hat tief greifende Auswirkungen auf die Lebensgestaltung. Wenn der «Krieg der Vater aller Dinge ist», wie es schon die Vorsokratiker formulierten, dann müssen sich die «Söhne und Töchter» entsprechend einrichten.
Die Bibel setzt andere Zäsuren und gibt damit andere Impulse zur Lebensgestaltung. Sie zählt die Jahre nicht «ab urbe condita», sondern beginnt mit der Erschaffung der Welt. Eine neue Epoche beginnt nicht mit dem Herrschaftsantritt einer neuen Dynastie, sondern mit dem Auszug aus Ägypten. Sie verknüpft die Hoffnung auf eine neue Zeit des Friedens nicht mit der Geburt des Kaisers Augustus, sondern mit dem Kind in der Krippe, dessen Tod und Auferweckung die alte von der neuen Weltzeit scheidet. Über diese Zäsuren von Schöpfung, Exodus, Geburt und Auferstehung Jesu hinaus gibt es weitere wichtige Etappen: den Bund mit Noah und mit Abraham, den Beginn des Königtums in Israel, das Exil und die Rückkehr, die Hoffnung auf einen neuen Bund und die zweite Tempelzerstörung, das Auftreten Johannes des Täufers oder Himmelfahrt und Pfingsten, um nur einige zu nennen. Im Folgenden aber beschränke ich mich auf die zuerst genannten fundamentalen Zeitansagen und verknüpfe damit die Frage: Was heisst es, wenn die Bibel und wenn wir als Christinnen und Christen unser Leben daran orientieren?

Schöpfungszeit

Wer die ersten Seiten der Bibel aufschlägt, begegnet der Erschaffung der Welt: «Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde» hebt der Text an, dessen Form eher die eines Liedes oder Gedichtes als die eines Berichtes ist. Dieses Wort vom «Anfang» ist mehr als eine Zeitangabe. Gemeint ist der Ursprung und Urgrund, die bleibende Grundlage und tragende Mitte allen Seins und allen Lebens. Alles was ist ­ so wird gesagt ­ verdankt sich Gottes schöpferischem Wort, mit dem er die Dinge ins Leben ruft, und seinem gütigen Blick, mit dem er am Ende jedes Schöpfungstages «sieht», dass «alles gut war». Die Schöpfung, wie sie im ersten Kapitel der Bibel besungen wird, ist ein geordnetes Ganzes, in dem alles seinen Platz und seine göttliche Würde hat, Himmel und Erde, Pflanzen und Tiere, Mann und Frau, Arbeit und sabbatliche Ruhe. Wenn wir im Geist der Bibel die Welt, die Geschichte und auch das eigene Leben von der Schöpfung her verstehen, ergeben sich eine ganze Reihe von Impulsen für die Lebensgestaltung:

 
Sonnenuhr aus Geser
Nach Herodot hatten die Griechen von den Babyloniern den gnomon (die Sonnenuhr heisst auch im Ägyptischen «das, womit man [die Zeit] erkennt») und den polos entlehnt. In der Mitte der hier abgebildeten ältesten Reise-Sonnenuhr ­ eine Elfenbeinschnitzerei aus der 19. Dynastie (1225­1215) ­ befindet sich das Loch für den Stift; rechts erkennt man die Skala, links die rückseitige Darstellung: Im Boot der Sonnengott Re-Harmachis, vor ihm König Menephta, über den gestirnten Himmel fährt die Sonnenbarke mit dem Gelehrten-Gott (Quelle: Hugo Gressmann, Altorientalische Bilder zum Alten Testament, Berlin und Leipzig 1927, S. 38 zu Abb. 110).


Aufgrund der biblischen Zeit- und Altersangaben hat die jüdische Tradition den Zeitpunkt der Erschaffung der Welt erhoben und bezieht seine Zeitrechnung bis zum heutigen Tag darauf. Dabei geht es nicht um eine exakte historische oder naturwissenschaftliche Chronologie der Heilsgeschichte Gottes mit der Welt und den Menschen, sondern um ein Bekenntnis: Die Welt, und zwar die ganze Welt, ist in Gottes Hand. Ohne sein schöpferisches Wort wäre nichts und unser ganzes Leben spielt sich unter seinem gütigen Blick ab. Es gibt keinen Zweifel: Wer die Geschichte, wer sein Leben in diesem Sinn als «Schöpfungszeit» wahrnimmt und gestaltet, wird sich bemühen, gütig und sorgfältig mit allem umzugehen was lebt, und versuchen, im Einklang mit der geheimnisvollen Ordnung der Welt zu leben.
Die grösste Sensibilität für dieses Verständnis des Lebens als «Schöpfungszeit» haben in den biblischen Schriften die Weisheitstraditionen, in denen sich unter anderem auch die Vorstellung einer personifizierten Frau Weisheit entwickelt hat, die zugleich Schöpfungsmittlerin und Gegenüber Gottes ist und seine Kreativität und Liebe zur Welt verkörpert. Aus dieser Weisheitstradition stammt ein Gebet (Weish 11,23­26), mit dem ich den abschliessenden Hinweis verknüpfen möchte, dass diese Orientierung am «Schöpfungsprinzip» für den Dialog mit den Religionen Asiens, aber auch mit sehr vielen neureligiösen und esoterischen Strömungen in unserer Gesellschaft viele Anknüpfungspunkte bietet. Das Gebet lautet:
«Du hast mit allen Erbarmen, weil du alles vermagst, und siehst über die Sünden der Menschen hinweg, damit sie sich bekehren. Du liebst alles, was ist, und verabscheust nichts von allem, was du gemacht hast; denn hättest du etwas gehasst, so hättest du es nicht geschaffen. Wie könnte etwas ohne deinen Willen Bestand haben, oder wie könnte etwas erhalten bleiben, das nicht von dir ins Dasein gerufen wäre? Du schonst alles, weil es dein Eigentum ist, Herr, du Freund des Lebens.»

Der Exodus als Grunddatum der Freiheitsgeschichte

Das zentrale Zeichen der Zeit im Alten Testament aber ist nicht die Schöpfung, sondern der Exodus. Der Auszug der Hebräer und Hebräerinnen aus Ägypten ist das Grunddatum der Geschichte Israels. «Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten ge-führt hat, aus dem Sklavenhaus» (Ex 20,2), ist eine der zentralen Selbstoffenbarungen Gottes in der Bibel. Und auch hunderte, ja tausende von Jahren nach dem geschichtlichen Exodus-Ereignis versteht sich das Volk Gottes als «Exodus-Volk» und feiert Pesach bzw. Ostern als Fest des Übergangs von der Sklaverei in die Freiheit, vom Tod zum Leben.
Die zentrale Erfahrung des Exodus ist die Befreiung aus dem Land der Knechtschaft. Gott hat die Klage des leidenden Volkes gehört und sich als solidarischer Mitgeher-Gott erwiesen: Ich bin der «ich-bin-da», ich bin der «Gott mit euch». Im Mittelpunkt der Erinnerung an den Exodus stehen der Auszug aus Ägypten, die Wüstenwanderung und der Bundesschluss am Sinai ­ und nicht etwa die Ankunft im gelobten Land, in dem Milch und Honig fliessen. Der Exodus ist kein einmaliges, abgeschlossenes Ereignis in der Vergangenheit, sondern immer neu und immer wieder nötig, als Ausbruch aus ungerechten und lebensfeindlichen Situationen und als Abschied von den Fleischtöpfen. Diese Fleischtöpfe stehen nicht nur in Ägypten, sondern überall und machen es schwer, sich auf den Weg durch die Wüste zu begeben, denn an ihnen werden nicht nur die Unterdrücker satt, sondern sie geben auch den Armen und Ausgebeuteten ein Stück Sicherheit. Immer wieder taucht die Frage auf, ob es nicht «vernünftiger» wäre, in ungerechten Verhältnissen zu leben und dafür wenigstens einigermassen satt zu werden und zu wissen, was einen erwartet, als sich im Vertrauen auf den Mitgeher-Gott auf den ungewissen Weg durch die Wüste zu machen, wo Hunger und Durst drohen.
Mitten in dieser Wüste wird dem Gottesvolk am Sinai die Tora geschenkt. Das Zehnwort auf den Bundestafeln beginnt nicht ­ wie wir es im Katechismus oder Religionsunterricht oft gelernt haben ­ mit «Du sollst». Das erste Wort lautet vielmehr: «Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus» (Ex 20,2). Unter diesem Vorzeichen gelesen, erscheinen die zehn Gebote und die ganze Tora als «Bewahrung der Freiheit» (F. Crüsemann) und nicht etwa als einschränkende Verbotsmoral, wie die alttestamentliche Ethik oft dargestellt wird.
Der Rückbezug auf den Exodus als Grunddatum und entscheidender Bezugspunkt der Ge-schichte Israels und der Geschichte Gottes mit den Menschen ist eine Grundlinie des Alten Testaments. Akut und lebendig wird diese Erinnerung immer dort, wo die Freiheit bedroht oder gefährdet ist. In der Zeit des Exils, der Verbannung in die babylonische Gefangenschaft, wird diese Erinnerung besonders lebendig. Zum einen wird die Erinnerung zur Verheissung: Der Mitgeher-Gott, der sein Volk einst durch die Wüste ins gelobte Land geführt hat, wird es auch an den Flüssen Babels nicht im Stich lassen, sondern seine Klage in Jubel verwandeln, seine Tränen trocknen und es erneut in die Freiheit führen. Zum andern wird die Erinnerung zum kritischen Massstab für das eigene Verhalten: Hat das Gottesvolk und haben seine religiösen und politischen Führer die Freiheit nicht selbst aufs Spiel gesetzt, Gottes Vorliebe für die Unterdrückten verraten und anstelle des Befreier-Gottes andere Mächte verehrt und vergötzt: Die eigene politische Macht oder jene der grossen Königreiche, den Profit und die materielle Sicherheit der Oberschicht?
Von einem Geschichtsverständnis, das den Exodus als entscheidende Zäsur versteht, gehen wiederum wichtige Impulse zur Lebensgestaltung aus:

Zeitansage vom Kirchturm herab
Die älteste Zürcher Kirchturmuhr (das Werk schuf 1522 Hans Luter [Luterer, Lutherer]); bis 1902 in Turbental, heute im Uhrenmuseum Beyer, Zürich (Foto R.W.).

Wo der Exodus als entscheidende Zäsur in der Geschichte wahrgenommen wird, atmen Menschen und Völker die Luft der Freiheit. Sie werden sensibel für Strukturen und Vorgänge, die nach Unterdrückung und Unrecht stinken. Und sie halten in der eigenen Lebensgeschichte, in der Geschichte ihrer Völker und in der Geschichte jene Zeiten und Ereignisse fest, die für sie zu Befreiungserfahrungen wurden. Das hat mit einem «naiven Optimismus» oder einem «unbelehrbaren Fortschrittsglauben» nichts zu tun, denn das Exodus-Volk weiss, dass Freiheit stets neu erkämpft und erlitten werden muss, gegen äussere wie innere Widerstände. Aber es hat zu tun mit dem unstillbaren Hunger und Durst nach Gerechtigkeit, und mit dem grossen Traum von einer lebensfreundlichen Welt, in der niemand ausgeschlossen ist. Weil dieser Traum von der Freiheit, die in der Luft liegt, Menschen besonders in schweren Zeiten atmen und aufatmen lässt, schliesse ich mit einem Psalm aus der Exilszeit, der die Exodus-Erfahrung überträgt auf die Situation in der babylonischen Gefangenschaft (Ps 126):

«Als der Herr das Los der Gefangenschaft Zions wendete,
da waren wir alle wie Träumende.
Da war unser Mund voll Lachen
und unsere Zunge voll Jubel.
Da sagte man unter den andern Völkern:
ÐDer Herr hat an ihnen Grosses getan.ð
Ja, Grosses hat der Herr an uns getan.
Da waren wir fröhlich.
Wende doch, Herr, unser Geschick,
wie du versiegte Bäche wieder füllst im Südland.
Die mit Tränen säen,
werden mit Jubel ernten.
Sie gehen hin unter Tränen
und tragen den Samen zur Aussaat.
Sie kommen wieder mit Jubel
und bringen ihre Garben ein.»

 

Die Geburt einer neuen Zeit

Die Jesusbewegung und die ersten Christinnen und Christen waren geprägt vom Vertrauen auf den schöpferischen und gütigen Gott und von der Erinnerung an den Exodus. Aber ihre Erfahrungen mit Jesus von Nazaret, mit seinem Leben und seiner Botschaft, seinem Leiden und Sterben liessen die Überzeugung wachsen, dass mit ihm eine neue Zeit begonnen hat. Von dieser Zeit des Heils erzählen die Gleichnisse Jesu spannende und oft provozierende Geschichten. Das Neue Testament enthält eine ganze Reihe von Bildern und Begriffen, die die Geburt dieser neuen Zeit beschreiben. Von der Gegenwart der Königsherrschaft Gottes ist da die Rede, von einem neuen Äon, einer neuen Weltzeit, vom Sieg über die Dämonen, die Mächte und Gewalten, von einer neuen Schöpfung, vom Himmel auf Erden, vom Übergang vom Tod zum Leben, von der Auferweckung und von der Gegenwart des Geistes, der die Menschen und das Antlitz der Erde erneuert.
Dieses urchristliche Zäsurbewusstsein, das in späteren Jahrhunderten dazu führte, die Jahre nach Christi Geburt neu zu zählen, ist unauflöslich mit der Gestalt Jesu verknüpft. Seine Geburt im Stall, sein Leben im Kreis von Bettlern, Behinderten, Kranken, obdachlosen Kindern und Prostituierten, sein Kreuzestod mit Verbrechern, die des Terrors gegen die Staatsgewalt beschuldigt waren, zeigen seine Solidarität mit den Armen und den Menschen am Rande. Nicht das goldene Jerusalem, sondern das unscheinbare Betlehem, nicht die Weltstadt Rom, sondern die ärmlichen galiläischen Bauern- und Fischerdörfer, nicht die Büste aus Marmor, sondern das Kreuz als Folterinstrument sind die Orte und Symbole dafür, dass Gott in Jesus einer neuen Zeit zum Durchbruch verhilft.
Der Sieg über die lebensfeindlichen Mächte ereignet sich nicht in einem grossen, endzeitlichen Krieg und nicht in einem weltweiten politischen Reformprogramm, sondern dort, wo Jesus die vergrippte Schwiegermutter eines Fischers bei der Hand nimmt und aufrichtet, wo ein Mann mit einer verkrüppelten Hand vom Rand in die Mitte der Synagoge gerufen und wo Mahl gehalten wird mit Zöllnern und Dirnen.
Menschen werden aus dem Herrschaftsbereich lebensfeindlicher, krank und abhängig machender Kräfte herausgerissen. Sie gewinnen ihre Würde, ihre Autonomie und Handlungsfähigkeit zurück. Sie werden wieder gemeinschaftsfähig und atmen auf. Die Durchsetzung der Königsherrschaft Gottes hat kämpferische, konfrontative Züge. Widerstand und Gegenwehr müssen überwunden, die lebensfeindlichen Mächte eingedämmt bzw. ausgetrieben werden. Die Überwindung der Dämonenherrschaft durch Gott führt in Konflikte und Spannungen. Sie wird von den Abhängigen und Besessenen zunächst als Bedrohung und Angriff empfunden. Das gängige Bild vom zärtlichen, gütigen und unendlich geduldigen Gott Jesu ist somit zu ergänzen durch Eigenschaften wie Widerständigkeit und den leidenschaftlichen Willen, dem Leben zum Durchbruch zu verhelfen.
Der seine befreiende Herrschaft durchsetzende Gott Jesu ist zwar bereits konkret erfahrbar. Aber diese Erfahrungen sind punktuell und fragmentarisch. Im Gleichnis vom Senfkorn, aus dem zwar eine grosse Pflanze entsteht, das aber selbst das kleinste aller Samenkörner ist, kommt dies gut zum Ausdruck. Es verknüpft und kontrastiert die kleinen, unscheinbaren Anfänge mit der Vollgestalt des Gottesreiches und stärkt so die Zuversicht in die schöpferische Güte Gottes. Und zugleich verweist es die Hörerinnen und Hörer in der Gegenwart auf die «Samenkörner» der Gottesherrschaft. Der Gott Jesu offenbart sich im Verborgenen. Wer sein Wirken entdecken will, muss aufmerksam und sorgfältig Ausschau halten nach den bescheidenen Anfängen. Der Gott Jesu ist «der Gott der kleinen Dinge».
Jesu Verkündigung und sein Handeln bezeugen einen Gott, dessen «Herrschaft» nicht in neue Abhängigkeit führt, sondern in die Freiheit. Wer diesen Gott erfahren will, wird auf die Gegenwart verwiesen. Mitten im Leben kommt der Gott Jesu zum Zug: in den Kämpfen zwischen den Lebens- und den Todesmächten, in den oft unscheinbaren Erfahrungen des Gelingens, des Wachsens und Gedeihens sowie in der Zuversicht, dass aus einem Senfkorn eine grosse Pflanze wird und dass schon eine kleine Menge Sauerteig genügt, um eine grosse Menge Mehl zu durchsäuern, damit daraus nahrhaftes Brot für viele gebacken werden kann.
Von den vielen Impulsen, die von der Orientierung an der Jesuszeit für die Lebensgestaltung ausgehen, will ich nur diesen einen herausgreifen: Die Sensibilisierung für die oft unscheinbaren und deshalb unbeachteten Zeichen, in denen Gottes Reich unerwartet und unverdient aufleuchtet ­ mitten unter uns. Dieser Sensibilität für die Zeichen der Zeit entsprechen zum Beispiel Einstellungen wie: Aufmerksamkeit für die Gegenwart als Ort der Erfahrung Gottes, Offenheit für Überraschendes und Unerwartetes, Gespür für die Chance des Augenblicks, Achtsamkeit für das Unscheinbare, Sensibilität für die Unverfügbarkeit Gottes, Mut zum Unkonventionellen, Verzicht auf Vorurteile, Bereitschaft, sich provozieren und irritieren zu lassen, ein offenes Ohr für die leisen Töne und für die Stimme der Stimmlosen.

Eine alternative Sicht der Geschichte

Das Kirchenjahr ist nicht deckungsgleich mit der säkularen Zeitrechnung. Zwar bezieht es sich auf die gleiche Welt und die gleiche Geschichte, aber es beginnt mit dem 1. Advent ­ mit einer Zeit der Erinnerung an die Geschichte Gottes mit seinem Volk, mit einer Zeit der Erwartung des Neuen, das mit Jesu Geburt in die Welt gekommen ist, und mit einer Zeit der Verheissung eines neuen Himmels und einer neuen Erde am Ende der Tage. Diese Abweichung von der üblichen Zeitrechnung und zu unseren Agenden, die mit dem 1. Januar beginnen, ist kein alter Zopf, der endlich abgeschafft gehörte. Vielmehr ist diese Art der «Zeitverschiebung» eine produktive Form der Ungleichzeitigkeit, die uns zu einer alternativen Sicht der Geschichte verhilft und wichtige Impulse für die Lebensgestaltung vermittelt: Nicht Kriege oder Siege stehen am Anfang, sondern das schöpferische Wort und der gütige Blick. Nicht Machtwechsel und Herrschaftsantritte, sondern Auszug und Befreiung aus der Unterdrückung bilden die entscheidenden Zäsuren in der menschlichen Freiheitsgeschichte. Nicht grosse Katastrophen oder imposante Demonstrationen menschlicher Grösse signalisieren die Geburt einer neuen Zeit, sondern unscheinbare und deshalb leicht übersehene Zeichen von heilsamer Zärtlichkeit, solidarischer Geschwisterlichkeit und grenzenlosem Vertrauen in die Lebensmacht Gottes, der uns die Luft der Freiheit atmen lässt.
Auch und gerade nach dem 11. September ist dieses Bekenntnis zu dieser alternativen Sicht der Geschichte und des Lebens heilsam ­ für uns selbst, für unsere Kirchen und für die Welt.

 

Der in neutestamentlicher Wissenschaft promovierte Theologe Daniel Kosch ist Geschäftsführer der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz. Sein Beitrag geht auf den Vortrag zurück, den er am Vorabend des 1. Advent 2001 in Wettingen zum 20-jährigen Dienstjubiläum von Angelika Imhasly-Humberg, Erwachsenenbildnerin mit biblischem Schwerpunkt und langjähriges Vorstandsmitglied des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks, gehalten hat.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002