38/2002

INHALT

Solidarität

"Solidarität und Religion"

von Walter Ludin

 

Was bewegt Menschen in Solidaritätsgruppen?» Ein siebenköpfiges Forschungsteam ging in den letzten fünf Jahren dieser Frage nach. Das Projekt, das vom Nationalfonds unterstützt wurde, war vor allem daran interessiert, ob Religion Solidarität fördert oder ­ wie auch oft behauptet wird ­ eher verunmöglicht. Zu ihrer Trägerschaft gehörten das Schweizerische Pastoralsoziologische Institut (SPI), St. Gallen, die Bethlehem Mission Immensee und der Lehrstuhl für Praktische Theologie der Universität Freiburg. Die Ergebnisse wurden Anfang September im NZN Buchverlag veröffentlicht (siehe Kasten); gleichzeitig fand zu ihren Hintergründen im Luzerner Romerohaus eine Studientagung mit renommierten Fachleuten statt (5./6. September).
Die sieben Mitglieder des Forschungsteams wählten die von Ralf Bohnsack entwickelte qualitative Methode. Sie wandten sie auf zwölf Gruppen an: kirchliche und nichtkirchliche, Selbsthilfe- und Fremdhilfegruppen. Den Gruppen wurden Fragen vorgelegt wie: «Welche von Ihren Aktivitäten sind Ihnen besonders wichtig? Was sind Höhepunkte für Sie als Gruppe? Was haben Sie als besonders enttäuschend oder deprimierend erlebt?» Im Beisein von zwei Vertretern des Forschungsteams sprachen einige Mitglieder der Gruppe (oder die ganze Gruppe) frei und ungesteuert über diese Fragen. Jedes Wort wurde aufgezeichnet. In intensiver, langwieriger Arbeit wurden die Gesprächsprotokolle nach Bohnsacks «Dokumentarischer Interpretation» analysiert.

Hauptergebnisse

Die fundierte, akribische Arbeit liess das Forschungsteam unter dem Aspekt von «Solidarität und Religion» drei Typen von Gruppen erkennen:

 

Praktisch-theologische Konsequenzen

Bevor wir auf den Verlauf der Diskussionen während der Tagung eingehen, nehmen wir die «praktisch-theologischen Konsequenzen» vorweg, die einer der Forscher, Markus Büker, anhand von Thesen zusammengefasst hat. Er wehrte sich gegen den Anschein, der Milieutyp sei überholt, der Funktionstyp sei religionslos und der Identitätstyp sei asozial. Pastoral Handelnde dürften darum keinen der Typen abschreiben. Büker formulierte dazu die These: «Die Vielfalt in der konkreten Verbindung von gelebter Solidarität und Religion ist unhintergehbar, gestaltbar und wünschbar. Das verlangt eine professionelle Differenzierungsfähigkeit und Mitgliederorientierung der Kirchen.»
Markus Büker, Mitarbeiter von Bethlehem Mission Immensee, führte dazu aus: «Eine am expliziten christlichen Bekenntnis und an der Sicherheit der Kirche orientierte Theologie wird den Milieutyp bevorzugen (= ÐGlaubenspastoralð). Eine dezidiert diakonische, stärker anti-institutionell auf das ÐReich Gottesð setzende Theologie wird den Wert des Funktionstyps erkennen (= ÐSozialpastoralð). Eine auf die Subjektwerdung und Identitätsbildung abzielende Theologie wird auf den Identitätstyp setzen (= ÐIdentitätspastoralð).»

Mehr Solidarität ­ mehr Religion

Es gibt heutzutage mehr Solidarität als man denkt. Im Verlaufe der Tagung wurde dieses Ergebnis der Studie immer deutlicher. Der evangelische Berner Ethiker Wolfgang Lienemann bemerkte in seinem Votum dazu, die Klage über den «Verlust sozialer Bindungskräfte» sei so alt wie die Sozialethik und reiche bis zur Antike zurück. Der SPI-Mitarbeiter Michael Krüggeler vom Forschungsteam wies auf eine eigenartige Mischung von Egoismus und Altruismus hin. Auf der einen Seite können auch Mitglieder von Selbsthilfegruppen, die zur Lösung ihrer eigenen Probleme zusammengekommen sind, durchaus altruistisch handeln. Auf der andern Seite gilt: «Ich engagiere mich für die andern aus meinem Selbstinteresse heraus, zu meiner Selbstverwirklichung.»
Es gibt heutzutage mehr Religion als man denkt. Im Zusammenhang mit diesem Ergebnis wurde auf den Identitätstyp hingewiesen und an einen Unterschied zur traditionellen religiösen Praxis erinnert: «Interpretierte früher die von der Kirche repräsentierte Religion den Lebenslauf, so interpretiert nun die je individuelle Lebensgeschichte des einzelnen seinen Zugang zu Religion und Glaube.»

Universale Solidarität?

Die Mitglieder der untersuchten Dritt-Welt-Gruppen unterstützen nur katholische beziehungsweise evangelikale Partner. Und die Gruppe der Eltern von herzkranken Kindern schlossen ein Mitglied aus, dessen Kind gestorben war («Wir sind Eltern von lebenden Kindern...»). Aufgrund dieser und anderer Befunde der Untersuchung wurde im Romerohaus wie auch in der Studie der Frage nachgegangen, ob «universale Solidarität» überhaupt möglich sei oder ob Solidarität notgedrungen «partikular» bleiben müsse.
Der Paderborner Theologe Herbert Haslinger unterstrich in seinem Kurzreferat: «Christlich motivierte Solidarität kann nur universal sein. Sie hat keinen Grund, Menschen auszuschliessen. Menschen, deren Würde am meisten beeinträchtigt sind, brauchen am ehesten Solidarität.»
Dem biblischen Befund hat niemand widersprochen. Doch wurde, beispielsweise von Thomas Englberger (SPI und Forschungsteam), daran erinnert, dass kein Mensch und keine Gruppe für alle da sein kann: «Dass Solidarität alle Menschen einbezieht, ist äusserst unwahrscheinlich. Solidarität als moralisches Handeln und als sozialer Zusammenhalt bedeutet zugleich die Abgrenzung gegenüber andern.»
Gemäss einem Zitat aus der Studie gibt es zwar «prinzipiell kein Leid auf der Welt, das uns nicht angeht». Aber wie der Freiburger Pastoraltheologe Leo Karrer in seinem Schlusswort der Tagung meinte, muss kein Einzelner und keine Gruppe Winkelried spielen und «alle Speere an sich drücken». Karrer plädierte für Vernetzung und die Nutzung von Synergien, um der Selbstüberforderung zu entgehen und dennoch effizient zu sein.

Kritik

Vielfach wurde gefragt, ob eine quantitative Methode nicht zu besseren Ergebnissen geführt hätte. Demgegenüber meinte der berühmte Münsteraner Sozialwissenschafter Karl Gabriel: «Auf einem Gebiet, auf dem wir zu wenig wissen, können wir nicht mit der quantitativen Methode arbeiten. Es braucht vorher festes Wissen, um Kategorien vorlegen zu können.»
Als allzu eng kritisiert wurde der Religionsbegriff, welcher der Studie zugrunde liegt, vor allem von der Zürcher Theologin Sophia Bietenhard. Sie hätte den Religionsbegriff von Paul Tillich vorgezogen («was uns im Innersten unbedingt angeht»).
Jeanine Kosch, Leiterin des Interteams, schlug in ihrem Kurzreferat vor, die biblische Botschaft «Gott ist Liebe» mit «Gott ist Solidarität» zu übersetzen. Wolfgang Lienemann wollte dies etwas präzisieren: «Wo solidarisch gelebt wird, ist etwas von göttlicher Energie am Werk.»


Die Studie als Buch

 

Unter dem Titel «Solidarität und Religion. Was bewegt Menschen in Solidaritätsgruppen?» erschienen die Ergebnisse der Solidaritätsstudie als Band 7 der SPI-Publikationsreihe des NZN Buchverlags.<1> Sie möchten kein Schlusspunkt sein, sondern eine Einladung an die pastoral Arbeitenden, aus ihnen in der Praxis konkrete Schlussfolgerungen zu ziehen. Allerdings machen es die Autoren den Leserinnen und Lesern nicht immer sehr einfach. Einer von ihnen bemerkte während der Tagung selbstkritisch, es sei wenig sinnvoll, wenn ein Chirurg oft vom Skalpell rede. So seien die Autoren wohl der Versuchung erlegen, zu viel über ihre methodischen Werkzeuge zu schreiben. Sie machen soziologisch weniger Interessierten den Vorschlag, Kapitel 2 und 3 zu überspringen und sich mit den Zusammenfassungen (S. 66­70, 125­128) zu begnügen. Im Übrigen kann, aber sollte man nicht die zwölf Porträts der Gruppen beiseite lassen, die einen recht umfangreichen (S. 195­336) und sehr spannenden Teil des Buches ausmachen.

Walter Ludin


Anmerkung

1 Michael Krüggeler, Markus Büker u.a., Solidarität und Religion. Was bewegt Menschen in Solidaritätsgruppen?, NZN Buchverlag, Zürich 2002, 349 Seiten.


Fastenopfer: Zwischen den Aktionen

von Rolf Weibel

 

Einer guten Tradition folgend, lud das Fastenopfer die kirchlichen Medienschaffenden zu einem Stammtisch ein, an dem auf die Aktion des laufenden Jahres zurückgeschaut, auf die nächste vorausgeschaut und über wichtigere laufende Arbeiten informiert wurde.

Viele Stimmen

Über das ideelle wie über das finanzielle Ergebnis der Aktion 2002 «Viele Stimmen ­ eine Welt» lässt sich zurzeit erst Vorläufiges sagen. Beim Finanzergebnis ist gegenüber dem Vorjahr mit einem Einbruch zu rechnen: Am 31. August belief sich das Ergebnis auf Fr. 15,75 Mio., was gegenüber dem Vorjahr einen Rückgang um 6,6% bedeutet, wobei der Rückgang in der deutschen Schweiz mit 5,2% am kleinsten und im Tessin mit 21,1% am grössten ist, die Westschweiz mit 13% in der Mitte liegt. Dieser Rückgang ist im Wesentlichen ein Rückgang der Pfarreiergebnisse, während die Direktspenden ungefähr so hoch sind wie im Vorjahr. Das Fastenopfer hat durch Rückstellungen dafür vorgesorgt, dass die Finanzierung der laufenden Projekte und Programme dadurch nicht gefährdet ist.
Über die Gründe dieses unbefriedigenden Ergebnisses lässt sich erst mutmassen, denn analysiert werden kann die Aktion erst später, wenn die Jahresergebnisse der verschiedenen Hilfswerke miteinander verglichen werden können. Antonio Hautle, der Direktor des Fastenopfers, sprach die in der Gesellschaft festzustellende Unsicherheit an, aber auch die Reorganisationsphase des Hilfswerks, in der dem Einzelfundraising zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt werden konnte; eine nicht unwichtige Rolle dürfte aber auch der Rückgang des Gottesdienstbesuchs spielen.
Mitgespielt hat sicher auch die Schwierigkeit des Themas: die technisch vermittelte Kommunikation. Bereits das Plakat löste gegensätzliche Reaktionen aus, von begeisterter Zustimmung bis zu heftiger Ablehnung. Wo in Pfarreien Teams und Eine-Welt-Gruppen das Thema phantasievoll und innovativ aufgenommen haben, wurde darauf gut reagiert. Das Fastenopfer seinerseits beschäftigt sich deshalb mit der Frage, wie es seine Botschaften kommunizieren müsste.

Verstehen

In der kommenden Aktion wird es um die unmittelbare Kommunikation gehen; ging es dieses Jahr um das Hören (auf den Süden), wird es im nächsten Jahr um das Zuhören, um das Verstehen gehen: verstehen verändert ­ s'écouter pour s'entendre ­ in dialogo per migliorare.
Thematisiert werden soll dies auf verschiedenen Ebenen. Auf der Projektebene kann aufgezeigt werden, dass ein Projekt Kommunikation voraussetzt und dass seine Realisierung von Kommunikation begleitet sein muss. Besonders zum Tragen kommt dieses Thema in Konfliktsituationen bzw. bei friedensfördernden Projekten wie Mediationsprozessen: die Situation des/der anderen verstehen ist ein erster Schritt zur Konfliktbewältigung.
Auf der spirituellen Ebene geht es um die Beziehung zu Gott, um die Beziehung zu den Mitmenschen und um die Beziehung zur Schöpfung; und die Veränderung kann als Umkehr verstanden werden.
Die entwicklungspolitische Dimension des Aktions-Themas 2003 erhält eine besondere Note durch die im Dezember 2003 anberaumte UNO-Weltkonferenz zur Informationsgesellschaft, auf die hin Lobbyarbeit geleistet werden soll, damit auch die Informationsfreiheit und nicht nur wirtschaftliche Fragen zur Sprache kommen.
Die Agenda wird die unmittelbare Kommunikation indes in ihrer ganzen Breite ansprechen: Musik, Sprache, Begegnung, Theater, Wissen, Medien
Das Team der Öffentlichkeitsarbeit des Fastenopfers ­ Mathias Dörnenburg, Men Dosch und Susanne Blättler ­ stellte das Vorschau-Heft vor, das im Oktober verschickt werden soll. Es wird wie gewohnt Aktionsvorschläge enthalten, aber auch die Gäste vorstellen. Bekanntester Gast wird Kardinal Wilfred Napier, der Präsident der Südafrikanischen Bischofskonferenz sein; vor allem junge Menschen ansprechen wird die Afro Soul & Rap Formation «Yeleen» aus Burkina Faso.

«Renovation» des Fastenopfers

Nachdem der Stiftungsrat des Fastenopfers am 12. Juni 2002 eine schlankere, effizientere Struktur beschlossen hat,<1> ist der neue Stiftungsrat Anfang September zu seiner ersten Sitzung zusammengekommen. Noch nicht abgeschlossen ist indes die Auseinandersetzung mit theologischen, religiösen, entwicklungspolitischen und organisatorischen Fragen und Strategien des Hilfswerks. Dieser so genannte Strategieprozess soll vom neuen Stiftungsrat unterstützt und im nächsten Jahr abgeschlossen werden können.
Mit diesem Prozess befasst sind alle Bereiche des Hilfswerks: Kommunikation und Bildung, Projektarbeit Süden und die Organisation selber; Bereiche übergreifend wird auch das so genannte Lobbying und Campaigning einbezogen. Gewisse Fragen des Bereichs Kommunikation und Bildung sind mit dem Partner Brot für alle zu besprechen, während über den Inlandteil insgesamt mit den katholischen Partnern, insbesondere der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz (RKZ), aber auch der Inländischen Mission diskutiert werden muss.
Für die Projektarbeit Süden ist namentlich eine Konzentration der Kräfte zu erwarten. Antonio Hautle veranschaulichte weitere Elemente, die sich aus diesem Prozess ergeben könnten, mit Erfahrungen seiner jüngsten Reise in den Kongo. Ein wichtiges Element ist der Grundsatz «von der Assistenzhilfe zur Unabhängigkeit», was früher wohl mit der «Hilfe zur Selbsthilfe» gemeint war. Auf die Projekt- und Programmarbeit besonders auswirken dürfte sich der Grundsatz «vom Einzelprojekt zu vernetzten Länderprogrammen». Um solche Vernetzungen erreichen, fördern und begleiten zu können, wird das Hilfswerk noch vermehrt den Dienst von einheimischen Konsulenten in Anspruch nehmen müssen. Mit konkreten Beispielen veranschaulichte Antonio Hautle Möglichkeiten und Grenzen einer nachhaltigen Entwicklungshilfe.
Ein Ziel der entwicklungspolitischen Lobbyarbeit ist ein fairer Welthandel. Als einen Schritt darauf hin haben vor zehn Jahren die grossen Hilfswerke Swissaid, Helvetas, HEKS, Fastenopfer, Caritas und Brot für alle mit einem Startbeitrag des Bundesamtes für Aussenwirtschaft ­ heute seco ­ die Gütesiegelorganisation Max Havelaar (Schweiz) gegründet. Letztes Jahr wurden in der Schweiz für Fr. 84 Mio. Produkte mit diesem Fair-Trade-Label, die im Schweizer Detailhandel und bei zahlreichen Kaffeeröstereien erhältlich sind, gekauft ­ ein Beitrag zu «mehr Gerechtigkeit in Nord und Süd».


Anmerkung

1 SKZ 170 (2002) Nr. 25, S. 385f.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002