48/2002

INHALT

Spitalseelsorge

Spitalseelsorge - wie sehen sie Patientinnen und Patienten

 

Die Beziehung der Spitalseelsorge zu Patientinnen und Patienten hat sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts grundlegend gewandelt. Pointiert gesagt: Um 1950 sandten die Kirchen Seelsorger in die Spitäler, um «Seelen zu Gott zu führen». Um 2000 ist Seelsorge zu einer Dienstleistung geworden, die in der Institution Spital den Kunden angeboten wird. Mit dem Stichwort «Seelsorge und Marketing» hat Werner Ebling, reformierter Seelsorger am Universitätsspital Zürich, diese neue Perspektive deutlich gemacht<1>. Seiner Studie liegt eine Umfrage zugrunde, die zu erheben sucht, was Patientinnen und Patienten von der Spitalseelsorge erwarten. Eine vergleichbare Patientenbefragung wurde im Frühjahr 2000 auch am Universitätsspital Basel durchgeführt<2>. Hier geht es nicht darum, die Übernahme von marktwirtschaftlichen Denkmodellen für christliche Seelsorge und daraus zu ziehende Konsequenzen grundsätzlich zu diskutieren. Durch den Hinweis auf die beiden Umfragen und durch drei persönliche Stellungnahmen sollen kranke und verletzte Menschen selbst zu Wort kommen, die in Spitälern Seelsorgerinnen und Seelsorgern begegnen.
Beide Umfragen ergaben, dass «die grosse Mehrheit der Patientinnen und Patienten die Spitalseelsorge persönlich als wichtig einschätzt» (93 von 99 befragten Personen, B 6). Zwei Drittel der Befragten wünschen, dass Seelsorgerinnen und Seelsorger von sich aus zu ihnen kommen, nicht nur, wenn sie ausdrücklich gerufen werden (Z 19). Die Seelsorgenden sollen sich auszeichnen durch «die Fähigkeit zur offenen und situativen Annäherung an den individuellen Menschen, die in menschlich schweren Situationen besonders wichtig ist» (Z 21). In Zürich wünscht sich jeder oder jede Vierte, von der Seelsorge der eigenen Konfession besucht zu werden (25%, Z 21; in Basel 21%, B 7). In Basel meint knapp ein Drittel (31 von 99 Personen, B 8), Seelsorge könnte auch durch Psychiater und Psychologen wahrgenommen werden. Rund die Hälfte jedoch wünscht sich einen «konfessionellen Kurzbesuch» (20 Personen) oder «einen längeren religiösen Zuspruch» (34 Personen).
«Da ich nicht so gläubig bin, hat es mich überrascht, dass jemand gekommen ist. Aber der Besuch hat mir gut getan.» Diese Aussage eines Patienten könnte für viele gelten, die kompetente Seelsorge im Spital erlebt haben. Wer regelmässig Menschen im Spital oder in der psychiatrischen Klinik besucht, stellt immer wieder fest, dass nur wenige eine klare Vorstellung von dem haben, was Seelsorge zur ganzheitlichen Heilung beitragen kann. Ein Grossteil der Menschen im Spital, Patienten, Patientinnen und Mitarbeitende, beschäftigen sich zwar mit Fragen nach dem Sinn von Leben, Leiden und Sterben und suchen nach spirituellen Ressourcen. Der Seelsorge gegenüber aber haben sie ambivalente Gefühle, denn sie sind vorbestimmt durch negative Bilder von Kirche und Religion, wie sie die Medien derzeit vornehmlich vermitteln. W. Ebling stellt fest, «dass die konkrete Erfahrung mit den einzelnen Seelsorgerinnen und Seelsorgern deutlich positiver ist als das Image, das der Seelsorge gesamthaft vorausgeht» (Z 19). Noch deutlicher sagt es die Basler Studie: «Religion ist in unserer Gesellschaft ein Tabu, dies kompliziert die Sache weiter» (B 8); das heisst, «die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten sind sehr unterschiedlich und werden kaum offen geäussert» (B 9).
Unter den in diesen beiden Erhebungen dargelegten Umständen sind «Toleranz und Offenheit... die wichtigsten Persönlichkeitseigenschaften der Seelsorgenden». In den Spitälern, in denen die Seelsorge überkonfessionell geführt wird, das heisst, wo auf jeder Abteilung nur eine Person zuständig ist für die Patienten und Patientinnen aller Konfessionen und Religionen, ist mit grosser Sorgfalt darauf zu achten, dass die Seelsorge jenen Menschen gerecht wird, die in der Krise ihrer Erkrankung Halt und Heilung suchen in der Verbindung mit ihrer eigenen Glaubensgemeinschaft und deren Tradition.
Neben Toleranz und Offenheit braucht Spitalseelsorge ein klares Profil. Zwar meint ein Drittel der Befragten in Basel, Seelsorge könnte durch Psychotherapie ersetzt werden (B 8) und «das Vertreten einer eigenen Glaubensüberzeugung rangiert weit hinter Ðpsychologischen Kenntnissenð» (Z 21). Trotzdem sind die Verfasser beider Studien überzeugt, dass Seelsorge durch ihre religiöse Dimension über das hinausgeht, was Psychotherapie zu bieten beabsichtigt und vermag (Z 35). Zu dieser religiösen Dimension gehört auch das Eingebundensein in und die Legitimation durch eine Kirche oder Religionsgemeinschaft, die in Staat und Gesellschaft anerkannt ist. «Die ausgewogene Kombination von Person und Amt macht in den Augen der Patientinnen und Patienten erfahrungsgemäss erst die Glaubwürdigkeit der Seelsorge aus» (W. Ebling, Z 38). David Plüss von der Basler Projektgruppe stellt eine kritische Anfrage an ein Seelsorgekonzept, das sich einseitig an die Psychotherapie anlehnt: «Den Erwartungen der Patienten und dem christlichen Seelsorgeverständnis besser entsprechen würde jedoch das Bild der Ðreligiösen Frauð, des Ðreligiösen Mannesð, die ihre ­ durchaus ambivalente und nicht vor Missbrauch geschützte ­ Rolle im Auftreten, in der Wortwahl und in ihren Handlungen bewusst und sorgfältig wahrnehmen.»<3>

Rudolf Albisser

 

Erfahrungen der Pflegenden

Am Symposium zum Abschied von Pfr. Klaus Dörig als Seelsorger am Kantonsspital St. Gallen vom 13. Juni 2002 fasste Nicole Mösli, Leiterin des Pflegedienstes am Kantonsspital St. Gallen, die Erfahrungen der Pflegenden wie folgt zusammen:
Für uns als Pflegende bedeutet die Anwesenheit der Spitalseelsorger und Seelsorgerinnen

Oftmals werden wir als Pflegende vor schwierige Situationen gestellt, die wir gerne in professionelle Hände legen. Diese Unterstützung gibt uns eine grosse Entlastung im täglichen Wirbel. Auch können wir uns oft auf ein persönliches Coaching im Umgang mit schwierigen Situationen verlassen.

Nicole Mösli

 

Erfahrungen einer Langzeitpatientin

Ruth Rieser, geboren 1943, erkrankte mit dreizehn Jahren an Polyomelitis («Kinderlähmung») so schwer, dass sie seither total gelähmt und von einer Beatmungsmaschine abhängig ist. Sie lernte mit dem Mund malen und schreiben, studierte fünf Fremdsprachen, Psychologie, Philosophie und Verschiedenes mehr. Sie lebt seit 46 Jahren im Spital, widmet sich der Keramikmalerei und hat drei autobiographische Bücher herausgegeben. Als Spitalpatientin wird ihr körperlicher und psychischer Zustand dauernd überwacht. Daher schätzt sie es, dass sie in der Seelsorgerin eine Person hat, mit der sie über das sprechen kann, was sie bewegt, ohne dass das in den Akten festgehalten wird. Entscheidend ist ihr eine nicht moralisierende Seelsorge. Hier das Statement, das R. Rieser für die SKZ schrieb:
Natürlich habe ich in der langen Spitalzeit einen enormen Wandel in den Strukturen, den Abläufen, der Einstellung den Patienten gegenüber, in der Medizin und sicher auch in der Seelsorge miterlebt. Herrschte früher in den Anfängen vor über vierzig Jahren noch ein Beichtzwang, lockerte sich der Kontakt der Seelsorger mir gegenüber bis heute zu einer angenehmen Begegnung und Begleitung. Ich bin froh zu wissen, dass da Leute sind, mit denen ich reden, allenfalls etwas anvertrauen und mich beraten kann, das nicht auf die Abteilung weitergetragen wird. Es müssen keine Gespräche religiösen Inhalts sein, sondern rein menschlicher Art. Heute mit einer Katechetin oder Pastoralassistentin ist das möglich. Pfarrherren wollen immer noch zu viel beten und zerreden dadurch ein Problem.
Äusserst dankbar bin ich für die Krisen- und Nachtbegleitung für unsere sterbenden und unruhigen Menschen, die von unserer Seelsorge ins Leben gerufen wurde und bei der ich mitarbeite. Wer sonst würde bei der heutigen Personalknappheit und Spitalhektik bei diesen Kranken verweilen können?
Die Spitalseelsorge ist nach wie vor nötig und nimmt einen bedeutenden Stellenwert in den Krankenhäusern ein. Es ist wichtig, dass nicht nur kranke Körper wieder hergestellt werden, sondern, dass diese Menschen auch mit geistiger, seelischer Nahrung rechnen dürfen.

Ruth Rieser

 

Erfahrungen eines Angehörigen

Es war scheinbar ein ganz gewöhnlicher Samstag, dieser 1. März 2000. Meine Frau ging, nach einem gynäkologischen Eingriff noch geschwächt, recht früh zu Bett. Ich folgte ihr nach dem Konsum der letzten TV-Nachrichten und -Sportberichte. Den Sonntag hatten wir längst geplant: Sie freute sich auf eine Bridge-Party bei einer guten Bekannten, mich aber erwarteten 14 Stunden Redaktionsarbeit ­ Sonntagsdienst.
Es sollte anders kommen: Der Tag, der sich so unspektakulär angekündigt hatte, sollte unser beider Leben verändern.
In der Früh fuhr die Ambulanz meine Frau in die Notfallstation: schwerer Hirnschlag, mehrere Tage Intensivstation ­ verbunden mit Sorgen und Ängsten der ganzen Familie, dann endlich die Verlegung auf die Abteilung, allerdings mit nur tropfenweiser Information: Die Überweisung der Patientin ins Spital erfolgte offenbar zu spät; eine Voraussage, ob meine erst 53-jährige Frau (bis dahin eine geübte Tennis- und Golfspielerin) je wieder würde gehen können, wollte niemand wagen. «Machen Sie sich mit dem Gedanken vertraut, dass sie auf den Rollstuhl angewiesen sein wird», wurde mir mitgegeben.
Die unvergessenen düsteren Wochen liegen nun schon über zwei Jahre zurück. Es war (und ist) für uns alle eine schwere Zeit ­ aber, so brutal es klingen mag, die ganze Misere mit monatelanger stationärer Therapie besass auch ihre gute Seite. Sie hat uns nach damals fast 30-jähriger Ehe noch näher (oder besser: wieder näher) gebracht.
Für mich war es erstaunlich, wie gelassen meine Frau ihr Schicksal akzeptierte. Oft fragte ich mich, woher sie dafür die Kraft schöpfte. Nie hat sie sich beklagt ­ bis heute nicht, obschon sie rechtsseitig nach wie vor gelähmt geblieben ist (dank Therapie und speziellen othopädischen Schuhen sich aber recht gut selbständig bewegen kann).
Das Wichtigste in der trostlosen Zeit der Ungewissheit damals war für uns, nebst der Unterstützung durch Tochter und Sohn, der Besuch der sonntäglichen Messe. Ich erinnere mich gut, wie mir meine Frau ­ trotz Infusionen und Verbänden ­ hoffnungsvoll mitteilte, dass in der Inselkapelle jeden Sonntag ein katholischer Gottesdienst gehalten werde.
Bereits bei nächster Gelegenheit waren wir dabei ­ nach abenteuerlichem Rollstuhl-Transport durch die geheimnisvollen Gänge der Insel-Unterwelt und Liftpanne auf dem Weg in die Kapelle. Trotz Schläuchen und Kabel.
Es sollte nicht unser letzter Kirchgang gewesen sein. Die Sonntagsmesse wurde für uns ­ schon nur um auszubrechen aus der Spitalatmosphäre ­ zum Festanlass. Sie liess uns Kraft tanken für unsere ungewisse Zukunft. Denn viele Fragen waren unbeantwortet: Wie wird das Leben mit einer schweren Behinderung? Wie ist der Alltag zu bewältigen? Und: Sind wir dieser Belastung überhaupt gewachsen?
Die Antworten wurden für uns zur Selbstverständlichkeit: Es gab nur die positive gemeinsame Reaktion, die uns heute noch begleitet. Im Nachhinein bin ich nicht nur dem Ärzte- und Pflegedienst des Spitals und der Therapiestationen, sondern vor allem auch für die einfühlsame seelsorgerische Betreuung, die meine Frau erhielt, dankbar. Jede Woche freute sie sich auf den Besuch des Spitalpfarrers oder der Seelsorgerin. Ich weiss nicht, über was Patientin und der Seelsorger bzw. die Seelsorgerin jeweils gesprochen haben ­ ich weiss aber, dass ich im Anschluss an diese Besuche jeweils eine zwar schwer behinderte, aber auch eine höchst aufgestellte Ehefrau voller innerer Energie und innerer Freude antraf. Als praktizierende Katholikin (meine Frau ist gebürtige Französin) war es ihr äusserst wichtig, von ihrer Kirche in dieser Zeit intensiv begleitet zu werden. Heute würde ich sogar sagen: In dieser Zeit habe auch ich meine religiöse Heimat neu entdeckt.
Im gleichen Masse, wie die Sonntagsmesse in der Elisabethenkapelle für uns ein beglückendes Erlebnis war, im gleichen Mass fehlte sie uns, wenn sie nicht stattfand. Zu den neuen überkonfessionellen Gottesdienstexperimenten fanden wir keinen Zugang. In einer so langen schweren Leidenszeit brauchen Kranke und Angehörige Geborgenheit, Ruhe, Frieden ­ sie sind dankbar (insbesondere auch die vielen Ausländer!), dass sie von ihrer traditions- und verantwortungsbewussten Kirche auch im Spital begleitet werden.
Heute wünschen wir, meine Frau und ich, allen Kranken und ihren Familien, dass ihnen in den langen Wochen oder Monaten eines Spitalaufenthalts die gleiche seelische Unterstützung zuteil wird, wie wir sie oft empfangen durften. Sie hat uns ­ in jeder Beziehung ­ sehr vieles gebracht!

Charles Beuret

In den letzten Jahren hatte ich das Pech, in Bern einige Spitäler aufsuchen zu müssen. Ich bin praktizierende Katholikin ­ und es versteht sich von selbst, dass man seinen Körper pflegen lässt, wenn man sich in einem Spital befindet. Wenn es dem Körper schlecht geht, geht es auch dem Geist nicht gut. Wenn man auf die Pflegedienste oder die Besuche wartet, betet man also, und die Begegnung mit einem Priester des Spitals ist für mich wesentlich. Ich habe sogar um die Krankensalbung gebeten, als ich das letzte Mal im Inselspital weilte; welches Glück hatte ich, dass der Priester verfügbar war, und welch starkes Netz, mit ihm zu beten und sonntags in der Spitalkapelle mit meinem Mann und meinem Vater an der Heiligen Messe teilnehmen zu können ­ mit allen anwesenden oder in ihren Zimmern zuhörenden Kranken. Mein Mann und ich waren schockiert, als wir hörten, dass der dortige Priester das Inselspital verlassen musste und er nicht ersetzt würde. Er war uns eine so grosse Hilfe in den schwierigsten Augenblicken, die wir zu bestehen hatten.

Michèle Beuret


Anmerkungen

1 Werner Ebling, Seelsorge und Marketing am Beispiel der Reformierten Seelsorge im Universitätsspital Zürich, Bern, Stuttgart, Wien (Verlag Paul Haupt) 1998. (Die Seitenzahlen mit dem Buchstaben Z beziehen sich auf diese Publikation.)

2 Vgl. Kurzfassung der Ergebnisse einer Patientenbefragung «Seelsorge im Spital entspricht einem Bedürfnis», zu beziehen über Amt für Information und Medien der Evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt. Rittergasse 3, 4051 Basel, E-Mail aim@erk-bs.ch.
Vgl. www.erk-bs.ch. (Die Seitenzahlen mit dem Buchstaben B beziehen sich auf diese Publikation.) Vgl. auch: Leben & Glauben 77, Jg. 2002, Nr. 36, S. 8­11 (Hrsg. CAT Medien AG, Baden).

3 Leben & Glauben, aaO. S. 9.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002