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Spitalseelsorge |
Seelsorge im Spital? Wozu noch so etwas, die Kosten im Gesundheitswesen
sind schon hoch genug. Alles, was nicht direkten, sichtbaren Nutzen auf
das körperliche Wohlbefinden eines Menschen hat, wird im Rahmen einer
Rationierungsmassnahme im Budget gestrichen. Deshalb können wir die
Spitalseelsorge in Zukunft an den Spitälern wegrationalisieren.»
So oder ähnlich könnte ein provokativer Antrag in einer Budgetdebatte
irgendwo in einem schweizerischen Kantonsparlament lauten. Dies ist bis
heute im Luzerner Kantonsparlament so nicht eingetreten; dass man aber über
Veränderungen in diesem Bereich nachdenkt, ist mir klar. Dies bedeutet
für uns als Politikerinnen und Politiker, uns näher mit der Thematik
der Seelsorge an den Spitälern auseinander zu setzen. Das Bewusstsein
der Beteiligung unserer Seele am Heilungsprozess zu thematisieren ist aus
diesem Grunde von grosser Wichtigkeit.
Die Definition von Gesundheit der Weltgesundheitsorganisation WHO lautet
folgendermassen. «Gesundheit ist der Zustand von körperlichem,
geistigem, seelischem und sozialem Wohlbefinden.»
Ein ganzheitlicher Ansatz, der uns als ganze Menschen einbezieht, als Körper,
Geist und Seele. Laut WHO müssen diese drei Teile in einen Genesungsprozess
miteinbezogen werden, will ein Mensch gesund werden. In einem Spital erwarte
ich als kranker Mensch wohl in erster Linie, dass mein Körper schnell
wieder heil gemacht wird, um bald wieder daheim zu sein. Krank sein braucht
aber oft Zeit, aber Zeit habe ich nicht im Überfluss. Mich rufen die
Arbeit, die Familie, die Freunde. Unser hektisches Leben zwingt uns vom
Spital eine «Reparaturmentalität» zu erwarten.
Höhen und Tiefen liegen aber im Spitalalltag ganz nahe beieinander.
Was, wenn eine Krankheit einen Menschen in eine existenzielle Not bringt?
Was, wenn eine Heilung nicht so schnell geht? Was, wenn jemand in eine Krise
fällt, die einen Wendepunkt in seinem Leben darstellt? Wenn er hilflos
daran denken muss, dass man sein Leiden nicht heilen kann, sondern dass
man bloss mit einer Linderung seiner schweren Krankheitssymptome helfen
kann? Wenn die «Reparatur» nicht so schnell geht und das weitere
Leiden eine langjährige, chronische Krankheit bedeutet, die mit Schmerzen
einhergehen wird?
Und was geschieht erst, wenn eine Krankheit in absehbarer Zeit zum Tode
führen wird? Welches sind da die Bedürfnisse eines Menschen, um
ein würdevolles Leben bis zu seinem Tode weiterleben zu können?
Wenn wir ganz nahe an einem Wendepunkt im Leben stehen, kommen uns unvermittelt
Sinnfragen auf. Auch im Spital, und vor allem im Spital. Hier, wo auch der
Platz ist, sich Zeit zum Nachdenken zu nehmen. Der Sinn einer Krankheit,
der Sinn eines chronischen Leidens, der Sinn des Todes?... und was kommt
danach? Fragen, die in der Hektik eines Alltages oft in den Hintergrund
rückten, sind plötzlich so nahe, präsent, nach Hilfe rufend.
Die Frage nach dem Sinn des Lebens und nach Gott wird in einer solchen Lebenslage
oft neu gestellt. Vielleicht kommt in einem solchen Moment nach langer Gottesferne
die Frage der Religion erst wieder auf.
Der existenzielle Umgang mit einer Krankheit, einem Gesundungsprozess oder
gar dem Sterben erfolgt in unserer multikulturellen und multireligiösen
Welt ganz unterschiedlich. Gerade in der christlichen Tradition aber spüre
ich immer einen grossen «Hunger» nach spiritueller, emotionaler
Begleitung in einer schweren Phase des Lebens. Lassen Sie mich das belegen.
Neben meiner politischen Arbeit als Grossrätin leite ich seit zwei
Jahren bei Caritas Luzern die Fachstelle: «Begleitung in der letzten
Lebensphase». Wir haben ein Kursprogramm aufgebaut, das freiwillige
Personen befähigt, sterbende Menschen am Ende des Lebens behutsam zu
begleiten. Diese Freiwilligen begleiten Schwerkranke und Sterbende zuhause,
in Heimen oder Spitälern. Das reiche Kursprogramm bietet Themen an
wie: Bedürfnisse Sterbender, Abschiednehmen, Begleiten von Sterbenden,
Trauer, Spiritualität, Rituale usw. Die Kursleiterinnen und Kursleiter
sind ausgebildete Fachleute wie: eine reformierte Pfarrerin, ein katholischer
Spitalseelsorger, eine Psychologin und eine Krankenschwester. Die Kurse
sind sehr gut belegt, und für viele Teilnehmende sind sie ein Erlebnis,
das sie in ihrem Innersten berührt. Für sie sind Gespräche
über Sinnfragen von bleibendem Wert. Das bestätigen mir Rückmeldungen
aus den Kursen. Die Auseinandersetzung mit dem Kranksein, dem Leiden und
dem Ertragen von Schmerzen und das Nachdenken über die eigene Endlichkeit
machen betroffen. Der Wunsch nach spirituellen Fragen ist sehr gross, und
er zeigt mir, wie viele Menschen das Bedürfnis nach emotionaler, spiritueller
Nähe gerade bei Existenzfragen haben. Oft heimatlos geworden im religiösen
Bereich, berichten mir die fast ausschliesslich weiblichen Teilnehmerinnen
von einem tiefen, christlichen, spirituellen Erlebnis. Einige sagen mir,
sie seien kirchenfern, unsicher der Kirche gegenüber, verletzt aus
früherer Zeit und trotzdem erfahre ich bei vielen Teilnehmenden
ganz viel an christlicher Werthaltung. In den Kurstagen: «Rituale
und Spiritualität» spüre ich einen grossen emotionalen «Hunger»
nach religiöser Nähe und Wärme, nach Austausch und Gesprächen
über Sinnfragen. Es ist oft eine Freude, was da alles an emotionaler
Intelligenz und an «christlichem Boden» bei diesen Personen
vorhanden ist.
Weshalb ist das Bedürfnis nach Spiritualität in unseren Kursen
so gross? Das Verarbeiten und Abschiednehmen vom Leben ganz generell
in diesem Bereich ist es vielleicht auch das Abschiednehmen von der Gesundheit
weckt oft Angst, Zweifel, Hoffnung und Schmerz. Es besteht der Wunsch,
nach Trost und Hoffnung heute für ein Leben nach dem Tod zu suchen.
Ich führe die Situation darauf zurück, dass in diesen Kursen eine
emotionale Nähe möglich ist. Alles hat Platz: Gespräche,
Austausch, jemand, der zuhört, Trauer, Tränen, Trost, Umarmung;
emotionale Wärme eben. In der Auseinandersetzung mit der eigenen Spiritualität
wird die Begleitung von Kranken und Sterbenden bewusst lebbar und erlebbar
gemacht.
In solchen Situationen frage ich mich, weshalb nutzt die Kirche denn nicht
dieses grosse Potenzial? In Sinnfragen werden die heutigen Menschen oft
allein gelassen. In den Kirchen wird vieles intellektuell abgehandelt. So
kommt mir der Besuch einer Messe in einem grossen Raum oft als emotionale
Distanz und Kälte vor, der kaum Nähe, Vertrautheit, Sinnlichkeit,
Nähe, Wärme und Zuneigung schafft. Das alles hat im kirchlich-religiösen
Alltag doch so wenig Platz. Die Institution Kirche und die Kirche als Raum
kommen mir mit einer gewissen Lebensferne entgegen. Emotionale Nähe
wohl etwas, das uns unsere Kirchen in der heutigen Zeit selten bieten
oder nicht bieten wollen? Verpassen die Kirchen da nicht ein grosses
Tätigkeitsfeld, wenn sie sich der emotionalen, vielleicht der weiblichen
Seite der Spiritualität verschliessen?
Wenn nun unsere Kursteilnehmerinnen, die als gesunde Menschen so viel
«Hunger» nach spirituellen Fragen haben, so muss der Wunsch
bei den direktbettroffenen Kranken und sterbenden Menschen nach emotionaler,
seelsorgerischer Nähe umso grösser sein. Gerade dann, wenn sich
der kranke Mensch in einer schweren Grenzsituation des Lebens befindet,
messen Patientinnen und Patienten religiösen Fragen und Werten eine
grundlegende Bedeutung zu.
Die Frage lautet nun, kann die Spitalseelsorge in einer multikulturellen
und multireligiösen Gesellschaft als Beistand von Patientinnen und
Patienten das Sorgen um die Seele des Einzelnen gewährleisten? Werde
ich bei einer Krankheit so behandelt, dass ich als ganze Person, als Körper,
Geist und Seele im Heilungsprozess wahrgenommen werde? Wer kann unter solchen
schwierigen Lebenslagen mithelfen, Bewältigungsstrategien zu entwickeln?
Für mich sind das im Spitalalltag ganz eindeutig die Seelsorgenden.
Einfühlsame Gespräche und das Zuhören bilden einen wichtigen
Schwerpunkt der Seelsorge. Gerade dieses Sprechen und das Zuhören kommen
im pflegerischen Alltag oft zu kurz. Deshalb bin ich überzeugt, dass
in den Spitälern feinfühlig ausgebildete, emotional starke und
fachlich kompetente Krankenseelsorgerinnen und Krankenseelsorger ihren Platz
haben müssen; dies als Ergänzung, nicht als Konkurrenz zum therapeutischen
Bereich.
Im Spital gibt es viele Berufsfelder, die sich um einen Menschen kümmern.
Aus diesen Gründen bedarf es einer interdisziplinären Zusammenarbeit.
Seelsorge und Therapie müssen eine gemeinsame, solidarische Haltung
für das Bewusstsein gegenseitiger Probleme entwickeln. Im Vordergrund
muss dabei immer das Wohl der Patientin/des Patienten sein.
Entscheidenden Einfluss auf eine akzeptierte Seelsorge im Spital hat die
jeweilige Persönlichkeit eines Seelsorgers, einer Seelsorgerin. Deshalb
ist darauf zu achten, mit welcher Sensibilität diese Personen ihre
Arbeit erfüllen. Bei der religiösen Betreuung von Menschen in
Spitälern muss der nötige Respekt vor dem Gesundheitszustand,
aber auch vom religiösen Bedürfnis und der religiösen Andersartigkeit
eines Einzelnen ausgegangen werden.
Wir brauchen die Spitalseelsorge je länger je mehr. In Zukunft wird
es ein Zeichen von Qualität an den Spitälern sein, weil Patientinnen
und Patienten nicht nur in ihrer somatischen oder psychischen Dimension
betreut werden wollen, sondern weil sie für eine qualitativ ganzheitliche
Betreuung auch der Sorge um die Seele bedürfen.
In der Politik wird allzu oft nur die finanz- und neuestens noch die steuerpolitische Brille aufgesetzt. Es gibt aber im Leben noch andere Werte als Geld. Ein Beispiel dafür ist die Sorge um die Seele unserer Bevölkerung. Gerade im Spital ist es wichtig, denn hier befinden sich die Menschen oft in einer Krisensituation. Es ist wohl nicht möglich, dass die Seelsorge in den Spitälern als eigenständigen Therapiebereich betrachtet werden kann. Die immer steigenden Kosten, die über die Grundversicherung abgedeckt werden müssen, lassen grüssen! Wir dürfen und müssen aber auch die rechtliche Situation der Zuständigkeit der Seelsorge in einer multireligiösen Gesellschaft klären. Ich könnte jedoch nie einem obigen Antrag zustimmen, der den Staat verpflichtet, die Spitalseelsorge im Heilungsprozess auszuschliessen und im Sinne einer Rationalisierungsmassnahme vom Spitalalltag zu streichen. Die Seelsorge soll als Unterstützung in einem ganzheitlichen Heilungsprozess von Körper, Geist und Seele, ganz nach der Definition der WHO, betrachtet werden. Seelsorgende tragen im Spitalalltag bei, dass die existenziellen und religiösen Bedürfnisse kranker Menschen beachtet und respektiert werden. Das hat auch der Staat anzuerkennen.
Bernadette Schaller-Kurmann ist Krankenschwester mit langjähriger Erfahrung auf einer Intensivstation, Grossrätin seit 1991, Fraktionschefin der CVP Luzern seit 1999 und zurzeit Leiterin der Fachstelle «Begleitung in der letzten Lebensphase» der Caritas Luzern.