42/2002

INHALT

Kirche in der Schweiz

Die Kathedrale Chur braucht Unterstützung

von Rolf Weibel

 

Am kommenden 7. Januar wird der Hauptraum der Kathedrale Chur geschlossen, mit dem Einzug des Baugerüstes begonnen und so die vor Ort sichtbare zweite Etappe der Restaurierung der Mutterkirche des Bistums Chur begonnen. Mit der Medienorientierung am Leodegar-Tag durch Bischof Amédée Grab selber sowie Domherr Christoph Casetti seitens der Kathedralstiftung und Dr. Hans Rutishauser von der Denkmalpflege des Kantons Graubünden wurde die Spendensammlung eröffnet; deren Patronatskomitee wird vom Bündner Regierungsrat Stefan Engler präsidiert.

«Restaurierung eines Wahrzeichens»

Die letzte Gesamtrenovation fand 1921­1926 statt und brachte massive Eingriffe mit sich, wie Domherr Casetti als Vertreter der Bauherrschaft ausführte. Auch die zwischenzeitlichen Teilrenovationen und Übergangslösungen waren nicht unproblematisch; so wurde namentlich eine Heizung mit schlechter Steuerung eingebaut und die Orgel so erweitert, dass sie unter anderem deshalb heute nicht mehr restauriert werden kann, sondern unter Verwendung der alten Pfeifen neu gebaut werden muss. Die in den 1980er Jahren vorgenommene Restaurierung blieb bei Vorbereitungsarbeiten stehen; erst die 1997 begonnene Erarbeitung eines Restaurierungskonzepts führte zum heutigen Erfolg.
Die begonnene Gesamtrestaurierung soll die Kunstschätze vor einem weiteren Verfall schützen und so zum Erhalt von einzigartigen Kultur- und Kunstschätzen beitragen. Dabei geht es zunächst um die Konservierung der Kunstschätze, wie der kantonale Denkmalpfleger ausführte; restauriert wird nur, wo es nötig ist. Das leitende Prinzip dabei ist, im Unterschied zum Restaurarierungskonzept vor zwanzig Jahren: die Biographie des Baus soll ablesbar bleiben, denn die Churer Kathedrale ist ein Gesamtkunstwerk aus verschiedenen Stilepochen mit einer Vielzahl von Bezügen zur Kirchen-, Kultur- und Kunstgeschichte Graubündens, der Schweiz und Europas. Für Hans Rutishauser ist deshalb die peinlich genaue Dokumentation der Schäden und Massnahmen ebenso wichtig wie die getroffenen Massnahmen selber.
Dringend einer Erneuerung bedürfen die technischen Einrichtungen; so werden die elektrotechnischen Installationen von der behördlichen Aufsicht nur noch auf Zusehen hin geduldet. Die Bausubstanz ist insgesamt gut, das haben umfangreiche Abklärungen ergeben. So wird allein schon die Reinigung, die Entfernung von Schmutz und Staub aus 70 Jahren, die Kathedrale in ein neues Licht rücken können. Für eine nachhaltige Restaurierung muss der Bau mit seinen Einrichtungen aber auch konserviert werden; vorgesorgt werden muss vor allem gegen die Feuchtigkeit von aussen und die trockene Wärme der Heizung von innen.
Die heutige Restaurierung erfolgt ­ aus verschiedenen Gründen, wie Domherr Christoph Casetti ausführte ­ in drei Etappen. So kann die Kathedrale kontinuierlich als Gotteshaus genutzt werden, und auch über den Fortgang der Arbeiten kann laufend berichtet werden. Ferner ermöglicht die Planung und der Einsatz von Ressourcen in Etappen auch eine laufende Sicherung der Finanzierung. Die erste Etappe begann mit der Restaurierung der drei 1993 gestohlenen und 1998 in miserablem Zustand wieder aufgefundenen Altäre bzw. der Restaurierung und Konservierung des Hochaltars einschliesslich Altarhaus. In der dritten Etappe (2005­2007) wird das Nordschiff innen restauriert sowie die Orgel aufgebaut. Die zweite Etappe (2002­2005) umfasst im Wesentlichen alle Raumabschnitte ausser jenen, die in der ersten und dritten Etappe restauriert werden, sowie die Aussenrestaurierung.
Die Finanzierung der ersten Etappe wurde von der Liechtensteinischen Peter-Kaiser-Gedächtnisstiftung übernommen. Für die zweite und dritte Etappe ist mit Kosten von CHF 21,8 Mio. zu rechnen. Von diesen Kosten ist die Hälfte durch zugesicherte Zuwendungen gedeckt; weit über die Hälfte dieser sicheren Zuwendungen leisten die Kirchgemeinde Chur, die Stadt Chur und der Kanton Graubünden. Deshalb müssen in den nächsten Jahren bei Stiftungen, Firmen und Privatpersonen CHF 10 Mio. gesammelt werden. So soll unter anderem während den Restaurierungsarbeiten im Bistum Chur einmal im Jahr ein Kirchenopfer aufgenommen werden; vorgeschlagen werden wird ein Sonntag im Oktober.

Kulturerbe und Mutterkirche

Weil schon (zu) viele Kathedralen im UNESCO-Verzeichnis der Weltkulturgüter stehen, wird Chur auf diese Auszeichnung wohl verzichten müssen, meint Denkmalpfleger Hans Rutishauser; er lässt aber keinen Zweifel an seiner Überzeugung, dass die Kathedrale des Bistums Chur eine «nationale Kirche von internationalem Wert» ist. An der Medienorientierung begründete er diese Wertung mit einem Überblick über die Geschichte dieses Gesamtkunstwerks, dessen Vorgeschichte in spätrömischer Zeit begann, als das Bistum Chur gebildet und die erste Bischofskirche erbaut wurde; aus dem zweiten, dem karolingischen Bau stammen die Marmorplatten, die noch heute an Altären zu sehen sind. Nach weiteren Zeugen wird nicht systematisch gegraben, die vorgesehenen archäologischen Untersuchungen sind bloss begleitend (die Archäologie beschränke sich heute auf Notgrabungen, verzichte also auf Lustgrabungen, meinte der Denkmalpfleger).
Die drei Schiffe und das Eingangsportal gehören zur dritten, 1272 geweihten Kathedrale. Die bauliche Weiterentwicklung erweiterte die Aussenfassade und die Innengestaltung um romanische, gotische, barocke und neuzeitliche Elemente. Dabei ist der spätromanische, mit frühgotischen Stilelementen durchsetzte Charakter nicht verloren gegangen. Vertreten sind nicht nur verschiedene Epochen, sondern auch verschiedene Kunstregionen: so sind südfranzösische und lombardische, süddeutsche und bündnerische Einflüsse auszumachen.
Bischof Amédée Grab blickte nur kurz auf die 1600jährige Geschichte des Bistums zurück, das seine heutige räumliche Gestalt dem Untergang des Fürstbistums anfangs 19. Jahrhundert verdankt: damals verlor es das Vintschgau und Teile des Voralbergs, gewann dafür Gebietsanteile des aufgehobenen Bistums Konstanz ­ mehrheitlich als Administrationsgebiete ­ dazu, und verlor 1998 das Gebiet des Fürstentums Liechtenstein, so dass es heute ein rein schweizerisches Bistum ist.
Obwohl es 31% des schweizerischen Staatsgebietes umfasst, ist es nicht das grösste Schweizer Bistum. Innerhalb seiner Grenzen leben 1,7 Mio. Menschen, von denen 0,7 Mio. römisch-katholischer Konfessionszugehörigkeit sind. Diese sind 305 Pfarreien und 104 anderen Seelsorgestationen zugehörig.
Der heutige Churer Bischof ist dankbar, dass nach den unruhigen Jahren im Bistum neues Vertrauen wachsen und das Restaurierungsprojekt deshalb breit abgestützt werden konnte. Zu hoffen bleibt, dass auch seine Bitte um finanzielle Unterstützung der Restaurierung in breiten Kreisen Gehör findet.<1>


Anmerkung

1 Schriftliche Unterlagen stehen zur Verfügung. Die Projektleitung Spendensammlung besteht aus Hugo Hafner, Kathedralstiftung der Diözese Chur, und Mario Tonet, Fundraising & Marketing, Hof 19, 7000 Chur, Telefon 0812586050, Fax 0812586001, E-Mail hafner@bistum-chur.ch, tonet@bistum-chur.ch


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002