41/2002

INHALT

Kirche in der Schweiz

Nicht die Neigung ist entscheidend

von Rolf Weibel

 

Die «objektive Schöpfungsordnung» und die «sakramentale Ordnung des Neuen Bundes» sind für die «Haltung der Schweizer Bischofskonferenz zur Frage der kirchlichen Segnung gleichgeschlechtlicher Paare und der kirchlichen Anstellung von Personen, die in gleichgeschlechtlicher Partnerschaft leben», grundlegend: Der Ort einer auch sexuell gelebten Liebesbeziehung ist ausschliesslich die Ehe, für römisch-katholische Eheleute die sakramentale Ehe. Eine kirchliche Segnung der Partnerschaft gleichgeschlechtlicher Liebespaare würde dieses Eheverständnis verwischen, und ebenso würde eine kirchliche Anstellung von Personen, die in einer gleichgeschlechtlichen Liebesbeziehung leben, diesem Eheverständnis widersprechen.

Respekt vor dem Menschen ­ auch im Widerspruch

Mit dieser Haltung breche die Kirche Tabus, erklärte an der Medienkonferenz, an der das im Amtlichen Teil dieser Ausgabe veröffentlichte Dokument vorgestellt wurde, Abt Martin Werlen. Ein solches Tabu sei die gängige Haltung: «gut ist, was für mich stimmt; gut ist, was mir Spass macht». Dagegen gelte es nach dem zu fragen, was langfristig und im Ganzen des Lebens gut sei. Die christliche Botschaft wolle den Menschen aus der Enge der eigenen Erfahrungen befreien.
Das Leben sei ein Weg, und auf diesem Weg sei die Sexualität in das Ganze des Lebens zu integrieren. Denn ihre Desintegration reisse Lust, Liebe, Offenheit für Kinder auseinander; und dies habe zur Folge, dass alles gleich gültig und damit auch gleichgültig werde.
Zum Menschsein gehöre, Fehler zu machen; der Mensch sei indes mehr als seine Fehler, und es gebe auch Versöhnung. Mit dem Versagen sei keinesfalls der Versager zu verurteilen. Auch die Kirche habe Menschen statt Fehler und Fehlhaltungen verurteilt. Das sei auch gegenüber homosexuellen Menschen geschehen, und dafür bitte die Kirche um Verzeihung. Zum Respekt vor dem Menschen gehöre aber auch, ihn darauf aufmerksam zu machen, wenn er auf dem falschen Wege sei. Von diesem Respekt sei auch das Dokument getragen.
Seine klare Haltung sei deshalb möglich, weil die Bischöfe überzeugt seien, dass Keuschheit, dass Integration der Sexualität in das christliche Lebensprojekt möglich sei. «Ein Leben in sexueller Enthaltsamkeit ist möglich.» Allerdings müsse die Motivation stimmen; für die Bischöfe liege diese in einer lebendigen Christusbeziehung.
Es mache aber auch aufgrund der Erfahrung homosexueller Menschen Sinn, Homosexualität nicht genital auszuleben, fuhr Abt Martin Werlen fort. Eine homosexuelle Neigung sei wie andere Neigungen, die angeboren oder erworben wurden, allein deshalb noch nicht als normal zu bezeichnen oder als gut auszuleben. Ein Verzicht auf genitale Sexualität sei zudem eine ausgesprochen humane Fähigkeit.
Ein weiteres Tabu sei auch, nach den Ursachen der Homosexualität zu fragen. Psychologen und Psychiater seien sich in der Beurteilung der Homosexualität überhaupt nicht einig. In der ganzen Frage gehe es auf weiten Strecken um Ideologie statt um Wissenschaft. Das Standardwerk «Comprehensiv Textbook of Psychiatry» antworte in jeder seiner sechs Auflagen, ob Homosexualität eine Störung der menschlichen Sexualität sei, anders. Die anfängliche Zustimmung 1967 änderte sich 1975, nachdem 1973 die Vollversammlung der American Psychiatric Association in einer Abstimmung beschlossen hatte, die Homosexualität als normal zu betrachten. Damit sei die Frage der Homosexualität eine soziopolitische Frage geworden.

Die Objektivität der Wahrheit

Bevor Bischof Bernard Genoud die praktischen Teile des Dokumentes vorstellte, machte er darauf aufmerksam, dass heute oft als gut betrachtet werde, was die Mehrheit als gut einschätzt. Dies sei eine Art Subjektivismus der Massen wie «vox populi vox Dei» ein demokratischer Pantheismus sei. Dagegen verteidige die Kirche die Objektivität der Wahrheit, sie spreche den Menschen an nicht in seinem kurzfristigen Verlangen, sondern in seiner wahren Tiefe.
Bis vor kurzem habe eine Mehrheit die ethischen Normen über die Religionsgemeinschaften, seltener über die Philosophie, vermittelt erhalten. Wenn sich die Kirche heute zu moralischen und ethischen Fragen äussere, würden die Menschen dazu neigen, diese ethischen Normen als religiöse Regeln zu betrachten. Dabei gehe es nicht um einen Besitzstand der Kirche, sondern um die Wahrheit, die zum gemeinsamen Gut der Menschheit gehöre. Die Kluft zwischen der Kirche und einer gewissen Mentalität sei deshalb keine Kluft zwischen der Kirche und den tiefen Erwartungen der Menschen und seinen Werten wie beispielsweise Gerechtigkeit.
Die Schweizer Bischofskonferenz sei deshalb für die Abschaffung der Diskriminierungen, unter denen homosexuelle Menschen bis heute zu leiden hätten. Das heisse aber nicht, dass sie den einzigartigen Charakter der Ehe aufgeben würde. Wegen ihrer Bedeutung für das Überleben der Gesellschaft müsse die Ehe vom Staat besonders geschützt werden.
Zudem sei die Ehe ein Sakrament, ein von Gott gegebenes Zeichen, das letztlich die Wirklichkeit Gottes selber bezeichne: ein monogames Zeichen, weil Gott selber unauflöslich ist; ein schöpferisches Zeichen, weil Gott selber Schöpfer ist. So sei die monogame heterosexuelle Ehe nicht von der Kirche gesetzt, sondern vielmehr ein Zeichen der Wirklichkeit Gottes selbst. Dieses Sakrament habe die Kirche in dieser vorgegebenen Weise zu spenden. Was die Segnung homosexueller Partnerschaften betreffe, so habe jeder Mensch das Recht auf den Segen Gottes, aber nicht für alle seiner Handlungen.
Bezüglich der kirchlichen Anstellung von Personen, die in gleichgeschlechtlicher Partnerschaft leben, erinnerte Bischof Genoud an den Grundsatz, dass es keinen Rechtsanspruch auf einen kirchlichen Dienst gebe. Anderseits stelle die Kirche an jene, die sie in ihren Dienst aufnehme, gewisse Bedingungen. So erwarte die Kirche von homosexuell Veranlagten wie von Zölibatären den ehrlichen Willen zur sexuellen Enthaltsamkeit. Das heisse, sich auf den Weg der Keuschheit machen und bei einem Versagen nicht stehen bleiben, sondern weiter gehen. Wie die Ehe sei auch das enthaltsame Leben Ort der Heiligung und mithin ein Weg auf die Heiligkeit zu.<1>


Anmerkung

1 Das Dokument zum Umgang bei Pädophilie-Fällen in der Kirche wird die Bischofskonferenz nach der Dezembersitzung veröffentlichen.


Ein arbeitsreiches Seelsorgejahr

von Heidi Widrig

 

Der Bischof von Sitten, Bischof Norbert Brunner, ging vom 27.­30 August 2002 mit seinem Rat in Klausur, um über das vergangene Seelsorgejahr Bilanz zu ziehen und neue Ziele und Schwerpunkte für das Seelsorgejahr 2002/2003 zu setzen. Im vergangenen Seelsorgejahr wurden die Arbeit und Vorbereitung der Neuplanung der Pastoralbesuche erfolgreich abgeschlossen, die Kontakte mit den diözesanen Kommissionen und Räten intensiviert, und im französischsprachigen Teil des Bistums nimmt die Initiative «Démarche synodale» konkrete Formen an und nennt sich neu «Forum 4'5'6'».

Neuplanung der Pastoralbesuche ab 2004

Die Vorbereitungen für die Trennung der Firmungen von den Pastoralbesuchen in den Pfarreien nehmen konkrete Formen an. Das Seelsorgejahr 2002/2003 ist das letzte Jahr, in dem die Firmung mit dem Pastoralbesuch gemeinsam durchgeführt wird. Ab 2004 werden jeweils im Frühjahr vor allem die Firmungen gefeiert und im Herbst die Pastoralbesuche durchgeführt. Damit sollen beide Ereignisse besser zum Tragen kommen. Die Firmung soll ein Fest der Pfarrei sein. Die Trennung der Firmung vom Pastoralbesuch gibt dem Pfarrer und seinen Räten die Möglichkeit, besser auf beide Ereignisse einzugehen. Bischof Norbert Brunner erhofft sich damit vor allem für die Pastoralbesuche intensivere Begegnungen, die es ermöglichen, Fragen der Pfarreien länger und grundsätzlicher zu diskutieren.

Kontakte mit diözesanen Kommissionen und Räten

Die Kontakte mit den diözesanen Kommissionen und Räten wurden im vergangenen Jahr intensiviert. So traf sich der Bischofsrat unter anderem mit den Verantwortlichen der Familienseelsorge, der Jugendarbeitsstellen und der Medienarbeit, mit unseren Delegierten an einer schweizerischen Tagung von Pfarreien und Bewegungen, mit dem Verantwortlichen der Religiösen Bewegungen und der Katechetischen Arbeitsstellen.
Familienseelsorge. Einen besonderen Dank richtete Bischof Norbert Brunner an die beiden Dienststellen der Familienseelsorge für ihre grosse Mitarbeit vor der Abstimmung vom 2. Juni 2002 über die Fristenregelung. Mit Genugtuung brachte er nochmals seine Freude darüber zum Ausdruck, dass der Kanton Wallis die Fristenregelung abgelehnt hat. Die enormen Anstrengungen haben sich gelohnt. Jetzt heisse es aber, die Worte in die Tat umzusetzen und nach besten Kräften alle Initiativen zur Unterstützung von Müttern in Not tatkräftig mitzutragen.
Aussprache mit den Delegierten an der schweizerischen Tagung von Pfarreien und Bewegungen in Baar. Die Aussprache hat gezeigt, dass weitere Gespräche auf lokaler Ebene notwendig sind. Darum ist in beiden Sprachregionen jemand bezeichnet worden, der diese Treffen organisieren wird und auch die Gesprächsthemen und Gesprächsinhalte vorbereitet. Dabei geht es vor allem darum, Wege der besseren Zusammenarbeit auf Pfarreiebene zu finden.

Forum 4'5'6'

Im französischsprachigen Teil des Bistums sind die Vorbereitungen für das Forum 4'5'6' voll im Gang. Die Initiative, die sich ursprünglich «Démarche synodale» nannte, gab sich einen neuen Namen: Forum 4'5'6'. Die Zahlen zeigen auf, dass die Gesprächsrunden und Auseinandersetzungen über pastorale Themen, wie zum Beispiel über die Pfarreigemeinschaften, die Dienste und Ämter oder die nachchristliche Gesellschaft, die Globalisierung, die neuen religiösen Bewegungen usw. sich über die Jahre 2004, 2005, und 2006 erstrecken werden. Die Vorbereitungskommission möchte, dass diese Gespräche und Überlegungen nicht in neuen, sondern in den bestehenden Gremien diskutiert werden. Einzelne Themen werden sicher auch die Seelsorge im Oberwallis beschäftigen und für Pastoraltage und Fortbildungswochen thematisiert werden.

Ausblick auf das neue Seelsorgejahr 2002/2003

«Jahr der Bibel 2003». Die Bistumsleitung schlägt den Pfarreien vor, sich das Jahresthema 2003 des Schweizerischen Katholischen Bibelwerkes «Jahr der Bibel» zu eigen zu machen. Das Thema soll, wo immer es möglich ist, in die Seelsorgearbeit einfliessen. Nähere Einzelheiten und Hilfen werden im Spätherbst vorliegen.
Fragen der Sakramentenpastoral. Mit den anstehenden Fragen bezüglich der Vorbereitung einzelner Sakramente wie Firmung, Eucharistie und Busse, haben sich der Rat und Bischof Norbert Brunner intensiv auseinander gesetzt. Viele Fragen drängen nach einer Antwort. Schliesslich wurde der Entscheid gefällt, die Fragen etappenweise anzugehen. In den kommenden Monaten will der Bischof eine Botschaft dazu verfassen.
Eine grosse Sorge bereitet der Bistumsleitung die finanzielle Lage für die überregionalen Seelsorgeaufgaben. Das Opfer für die Bedürfnisse des Bistums ist im vergangenen Jahr um 21% zurückgegangen. Das war der tiefste Stand seit 1991. Aufgrund der ungenügenden Einnahmen schloss die Jahresrechnung 2001 mit einem Verlust von Fr. 183381.­. Wenn das Opfer dieses Jahres vom 1. November 2002 nicht wesentlich zunimmt, werden wir bald nicht mehr die vielfältigen und reichen Hilfen für die Seelsorge anbieten können.
In diesem Seelsorgejahr wird auch die Arbeit an der Planung und Einführung der «Förderungsgespräche» weitergehen. In einem ersten Schritt sollen vor allem die neuen kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Neupriester zu Beginn ihrer Tätigkeit eine professionelle Begleitung erhalten.
Die Suche nach einer Verbesserung der Presse- und Informationsarbeit im Bistum wurde in diesem Jahr intensiviert. Es stehen aber noch viele Fragen offen. Nicht zuletzt ist auch das ein finanzielles Problem.

 

Heidi Widrig ist Mitarbeiterin namentlich des Informationsdienstes im Bischöflichen Ordinariat Sitten.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002