35/2002

INHALT

Kirche in der Schweiz

Katholische Italienerseelsorge

von Antonio Spadacini

 

In Anlehnung an den von der Römisch-katholischen Zentralkommission des Kantons Zürich herausgegebenen Text «Seelsorge der Fremdsprachigen» lassen sich als Leitsätze zum Grundauftrag der Kirche in der Fremdsprachigenseelsorge herausstellen:

Die Bindung des Glaubenslebens an kulturelle Wurzeln erleichtert den Zugang zu jungen Menschen; ist doch der Anteil an aktiven Kindern und Jugendlichen bei den Fremdsprachigen höher als anderswo.

Leitsätze, Konzepte und gegebenenfalls Umstrukturierungen zur Umsetzung dieser Grundanliegen werden schon geraume Zeit vermehrt auf verschiedensten Ebenen diskutiert, sie bedürfen aber immer auch konkreter Vorschläge. Es gilt nun, diese in den einzelnen Pastoralkreisen und Pfarreien auszuarbeiten und zu konkretisieren.
Soll die «Pastoral einer communio zwischen Ausländern und Schweizern» nicht nur ein Slogan bleiben, wird sie vermehrt in enger Zusammenarbeit geplant werden müssen. Dazu gehören Anstrengungen auf beiden Seiten, beispielsweise: gemeinsame Initiativen noch stärker fördern (Einswerden in der Verschiedenheit), ständigen Dialog pflegen und ihn trotz auftauchender Schwierigkeiten fortsetzen, vermehrte Zusammenarbeit zwischen Pfarrer, Missionar, pastoralen Mitarbeitern und Pastoralräten sowie zwischen den bestehenden ethnischen Gruppen; Informations- und Bildungsarbeit in Gremien und Gruppen wird nötig sein, dazu braucht es sicher Hilfestellung und Unterweisung.
Eine Aufgabe, die wir gemeinsam wahrnehmen müssen, ist, dass alle Engagierten in den Pfarreien für dieses Thema sensibilisiert werden sollen. Zum Kreis der Angesprochenen gehören zum Beispiel die Pfarreiräte, die Pfarrgruppenteams, die Liturgiegruppen, die in der Diakonie Tätigen usw.
Ansätze für eine solche gemeinsame Arbeit sind sicher schon vorhanden, es gilt sie auszubauen. Gewiss ist mit einer Intensivierung der Zusammenarbeit ein Mehraufwand an Energie verbunden, doch wir werden nicht darum herum kommen, ihn zu leisten, wollen wir unsere Aufgabe in der Pastoral für alle Gläubigen in der Gemeinde wahrnehmen.
Neuen Wegen können wir uns nicht verschliessen, wollen wir unserer Aufgabe auch weiterhin gerecht werden. Unsere Gesellschaft und somit auch unsere Glaubensgemeinschaften erfordern neue Pastoralformen in der Seelsorge. Das Betreuungskonzept wird nicht mehr nur auf eine Person ausgerichtet sein können, ebensowenig wird sich das Tätigkeitsfeld der Einzelnen auf eine Kirchgemeinde beschränken lassen.
Was für die Missione gilt, die bereits territorial übergreifend arbeitet, wird in vermehrtem Masse auch für die Ortspfarreien hier und anderswo Gültigkeit haben. Um den Erfordernissen in der Pastoral mit all ihren mannigfaltigen Diensten gerecht zu werden, müssen neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Pfarrer, Missionar, pastoralen Mitarbeitern und Pastoralräten gesucht werden. Diese Zusammenarbeit wiederum schafft neuen Formen der pastoralen Präsenz ­ Seelsorgeeinheiten aus mehrsprachigen Teams, welche ihren Dienst verantwortlich «in solido» und über alle, manchmal einengenden, territorialen Grenzen hinweg wahrnehmen werden ­ Platz, und zwar jeder und jedem gemäss der ihr/ihm aufgetragenen Aufgabe. Nur Zukunftsmusik? Der Mangel an Priestern ist Realität. Solidarität über die Gemeinde- und Sprachgrenzen hinweg ist ein dringendes Gebot der Zeit, wir können uns dem nicht verschliessen und sind darum aufgefordert, neue Schritte zu wagen.

Von der Theorie zur Praxis oder von der Praxis zur Theorie

Zunächst werden hier die Daten und Statistiken der in der Schweiz noch aktiven italienischen Missionen und Missionare wiedergegeben:

Pastorale Gebiete
Anzahl der MCI
Italiener mit nur italienischem Pass
Anzahl Missionare

Aargau

Basel

Bern

Luzern

Westschweiz

St. Gallen

Zürich

7

7

8

5

11

11

18

33 000

27 500

32 000

15 500

79 000

34 000

82 000

7

8

12

5

14

13

19

Total 67

303 000

+ ca. 110 000
Doppelbürger

78

 

Unsere Pastoralarbeit ist komplementär und doch spezifisch, leider aber allzu oft verkannt.

Taufen: Etwa 1800 jährlich mit den dazu erforderlichen Unterweisungen und Gesprächen. Viele der jungen Generation angehörende Paare wünschen, obgleich im Besitze des Schweizer Passes, ihr Kind durch den Dienst der Missione taufen zu lassen.
Erwachsenenfirmung: Um die 700 Jugendliche bereiten sich jährlich in den MCI auf das Firmsakrament vor. Die Betroffenen führen verschiedene Gründe für diesen Entscheid an (keine Verwurzelung in der Pfarrei, durch die Freizeitarbeit in den MCI beheimatet, die sprachlich und religiös-kulturelle Bindung).
Ehevorbereitung: Ungefähr 1750 junge Menschen besuchen jährlich die Vorbereitungskurse, die mindestens vier bis maximal zehn Kurseinheiten vorsehen. Die dabei vermittelten Inhalte, Gedankenanstösse und die Auseinandersetzung mit dem ganzen Themenkreis werden ausnahmslos von allen gutgeheissen und werden, wenn nicht sofort, so doch im nachhinein nicht mehr als lästiges Obligatorium empfunden.
Initiativen für Senioren: Eine sicher noch ansteigende Anzahl Pensionierter, etwa 31000, mit nur italienischem Pass leben gegenwärtig auf dem Gebiet unserer Missionen. Auch da wird der nötige Seelsorgedienst geleistet durch die Hausbesuche, durch Alters- und Krankenheimbesuche. Etwa 2000 der noch rüstigen Senioren benutzen die durch die MCI angebotenen Gelegenheiten, sich ein bis vier Mal monatlich ein paar Stunden in geselliger oder informativer Atmosphäre zu treffen.
Beerdigungen: Im Steigen begriffen ist auch die Zahl der Bestattungen. Gegenwärtig sind es rund 580 Personen, welche von den MCI auf ihrem letzten Lebensabschnitt begleitet werden. Auch da ist ein Sinneswandel festzustellen, wird doch jetzt oft auch eine Erdbestattung hier in Betracht gezogen, was für den Italiener heisst, dass man sich ­ in diesem Fall die Angehörigen ­ für den ständigen Aufenthaltsort hier entschieden hat, denn nur in der Heimat werden die Lieben zu Grabe getragen.
Gottesdienste: Es werden durchschnittlich 230 Gottesdienste (ohne Werktagsgottesdienste) ­ das heisst eine Eucharistiefeier pro rund 1317 italienische Gläubige in den Territorien der noch bestehenden MCI ­ wöchentlich gefeiert.

In den letzten zehn Jahren betrug die Zahl der zu 100% in der Seelsorge angestellten Missionare noch 78; sie ist somit um 45 gesunken. Das durchschnittliche Alter hat sich von 59 auf 56 gesenkt, ein Vorteil, wenn man mit dem lokalen Klerus vergleicht, der ein höheres Durchschnittsalter aufweist.
Man kann sich da die Frage stellen: Wie verhält sich die «lokale Kirchenobrigkeit» angesichts dieser eigentlich vorhandenen Ressourcen und Möglichkeiten im Seelsorgedienst?

 

Mgr. Antonio Spadacini ist Nationaldelegierter der italienischen Missionen in der Schweiz.


Die PPK unterwegs im Biotop der Hoffnung

von Karin Roth

 

Die diesjährige Plenarversammlung der Pastoralplanungskommission (PPK) der Schweizer Bischofskonferenz (SBK) tagte vom 21.­22. Mai im Romero-Haus in Luzern.
Die kurz nach dem Pfingstfest stattgefundene Versammlung stand gänzlich im Zeichen der Grundaussage dieses Festes, der Erinnerung an die Hoffnung, die, wie damals bei den Aposteln, auch heute immer wieder konkret werden kann. Der Heilige Geist (auf hebräisch Ruach) bringt Erstarrtes in Bewegung, erweckt Ermüdete zu neuem Leben und eröffnet neue Perspektiven. Pfingsten bildet den Nährboden für Hoffnung, ein Biotop der Hoffnung gewissermassen, um es mit einem geflügelten Wort auszudrücken. So formulierte es Claudia Mennen, Co-Präsidentin der PPK, in ihrer Begrüssung. Sie wünschte, dass sich die PPK vom Heiligen Geist berühren lassen möge und die Segel neu setze, so dass der Wind der Hoffnung das Schifflein der PPK zu neuen, wenn auch noch unbekannten Ufern tragen kann.
In der diesjährigen Frühlingssession wurden gleich mehrere wegweisende Beschlüsse verabschiedet.

Kirchenaustritt. Pastoraler Umgang mit Ausgetretenen

Das Haupttraktandum bildete der Entwurf Kirchenaustritt. Pastoraler Umgang mit Ausgetretenen. Den Ausgangspunkt für diesen Entwurf bildete eine anhaltend beachtliche Zahl von Kirchenaustritten. Schätzungsweise dürften zwischen 15000 und 20000 Mitglieder jährlich die katholische Kirche verlassen. Zwischen 1999 und 2000 stieg die Zahl der Konfessionslosen von 7,4 auf 12% an.
An der 243. Ordentlichen Versammlung beschloss die SBK, der PPK das Mandat zu übertragen, «eine Broschüre (Orientierungshilfe, Handreichung) für kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Pfarrei- und Kirchenräte zur Thematik des pastoralen Umgangs mit Austrittswilligen und Ausgetretenen und zur Möglichkeit eines Wiedereintritts in die Kirche zu erarbeiten. Die Broschüre wird von der SBK vor ihrer Veröffentlichung zu approbieren sein.»
Mit praktischen Äusserungen und Empfehlungen soll die Broschüre zu einem unter den Landeskirchen abgestimmten Umgang mit Austretenden und Ausgetretenen beitragen. Die Orientierungshilfe liegt nun im Entwurf vor. Sie basiert auf zahlreichen Dokumenten und Untersuchungen zum Thema Kirchenaustritt, auf Gesprächen und Diskussionen u.a. in der Arbeitsgemeinschaft der Pastoraltheologinnen und -theologen und im PPK-Leitungsausschuss. Zur Verfügung standen darüber hinaus die Richtlinien von Kantonalkirchen und Bistümern.
Nach längeren Diskussionen zum Inhalt des vorliegenden Entwurfs ist die Versammlung übereingekommen, dass der Kirchenaustritt nicht mehr als Randphänomen wahrgenommen werden kann. Es ist unerlässlich, dieses Phänomen im soziokulturellen Kontext zu beleuchten, um sich so den damit verbundenen Herausforderungen zu stellen.
Von den Anwesenden der PPK wird der Entwurf zum Phänomen Kirchenaustritt als sinnvoll erachtet. Der Entwurf wird der PPK im Herbst 2002 zu einer zweiten Lesung vorgelegt.

Projekt Modulare Bildung Kirche Schweiz

Ebenfalls ganz im Zeichen von Bewegung stand die Verabschiedung des Projektes Modulare Bildung Kirche Schweiz. Durch die Schaffung flexibler Strukturen in der Aus- und Weiterbildung (Bildung im Baukasten-System) sowie der Koordination der unterschiedlichen (Aus-)Bildungsinstitutionen soll dem Gesellschaftswandel Rechnung getragen werden: Synergien sollen genutzt, Doppelspurigkeiten vermieden und Flexibilität gewährleistet werden.
Das Pilotprojekt wird 2003 beginnen; in diesem Zeitraum sollen erste Erfahrungen gesammelt und darauf aufbauend ein erster Baukastenentwurf entwickelt werden. Vorgesehen ist eine Evaluierung des Pilotprojekts im Herbst 2005, welche über Abbruch oder Anpassung des Projekts entscheidet.

Leistungsvereinbarungen Jugend und Medien

Vom Geschäftsführer der FO/RKZ, Daniel Kosch, liess sich die PPK im Weiteren über den Stand der Leistungsvereinbarungen Medien informieren. Mit der Ausarbeitung von Leistungsvereinbarungen verbindet die PPK insbesondere die Hoffnung, dass in der ganzen Kirche und nicht nur in den mitfinanzierten nationalen und sprachregionalen kirchlichen Institutionen das Bewusstsein wächst, die Arbeit an pastoralen Prioritäten auszurichten, strategisch und unternehmerisch zu denken und vermehrt ziel- und wirkungsorientiert zu handeln.
Die von der Projektadministration FO/RKZ koordinierten Leistungsvereinbarungen in den Bereichen Jugend und Medien<1> werden von der Plenarversammlung gutgeheissen. Nach erfolgter Rückmeldung werden alsbald mit den einzelnen Institutionen die Vereinbarungen ausgehandelt und in den jeweiligen November-Sitzungen der betroffenen Entscheidungsgremien die definitiven Entscheide gefällt.

Neustrukturierung der IKO (Interdiözesane Koordination)

Die IKO ist ein Forum des Informations- und Meinungsaustausches der Delegierten aus allen diözesanen und kantonalen Seelsorgeräten. Die PPK und die SBK fassten den Beschluss, die Tagungen der IKO zu evaluieren und daraus Perspektiven für die Zukunft der IKO abzuleiten. Hierfür wurde eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die im Mai 2001 drei verschiedene Modelle für die Einrichtung einer Laienvertretung im Sinne einer Partizipation der Laien an der Gesamtverantwortung für die Kirche auf gesamtschweizerischer Ebene vorschlug.<2> Keines der vorgeschlagenen Modelle fand die Zustimmung der SBK.
Für eine Neukonzeptualisierung der IKO scheint die kirchenpolitische Situation auf absehbare Zeit ungünstig. So bleibt die IKO weiterhin ein Gremium des gemeinsamen Erfahrungsaustausches.
Die PPK bedauert diese Beibehaltung des Status quo, unterbreitet jedoch gleichzeitig Vorschläge zur Verbesserung der IKO innerhalb der bestehenden Strukturen.
Verbesserungen sollen im Bereich Austausch, Sachthemen und Kommunikation erfolgen. Es ist für die einzelnen Regionen von grossem Interesse, zu erfahren, was und wie in anderen Regionen zu kirchlichen Themen diskutiert und gearbeitet wird. Ebenso von Interesse ist das Einladen von Referenten zu Sachthemen von überregionaler Bedeutung. Auf diese Weise können Themen und Fragen, die bereits auf regionaler Ebene in einzelnen Seelsorgeräten behandelt worden sind, in grössere Zusammenhänge eingebettet werden. Bei den Versammlungen wird die regelmässige Präsenz der Kirchenleitung an den Sitzungen als unerlässlich für ein gutes und motiviertes Funktionieren der IKO gesehen. Aus all diesen Gründen sollen zukünftig die Sitzungen der IKO um ein kulturelles Rahmenprogramm bereichert werden. Für die Herbstsitzung 2002 ist ein Treffen mit Weihbischof Denis Theurillat und das Kennenlernen der kirchlichen Situation im Jura Pastoral vorgesehen.

 

Karin Roth ist Assistentin am Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut (SPI) in St. Gallen.


Anmerkungen

1 Siehe Ausgabe der SKZ 36/2001, S. 492f.

2 Vergleiche dazu den Bericht der PPK in der SKZ 36/2001, S. 492f.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002