25/2002 | |
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Kirche in der Schweiz |
Der Stiftungsrat des Fastenopfers hat das neue Stiftungsstatut des «Katholischen Hilfswerks Schweiz» verabschiedet und den neuen Stiftungsrat gewählt. In Kraft traten diese Entscheide am 15. Juni 2002. Bischof Ivo Fürer stellte sie an der Medieninformation als Präsident des alten wie als gewählter Präsident des neuen Stiftungsrates in einen grösseren Zusammenhang: Die Gesellschaft und in ihr die Kirche und so auch das Fastenopfer befinden sich in einem starken Wandel, dem mit den getroffenen Entscheiden Rechnung getragen werde.
Zum einen erhalte das Fastenopfer effektivere Strukturen und zum andern
sei dieser Schritt der erste einer Reihe von noch zu gehenden Schritten.
Der alte Stiftungsrat bestand aus 8 Mitgliedern der Bischofskonferenz und
8 vom Aktionsrat gewählten Mitgliedern. Der neue Stiftungsrat besteht
aus 9 Mitgliedern, von denen 2 von der Bischofskonferenz delegiert werden;
einer dieser Delegierten hat als Präsident zu amten. Die übrigen
7 Mitglieder werden vom Stiftungsforum, zu dem der Aktionsrat umstrukturiert
wird, gewählt. Dieses Stiftungsforum umfasst 50 Personen, die von kirchlichen
Institutionen und Organisationen delegiert werden; zurzeit wird geprüft,
ob kirchliche Interessengruppen, die bisher nicht vertreten waren, zusätzlich
berücksichtigt werden müssten, namentlich solche aus der Romandie.
Der erste Stiftungsrat wurde vom bisherigen bestimmt. Bei der Vorbereitung
und Durchführung der Wahl sei, wie Bischof Ivo Fürer darlegte,
von einer Kriterienliste ausgegangen worden. Angestrebt wurde damit eine
ausgewogene Vertretung der fachlichen Kompetenzen, der Geschlechter und
der Sprachregionen. Neben dem Präsidenten wurde Bischof Norbert Brunner
von der Bischofskonferenz delegiert; gewählt wurden P. René
Aebischer OP, Dr. iur. Walo Bauer-Hug, Dr. Jean-François Giovannini,
Dr. Odilo Guntern, lic. iur. Barbara Kühne-Cavelti, Nationalrätin
Chiara Simoneschi-Cortesi und lic. theol. Béatrice Vaucher-Fux.
Die Kontrolle über die Einhaltung der strategischen und finanziellen
Vorgaben wird künftig von einer dreiköpfigen Geschäftsprüfungskommission
wahrgenommen.
Mit seinem Amtsantritt als Direktor des Fastenopfers am 1. März 2001
hatte Antonio Hautle neben den laufenden Geschäften die Restrukturierung
an die Hand zu nehmen. Er habe ein belastendes, aber auch reiches Erbe angetreten,
und die «african night nuit africaine» mit 1800 Besucherinnen
und Besuchern anlässlich des 40-Jahr-Jubiläums sei für ihn
der Höhepunkt das Jahres gewesen. Die bisherigen Strukturen des Fastenopfers
gehen auf seine Anfänge zurück, auf die 60er und 70er Jahre, und
hätten es breit abgestützt, mit der Zeit aber auch schwerfällig
gemacht. Unter Berücksichtigung einer breiten Vernehmlassung habe sich
der Stiftungsrat nun für ein schlanke und damit effiziente Stiftungsleitung
entschieden.
Nun gelte es, die Organisationsabläufe auf ihre Effizienz hin zu überprüfen,
was mit dem Projekt «Strategie Fastenopfer 2005» bereits in
die Wege geleitet worden sei. Hierbei gehe es einerseits darum, im Bereich
der Programme und des Fundraising Schwerpunkte zu setzen und anderseits
um die Kommunikation der Fastenopferarbeit in die Öffentlichkeit. Im
Bereich der Programme und des Fundraising sollten dem Stiftungsrat im Herbst
erste Ergebnisse vorgelegt werden können, so dass er Richtlinien und
Entscheidungskriterien beschliessen können sollte. Denn auch die Projekt-
und Programmarbeit bedürfe einer Restrukturierung. Zurzeit unterstützt
das Fastenopfer in 31 Ländern rund 400 Projekte, und dies sei für
die Grösse des Hilfswerks zu viel, ist Antonio Hautle überzeugt.
Dazu kommt die Tendenz in der Entwicklungszusammenarbeit, einerseits mehrere
Projekte zu Programmen zu schnüren und anderseits mit den Partner vor
Ort zu lobbyieren. Zum Tragen kommen soll die bisherige Stärke des
Fastenopfers, nämlich nahe bei den Menschen zu sein (grassroots) und
Entwicklungsprozesse zu finanzieren (empowerment).
Auch sollen die Begriffe «Entwicklung» und «Mission»
weiter vertieft werden, wobei eine Spur die ist: mit der Pastoralarbeit
im Rahmen der Südarbeit will das Fastenopfer «das religiöse
und spirituelle Feld in der Südarbeit» positiv besetzen.
Bei der Öffentlichkeitsarbeit soll nicht nur die Programm- und Projektarbeit,
sondern vor allem auch die entwicklungspolitische Arbeit bekannter gemacht
werden: das Fastenopfer ist Mitglied der (schweizerischen) Arbeitsgemeinschaft
der Hilfswerke und der internationalen Arbeitsgemeinschaft für Entwicklung
und Solidarität (CIDSE), die auf nationaler bzw. internationaler Ebene
lobbyieren.
Die Medieninformation gab der Geschäftsleitung des Fastenopfers
auch Gelegenheit, summarisch über den Jahresbericht und die Jahresrechnung
zu informieren und auf kommende Ereignisse hinzuweisen.
Die Erfolgsrechnung 2001 weist einen Ertrag von CHF 24,7 Mio. aus, wovon
CHF 20,8 Mio. Spenden. Für die Programm- und Projektarbeit wurden CHF
20,3 Mio., für die Bildungsarbeit gemäss Stiftungsstatut CHF 2,7
Mio., für Marketing und Mittelbeschaffung CHF 1 Mio. und für Verwaltungskosten
CHF 1,8 Mio. aufgewendet; der allgemeine Verwaltungsaufwand macht so 4,5%
aus.
Da die Sammlung jeweils am 31. August abgeschlossen wird, konnte sich Matthias
Dörnenburg, der Leiter von Kommunikation und Bildung, erst zum inhaltlichen
Erfolg der diesjährigen Aktion äussern. Fastenopfer und Brot für
alle seien zufrieden, neben kritischen Äusserungen zum Wahrzeichen
der Aktion: den grossen Ohren und dem Wattestäbchen, habe es begeisterte
Reaktionen gegeben.
Ein wesentlicher Teil der entwicklungspolitischen Arbeit auf nationaler
und internationaler Ebene ist die politische Öffentlichkeitsarbeit
sowie die Überzeugungsarbeit bei massgeblichen Ämtern, das Lobbying.
Überzeugungsarbeit im Inland leistet das Fastenopfer im Rahmen der
Arbeitsgemeinschaft der Hilfswerke zurzeit vor allem für die Solidaritätsstiftung.<1> Charles Ridoré, der Leiter des
Westschweizer Sekretariats des Fastenopfers, gab einen Überblick über
die Gründe, weshalb das Fastenopfer die Errichtung dieser Stiftung
unterstützt. Nachdrücklich plädierte er dabei für ein
politisches Fair-Play, will sagen, für einen Verzicht auf das politische
(populistische) Spiel mit irreführenden oder falschen Argumenten.
Das Thema entwicklungspolitisches Lobbying veranschaulichte Markus Brun,
der Leiter der Stabsstelle Entwicklungspolitik, am Beispiel der Nacharbeit
zur Monterrey-Konferenz. Nach mehreren UNO-Konferenzen und Weltgipfeln seit
1990 hatte die UNO-Jahrtausendkonferenz im Jahr 2000 die wichtigsten Entwicklungsziele
zusammengefasst und die so genannten Millenniumgoals, die es bis 2015 zu
erreichen gelte, formuliert. An der Konferenz zur Entwicklungsfinanzierung,
die im März 2002 im mexikanischen Monterrey stattgefunden hat, blieben
die Zusagen für zusätzliche Finanzmittel indes vage. Gemeinsam
mit den anderen Fastenorganisationen Europas und Nordamerikas ermuntert
das Fastenopfer UNO-Generalsekretär Kofi Annan, «die mageren
Beschlüsse von Monterrey wirklich umzusetzen und für die Begleitung
dieses Prozesses am UNO-Hauptsitz in New York ein Sekretariat zu errichten».
In den nächsten Tagen werde sich das Fastenopfer in der gleichen Sache
zudem auch an den schweizerischen Bundesrat wenden. Denn in der UNO kann
nur umgesetzt werden, was von den Mitgliedern dieser Staatengemeinschaft
auch mitgetragen wird.
1 Siehe dazu den Frontbeitrag der vorliegenden Ausgabe.
Wenn Menschen ihre Heimat verlassen, um einer anderen Gesellschaft zu
begegnen, fühlen sie sich oft einsam, ausgeschlossen, «fremd».
Aus was auch immer für Gründen sie hier sind, versuchen engagierte
Personen eine «zweite Heimat» aus der Schweiz für diese
Menschen zu machen: Sie vermitteln Migrantinnen und Migranten die Sicherheit
und das Vertrauen, die sie verzweifelt suchen, und begleiten sie gleichzeitig
auf den Weg der Integration. Seelsorgerinnen und Seelsorger in den so genannten
Fremdsprachigenmissionen gehören zu diesen Personen.
Die ersten Fremdsprachigenmissionen in der Schweiz nahmen seelsorgerische
Aufgaben schon Ende des 19. Jahrhunderts auf: Sie wurden in verschiedenen
Städten für die italienischen Arbeiter, welche für die grossen
Bauvorhaben des beginnenden Industriezeitalters hergeholt wurden, gegründet.
Zunächst waren die Missionen weitgehend dem Belieben der Bischöfe
der Herkunftsländer überlassen. Doch das wachsende Bewusstsein
um die soziale Aufgabe der Schweizer Kirche führte später zum
Aufbau von Seelsorgestellen, die eine Heimat in der Fremde werden sollten.
Seit ihrer Gründung 1965 war eine der wichtigsten Aufgaben der «Katholischen
Arbeitsgemeinschaft für die Fremdarbeiterfragen (SKAF)» (heute
migratio) die Sensibilisierung aller Gläubigen in der Schweiz für
Anliegen der ausländischen Arbeitnehmer. Mit der Zeit veränderte
sich die Einwanderung in die Schweiz so deutlich, dass unter anderem die
Aufgabe der Fremdsprachigenmissionen umgedacht werden musste. Anstelle der
Arbeitsmigranten aus den umliegenden Ländern kamen und kommen
immer mehr Menschen, ja sogar Familien aus weiter entfernten Regionen
mit verschiedenen Glaubensrichtungen als Arbeitskräfte, Flüchtlinge
und Schutzsuchende; viele von ihnen gehören der katholischen Konfession
an und werden in den Fremdsprachigenmissionen von Seelsorgerinnen und Seelsorgern
betreut, welche die Sprache, die religiöse Praxis und die Kultur der
Gläubigen kennen.
Gegenwärtig zählt die Schweiz um die 135 katholische Fremdsprachigenmissionen.
Eine davon ist die Albanermission. 1991 entstanden, erfüllt sie eine
wichtige Aufgabe unter den Katholikinnen und Katholiken albanischer Herkunft.
Diese bilden eine kleine Minderheit (rund 15000 Menschen) und sind mehrheitlich
jung; 60 Prozent sind jünger als 30-jährig.
1967 wurde in Albanien ein Dekret erlassen, welches jede Form von Religion
verbot. Demzufolge fühlen sich heute diejenigen, welche ihren Glauben
leben dürfen, sehr stark mit der Kirche verbunden. So folgten zum Beispiel
an Ostern letzten Jahres etwa 4000 Albaner und Albanerinnen, unter ihnen
viele Jugendliche, dem Kreuzweg nach Einsiedeln und beteten für ihre
Familien und für ihre Heimat. An Pfingsten nahmen Hunderte von Jugendlichen
an einem Fussballturnier teil.
Zwei Missionare, Don Marjan Marku und Don Marjan Demaj, durchqueren die
halbe Schweiz und feiern jeden Sonntag bis zu vier Gottesdienste in 17 Kirchen,
welche auf 14 Kantone verteilt sind. Die Rekrutierung eines dritten Missionars
sowie von zwei Ordensschwestern ist in Diskussion. Neben Gefängnisbesuchen
sind auch zahlreiche Familien- und Spitalbesuche gefragt. Um den Bedürfnissen
der Gemeinschaft nachzukommen und organisatorische bzw. administrative Aufgaben
zu erledigen, benötigt es eine sorgfältige Planung.
Don Marku beschreibt die Aufgabe der Mission mit einem Bild: Drei Brücken
werden von den Seelsorgern geschlagen; von den Menschen zu Gott, von den
Menschen in die Heimat und von den Menschen in ein Leben, das zwischen zwei
Kulturen stattfindet. In diesem Jahr sind bereits drei grosse Anlässe
durchgeführt worden, die zum Bau der erwähnten «Brücken»
beitragen sollen:
Seit 1991 werden in der Albanermission verschiedene religiöse, kulturelle
und sportliche Anlässe organisiert. Sie bringen die Menschen ein Stück
weiter auf dem Weg der Integration. Für junge Albanerinnen und Albaner
ist die Religion tatsächlich eine Brücke geworden; zwischen ihnen
und Gott, zwischen ihnen und ihrer Heimat, zwischen ihnen und den Schweizern.
Damit die Kirche in der Welt als Zeichen und Werkzeug der Einheit unter
den Völkern leben und wirken kann, muss sie selbst offen für alle
Völker sein. «Denn in der Kirche zählt letztlich nicht die
nationale Herkunft, sondern die gemeinsame Verbundenheit aufgrund der Taufe.
Sie fordert uns heraus, immer mehr kirchliche Kosmopoliten und in diesem
ursprünglichen und schönen Sinn katholischer zu werden.»<1> «Die Fremdsprachigenmissionen können
uns dabei helfen. Darin besteht zweifellos ihr schönster Dienst, den
wir dankbar schätzen sollten. Denn zukunftsfähig ist nur eine
Kirche, die als Gemeinschaft aus vielen Völkern lebt.»<2>
Und wenn günstige Rahmenbedingungen für die Fremdsprachigenmissionen
geschaffen werden und ihre Finanzierung gesichert ist was auch zu
den wichtigsten Aufgaben von migratio zählt kann das Wachsen
einer lebendigen Gemeinschaft, die nicht in sich abgeschlossen, sondern
offen ist, dennoch aber die Möglichkeit gibt, dass die «Fremden»
ihren Glauben in einer anderen Umwelt leben können, als unabdingbares
Ziel unserer Gesellschaft gefördert werden.
Jenny Feuz ist bei migratio für die Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich.
1 Bischof Walter Kasper, Maria. Zeichen der Liebe Gottes zum Menschen, in: Deutsche Tagespost vom 27. Juli 1998, Seite 5.
2 Bischof Kurt Koch, anlässlich einer von migratio organisierten Studientagung vom 26. September 2001 in Bern.