11/2002

INHALT

Kirche in der Schweiz

Das Kloster Einsiedeln

von Alois Kurmann

 

Referent an der Thomasakademie der Theologischen Schule des Klosters Einsiedeln ­ eine Feier, die alljährlich um den 28. Januar herum in Erinnerung an den grossen mittelalterlichen Theologen Thomas von Aquin veranstaltet wird ­ war dieses Jahr der in Einsiedeln aufgewachsene und auch hier wohnhafte Professor für Kunst- und Architekturgeschichte an der ETH Zürich, Prof. Werner Oechslin. Gleich zu Beginn seines Referates zur Frage: «Benedikt versus Vitruv: Klösterliche oder architektonische Zielsetzung?», machte Werner Oechslin klar, dass es ihm darum geht, den barocken Klosterbau von Einsiedeln als ein Dokument zu verstehen, in dem die sinnlich-wahrnehmbare und die metaphysisch-religiöse Welt eine Einheit geworden sind. Nachdem er in einigen Sätzen die kunstgeschichtliche Einordnung der zwei bekanntesten Interpreten des Klosterbaus, des Einsiedler Paters Albert Kuhn und des Kunstgeschichtlers Linus Birchler (der erste am Ende des 19. und Anfang des 20., der zweite in der ersten Hälfte des 20. Jarhunderts) umrissen hatte, formulierte er in drei Thesen seinen Interpretationsansatz: 1. Die Klosterkirche muss als religiös-klösterliches Bauwerk verstanden werden. 2. Bruder Kaspar Moosbrugger, der Architekt des ganzen Klostergebäudes, muss weniger als ein individueller, genialischer Einzelner als vielmehr der unter dem Abt als Bauherrn und im Dienst des Klosters stehende Ordensmann gesehen werden. 3. Die Architektur des ganzen Klostergebäudes ist kunstgeschichtlich unter dem Gesichtspunkt der Klösterlichkeit zu verstehen.

Das Kloster als Bauwerk

Diese Thesen erläuterte Oechslin anhand einer bis heute ungedruckten Schrift, die der Einsiedler Konventuale P. Sebastian Reding (1667­1724) in Latein verfasst hat und die den Titel trägt «Reflexio super Ideam Novi Monasterii». Diese Blätter, vom Verfasser also mit «Nachdenken über den Plan des neuen Klosters» überschrieben, müssen in den Anfangsjahren der Planungs- und Bautätigkeit, also um 1703­1705, entstanden sein. Sie setzen die ersten Pläne Moosbruggers voraus, sind eine Auseinandersetzung mit diesen. Spürbar geht es Reding darum, seine Vorstellungen mit dem Geist des Klosterlebens, im Besonderen mit der Regel Benedikts in Einklang zu bringen.
Obwohl Benedikt kaum Hinweise zur architektonischen Gestaltung seiner Klöster gibt ­ immerhin ordnet das 66. Kapitel an, dass das Kloster ein geschlossener Komplex sein soll, in dem alles Notwendige wie Wasser, Mühle, Garten und die verschiedenen Werkstätten vorhanden sind, sodass die Mönche möglichst wenig draussen sein müssen ­ versteht es Reding, seine Vorstellungen biblisch-monastisch zu begründen. So fordert er zum Beispiel, dass in einem oberen Schlafraum, der gegen Norden hinaus liegt, keine Fenster sein sollen, weil durch die Fenster der Tod hineinkomme, natürlich der Tod im Sinne des Zerfalls der klösterlichen Regeltreue, der beim Betrachten des Lebens ausserhalb des Klosters sich einschleichen könnte. Begründet wird diese Forderung ganz in der Art der Kirchenväter mit einem Bibelzitat, nämlich Jermia 9,21, wo die Seuche als Tod bezeichnet wird, die überall, auch durch die Fenster, eindringt: «ascendit mors per fenestras». Wichtige Anliegen sind Reding die konkreten Bedürfnisse des menschlichen Lebens wie Hygiene, Erholung, Wohnkomfort (Heizung für die Alten und Kranken), Apotheke, Brunnen, Wasser.
Die Rücksicht auf diese notwendigen Dinge sowie der Einbezug der topographischen Gegebenheiten macht es nach seiner Meinung notwendig, von der quadratischen Form eines idealen Klostergebäuden abzurücken und den südwestlichen Teil des Gebäudes zurückzuversetzen. Reding steht mit seinen Überlegungen nicht allein; er stützt sich auf jesuitische Anschauungen der Gegenreformation, bei denen der Salomonische Tempel ein wichtiges Vorbild für Sakralbauten ist. Die Wirkung dieses idealisierten Tempels von Jerusalem zeigt sich in der für die Gnadenkapelle wichtigen Anschauung, dass diese Kapelle von Christus persönlich geweiht wurde; das «divinitus sacratum est» kommt darum an entscheidende Stelle zu stehen.

Das Bauwerk als Architektur

Prinzipien der Redingschen Kritik sind Einfachheit, Schlichtheit, Funktionalität und die commoditas religiosa, das heisst die Eignung der Gebäulichkeiten für das religiös-klösterliche Leben, Forderungen, die er in den Schriften der Kirchenväter dargelegt findet. Damit wendet er sich gegen Eleganz und Symmetrie, für die das seit der Antike massgebliche Werk des Vitruv über Architektur steht. Als Abt Maurus von Roll am 25. März 1704 den Schirmherren in Schwyz den Beschluss des Kapitels mitteilte, das Kloster neu zu bauen, hielt er ebenfalls fest, dass ohne «Pomp» sondern «nach geistlicher Anständig- und Nothwendigkeit» gebaut werden soll. Dass er und seine Nachfolger jedoch andere Wege gingen und Redings Überlegungen ungehört verklangen ­ zu welchem Zeitpunkt die Blätter Redings in die Bauakten, unter denen sie sich heute befinden, eingeordnet wurden, ist unklar ­ sind weniger persönliche Entscheidungen, als vielmehr durch das Eingehen auf die neuen Strömungen bedingt, die sich in der ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts auf dem Gebiet der Architektur in dichter Folge entwickelten.
Der besondere Wert des Vortrags von Werner Oechslin liegt darin, dass er die Überlegungen eines Zeitgenossen des Klosterbaus als wichtiges Dokument des Ringens um Sinn und Ziel dieses Gebäudes würdigt. Damit gibt er eine Ahnung davon, in welch grosse Spannung das grossartige Vorhaben die Klostergemeinschaft versetzte. Dass der Neubau im Bewusstsein der Klostergemeinschaft trotz aller Auseinandersetzungen ein klösterlich-religiöses Monument war und ist, und dass in den barocken Formen die sinnlich-wahrnehmbare und die metaphysisch-religiöse Welt in eine Einheit gebracht wurden, ist die Frucht dieser Spannungen; darum muss Auseinandersetzung und Spannung um das Klostergebäude heute und in Zukunft die Klostergemeinschaft ebenso dazu bewegen, das Suchen nach Sinn und Ziel ihres Lebensweges auch in der Bautätigkeit auszudrücken. Deshalb ist auch zu hoffen, dass Werner Oechslin dieses wichtige durch Pläne und Skizzen angereicherte Manuskript, mit dem er sich seit vielen Jahren beschäftigt, in einer kommentierten Ausgabe zugänglich machen kann. Diese Ausgabe könnte dazu beitragen, dass nicht nur die Kirche sondern das ganze Klostergebäude von Einsiedeln auch unter architektur- und kunstgeschichtlichem Gesichtspunkt noch fundierter als ein hervorragendes Beispiel klösterlich-religiöser Kultur gelesen werden kann.


Die Kirchen an der EXPO.02

von Rolf Weibel

 

Die Bauten der Expo.02, die das Drei-Seen-Land einen Ausstellungssommer lang zum Mittelpunkt der Schweiz machen wird, nehmen Gestalt an. Dies war für die Schweizer Kirchen an der Expo eine Gelegenheit, ihre Projekte vorzustellen und zu einem Baustellenbesuch nach Murten einzuladen.
Die Expo.02 wird an fünf Standorten stattfinden, an den drei Seen ­ nämlich in Biel-Bienne, Murten-Morat, Neuchâtel und Yverdon-les-Bains ­ sowie auf einer Barke, die von einem Anlegeplatz der Expo.02 zum andern schwimmen wird.
In jeder der vier Städte gibt es ein Ausstellungsgelände, das aus einem Uferteil und einer Plattform über dem Wasser besteht und deshalb Arteplage heisst; die schwimmende Barke ist die Arteplage Mobile du Jura. Neben den Ausstellungen und Begleitangeboten gibt es besondere Veranstaltungen, so genannte Events (Thementage). Jede Arteplage hat ihr eigenes Thema: in Biel-Bienne ist es «Macht und Freiheit», in Murten-Morat «Augenblick und Ewigkeit», in Neuchâtel «Natur und Künstlichkeit», in Yverdon-les-Bains «Ich und das Universum» und auf der Arteplage Mobile du Jura «Sinn und Bewegung».
Die Schweizer Kirchen sind als Partner mit ihrem Projekt «Un ange passe» auf der Arteplage von Murten-Morat sowie mit ihren Events an Pfingsten und am Bettag beteiligt; dazu engagieren sich die Kirchen und Gemeinden der Ausstellungsorte mit eigenen Angeboten in der Expo.02-Nachbarschaft.

Kirche und Kultur

Um die kirchliche Präsenz an der Landesausstellung (zunächst Expo.01 und dann Expo.02) zu gewährleisten, haben sich die Kirchen bereits 1996 zu einem Verein zusammengeschlossen (zunächst ESE.01 und dann ESE.02, der heute 14 Kirchen und christliche Verbände angehören).
Als Vereinspräsident erinnerte Pfarrer Thomas Wipf bei die Vorstellung der Projekte einführend daran, dass die Kirchen von Anfang an präsent sein wollten, die Expo stets unterstützt und sich dafür stark gemacht hätten, damit sie gelingen könne. Die Zusammenarbeit mit der Expo-Leitung sei nicht immer einfach gewesen, die Geschichte dieser Zusammenarbeit widerspiegle aber nur die Expo-Geschichte selber. Mit dem Projekt «Un ange passe, sieben Räume des Glaubens», das die Kirchen mit der Direction Artistique der Expo.02 entwickelt haben, laden die Kirchen alle Expo-Besucher und -Besucherinnen ein, sich überraschen zu lassen («Un ange passe» ist eine Redensart, die kein deutsches Äquivalent hat: wenn in einer Diskussion, einer Unterhaltung plötzlich Stille einkehrt ohne dass man sagen kann weshalb, dann pflegt man zu sagen, ein Engel sei vorbeigegangen). Weil dieses Projekt mit Künstlern und Künstlerinnen realisiert wird, erhofft sich Pfarrer Wipf davon auch bleibende Impulse für ein neues Verhältnis von Kirche und Kultur.
Dass die Kirchen mit ihrem Projekt so aufs Sehen abstellen, hat auch damit zu tun, dass an einer derartigen Ausstellung nicht gelesen werde, berichtete der Geschäftsführer der ESE.02, Georg Schubert, von einer Erfahrung von der letzten Weltausstellung in Hannover. Zudem sollten sowohl kirchennahe als auch kirchenferne Menschen angesprochen werden können.
Das Projekt «Un ange passe» besteht aus sieben Hütten («cabanes»), die mit ihrer Form an Planwagen erinnern, wie Pfahlbauten ins Uferwasser gestellt sind und sieben Himmel symbolisieren, in denen je ein Grundthema künstlerisch ausgedrückt wird: Mystère (Himmel des Wunders) von Robert Wilson (New York) gestaltet, Au-delà (Himmel des Jenseits) von Anish Kapoor (London) gestaltet, Bonne Nouvelle (Himmel der guten Nachricht) von Ernst Hiestand & Partner (Zürich) gestaltet, Relations (Himmel des Austauschs und der Beziehungen) von Susann Walder (Zürich) gestaltet, Wort (Himmel des Wortes) von Anton Egloff (Luzern) gestaltet, Segen (Himmel des Segens) von Roland Herzog (Zürich) gestaltet, Création (Himmel der Schöpfung) von Robert Wilson (New York) gestaltet.
Der Besuch dieser Himmel ­ die Reihenfolge kann beliebig gewählt werden ­ soll die Menschen zum Fragen anregen; wenn sie mit anderen ins Gespräch kommen wollen, stehen ihnen Freiwillige zur Verfügung, die so weit mehr sind als Aufsichtspersonal einer Kunstausstellung.

Die Kirchen aus der Nachbarschaft

Als Event-Partner der Expo.02 bestreiten die Kirchen zwei Thementage, Pfingsten (19. Mai) und Bettag (15. September). An Pfingsten, dem so genannten Tag der Kirchen, wird auf allen Arteplages ein Chorfest mit 110 Chören und 4000 Mitwirkenden durchgeführt. Angestrebt wird dabei eine bunte Vielfalt; die ganze Schweiz soll vertreten sein, die verschiedenen Musikstile, alle Kirchen, jedes Alter und die unterschiedlichen Grössen von Chorformationen.
Am Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag soll die diakonische Dimension des Glaubens herausgestellt werden und der Gedanke zum Tragen kommen, dass sich der Glaube an Menschen visualisiert. Mit dem Leitwort «star people ­ ein Funke(ln) genügt» sollen die Menschen zu solidarischem Handeln angeregt und ermutigt werden. Stars aus Sport, Kultur und Wissenschaft sollen mit Menschen zusammengeführt werden, die sich im sozialen Bereich engagieren und mit innovativen Ideen auf ihre Weise Stars sind. Denn beide Art von Star-people zeichnen sich aus durch Engagement, Begeisterung und starke Visionen. Es brauche gar nicht viel, dass ein Stern leuchtet, ein Funke(ln) genüge. In diesem Zusammenhang wollen die Kirchen an der Expo innovative soziale Projekt mit einem Preis auszeichnen.<1>
Neben diesen schweizerischen Beiträgen zur Expo.02 beteiligen sich die Landeskirchen, Freikirchen und weitere lokale kirchliche Gruppierungen in Biel, Murten, Neuenburg und Yverdon-les-Bains an der Expo.02 mit eigenen lokalen Beiträgen. Sie bieten an diesen Arteplage-Standorten für die Besucher und Besucherinnen ein vielfältiges Rahmenprogramm an.


Anmerkung

1 Als Projekt- und Event-Partner müssen die Kirchen für einen Teil der damit verbundenen Aufwendungen selber aufkommen. Das Projekt «Un ange passe, sieben Räume des Glaubens» wird rund 4,5 Mio. Franken kosten. Daran beteiligen sich die Kirchen mit 1 Mio. Franken; die fehlenden Mittel werden von der Expo.02 über Sponsoring gesucht, und sollte die Ausstellung so nicht vollständig finanziert werden können, kann eine Defizitgarantie der Generaldirektion der Expo.02 in Anspruch genommen werden. Für die beiden Events (Thementage) stellen die Kirchen 1 Mio. Franken als Kostendach bereit. (Für die Beteiligung mit diesen 2 Mio. Franken wurde unlängst in den römisch-katholischen Kirchen die Kollekte aufgenommen, und nicht für die Expo.02 selber!)


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002