3/2002

INHALT

Kirche in der Schweiz

Pfarreien und Bewegungen

von Rolf Weibel

 

An der jährlichen Zusammenkunft von kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften in der Schweiz, zu der vor zwei Jahren die Bischofskonferenz zum ersten Mal eingeladen hatte, wurde letztes Jahr deutlich, dass das Verhältnis zwischen diesen so genannten «Movimenti» und den Pfarreien nicht spannungs- und konfliktfrei ist. Aus diesem Grund wurde das diesjährige Treffen als «Symposium der Verantwortlichen von kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften der Schweiz mit Vertretern und Vertreterinnen der Pfarreien und Diözesen» angelegt.
Eingeführt wurde das Symposium mit drei Vorträgen. Aus der deutschsprachigen Schweiz wurde Thomas Ruckstuhl, Regens des Salesianum in Freiburg, zum Thema «Pfarreien und neue kirchliche Bewegungen in der gegenwärtigen Krise der Kirche und der Gesellschaft» eingeladen, aus der italienischsprachigen Schweiz Libero Gerosa, Rektor der Theologischen Fakultät Lugano und Professor für Kirchenrecht, zum Thema «Pfarreien und kirchliche Bewegungen ­ Konkurrenz oder notwendige Ergänzung?» und aus der französischsprachigen Schweiz Joseph Roduit, Abt von St-Maurice, zum Thema «Die Pfarrei, Ort des Teilens, des Zeugnisses und des Feierns in Gemeinschaft mit den Bewegungen».

Territoriale und kategoriale Pfarrei

Thomas Ruckstuhl ging zum einen von der von vielen geteilten Annahme aus, dass unseren Pfarreien ein grosser Wandel bevorsteht. Zum andern ist er überzeugt, dass sich in den vielfältigen Mitgliedschaftsformen und den pastoralen Methoden der Bewegungen Elemente ihrer zukünftigen Gestalt abzeichnen. So beschrieb er auf der einen Seite den Wandel der Pfarrei «durch das individuelle Teilnahmeverhalten ihrer Mitglieder»; und so konnte er auf der anderen Seite die geistlichen Bewegungen als «heilsames Korrektiv für den allgemeinen Trend in den Grosskirchen» würdigen. Daran knüpfte er die Frage an, weshalb sich gerade viele Engagierte und Hauptamtliche in den Pfarreien, Verbänden und Orden mit den neuen geistlichen Bewegungen und Gemeinschaften sehr schwer tun. Mit Kardinal Christoph Schönborn bezeichnete er Gefahren dieser Bewegungen als ihre «Kinderkrankheiten», die nicht einfach hinzunehmen seien. Darüber hinaus plädierte er nachdrücklich für eine Kultur des Miteinanders, in der strukturelle und spirituelle Erneuerung nicht gegeneinander ausgespielt werden dürften, die vielmehr aus der gemeinsamen Beschäftigung mit der Zukunft erwachsen könnte.<1>
Nach diesem ekklesiologischen Einstieg ging Libero Gerosa die Fragestellung als ein strukturelles Problem zwischen den Gemeinschaften charismatischen Ursprungs (Bewegungen) und den Gemeinschaften institutioneller Art (territorial umschriebene Pfarreien) an. Dabei ging er von der ekklesiologischen Bedeutung der Begriffe «Charisma», «Institution» und «Konstitution» für die Kirche als «Communio» aus. Diese erhob er aus Schlüsseltexten des Zweiten Vatikanischen Konzils: Die Kirche wird als Gemeinschaft durch hierarchische und charismatische Gaben des Heiligen Geistes aufgebaut (LG [Lumen Gentium] 4,1), und dieser verteilt seine charismatische Gaben unter Gläubigen jeglichen Standes (LG 12,2). Ein «Charisma» ist eine besondere Gnadengabe, ist also nicht mit den sakramental vermittelten Gaben (dona) des Heiligen Geistes gleichzusetzen; geschenkt ist das «Charisma» zum Aufbau der kirchlichen Gemeinschaft, es unterscheidet sich indes von der Sendung des kirchlichen Amtes, auch wenn es als eine Quelle von Rechten und Pflichten bezeichnet werden kann (Apostolicam actuositatem [AA] 3,4). Und schliesslich steht das Charisma im Dienst des Wortes und des Sakramentes, muss aber in der Gemeinschaft der Kirche ausgeübt werden (AA 3,1).
Im Blick auf den kirchlichen Ort der Bewegungen folgerte Libero Gerosa daraus, dass zwei nicht selten vorgenommene Gleichsetzungen falsch seien. Zum einen dürfe die institutionelle Dimension der Kirche nicht auf das Amtspriestertum reduziert werden; die Taufe sei schon immer das entscheidende Kriterium der strukturellen Zugehörigkeit zur Kirche gewesen. Zum andern dürfe die Konstituierung der Kirche nicht mit ihrer hierarchischen Struktur gleichgesetzt werden. Das «Charisma» ist deshalb das einzige Element der Konstitution der Kirche, das nicht zu ihrer Institution gehört.
In einem weiteren Gedankengang wandte sich Libero Gerosa sodann den «institutionellen und charismatischen Formen kirchlicher Gemeinschaft» zu. Wie schon das «Charisma» Gläubige zusammenschliesst, so auch und ursprünglich Wort und Sakrament, insbesondere die Eucharistie als Quelle und Höhepunkt («fons et culmen», Sacrosanctum Concilium 10,1). Die eucharistische Gemeinschaft ist folglich der ursprüngliche theologische Wesenskern, von dem aus sich alle späteren Formen kirchlicher Zusammengehörigkeit entwickelt und Gestalt angenommen haben. So ist die Pfarrei, auch geschichtlich betrachtet, ein institutionelles Paradigma, nämlich eine der möglichen Formen der eucharistischen Gemeinschaft, genauerhin die institutionelle und also die von der charismatischen unterschiedene. So sei auch die Formulierung des neuen Codex des Kirchenrechts flexibel. Demnach ist die Pfarrei eine bestimmte Gemeinschaft von Gläubigen, die in einer Teilkirche auf Dauer errichtet ist und deren Seelsorge einem Pfarrer anvertraut ist (CIC c. 515 §1). Neben der «Pfarrei» gibt es zudem die «Quasi-Pfarrei» (c. 516 §1), und falls Gemeinschaften weder als Pfarrei noch als Quasi-Pfarrei errichtet werden können, ist der Bischof gehalten, für eine angemessene auch rechtliche Lösung besorgt zu sein (c. 517 §2). So seien für Städte Kategorialgemeinden und Seelsorgezentren denkbar.
Bei der Lösung der anstehenden Probleme müssten zwei auch vom Kirchenrecht verlangten Grundsätze wegleitend sein: Das Zentrum einer Pfarrei ist die sonntägliche Eucharistiefeier und das Recht, die geistliche Begleitung frei zu wählen, ist gewährleistet.

«Primat der Nächstenliebe»

An einem Treffen von Gründerinnen und Gründern sowie Verantwortlichen von geistlichen Bewegungen am 9. Februar 2001 in Rom wurde festgehalten: «Auch im neuen Jahrhundert braucht es für den weiteren geschichtlichen Weg der Kirche noch vieles; wenn jedoch die Liebe (Agape) fehlt, wird alles umsonst sein.» An diese Aussage knüpfte Abt Joseph Roduit in seinem Referat an, das zunächst auf zwei Fragen einging: Wie kann der Primat der Nächstenliebe unseren Pfarreien konkret neu geschenkt werden, und wie kann der Primat der Liebe in den neuen Bewegungen und Gemeinschaften zum Ausdruck gebracht werden?
Für die Pfarrei bedeute der «Primat der Liebe», dass sie zu einem Ort werden müsse, «wo die Liebe gelebt wird», zu einem «Ort der Gastfreundschaft und der Annahme der Verschiedenheit». In einer globalisierten Welt müsse die Pfarrei «weltoffen» werden; Möglichkeiten dazu würden Einrichtungen wie Fastenopfer, Caritas und Missio eröffnen. Ferner gelte es, die zur Verfügung stehenden Mittel zielgerichtet einzusetzen, die Jugendlichen zu Einsätzen zu ermutigen und Projekte ökumenisch ­ Diakonie im Zeichen des gemeinsamen Evangeliums ­ zu tragen.
Die neuen Bewegungen und Gemeinschaften könnten in den Pfarreien geistliche Begleitung anbieten und in dieser Beziehung die Kongregationen und Orden mit wenig Nachwuchs ablösen. Ferner können sie eine «Seelsorge der Nähe» anbieten, Menschen «ein anderes Gesicht der Kirche» zeigen. Voraussetzung dafür sei jedoch gute Kommunikation zwischen Verantwortlichen der Pfarreien und Bewegungen.
Der «Primat der Liebe» schliesse aber die Hoffnung und den Glauben nicht aus, sondern ein. Dabei übersteige die christliche Hoffnung, die oft «eine überwundene Verzweiflung» (Georges Bernanos) sei, das Diesseits. Der Glaube aber erhelle die inneren Wege, und dafür werde in den Pfarreien sehr viel getan, was unser Lob verdiene.
Pfarreien und Bewegungen müssten so den Geist der Seligpreisungen zum Ausdruck bringen. «Das Teilen in Liebe wird dem Zeugnis-Geben in Hoffnung Raum schaffen und jenen, die dem Ruf des Evangeliums in Treue folgen, das gemeinsame Feiern im Glauben ermöglichen», fasste Abt Roduit seine Überlegungen zusammen.
Aufgelockert wurden die Vorträge durch musikalische Intermezzi, neue Lieder aus verschiedenen Bewegungen, was das Entstehen einer eigenen Musikkultur erahnen liess. Im Plenum wurde auch Gelegenheit zu Rückfragen an die Referenten geboten, und im Anschluss an alle drei Referate wurden in drei Grossgruppen Gespräche mit den Referenten geführt, worüber im Plenum summarisch berichtet wurde, ehe die Tagung mit einem besinnlichen Schlusswort von Clara Squarzon und einer Wort-Gottes-Feier abgeschlossen wurde.
Für das Symposium wurde das Verhältnis zwischen Bewegungen und Pfarreien unter das Stichwort «Zusammenarbeit» gestellt, während der Anstoss dazu von der Erfahrung her kam, dass dieses «Zusammen» auch Konflikte in sich birgt. Und so wurden diese Konflikte auch erst in einem Gruppengespräch konkret thematisiert. Von Seiten der Pfarreien wurde dort beklagt, dass Angehörige von Bewegungen als Pfarrer da und dort der Pfarrei ihre besondere Spiritualität aufzudrängen suchen und Pfarreiangehörige, die sich nicht darauf einlassen wollen, vernachlässigen. Da und dort versuchen aber auch Pfarreiangehörige, die Angehörige von Bewegungen sind, im Sinne ihrer besonderen Spiritualität auf den Pfarrer und die Pfarrei ungebührlich Einfluss zu nehmen. Anderseits wurde auf Seiten der Bewegungen eine «landeskirchliche Unverbindlichkeit» angeprangert. Die zur Verfügung stehende Zeit reichte indes nicht, diese Klagen richtig aufzunehmen. Immerhin konnte ein Mitglied einer Bistumsleitung von seiner Erfahrung berichten, dass aus Konflikten auch gelernt wird und dass Konflikte im Verhältnis zwischen Bewegungen und Pfarreien oft mehr mit menschlicher Reife bzw. Unreife als mit einer besonderen Spiritualität zu tun haben.
Das Symposium hatte sich vorgenommen, Vertreter und Vertreterinnen der Bewegungen und Gemeinschaften mit Vertretern und Vertreterinnen der Pfarreien und Diözesen ins Gespräch zu bringen. Es sollte, wie Weihbischof Martin Gächter und Abt Joseph Roduit in der Einladung schrieben, darum gehen, sich «gegenseitig besser kennen zu lernen und, statt einander mit Vorbehalten zu begegnen, miteinander neue Möglichkeiten des Zusammenlebens und der Synergie zu finden». Das mit Vorträgen überfrachtete Programm hatte dann aber zur Folge, dass dieser Austausch zu kurz kam. Es ist deshalb auf ein Symposium zu hoffen, das sich den Vorbehalten, die es nun einmal gibt, wirklich stellt. Zu ihrer Aufarbeitung genügt ein Symposium allerdings nicht; einen Beitrag dazu könnte es aber leisten, vor allem wenn ein Andermal mehr Bewegungen und Gemeinschaften ihre «Verantwortlichen» abordnen würden, wie es die Einladung versprochen hatte.


Kirchliche Bewegungen und neue Gemeinschaften


Anmerkung

1 Wir beschränken uns hier auf eine summarische Zusammenfassung der Überlegungen von Thomas Ruckstuhl, weil er sie demnächst einem SKZ-Beitrag entfalten wird.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002