31-32/2002 | |
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Religion in der Schweiz |
Die muslimische Gemeinschaft ist in der Schweiz die drittgrösste Religionsgemeinschaft geworden. Gegen 5% der Bevölkerung bekennen sich zum Islam; darunter hat es zunehmend auch Muslime mit Schweizer Pass. Ein gedeihliches Zusammenleben von Christen und Muslimen verlangt die Lösung von Fragen, die das Zusammentreffen von unterschiedlichen Religionen und Kulturen mit sich bringt. Eine Voraussetzung dazu ist die Bereitschaft, sich als Menschen zu begegnen und sich mit den Unterschieden wirklich auseinander zu setzen.
Begonnen hatte die Zunahme des muslimischen Bevölkerungsanteils
in der Schweiz mit der Arbeitsmigration, und verstärkt wurde sie durch
die Einwanderung von Asylsuchenden und die Zunahme von Flüchtlingen.
Mit den damit im Zusammenhang stehenden Fragen beschäftigte sich in
der römisch-katholischen Kirche in der Schweiz deshalb lange Zeit die
Kommission für Migrationsfragen (migratio, vormals: SKAF). Weil sich
durch die zahlenmässig erhebliche Zunahme von Muslimen in der Schweiz
die ganze religiöse Landschaft veränderte, begann sich auch die
Arbeitsgruppe «Neue Religiöse Bewegungen (NRB)» damit zu
befassen. Um die bisher geleistete Arbeit auszuweiten, hat die Bischofskonferenz
die Bildung einer eigenen «Arbeitsgruppe Islam» beschlossen,
der auch muslimische Mitglieder angehören werden. Die Kommission «migratio»
und die katholische Arbeitsgruppe NRB haben deshalb eine gemeinsame Tagung
durchgeführt, an der eine Bestandsaufnahme vorgenommen wurde. Zum einen
wurde der Islam in der Schweiz unter dem Gesichtspunkt der islamischen Vielfalt
betrachtet und zum andern wurde nach den Möglichkeiten und Grenzen
des christlich-islamischen Dialogs gefragt.
Nach den vorläufigen Ergebnissen der Volkszählung 2000 wohnen
in der Schweiz mehr als 310000 Muslime aus 105 Staaten; dazu kommen noch
schätzungsweise 50000 statistisch nicht Erfasste. Organisiert sind
die Muslime in rund 160 Vereinen, die neben mehreren Stiftungen
vor allem für Gebetsräume, Moscheen, Kulturzentren und Koranschulen
besorgt sind. Zwei Drittel der Muslime in der Schweiz sind Sunniten; neben
ihnen gibt es nicht nur Schiiten, sondern auch Aleviten und weitere Flügel;
werden noch die nationalen Zugehörigkeiten berücksichtigt, wird
die muslimische Welt in der Schweiz noch vielfältiger. Als Leiter der
Arbeitsstelle NRB sprach Joachim Müller Probleme an, denen Muslime
im schweizerischen Alltag begegnen. Für Eltern wirft der Schulalltag
namentlich mit Sportunterricht und Klassenlager Probleme auf; es gibt Probleme
im Spital und mit der Bestattung usw. Joachim Müller bedauerte, dass
der christlich-islamische Dialog auch deshalb schwierig ist, weil die christliche
Seite wenig weiss und weil im Dialog heikle Fragen wie der Absolutheitsanspruch
des Islam oder die Menschenrechtsverletzungen in islamischen Staaten gerne
ausgespart werden.
Ebenfalls vielfältig sind die muslimische Bevölkerung und dementsprechend
auch ihre Organisationen in Deutschland, wie der Orientalist Herbert L.
Müller ausführte. Sein Thema waren dabei politische Aspekte der
Kulturkonfrontation. Dazu gehört das Problem der politischen Abhängigkeit
muslimischer Vereine von einem Herkunftsland bzw. seinen Einrichtungen und
seinem Regime; das führt dazu, dass es regimetreue und oppositionelle
muslimische Vereine gibt, die sich gegenseitig misstrauen. Solche Unverträglichkeiten
sind mit ein Grund, weshalb die Muslime praktisch nicht imstande sind, auf
nationaler Ebene einen einzigen Ansprechpartner zu benennen.
Ein nicht geringes Problem bilden die philosophischen und theologischen
Anschauungen selbst der in Deutschland (und überhaupt in Europa) ausgebildeten
und integrierten Muslime, die eine Transformation der offenen und pluralistischen
Gesellschaft und des demokratischen Rechtsstaates zur Folge haben würden.
Als Beispiel besprach Herbert L. Müller den Aufsatz «Globalisierung,
Islam und die Zukunft der Muslime» von Ali Bulac.<1>
Die Sicht von Ali Bulac ist, die europäische Moderne mit ihren Werten
wie Individuum, Säkularität und Nationalstaat zu transformieren
und so zu überwinden. Hierbei werde der Islam die Rolle des Transformators
spielen, und auf seiner Grundlage würden Freiheit, Menschenrechte und
Demokratie neu definiert werden. Hier zeige sich, dass der interreligiöse
Dialog allein nicht genüge, dass dieser vielmehr nur eine Dimension
des interkulturellen sei und dass man sich hier mit seinem muslimischen
Gesprächspartner so auseinander setzen müsse wie man es im Parlament
mit einem politischen Gegner mache.
Zur rechtlichen Situation der Muslime in der Schweiz äusserte sich
Erwin Tanner. Sein Problemaufriss ging davon aus, dass die muslimische Präsenz
in der Schweiz auch vom Recht berücksichtigt werden müsse, dass
hier aber Rechtslücken bestehen und das Rechtsinstrumentarium noch
nicht genüge. Anderseits stehen hinter der muslimischen und der schweizerischen
demokratischen Auffassung von Recht insofern unterschiedliche Rechtssysteme,
als das muslimische Recht auf dem Gotteswillen, das demokratische auf dem
Volkswillen gründe. So stelle sich die Frage nach dem Verhältnis
der Muslime zur Säkularstaatlichkeit wie zur Demokratiestaatlichkeit.
Aufgabe des Gesetzgebers sei es, die beiden Rechtssysteme zu koordinieren;
eine wichtige Rolle spielen dabei die Grundrechte.
Der erfahrene Islam-Sachverständige P. Hans Vöcking ging auf Möglichkeiten
und Grenzen des christlichen Dialogs mit dem Islam ein. Er erinnerte an
das gelungene Treffen der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) und
des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) mit Muslimen
in Sarajevo,<2> aber auch an die wegen
politischen Bedenken auf islamischer Seite sistierten christlich-islamischen
Gespräche im Rahmen des von den Aussenministern der Anrainerstaaten
des Mittelmeers beschlossenen «Mittelmeer-Dialogs».
Schwierigkeiten im christlich-islamischen Dialog seien zum einen die Sprach-
und Verständigungsprobleme; so würden die gleichen Begriffe mit
unterschiedlicher Bedeutung verwendet. Zudem stelle sich immer wieder die
Frage nach der Repräsentativität des muslimischen Gesprächspartners;
da beispielsweise der Imam im Wesentlichen Vorbeter sei, sei der Vorsitzende
des Moscheevereins meist der verbindlichere Partner. Begonnen werden sollte
ein Dialog deshalb als interkulturelle Begegnung zwischen Muslimen und Christen;
aber auch hier sei auf die Gefahr der Instrumentalisierung zu achten, denn
selbst die Frage des Schächtens sei in Wirklichkeit eine politische
Frage.
Anderseits sei nach dem 11. September 2001 den Regierungen in Europa bewusst
geworden, dass die Religion ein politischer Faktor sei und entsprechender
Aufmerksamkeit bedürfe. Auf europäischer Ebene stehen drei Probleme
an: der Mittelmeer-Dialog, die Integration der muslimischen Immigranten
und die EU-Kandidatur der Türkei. In der Aussprache wurde im Blick
auf die Schweiz betont, dass auch von den Immigranten Integrationsleistungen
verlangt werden dürfen und müssen.
1 In deutscher Übersetzung veröffentlicht in der halbjährlichen Zeitschrift für Sozialwissenschaften Avrupa Günlügü/Europa Agenda, Nr. 1/2001, S.2536.
2 Die von dieser Tagung verabschiedete Erklärung «Verantwortung und religiöse Verpflichtung in einer pluralistischen Gesellschaft» haben wir veröffentlicht in: SKZ 169 (2001) Nr. 41, S. 565f.