49/2002

INHALT

Pastoral

Pfarreianimation und Diakonie

von Thomas Englberger

 

«Manchmal kommt unter Pfarreiangehörigen das Gefühl auf: Für die diakonischen Tätigkeiten sind doch die Hauptamtlichen angestellt. Warum machen sie die Arbeit nicht selber?» (Pastoralassistentin F. aus T.)<1>
«Grundsätzlich geht es im Geschäft der Diakonie darum, wegzukommen von reinen ÐNächstenliebe-Veranstaltungenð und überlegtere Formen von Helfen zu entwickeln.» (Pfarrer E. aus W.)
«Am meisten wird eine diakonische Praxis erleichtert durch eine lebendige Pfarrei. Je mehr die Pfarrei lebt, umso mehr sind Pfarreiangehörige auch bereit, sich zu engagieren.» (Sozialarbeiterin A. aus G.)
«Bei komplexen Problemen verweise ich weiter an Caritas oder andere spezialisierte Institutionen und habe dabei nie irgendwelche Enttäuschungen erlebt.» (Pastoralassistent T. aus O.)

Die Interviews, aus denen die Passagen stammen, wurden in katholischen Pfarreien des Kantons Zürich durchgeführt. Offenbar gibt es unterschiedliche Leitideen, an denen sich Diakonie orientieren kann. Die pastoralen Akteure in den Pfarreien ­ Seelsorger/Seelsorgerinnen, Pfarrer, Sozialarbeiter/Sozialarbeiterinnen ­ ziehen nicht alle am gleichen Strang. Die einen möchten möglichst viele Freiwillige involvieren, die andern den Dienst am Nächsten professionalisieren. Dies gilt nicht nur für den Kanton Zürich. Pfarreianimatoren/Pfarreianimatorinnen, die in Pfarreien für diakonische Anliegen werben, sind häufig durch ein heterogenes Feld unterschiedlicher Zielvorstellungen und widersprüchlicher Erwartungen herausgefordert.
So lassen sich die Ergebnisse einer Untersuchung zusammenfassen, die vom Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut St. Gallen (SPI) in enger Zusammenarbeit mit Caritas Zürich durchgeführt wurde. Eine Leistungsbilanz der Hochschule für Soziale Arbeit Luzern (HSA) anlässlich des 75-jährigen Bestehens der Caritas Zürich<2> hatte zuvor ergeben, dass es nur zu einem verhältnismässig kleinen Teil gelingt, Pfarreien durch Projekte und Bildungsveranstaltungen zu diakonischem Handeln zu motivieren. Weshalb erreicht die Abteilung «Animation & Bildung», die bei Caritas Zürich für den Bereich Pfarreianimation zuständig ist, trotz sehr guter Arbeit nur einen Teil der Pfarreien? Um die Hintergründe zu erhellen und eine konzeptionelle Neuausrichtung möglich zu machen, gab Caritas Zürich die SPI-Untersuchung in Auftrag. Sie wurde in zwei Etappen durchgeführt.

1. Erste Untersuchungsphase (Sommer 2001)

Die erste Datenerhebung war eine standardisierte Vollerhebung in allen Zürcher Pfarreien. Hauptamtliche Seelsorger/Seelsorgerinnen oder Sozialarbeiter/Sozialarbeiterinnen wurden gebeten, zu folgenden Bereichen Stellung zu nehmen:
Bewertung aktueller Angebote. Verschiedene Angebote aus den Bereichen 1. Pfarreiberatung, 2. Altersarbeit, 3. Freiwilligenarbeit und 4. Förderung sozialer Kompetenz wurden den Befragten zur Beurteilung vorgelegt. Bewusst ausgeklammert blieben Dienstleistungen mit unumstrittener Akzeptanz (z.B. Begleitung von Sozialarbeitern/Sozialarbeiterinnen in den Pfarreien).
Kundenerwartungen. Welche sozialen Probleme werden vor Ort als dringlich eingestuft? Welche Form der Bearbeitung wird gewünscht (Begleitung, Materialien, Projekte usw.)?
Angaben zu Personen und Pfarrei. Informationen zu den Befragten und ihren Pfarreien bilden den Kern einer künftigen Kundendatei. Diese ist integraler Bestandteil des Projektes.
Im September 2001 wurden 133 Fragebögen verschickt. 88 Fragebögen aus 75 der zirka hundert Pfarreien kamen bis Ende Oktober zurück. Die Haltung gegenüber den Angeboten von «Animation & Bildung» lässt sich folgendermassen zusammenfassen:

Alles in allem entsteht der Eindruck, dass die Kundschaft von «Animation & Bildung» konzentrischen Kreisen gleicht. Es gibt einen Kernbereich von treuen Kunden. Bei ihnen passen vorhandene Angebote und eigener Bedarf wie Schlüssel und Schloss. Dieser Kundenstamm lässt sich aber kaum erweitern. Daneben hat es partielle Kunden, die bestenfalls niederschwellige Produkte aufgreifen, und schliesslich Nicht-Interessierte, die mit sämtlichen Angeboten wenig oder gar nichts anfangen können.
Die Herausforderung für Pfarreianimatoren/Pfarreianimatorinnen besteht darin, aus Nicht-Nutzern ihrer Angebote partielle Nutzer und aus partiellen Nutzern regelmässige Kunden zu machen. Doch das ist leichter gesagt als getan. Was hemmt die Nachfrage nach an sich guten Angeboten?
Pfarreianimation ist häufig subsidiär angelegt. Sie leistet Hilfe da, wo diakonische Aktivitäten (noch) nicht etabliert sind. Diakonisch lebendige Gemeinden brauchen «Animation & Bildung» nicht (mehr). Lässt sich die begrenzte Resonanz auf die Angebote der Caritas-Abteilung also damit erklären, dass die einen Seelsorger/Seelsorgerinnen zu gut sind und externe Animation daher nicht nötig haben, während die anderen zu überlastet sind, um sich auf anspruchsvolle Projekte einzulassen? Liegt es daran, dass manche Pfarreien «noch nicht so weit» und andere eben «schon weiter» sind? Kann man nur bei jenen, die animatorische Angebote wünschen, von einer Sensibilität für diakonische Fragen ausgehen? Dass derartige Deutungen allein zu kurz greifen, zeigt sich an den Ergebnissen der zweiten Projektphase.

2. Zweite Untersuchungsphase (Anfang 2002)

Die zweite Untersuchungsphase fand in den Monaten Januar und Februar 2002 statt. Zwölf ausgewählte Teilnehmer/Teilnehmerinnen der ersten Befragung wurden noch einmal eigens zu einem Gespräch eingeladen. Sie konnten ihre Vorstellungen und die Realität ihrer Pfarrei ausführlich aus der eigenen Perspektive schildern, Erfahrungen mit und Erwartungen an Caritas Zürich darlegen. Es ging darum, herauszufinden,

Dabei zeigte sich:

Bei eingehender Analyse liessen sich drei Leitbilder von Diakonie<3> herausarbeiten, die über die Grenzen des Kantons Zürich hinaus das diakonische Handeln in den Gemeinden prägen:

1. Es gibt eine Gruppe von diakonisch aktiven Pfarreien, in denen sich viele Einzelpersonen und Gruppen engagieren. Voraussetzung dafür ist, dass Menschen die Pfarrei als Lebensraum wahrnehmen und ein Gefühl von Beheimatung entwickeln. Die Pfarrei muss dafür nicht geographisch-politisch «klein» oder «dörflich» sein, es kann auch im Rahmen eines Grossstadtquartiers spielen. Jedenfalls entsteht eine Form von Diakonie, die sehr nahe am Ideal der «lebendigen Pfarrei» liegt und einem reziproken Verständnis von Diakonie verpflichtet ist: Menschen wissen, wo sie helfen müssen, weil Schwierigkeiten und Not sichtbar sind; sie wissen, dass sie helfen müssen, weil sie selbst auch einmal auf die Unterstützung durch andere angewiesen sein können. Menschen tragen Sorge füreinander und benötigen dafür keine grossen institutionellen Voraussetzungen oder Leitbilder. Die Professionellen in diesen Pfarreien sind kaum an überpfarreilicher Gremienarbeit und Stellenvernetzung interessiert. Stellenprozente für Sozialarbeiter/Sozialarbeiterinnen oder Sozialdienste sind nicht erforderlich ­ bei kleineren Pfarreien finanziell auch gar nicht möglich.
2. Es gibt einen anderen Typ von Pfarreien, bei denen sich die diakonische Grundhaltung daran zeigt, dass man Stellen schafft und einen kirchlichen Sozialdienst einrichtet. Wo eine entsprechende finanzielle Ausstattung nicht gegeben ist, um qualifizierte Kräfte anzustellen, können sich unter Umständen auch Seelsorger/Seelsorgerinnen auf diakonische Fragen spezialisieren. Orientierungspunkt ist jedenfalls ein professionelles Diakonieverständnis. Diakonische Gruppen von Freiwilligen sind nicht erforderlich, besonders dann, wenn sie nicht effektiv arbeiten. Häufig werden gerade deshalb Schritte zur Professionalisierung eingeleitet, weil das bestehende freiwillige Engagement diffus ist und professionellen Standards nicht genügt. Werden diakonische Stellenprozente geschaffen, so hat dies den Effekt, dass das theologische Seelsorgepersonal weniger mit sozialen Problemen konfrontiert wird. Diakonie fällt aus der Zuständigkeit der übrigen Seelsorger/Seelsorgerinnen. Die professionellen Sozialarbeiter/Sozialarbeiterinnen können in Bereichen tätig sein, die von Freiwilligen gar nicht übernommen werden können (z.B. Einzelfallhilfe, Sozialberatung).
3. Ein dritter Typ von Pfarreien schliesslich delegiert diakonische Fragen und ihre Lösung nicht an Profis in der Pfarrei, sondern grundsätzlich an ausgewiesene Hilfswerke (z.B. Caritas, Pro Senectute). Seelsorger/Seelsorgerinnen nehmen Einsitz in Gremien mit dem Ziel, an der Entwicklung von Hilfe-Programmen und Projekten mitzuwirken. Die Erarbeitung eines Leitbildes bei der Errichtung eines neuen Stadtteils lässt sich in dieser Perspektive als diakonisches Engagement betrachten. Lobbyarbeit wird zum Dienst am Nächsten. Diakonie folgt hier einem generalisierten Verständnis: Programme entscheiden darüber, worum man sich kümmern will und worum nicht. Soziale Fragen werden an (kantonale) Spezialisten oder (ökumenisch getragene) Fachstellen weitergeleitet. Diakonisches Bewusstsein in den Pfarreien zeigt sich in erhöhter Spendenbereitschaft, ist doch Geld das universal einsetzbare Hilfe-Medium schlechthin.

3. Konsequenzen

Traditionell hat Pfarreianimation eine grosse Sympathie für «kleine Solidaritäten», für die spontane und unspektakuläre Sorge füreinander im sozialen Nahbereich. Unterschwellig schwingt die Einschätzung mit, dass nur dieser unmittelbare Dienst von Menschen an Menschen «eigentlich» christliche Diakonie ist. Wer ausgebildete Kräfte anstellt, steht im Ruf, freiwilliges Engagement zu untergraben; zu grosse Spendenbereitschaft trägt den Makel, sich vor sozialer Verantwortung drücken zu wollen. Die Auffassung, dass die Arbeit mit Freiwilligen im diakonischen Bereich das Nonplusultra sei, setzt jedoch Pfarreien und Animatoren/Animatorinnen unter erheblichen Druck. Oft sind die entsprechenden Voraussetzungen gar nicht gegeben.
Es ist es nicht sinnvoll, eine Gestalt von Diakonie als Idealform der Pfarreidiakonie zu propagieren und dafür andere als vermeintlich unchristlich abzuschreiben. Solange Pfarreianimation vor allem Gruppen von Freiwilligen im Blick hat, ist ihre Reichweite trotz bester Absicht und solider Arbeit auf einen bestimmten Pfarreityp begrenzt. Jene Pfarreien, die sich an anderen Zielvorstellungen orientieren, werden so nicht erreicht.
Gerade im Bereich von Diakonie und Pfarreianimation tut ein Perspektivenwechsel gut. Die Abteilung «Animation & Bildung» hat im Anschluss an die Pfarreibefragung sieben Leitlinien für die Zusammenarbeit mit Pfarreien erarbeitet.<4> Darin wird dafür plädiert, die unterschiedlichen Bedürfnisse von Pfarreien ernst zu nehmen und für die verschiedenen Realisationsformen von Diakonie entsprechende Angebote zu entwickeln. Nach den neuen Leitlinien soll jedem Pfarreityp jene Unterstützung zukommen, die das vorhandene diakonische Potential zu entfalten hilft, ohne Profis und Ehrenamtliche unter Druck zu setzen. Pfarreien jeden Diakonietyps können vollwertige Partner für Pfarreianimatoren/Pfarreianimatorinnen sein.

 

Thomas Englberger, Theologe und Soziologe, ist Projektleiter am Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut St. Gallen (SPI).


Anmerkungen

1 Namen und Orte sind anonymisiert.

2 Stephan Müller, Die Leistungen der Caritas Zürich. Eine kritische Leistungsbilanz anlässlich des 75. Jubiläums, Luzern 2001.

3 Die drei Typen von Pfarreidiakonie finden eine Entsprechung in den Überlegungen von Niklas Luhmann, Formen des Helfens im Wandel gesellschaftlicher Bedingungen, in: Soziologische Aufklärung 2, Opladen 21986, 134­149. Dort ist auch eine gesellschaftstheoretische Begründung geliefert. Die Begrifflichkeit ist zum Teil diesem Aufsatz entlehnt.

4 Caritas Zürich, Die Resultate der Pfarreiumfrage und die daraus folgende, künftige Ausrichtung der pfarreibezogenen Angebote der Caritas Zürich, Zürich 2002. Zu beziehen bei: Caritas Zürich, Abteilung Animation und Bildung, Postfach, 8035 Zürich.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002