49/2002 | |
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Pastoral |
«Manchmal kommt unter Pfarreiangehörigen das Gefühl
auf: Für die diakonischen Tätigkeiten sind doch die Hauptamtlichen
angestellt. Warum machen sie die Arbeit nicht selber?» (Pastoralassistentin
F. aus T.)<1>
«Grundsätzlich geht es im Geschäft der Diakonie darum, wegzukommen
von reinen ÐNächstenliebe-Veranstaltungenð und überlegtere
Formen von Helfen zu entwickeln.» (Pfarrer E. aus W.)
«Am meisten wird eine diakonische Praxis erleichtert durch eine lebendige
Pfarrei. Je mehr die Pfarrei lebt, umso mehr sind Pfarreiangehörige
auch bereit, sich zu engagieren.» (Sozialarbeiterin A. aus G.)
«Bei komplexen Problemen verweise ich weiter an Caritas oder andere
spezialisierte Institutionen und habe dabei nie irgendwelche Enttäuschungen
erlebt.» (Pastoralassistent T. aus O.)
Die Interviews, aus denen die Passagen stammen, wurden in katholischen
Pfarreien des Kantons Zürich durchgeführt. Offenbar gibt es unterschiedliche
Leitideen, an denen sich Diakonie orientieren kann. Die pastoralen Akteure
in den Pfarreien Seelsorger/Seelsorgerinnen, Pfarrer, Sozialarbeiter/Sozialarbeiterinnen
ziehen nicht alle am gleichen Strang. Die einen möchten möglichst
viele Freiwillige involvieren, die andern den Dienst am Nächsten professionalisieren.
Dies gilt nicht nur für den Kanton Zürich. Pfarreianimatoren/Pfarreianimatorinnen,
die in Pfarreien für diakonische Anliegen werben, sind häufig
durch ein heterogenes Feld unterschiedlicher Zielvorstellungen und widersprüchlicher
Erwartungen herausgefordert.
So lassen sich die Ergebnisse einer Untersuchung zusammenfassen, die vom
Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut St. Gallen (SPI) in enger
Zusammenarbeit mit Caritas Zürich durchgeführt wurde. Eine Leistungsbilanz
der Hochschule für Soziale Arbeit Luzern (HSA) anlässlich des
75-jährigen Bestehens der Caritas Zürich<2>
hatte zuvor ergeben, dass es nur zu einem verhältnismässig kleinen
Teil gelingt, Pfarreien durch Projekte und Bildungsveranstaltungen zu diakonischem
Handeln zu motivieren. Weshalb erreicht die Abteilung «Animation &
Bildung», die bei Caritas Zürich für den Bereich Pfarreianimation
zuständig ist, trotz sehr guter Arbeit nur einen Teil der Pfarreien?
Um die Hintergründe zu erhellen und eine konzeptionelle Neuausrichtung
möglich zu machen, gab Caritas Zürich die SPI-Untersuchung in
Auftrag. Sie wurde in zwei Etappen durchgeführt.
Die erste Datenerhebung war eine standardisierte Vollerhebung in allen
Zürcher Pfarreien. Hauptamtliche Seelsorger/Seelsorgerinnen oder Sozialarbeiter/Sozialarbeiterinnen
wurden gebeten, zu folgenden Bereichen Stellung zu nehmen:
Bewertung aktueller Angebote. Verschiedene Angebote aus den Bereichen 1.
Pfarreiberatung, 2. Altersarbeit, 3. Freiwilligenarbeit und 4. Förderung
sozialer Kompetenz wurden den Befragten zur Beurteilung vorgelegt. Bewusst
ausgeklammert blieben Dienstleistungen mit unumstrittener Akzeptanz (z.B.
Begleitung von Sozialarbeitern/Sozialarbeiterinnen in den Pfarreien).
Kundenerwartungen. Welche sozialen Probleme werden vor Ort als dringlich
eingestuft? Welche Form der Bearbeitung wird gewünscht (Begleitung,
Materialien, Projekte usw.)?
Angaben zu Personen und Pfarrei. Informationen zu den Befragten und ihren
Pfarreien bilden den Kern einer künftigen Kundendatei. Diese ist integraler
Bestandteil des Projektes.
Im September 2001 wurden 133 Fragebögen verschickt. 88 Fragebögen
aus 75 der zirka hundert Pfarreien kamen bis Ende Oktober zurück. Die
Haltung gegenüber den Angeboten von «Animation & Bildung»
lässt sich folgendermassen zusammenfassen:
Alles in allem entsteht der Eindruck, dass die Kundschaft von «Animation
& Bildung» konzentrischen Kreisen gleicht. Es gibt einen Kernbereich
von treuen Kunden. Bei ihnen passen vorhandene Angebote und eigener Bedarf
wie Schlüssel und Schloss. Dieser Kundenstamm lässt sich aber
kaum erweitern. Daneben hat es partielle Kunden, die bestenfalls niederschwellige
Produkte aufgreifen, und schliesslich Nicht-Interessierte, die mit sämtlichen
Angeboten wenig oder gar nichts anfangen können.
Die Herausforderung für Pfarreianimatoren/Pfarreianimatorinnen besteht
darin, aus Nicht-Nutzern ihrer Angebote partielle Nutzer und aus partiellen
Nutzern regelmässige Kunden zu machen. Doch das ist leichter gesagt
als getan. Was hemmt die Nachfrage nach an sich guten Angeboten?
Pfarreianimation ist häufig subsidiär angelegt. Sie leistet Hilfe
da, wo diakonische Aktivitäten (noch) nicht etabliert sind. Diakonisch
lebendige Gemeinden brauchen «Animation & Bildung» nicht
(mehr). Lässt sich die begrenzte Resonanz auf die Angebote der Caritas-Abteilung
also damit erklären, dass die einen Seelsorger/Seelsorgerinnen zu gut
sind und externe Animation daher nicht nötig haben, während die
anderen zu überlastet sind, um sich auf anspruchsvolle Projekte einzulassen?
Liegt es daran, dass manche Pfarreien «noch nicht so weit» und
andere eben «schon weiter» sind? Kann man nur bei jenen, die
animatorische Angebote wünschen, von einer Sensibilität für
diakonische Fragen ausgehen? Dass derartige Deutungen allein zu kurz greifen,
zeigt sich an den Ergebnissen der zweiten Projektphase.
Die zweite Untersuchungsphase fand in den Monaten Januar und Februar 2002 statt. Zwölf ausgewählte Teilnehmer/Teilnehmerinnen der ersten Befragung wurden noch einmal eigens zu einem Gespräch eingeladen. Sie konnten ihre Vorstellungen und die Realität ihrer Pfarrei ausführlich aus der eigenen Perspektive schildern, Erfahrungen mit und Erwartungen an Caritas Zürich darlegen. Es ging darum, herauszufinden,
Dabei zeigte sich:
Bei eingehender Analyse liessen sich drei Leitbilder von Diakonie<3> herausarbeiten, die über die Grenzen des Kantons Zürich hinaus das diakonische Handeln in den Gemeinden prägen:
1. Es gibt eine Gruppe von diakonisch aktiven Pfarreien, in denen sich
viele Einzelpersonen und Gruppen engagieren. Voraussetzung dafür ist,
dass Menschen die Pfarrei als Lebensraum wahrnehmen und ein Gefühl
von Beheimatung entwickeln. Die Pfarrei muss dafür nicht geographisch-politisch
«klein» oder «dörflich» sein, es kann auch
im Rahmen eines Grossstadtquartiers spielen. Jedenfalls entsteht eine Form
von Diakonie, die sehr nahe am Ideal der «lebendigen Pfarrei»
liegt und einem reziproken Verständnis von Diakonie verpflichtet ist:
Menschen wissen, wo sie helfen müssen, weil Schwierigkeiten und Not
sichtbar sind; sie wissen, dass sie helfen müssen, weil sie selbst
auch einmal auf die Unterstützung durch andere angewiesen sein können.
Menschen tragen Sorge füreinander und benötigen dafür keine
grossen institutionellen Voraussetzungen oder Leitbilder. Die Professionellen
in diesen Pfarreien sind kaum an überpfarreilicher Gremienarbeit und
Stellenvernetzung interessiert. Stellenprozente für Sozialarbeiter/Sozialarbeiterinnen
oder Sozialdienste sind nicht erforderlich bei kleineren Pfarreien
finanziell auch gar nicht möglich.
2. Es gibt einen anderen Typ von Pfarreien, bei denen sich die diakonische
Grundhaltung daran zeigt, dass man Stellen schafft und einen kirchlichen
Sozialdienst einrichtet. Wo eine entsprechende finanzielle Ausstattung nicht
gegeben ist, um qualifizierte Kräfte anzustellen, können sich
unter Umständen auch Seelsorger/Seelsorgerinnen auf diakonische Fragen
spezialisieren. Orientierungspunkt ist jedenfalls ein professionelles Diakonieverständnis.
Diakonische Gruppen von Freiwilligen sind nicht erforderlich, besonders
dann, wenn sie nicht effektiv arbeiten. Häufig werden gerade deshalb
Schritte zur Professionalisierung eingeleitet, weil das bestehende freiwillige
Engagement diffus ist und professionellen Standards nicht genügt. Werden
diakonische Stellenprozente geschaffen, so hat dies den Effekt, dass das
theologische Seelsorgepersonal weniger mit sozialen Problemen konfrontiert
wird. Diakonie fällt aus der Zuständigkeit der übrigen Seelsorger/Seelsorgerinnen.
Die professionellen Sozialarbeiter/Sozialarbeiterinnen können in Bereichen
tätig sein, die von Freiwilligen gar nicht übernommen werden können
(z.B. Einzelfallhilfe, Sozialberatung).
3. Ein dritter Typ von Pfarreien schliesslich delegiert diakonische Fragen
und ihre Lösung nicht an Profis in der Pfarrei, sondern grundsätzlich
an ausgewiesene Hilfswerke (z.B. Caritas, Pro Senectute). Seelsorger/Seelsorgerinnen
nehmen Einsitz in Gremien mit dem Ziel, an der Entwicklung von Hilfe-Programmen
und Projekten mitzuwirken. Die Erarbeitung eines Leitbildes bei der Errichtung
eines neuen Stadtteils lässt sich in dieser Perspektive als diakonisches
Engagement betrachten. Lobbyarbeit wird zum Dienst am Nächsten. Diakonie
folgt hier einem generalisierten Verständnis: Programme entscheiden
darüber, worum man sich kümmern will und worum nicht. Soziale
Fragen werden an (kantonale) Spezialisten oder (ökumenisch getragene)
Fachstellen weitergeleitet. Diakonisches Bewusstsein in den Pfarreien zeigt
sich in erhöhter Spendenbereitschaft, ist doch Geld das universal einsetzbare
Hilfe-Medium schlechthin.
Traditionell hat Pfarreianimation eine grosse Sympathie für «kleine
Solidaritäten», für die spontane und unspektakuläre
Sorge füreinander im sozialen Nahbereich. Unterschwellig schwingt die
Einschätzung mit, dass nur dieser unmittelbare Dienst von Menschen
an Menschen «eigentlich» christliche Diakonie ist. Wer ausgebildete
Kräfte anstellt, steht im Ruf, freiwilliges Engagement zu untergraben;
zu grosse Spendenbereitschaft trägt den Makel, sich vor sozialer Verantwortung
drücken zu wollen. Die Auffassung, dass die Arbeit mit Freiwilligen
im diakonischen Bereich das Nonplusultra sei, setzt jedoch Pfarreien und
Animatoren/Animatorinnen unter erheblichen Druck. Oft sind die entsprechenden
Voraussetzungen gar nicht gegeben.
Es ist es nicht sinnvoll, eine Gestalt von Diakonie als Idealform der Pfarreidiakonie
zu propagieren und dafür andere als vermeintlich unchristlich abzuschreiben.
Solange Pfarreianimation vor allem Gruppen von Freiwilligen im Blick hat,
ist ihre Reichweite trotz bester Absicht und solider Arbeit auf einen bestimmten
Pfarreityp begrenzt. Jene Pfarreien, die sich an anderen Zielvorstellungen
orientieren, werden so nicht erreicht.
Gerade im Bereich von Diakonie und Pfarreianimation tut ein Perspektivenwechsel
gut. Die Abteilung «Animation & Bildung» hat im Anschluss
an die Pfarreibefragung sieben Leitlinien für die Zusammenarbeit mit
Pfarreien erarbeitet.<4> Darin wird dafür
plädiert, die unterschiedlichen Bedürfnisse von Pfarreien ernst
zu nehmen und für die verschiedenen Realisationsformen von Diakonie
entsprechende Angebote zu entwickeln. Nach den neuen Leitlinien soll jedem
Pfarreityp jene Unterstützung zukommen, die das vorhandene diakonische
Potential zu entfalten hilft, ohne Profis und Ehrenamtliche unter Druck
zu setzen. Pfarreien jeden Diakonietyps können vollwertige Partner
für Pfarreianimatoren/Pfarreianimatorinnen sein.
Thomas Englberger, Theologe und Soziologe, ist Projektleiter am Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut St. Gallen (SPI).
1 Namen und Orte sind anonymisiert.
2 Stephan Müller, Die Leistungen der Caritas Zürich. Eine kritische Leistungsbilanz anlässlich des 75. Jubiläums, Luzern 2001.
3 Die drei Typen von Pfarreidiakonie finden eine Entsprechung in den Überlegungen von Niklas Luhmann, Formen des Helfens im Wandel gesellschaftlicher Bedingungen, in: Soziologische Aufklärung 2, Opladen 21986, 134149. Dort ist auch eine gesellschaftstheoretische Begründung geliefert. Die Begrifflichkeit ist zum Teil diesem Aufsatz entlehnt.
4 Caritas Zürich, Die Resultate der Pfarreiumfrage und die daraus folgende, künftige Ausrichtung der pfarreibezogenen Angebote der Caritas Zürich, Zürich 2002. Zu beziehen bei: Caritas Zürich, Abteilung Animation und Bildung, Postfach, 8035 Zürich.