42/2002

INHALT

Pastoral

Logotherapie und Seelsorge

von Giosch Albrecht

 

In früheren Zeiten wurde die Frage nach dem «Wozu?», die Frage nach dem Sinn unseres Daseins auf dieser Erde den Schülern als erste Frage im Katechismus präsentiert. Bedenken wir Aussagen von Philosophen und Wissenschaftlern ausserhalb des kirchlichen Bereiches zur Frage «Wozu?», müssten wir die Weisheit jenes kirchlichen Anliegens bewundern, die schon in der Positionierung dieser Frage zum Ausdruck kommt. Der Nobelpreisträger für Physik, Albert Einstein (1879­1955), war zum Beispiel der Überzeugung: «Wer sein Leben als sinnlos empfindet, der ist nicht nur unglücklich, sondern auch kaum überlebensfähig.» Vom Arzt und Psychotherapeuten Carl Gustav Jung (1875­961) stammt der Satz: «Sinn macht vieles, vielleicht alles ertragbar», und der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844­1900) verkündigte: «Wer ein ÐWarumð zu leben hat, erträgt fast jedes ÐWieð.»
Moderne pädagogische Ansichten und Methoden haben die Aussagen jener Denker etwas übersehen und der Frage im letzten Jahrhundert über Jahrzehnte keine Priorität mehr gegeben oder sie dann anders verpackt angeboten. Wissenschaftliche Disziplinen, die nicht zum religionspädagogischen Bereich gehören, verwiesen nun aber mit empirischen Studien auf die Bedeutung der Frage nach dem Sinn im Dienste von seelischer Gesundung und Stabilität. Peter Beckers Arbeiten zeigen, dass die logotherapeutische These «von der Bedeutung der Sinnfindung als vorzügliches Kriterium seelischer Gesundheit» wissenschaftlich validiert werden konnte.<1>
Der sinnorientierte Mensch ist offen für die Probleme der Welt. Er ist nicht in erster Linie besorgt nur um sich selbst, sondern auch um das Leben derjenigen, die ihm gegenwärtig und künftighin anvertraut sind. Wenn die Sorge um die seelische Stabilität auch nicht primäres Ziel eines religionspädagogischen Bemühens sein mag, so dürfte den von Becker und anderen Autoren nachgewiesenen Zusammenhängen zwischen Sinnfindung und seelischer Gesundheit auch in der Religionspädagogik mehr Beachtung geschenkt werden. Religionspädagogik und Psychotherapie, ärztliche und priesterliche Seelsorge können nachweislich in ihren Nebenwirkungen einander ergänzen und unterstützen.

1. Ärztliche und priesterliche Seelsorge

Viktor E. Frankl (1905­1997), der Wiener Arzt und Psychotherapeut, Begründer der Logotherapie, die eine sinnzentrierte Psychotherapie genannt wird, legte Wert darauf, dass der Unterschied zwischen der ärztlichen und der priesterlichen Seelsorge (letztere meint nicht nur die Tätigkeit des geweihten Priesters oder ordinierten Pfarrers, sondern eines jeden, der in der Sorge für die Menschenseele tätig ist) gesehen und beachtet werde. Sie unterscheiden sich deutlich durch ihre intendierte Zielsetzung. Die ärztliche Seelsorge peilt nichts anderes als «seelische Heilung», die priesterliche nichts anderes als das «Seelenheil» an. Frankl verstand seine ärztliche Seelsorge nicht im Sinne der Psychoanalyse, die eine Art «weltliche Beichte» sein wollte. «Ärztliche Seelsorge soll kein Ersatz für Religion sein... Dem religiösen Menschen, der sich im Metaphysischen geborgen weiss, haben wir nichts zu sagen, hätten wir nichts zu geben... Auch in der Logotherapie oder Existenzanalyse sind wir noch Ärzte und wollen es bleiben. Wir denken nicht daran, die Priester zu konkurrenzieren.»<2> So will ärztliche Seelsorge selbstverständlich kein Ersatz der eigentlichen Seelsorge sein, welche ist und bleibt die priesterliche Seelsorge. Man könne es aber nicht ändern, dass Menschen in ihrer Lebensnot gar oft nicht den Seelsorger, sondern den lebenserfahrenen Berater im Arzt aufsuchen, hielt der Psychiater Hans Jörg Weitbrecht bereits vor einigen Jahrzehnten schon fest. Der Arzt und Neurologe Freiherr von Gebsattel sprach in diesem Rahmen von der «Abwanderung der abendländischen Menschheit vom Seelsorger zum Nervenarzt». Dies sei ein Tatbestand, dem sich auch der Seelsorger nicht länger verschliessen und eine Aufforderung, der sich der Nervenarzt nicht versagen dürfe.
Religion ist ein Phänomen am Menschen, am Patienten, ein Phänomen unter anderen Phänomenen, denen die Psychotherapie (Logotherapie) begegnet. Carl Gustav Jung machte dies in seinem Buch «Psychologie und Religion» deutlich: «Ich möchte folgende Tatsachen zum Bedenken geben: Seit 30 Jahren habe ich eine Klientel aus allen Kulturländern der Erde. Viele Hunderte von Patienten sind durch meine Hände gegangen; es waren in der Grosszahl Protestanten, in der Minderzahl Juden und nicht mehr als fünf bis sechs praktizierende Katholiken. Unter allen meinen Patienten jenseits der Lebensmitte, das heisst jenseits 35, ist nicht ein Einziger, dessen endgültiges Problem nicht das der religiösen Einstellung wäre. Ja, jeder krankt in letzter Linie daran, dass er das verloren hat, was lebendige Religionen ihren Gläubigen zu allen Zeiten gegeben haben, und keiner ist wirklich geheilt, der seine religiöse Einstellung nicht wieder erreicht, was mit Konfession oder Zugehörigkeit zu einer Kirche natürlich nichts zu tun hat.»<3>
Für die Logotherapie ist und kann Religion aber nur Gegenstand und kein Standort sein, und sie muss in strenger Abgrenzung zur Theologie gesehen werden. Folglich muss sie anwendbar sein auf jeden Kranken, mag er gläubig oder ungläubig sein, und anwendbar bleiben durch jeden Arzt und Psychotherapeuten, ungeachtet dessen persönlicher Weltanschauung. Primär und ursprünglich liegt dem Seelsorger ein psychohygienisches und dem Psychotherapeuten ein religiöses Motiv fern. «Mag die Religion ihrer primären Intention nach auch noch so wenig um so etwas wie seelische Gesundung oder Krankheitsverhütung bemüht und bekümmert sein, so ist es doch so, dass sie per effectum (als Nebenwirkung) ­ und nicht per intentionem (direkt beabsichtigt) ­ psychohygienisch, ja psychotherapeutisch wirksam wird, indem sie dem Menschen eine Geborgenheit und eine Verankerung sondergleichen ermöglicht, die er nirgendwo anders fände, die Geborgenheit und die Verankerung in der Transzendenz, im Absoluten.
Nun, einen analogen, unbeabsichtigten Nebeneffekt können wir aufseiten der Psychotherapie verzeichnen, insofern nämlich, als wir in vereinzelten, beglückenden, begnadeten Fällen sehen, wie der Patient im Laufe der Psychotherapie zurückfindet zu längst verschüttet gewesenen Quellen einer ursprünglichen, unbewussten, verdrängten Gläubigkeit. Aber wann immer solche zustande kommt, hätte es niemals in der legitimen Absicht des Arztes gelegen sein können, es sei denn, dass sich der Arzt mit seinem Patienten auf demselben konfessionellen Boden trifft und dann aus einer Art Personalunion heraus handelt ­ dann aber hat er ja von vornherein seinen Patienten gar nicht als Arzt behandelt.»<4>
Die Ziele der Psychotherapie und der Religion stehen nach Viktor Frankl nicht auf derselben Seinsebene und haben nicht die gleiche Werthöhe. Die Ranghöhe seelischer Gesundheit sei eine andere als die des Seelenheils. «Die Dimension, in die der religiöse Mensch vorstösst, ist also eine höhere, will heissen umfassendere als die Dimension, in der sich so etwas wie die Psychotherapie abspielt. Der Durchbruch in die höhere Dimension geschieht aber nicht in einem Wissen, sondern im Glauben.»<5>

2. Logotherapie und Existenzanalyse in ihrer Bedeutung für die Seelsorger

Für Sigmund Freud gehörte das religiöse Phänomen zu den Menschheitsneurosen. Auch hielt er bereits das Fragen nach dem «Wozu?», nach dem Sinn, als etwas Krankhaftes. So schrieb er an die Frau Marie Bonaparte: «Im Moment, da man nach Sinn und Wert des Lebens fragt, ist man krank...»<6> C. G. Jung, der Schüler Freuds, skizzierte in einer Schilderung seiner Beziehung zu ihm Freuds neue Religiosität: «Ich erinnere mich noch lebhaft, wie Freud zu mir sagte: ÐMein lieber Jung, versprechen Sie mir, nie die Sexualtheorie aufzugeben. Das ist das Allerwesentlichste. Sehen Sie, wir müssen daraus ein Dogma machen, ein unerschütterliches Bollwerk.ð Das sagte er zu mir voll Leidenschaft und in einem Ton, als sagte ein Vater: ÐUnd versprich mir eines, mein lieber Sohn: geh jeden Sonntag in die Kirche!ð Etwas erstaunt fragte ich ihn: ÐEin Bollwerk ­ wogegen?ð Worauf er antwortete: ÐGegen die schwarze Schlammflutð ­ hier zögerte er einen Moment, um beizufügen: Ðdes Okkultismus.ð Zunächst war es das ÐBollwerkð und das ÐDogmað, was mich erschreckte; denn ein Dogma, das heisst ein indiskutables Bekenntnis, stellt man ja nur dort auf, wo man Zweifel ein für alle Mal unterdrücken will. Das hat aber mit wissenschaftlichem Urteil nichts mehr zu tun, sondern nur noch mit persönlichem Machttrieb. Es war ein Stoss, der ins Lebensmark unserer Freundschaft traf.»<7> Okkultismus war nach Jung für Freud genau all das, was Philosophie und Religion über die Seele auszusagen wussten und für Jung genau so «okkult», das heisst unbewiesen wie andere spekulative Auffassungen seiner Zeit. «Eines war mir klar, schrieb Jung: Freud, der stets mit Nachdruck auf seine Irreligiosität hinwies, hatte sich ein Dogma zurechtgelegt, oder vielmehr, anstelle eines ihm verloren gegangenen, eifersüchtigen Gottes hatte sich ein anderes zwingendes Bild, nämlich das der Sexualität, unterschoben; ein Bild, das nicht weniger drängend, anspruchsvoll, gebieterisch, bedrohlich und moralisch ambivalent war... so hatte die Ðsexuelle Libidoð bei ihm die Rolle eines deus absconditus, eines verborgenen Gottes angenommen.»<8>
Die Religiosität wurde nach Freud als Möglichkeit zur Überwindung von Angst und Sterblichkeit begründet und war daher im rein seelischen Bereich des Menschen verankert. Für die Logotherapie ist das Religiöse am Menschen ein Phänomen, ein Objekt ihrer Behandlung. Die Begründung dieser Religiosität liegt aber nach dem Menschenbild der Logotherapie im Geistigsein des Menschen verankert. In der Auseinandersetzung mit Sigmund Freud, Alfred Adler, der Frankls Lehrer war, und mit zahlreichen Philosophen und Persönlichkeiten seiner Zeit erkannte Frankl, dass dem in Schule und Wissenschaft präsentierten Menschenbild gerade das eigentlich Menschliche fehle, eben das, was ihn unterscheidet von den Pflanzen und Tieren. Der Philosoph Max Scheler hat ihn bei der Suche des eigentlich Humanen entscheidend beeinflusst. Vom spätmittelalterlichen Reformator der Medizin, Paracelsus (1493­1541), stammt die Aussage: «Nur die Höhe des Menschen ist der Mensch.» Dieses «Nur» ersetzt Frankl auf seiner Suche nach dem ganzheitlichen Menschenbild mit einem «Erst». Erst im Raum des Leiblich-Seelisch-Geistigen als dem Raum des Menschlichen scheint so etwas wie Menschsein allererst auf. «Also nicht nur in der Ðdritten Dimensionð, der des Geistigen, sondern erst in der Dreidimensionalität von Leib, Seele, Geist: Erst in dieser Drei-Einheit ist der Homo humanus daheim, ist seine Humanitas zu Hause.»<9> Als geistiges Wesen ist der Mensch grundsätzlich frei und fähig, Stellung zu nehmen zu seinem Leben, zu seinem Schicksal, zu seinen Krankheiten, zu seiner Erziehung, zu seinem Erbe, zu seinen Trieben, zu seinem Glück usw. Er ist «grundsätzlich» und nicht unter allen Umständen dazu fähig, denn diese Fähigkeit kann gelegentlich blockiert und behindert sein durch körperliche und seelische Faktoren. Er ist das Wesen, das stets danach fragt, welchen Sinn sein Leben, sein Handeln und was in der Welt geschieht wohl hat. Frankl kam zur Einsicht, dass das Leben einen unbedingten Sinn hat und dass der Glaube an diesen unbedingten Sinn überlebenswichtig ist.

«Der unbedingte Sinn»

In der unmenschlichen Umgebung von vier Konzentrationslagern, die er nach drei Jahren überlebte, hatte er die Gelegenheit bekommen, diese seine Ansicht zu überprüfen. Und Frankl kam zum Schluss: «In der Tat, der Mensch kann nur überleben, wenn er auf etwas hin lebt. Und wie mir scheint, gilt dies nicht etwa nur vom Überleben des einzelnen Menschen, sondern auch vom Überleben der Menschheit.»<10> Der unbedingte Sinn liegt aber nicht einfach offenkundig da. Gelegentlich fällt er wie ein Blitz aus heiterem Himmel in mein Leben ein, oder dann offenbart er sich erst allmählich, wie das Bild eines Filmes, das in der Entwicklerflüssigkeit aufscheint. Der Sinn liegt objektiv in der Welt verborgen. Jeder ist eingeladen, ihn zu suchen. Auf dieser Suche nach Sinn wird der Mensch von seinem Gewissen geleitet, das in der Logotherapie als Sinn-Organ bezeichnet wird. «Es liesse sich definieren als die Fähigkeit, Sinngestalten in konkreten Lebenssituationen zu perzipieren.»<11>
Das Gewissen, das aber vielen Einflüssen ausgesetzt ist, kann, dies ist auch logotherapeutische Lehre, verzerrt werden und uns so irreführen. Daher wird sofort klar, wie wichtig die Gewissensbildung und das ständige Überprüfen des eigenen Gewissens sein muss. «Wir leben im Zeitalter eines um sich greifenden Sinnlosigkeitsgefühls. In diesem unserem Zeitalter muss es sich die Erziehung angelegen sein lassen, nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern auch das Gewissen zu verfeinern, sodass der Mensch hellhörig genug ist, um die jeder einzelnen Situation innewohnende Forderung herauszuhören. In einem Zeitalter, in dem die zehn Gebote für so viele ihre Geltung zu verlieren scheinen, muss der Mensch instandgesetzt werden, die 10000 Gebote zu vernehmen, die in den 10000 Situationen verschlüsselt sind, mit denen ihn sein Leben konfrontiert. Dann wird ihm nicht nur eben dieses Leben wieder sinnvoll erscheinen, sondern er selbst wird dann auch immunisiert sein gegenüber Konformismus und Totalitarismus ­ diesen beiden Folgeerscheinungen des existentiellen Vakuums; denn ein waches Gewissen allein macht ihn Ðwiderstandsð-fähig...»<12> Nach Frankl gibt es also nicht einfach den einen Lebenssinn für alle Menschen. Sinn ist immer personen- und situationsbezogen. Der Lebenssinn setzt sich wie ein Film aus Tausenden und Abertausenden von Bildern zusammen. Welchen Sinn unser Leben dann schlussendlich hatte, können wir erst am Schluss dieses Lebens entdecken, wenn wir unseren Lebensfilm nochmals abrollen lassen.
Jeder von uns ist ungefragt ins Leben gestellt worden. Folglich, so Frankl, ist es das Leben, das uns die Fragen stellt. Wir haben zu antworten, unser Leben zu verantworten. Existenzanalyse spielt sich nicht in einer horizontalen, sondern in der vertikalen Lebenslinie ab und meint Analyse des Prozesses eines Emporsteigens des Menschen aus seinem Psychophysikum (Leib und Psyche) in seinen Raum des Geistigen. Bewusst gemacht und analysiert wird unser Leben auf seine Sinnzentriertheit hin, auf sein Freisein nicht nur «von», sondern auch «zu» etwas, auf unsere Entscheidungs- und Verantwortungsfähigkeit hin. Zwei der wichtigsten Fähigkeiten eines geistigen Wesens, die wir dabei entdecken, ist die menschliche Fähigkeit der Selbstdistanzierung und der Selbsttranszendenz. In der letzteren liegt auch die menschliche Fähigkeit zur Religiosität begründet. Dank seiner Geistigkeit ist der Mensch auch fähig, über seine Grenzen in andere Räume, eben Räume der Transzendenz, der Hoffnung, der Geborgenheit, in die Nähe Gottes zu gelangen.

3. Bemerkenswertes über den Menschen auf den ersten Seiten der Bibel

Frankl kannte als gläubiger Jude wohl die Bibel. Wenn sein ganzheitliches Menschenbild auch eher in der Auseinandersetzung mit den grossen Denkern und Wissenschaftlern seiner Zeit formuliert worden ist, so lassen sich Parallelen mit jenem Bild der Bibel erkennen, die in unserer so desorientierten Zeit unbedingt in der religionspädagogischen Praxis mehr Beachtung verdienen. Junge Menschen einer Wohlstandsgesellschaft, die nie irgendwie unter Hunger, unter Mangel an materiellen Gütern zu leiden hatten, aber alle Erfahrungen in dieser so «sinnlosen Welt» als sinnlos empfanden, stellten in der Therapiesitzung unverblümt fest: «Es kotzt mich alles an!»
Es sei mir erlaubt, hier eher thesenhaft einige Hinweise auf das Menschenbild, das in den ersten Kapiteln der Bibel präsentiert wird, zu geben. Es scheinen mir fast archetypische Weisheiten darin zu stecken, die über die Grenzen der jüdisch-christlichen Kultur für die phänomenologische Erfassung des Menschen beachtenswert sein dürften. Sie berichten von einer Rückbindung des Menschen zum eigenen Ursprung, deren Verlust krank macht, wie C. G. Jung aus seiner Erfahrung belegte. Die tiefsinnigen Aussagen enthalten auch vom psychologischen Standpunkt Bedeutungsvolles für die Praxis:

a) Der Mensch wird am Ende einer Entwicklungsreihe gesehen. Ohne irgendwelche wissenschaftliche Ambitionen spricht schon die Bibel von einer Art Evolution.
b) Nichts, was wurde und wird, wurde und wird aus sich selbst. So hat sich bis heute kein Mensch aus eigener Kraft ins Leben gestellt. Ungefragt finden wir uns vor.
c) Der Mensch wird nicht in eine Wüste hineingestellt, sondern in eine Umgebung voller Möglichkeiten, in einen Garten, in dem es Gründe gibt, um glücklich zu sein. Seither wird eine solche Umgebung «Paradies» und die Glücksgefühle darin «paradiesisch» genannt.
d) Das Leben und alles, was dazu gehört, ist den Menschen als Gabe gegeben. Sie sollen es geniessen, von allen Früchten der Bäume im Garten dürfen sie essen.
e) Gefordert ist nur, die Grenzen des eigenen Geschaffenseins und Menschseins zu respektieren. Am «Baum in der Mitte» soll sich des Menschen Leben entscheiden. In der Annahme der eigenen menschlichen Begrenzung erst kann Glück gefunden werden. So soll der Mensch sich daher hüten, selbst Mitte sein zu wollen. Diese egoistische Zentrierung würde sonst sich und alles rundherum ins Verderben führen. In der Ausrichtung auf eine Mitte, die nicht mehr er selbst ist, wird ihm erst die Möglichkeit geschenkt, sich selbst zu werden. Die Ausrichtung eines gesunden Menschen besteht also darin, etwas wahrzunehmen, das nicht mehr er selbst ist. Um mit Martin Buber zu reden: «Der Mensch wird am Du zum Ich.»<13> Und Frankl verglich diesen Wesenszug des Menschen mit seinen Augen, die in ihrem Wesen selbsttranszendental seien. Das Auge, das sich selbst sehe, sei nämlich krank. Beim grauen oder grünen Star sieht das Auge einiges von sich selbst. So sei es auch wesenhaft beim Menschen. Der kranke und neurotische Mensch ist fixiert auf sich selbst. Orientierung nach dem, was Sinn macht, oder auch Übersinn ist, nach dem, was draussen in der Welt auf ihn wartet, lässt den Menschen seinen Eigenwert erleben und schenkt ihm innere und äussere Harmonie, Harmonie mit sich selbst und mit seiner Umwelt.
f) Weiter macht der Text deutlich: Leben ist nicht nur Gabe, sondern auch Aufgabe. Es beinhaltet eine Möglichkeit, sogar über das eigene Leben und den eigenen Tod zu bestimmen. Diese Freiheit, eine fast göttliche Möglichkeit, ist dem Menschen gegeben. Er steht daher ausserhalb des Raumes des nur Faktischen, er kann gestalterisch eingreifen, vielfach über sein Leben und den Grund seines Glückes bestimmen. Aufgegeben wurde ihm, seinen Garten zu bebauen und zu pflegen. Der Baum in der Mitte steht als konkretisierte Anfrage da, die das Leben jedem stellt. Der Mensch hat die Fähigkeit, zu antworten, seine Entscheidungen zu verantworten.
g) So ist der Mensch ein Angefragter, einer, der in Freiheit antworten soll. Die Konsequenzen, die aus seinem Antworten resultieren, sind klar definiert. Jener, der sich am Baum in der Mitte vergreift, verdirbt, stirbt in seinem Menschsein. Obwohl der Mensch die Konsequenzen kennt, bleibt die Versuchung gross, sich an der Mitte, an diesem lebenserhaltenden Bezug zu vergreifen, ein anderer sein zu wollen, als er in Wirklichkeit ist. Die Selbst-Annahme stellt immer wieder ein psychologisches und psychotherapeutisches Problem dar.
h) Der Mensch vertreibt sich selbst aus dem ihm geschenkten Paradies, indem er seine gegebenen Grenzen, sich selbst, leugnet. Der Selbstverlust oder die Entwurzelung des Menschen, von denen in psychologischen Reflexionen so oft zu hören ist, dürften im Sinne C. G. Jungs vielleicht sogar hier ihre Wurzeln haben. «Da gingen den beiden die Augen auf, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren; und sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurzen» (Gen 3,7). So ist in der Bibel über die Menschen zu lesen. Etwas hilflos versuchen sie mit allerlei «therapeutischen Feigenblättern» einen Schutz, einen Selbstschutz zu basteln. Die Gefühle von Zufriedenheit und Geborgenheit sind verloren. Die Angst überfällt sie, und sie müssen sich vor sich selbst und vor anderen verstecken. Es wird kühler im Paradies. «Als sie nun hörten, wie Gott, der Herr in der Abendkühle im Garten wandelte, verbarg sich der Mensch mit seinem Weibe vor dem Angesichte Gottes unter den Bäumen im Garten» (Gen 3,8). Vielleicht müssten wir sagen: er verbarg sich im selbst verursachten Dschungel und Wirrwarr seines Lebens. Und doch liegt in der Beschreibung gerade dieses menschlichen Zustandes ein grosser Trost: Der Mensch wird nicht aufgegeben. Der Schöpfer allen Lebens bleibt auf der Suche nach dem Menschen und ruft: «Adam, Mensch, wo bist du?» Das menschliche Leben behält seinen Anruf- und Appellcharakter, und der Mensch bleibt ein Angerufener.
i) Die Krise wird zur Herausforderung. Dies ist die Erkenntnis, die aus den Erfahrungen des Lebens hervorgeht. Das Erkennen seiner eigenen Fehlentscheidung, statt nach billigen Entschuldigungen und Alibis zu suchen, bietet dem Menschen eine neue Chance. Frankls feste Überzeugung war, wer den Menschen billig entschuldige, entwürdige ihn auch; denn im Gegensatz zum Tier können Menschen als geistige Wesen schuldig werden. Erst wenn er sich dessen bewusst wird, beginnt er nicht nur intellektuell, sondern auch gefühlsmässig, also ganzheitlich zu entdecken, was für ihn Gut und Böse ist und in welchen Wertverwirklichungsmöglichkeiten Sinn zu finden und eine Wiedergutmachung möglich ist.

4. Wozu sind wir auf Erden?

Die Antwort des Katechismus lautete: «Um Gott zu erkennen, ihn zu lieben, ihm zu dienen und dadurch in den Himmel zu kommen.» Als Kinder haben wir diese Antwort auswendig gelernt und aufgesagt, ohne viel darüber nachzudenken, was sie alles beinhalte. «Gott erkennen» will wohl auch heissen anerkennen, dass er die Mitte allen Seins ist, auf die wir Menschen als religiöse Wesen ­ wie das Wort Re-ligion schon zum Ausdruck bringen will ­ uns rück-besinnen, rück-beziehen und rück-binden. Da Menschen mehr da sind, wo sie lieben, als da, wo sie leben, bedeutet «ihn lieben» ganz bei ihm sein, in ihm leben. «Ihm dienen» bedeutet mehr als nur frommes Gerede.
Die Gottesliebe wird in der Nächstenliebe konkret, denn die Liebe ist aus Gott. «Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt... Gott hat kein Mensch je gesehen. Wenn wir einander lieben, dann bleibt Gott in uns...» (1 Joh 4,8ff.). In der Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen kommt etwas Selbsttranszendentales, das meinen Selbstwert erleben und verantwortungsbewusst verändernd auf die Umwelt einwirken lässt, zum Ausdruck. «Dadurch in den Himmel kommen» ist dann nicht irgendeine weit zurückliegende Wirklichkeit, sondern eine Erfahrung, die schon unterwegs in diesem Leben gemacht werden kann. Es ist jene Erfahrung, die uns, wissend um unsere Verantwortung, ständig motiviert, unseren Lebensauftrag zu erfüllen.

Die Logotherapie spricht von der «Hingabe an eine Aufgabe oder an eine zu liebende Person», die den Sinn unseres Lebens ausmacht, unser Friede, unser Glück und unsere Lebensfreude begründet. Darin mögen die Attraktion und die Sehnsucht stecken, nach den hier bereits gemachten «himmlischen Erfahrungen», die trotz oder vielleicht gerade wegen und in den leidvollen Situationen möglich waren, dereinst «ewig bei ihm» leben, eben in jenem Himmel der Erfüllung all dessen sein zu wollen, was wir schon hier auf Erden dank der Erfahrung von Gottes Nähe schon erleben durften.

 

Giosch Albrecht baute als Leiter der Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen in Chur das Institut für Logotherapie und Existenzanalyse nach Viktor Frankl auf, das er heute noch leitet.


Anmerkungen

1 Peter Becker, Sinnfindung als zentrale Komponente seelischer Gesundheit, in: A. Längle (Hrsg.), Wege zum Sinn, München 1985, 200.

2 Carl Gustav Jung, Psychologie und Religion, Olten 1972, 138.

3 E. Viktor Frankl, Ärztliche Seelsorge, Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse, Frankfurt a.M. 1983, 217f.

4 E. Viktor Frankl aaO., 219.

5 E. Viktor Frankl aaO., 220.

6 Sigmund Freud, Briefe 1873­1939, Frankfurt a.Main 1960, 429.

7 Carl Gustav Jung, C. G. Jung über Sigmund Freud, in: Franz Alt, Das C. G. Jung Lesebuch, Zürich 1985, 39f.

8 Carl Gustav Jung, aaO., 41.

9 E. Viktor Frankl, Logotherapie und Existenzanalyse, München 1987, 70.

10 E. Viktor Frankl, Der Wille zum Sinn, dritte erweiterte Auflage, Bern 1982, 34.

11 AaO. 26.

12 AaO. 27.

13 Martin Buber, Ich und Du, Freiburg i.Br. 131997, 37.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002