38/2002

INHALT

Pastoral

Erlebnischristentum?

von Bernd Ruhe

 

Von der Krise zur Chance. Wege einer erfolgreichen Gemeindepastoral». Der Titel klingt ermutigend: Während viele Christen die zurückgehenden Kirchenbesucherzahlen, die mangelnde öffentliche Attraktivität des christlichen Glaubens resignieren lassen, begreift Klemens Armbruster in seinem 1999 erschienenen Buch diese Veränderungen als Chance nicht nur für Neuorientierung im Glauben, sondern letztlich auch für eine Neustrukturierung der kirchlichen Gemeinden.<1> Adressaten der von ihm geforderten und in bestimmten Gemeindeprojekten bereits praktizierten «Wegen erwachsenen Glaubens» sind dabei nicht nur diejenigen Christen, die heute noch das pfarreiliche Leben durch ihr Engagement aufrechterhalten, sondern insbesondere jene vielen Christen, deren Zugehörigkeit zum kirchlichen Christentum weitgehend mit ihrer Taufe und ihren Kirchensteuerbeiträgen erschöpft ist. Armbruster geht davon aus, dass bei vielen heutigen Erwachsenen schon keine religiöse Sozialisation mehr stattgefunden hat. Entsprechend fordert er von den Kirchen, nunmehr in der Katechese einen Schwerpunkt auf die «Erstverkündigung für Erwachsene» (17) zu legen. Hier liege die Chance für einen Neuanfang, das Evangelium zu verkünden, denn die Menschen seien in einer besonderen Weise offen, da sie das Evangelium Jesu Christi noch nicht kennen (65). Verkündigung begreift Armbruster nicht als «intellektuelle Glaubensinformation», sondern als «Pastoral durch Faszination» (71). Als Ergebnis einer solchen «evangelisierenden Pastoral» sieht Armbruster «wachsende Gemeinden mit begeisterten und motivierten Christen, die unter den Bedingungen der Moderne aus ihrem Glauben heraus Welt gestalten, Leben neu formen und eine ÐKultur der Liebeð aufbauen» (18).
Das Buch gliedert sich in drei Teile. Ausgehend von einer Situationsanalyse (Vom Problem zur Lösung) im ersten Teil entwirft Armbruster als Lösung im zweiten Teil sein Evangelisierungskonzept (Wege erwachsenen Glaubens). Der dritte Teil schliesslich beschäftigt sich mit den möglichen Strukturen künftiger Gemeindeentwicklung (Eine künftige Sozialgestalt von Gemeinde).

Unterschiedliche pastorale Ansätze

Wo sieht Armbruster die Ursachen der heutigen Glaubens- und Kirchenkrise? Hier nennt der Verfasser vor allem die bekannten Symptome des gesellschaftlichen Wandels: die verstärkte Mobilität des Einzelnen, die kaum noch Platz für längerfristige persönliche Bindungen lässt; die Vielfalt der Informationsangebote, die ständig zum Auswählen zwingt, sowie die technische Entwicklung, die dem Menschen erlaube, «sich die Erde fast gänzlich untertan zu machen, ja mehr noch, sich von ihr unabhängig zu machen» (27). Unter diesen Bedingungen ist das Christentum zum Wahlchristentum geworden, kollektive religiöse und ethische Traditionen helfen nicht weiter. An den Grosskirchen bemängelt der Verfasser, dass sie immer noch, zum Beispiel in der Sakramentenkatechese, von jenem kollektiven Paradigma des Glaubensmilieus ausgehen, in dem der Einzelne seine Katechese erfahren soll, und damit das Evangelium «zu wenig existentiell begriffen» (44) werde. Da einem solchen Glauben heute die Anbindung an die konkreten Problemen des Einzelnen fehle, sei die Rede von Gott inhaltslos und leer geworden. In der Seelsorge habe sich darum ein «pastoraler Deismus» breit gemacht, «das heisst, wir leugnen Gott nicht, wir rechnen nicht sehr ernsthaft mit seinem Dabeisein in unserer Geschichte» (45). Bisherige, jedoch unzureichende Antworten auf diese «Gotteskrise» (J. B. Metz) sieht Armbruster in den Konzepten einer «Direktionspastoral», das heisst in fundamentalistischen und integralistischen Versuchen, die dem Menschen ihre Gottesbeziehungen versuchen quasi von aussen anzudozieren. Aber auch in einer von ihm als «Animationspastoral» bezeichneten Seelsorge, worunter er unter anderem die im Anschluss an Karl Rahners Theorie des anonymen Christen entwickelte «mystagogische Seelsorge» subsummiert, die die Heilsgeschichte Gottes mit dem Menschen in der jeweils eigenen Lebensgeschichte sucht, erkennt Armbruster nur eine neue Art «Krisenmanagement». Solche Suche nach den Spuren des Heilshandelns Gottes in der eigenen Lebensbiographie stellen nach Armbruster nur neue «Interpretationen» des Menschen und seines Glaubens dar. Es komme jedoch darauf an, «wie er (der Mensch/B.R.) Gottes Heilshandeln jetzt erfahren kann» (62).
Diese Gotteserfahrungen werden nach Armbruster primär auf der Beziehungsebene durch den von Jesus «faszinierten» Verkündiger ermöglicht. Für die Katechese fordert er daher eine «neue Gottes-Erlebnis-Pädagogik» (74) auf der Ebene so genannter «initiatischer Mystagogie» (75), im Unterschied zu einer rückwärtsgewandten, geschichtlichen, anamnetischen Mystagogie. Nicht eine vorausgehende Deutung soll den Glauben heute ermöglichen, sondern «Initiation», wo Gott als Gott unmittelbar erfahren wird. Statt Deutung gehe es um «Einweihung ins religiöse Leben» (81).

Wege zu einer persönlichen Glaubenserfahrung

Der 2. Teil des Buches über «Wege erwachsenen Glaubens» geht der Frage nach, wie ein Mensch nun zu einer «echten, persönlichen Glaubenserfahrung» (84) gelangen kann. An dieser Stelle wird für Armbruster die Glaubensgemeinschaft bedeutsam. Ihr liegt eine Grunderfahrung zugrunde, die durch «initiatische Mystagogie» weitervermittelt wird und in die der Einzelne mit seiner individuellen Glaubenserfahrung aufgenommen wird. Die verschiedenen Glaubenserfahrungen sind letztlich an die eine Grunderfahrung Jesu von seiner Gottessohnschaft zurückgebunden. Sie ist der Ausgangspunkt dafür, dass Menschen ihre eigene Gotteskindschaft offenbar werden kann.
Nach Armbruster verlangt die Teilhabe an der christlichen Grunderfahrung 1. die Offenheit für die religiöse Dimension des Lebens, denn viele Menschen kommen ohne diese Transzendenzerfahrung aus, die gegebenenfalls durch Erlebnisse eröffnet werden muss; 2. die Betroffenheit durch die Nähe Gottes und 3. die Gemeinschaft der Glaubenden, in der das eigene Glaubenserlebnis «Geborgenheit, Bestätigung und Vergewisserung» (99) findet. Gegenüber esoterischen Praktiken, die, so Armbruster, eher auf «Selbsterlösung» zielen, betont er, dass im christlichen Glauben Gott handelndes Subjekt ist, dem der Mensch hilft (103).
Die Initialzündung des Glaubens ereignet sich nach Armbruster vor allem durch konkrete Menschen, aber auch in Träumen, Visionen und Auditionen (130). Sie bewirkt eine Kehre, die in weiteren Phasen, das Katechumenat, die Initiationsfeier, und in der Reflexion der Tauffeier, in der mystagogischen Katechese, vertieft wird (142). Der «eigentliche Glaubensweg» findet beim Erwachsenen statt. Eine besondere Bedeutung spielen Ereignisse, die ein Mensch nicht verarbeiten konnte und als Sehnsüchte dem Einzelnen seine religiöse Dimension öffnen. Im Rückblick erscheint nach der «Kehre» die zurückliegende Zeit dem Bekehrten oft als nutzlose Zeit (155). Armbruster sieht die Zukunft der notwendig gewordenen Erwachsenenkatechese nicht in den klassischen Pfarrgemeinden als Territorialgemeinden, sondern in Kleingruppen, die Glaubenserlebnisse ermöglichen. Das Erlebnis der Gemeinschaft hat Priorität vor der inhaltlichen Vermittlung (178). Es geht darum, die eigene Gotteskindschaft zu erfahren (219). Dies geschieht in Gemeindegemeinschaften, die aber nicht mehr nach dem bisherigen Pfarrprinzip organisiert sind, sondern vor allem durch Trägerinnen und Träger von Visionen inspiriert werden (222).
Für Armbruster sind traditionelle Pfarrgemeinden nicht gewohnt oder in der Lage zu evangelisieren. Ihr Engagement sieht er im Administrieren und Aufrechterhalten der regelmässigen Sakramentenkatechese. Für ihn ist darum entscheidend, dass die einzelnen Begegnungen mit Menschen, vor allem an den Wendepunkten des menschlichen Lebens, genützt werden, und zwar zu menschenfreundlichem Umgang, Erfahrung von Wohlwollen, Erfassen der «wahren» Nöte (227f.). Begeisterte Aktionen sind hier konstitutiv für Motivation anderer und Gemeindeaufbau. Die Vertiefung des Glaubens hat dann in Glaubenskursen zu erfolgen, denen es nicht um «theologische Abhandlungen», sondern um «Glaubenszeugnis» geht (237). Entsprechend geschieht die Glaubensvermittlung in «kerygmatischen Vorträgen», gottesdienstlichen Feiern, ausgestaltet durch Geschichten, biblische Erzählungen oder persönliche Zeugnisse (238).

Erlebnis als Kriterium?

Der pastorale Ansatz Armbrusters greift die Krise des Zusammenbruchs des mitteleuropäischen Milieukatholizismus auf. Sein eigenes Konzept bleibt jedoch trotz aller formellen Innovationsforderungen inhaltlich blass, was möglicherweise mit seiner kontinuierlich vorgetragenen Aversion gegen theologisch-inhaltliche Vermittlung zu tun hat. Am Ende des Buches weiss der Leser nicht, um welchen Glauben es eigentlich geht. Durch den zum Teil unvermittelten und biblisch und theologisch nur wenig reflektierten Gebrauch etwa von Begriffen wie «Gottessohnschaft», «Erfahrung der Liebe Gottes» oder «Tiefendimension der Evangelisierung» formiert Armbruster einen «Jargon der Eigentlichkeit» (Adorno), der dem Uneingeweihten seine religiöse Ignoranz zu verstehen gibt.
Doch sooft Armbruster auf den Primat des persönlichen Glaubenszeugnisses insistiert, sooft fragt sich der Leser, was denn eigentlich dessen Inhalt sei. Natürlich kann ein Mensch von Jesus begeistert sein, aber er muss sich doch fragen lassen können, was ihn denn so an dieser Person fasziniert. Zudem ist die Begeisterung für Jesus weder ein notwendiges noch ein hinreichendes Indiz dafür, ihn adäquat verstanden zu haben, wie unter anderem die Geschichte der Apostel mit ihm belegt. Überhaupt lässt sich Armbruster wenig auf die biblischen Traditionen und Zeugnisse ein. Dass Gott die Liebe ist, wie er es im Anschluss an das Johannesevangelium als zentralen Glaubensinhalt formuliert, der persönlich zu bezeugen sei, greift, allerdings sehr abstrakt, zwar einen Aspekt des jüdisch-christlichen Gottesglaubens auf, der jedoch weder inhaltlich weiter präzisiert, noch durch zusätzliche biblische Aspekte dieses Gottesglaubens ergänzt wird. Die konkreten Inhalte, die Theologie des jüdisch-christlichen Gottesglaubens, die angepeilten Gotteserfahrungen erscheinen recht beliebig.
Dies gilt auch für das theologische Profil der «Kehre». Während das Konzept der mystagogischen Seelsorge nach den Spuren Gottes in der Biografie eines Menschen sucht, um für den Einzelnen daraus vielleicht eine thematische, explizite Gotteserfahrung zu machen, was im Einzelfall, aber sicher nicht immer und notwendig, zu einer bewussten Umkehr führen kann, sieht Armbruster in der «Kehre» einen radikalen Bruch, nach der dem Betroffenen sein bisheriges Leben oft wie verlorene Zeit vorkomme. Es wird negativ als «Leben ohne Gott» in Schuldverstrickung gesehen. Nach meiner Meinung bewirkt jedoch eine solche Kehre gerade nicht oder nur selten eine «Heilung der Lebensgeschichte»; vielmehr lässt der dadurch beschworene Verlust an Kontinuität zur eigenen Lebensbiografie eine solche «Kehre» theologisch irrational und psychologisch als problematische Verdrängung erscheinen. Dieser Verdacht erhärtet sich, wird doch die «Kehre» eher durch Faszination denn durch bewusste, reflektierte Entschiedenheit herbeigeführt. Die Forderung nach Betroffenheit und faszinierender Katechese, gerade im Blick auf die Auseinandersetzung um persönliche wie gesellschaftliche Schuldverstrickung, ersetzt nicht die bewusste und zuweilen langweilige Anstrengung des Begriffs.
Armbrusters Kritik an Rahner und der mystagogischen Seelsorge legt zudem ein elementares Defizit seines eigenen Konzepts offen: Der je persönliche Gottesglaube wird danach nicht mehr durch die grossen Erzählungen der jüdisch-christlichen Tradition, also anamnetisch, geprägt und gedeutet, sondern soll auf der Basis von «Begeisterung» und «faszinierender Katechese» der jeweils gegenwärtigen Gestimmtheit entnommen und angepasst werden. Damit aber wird dieser Gottesglaube in einem schlechten Sinne zeitgemäss, insofern er nur noch das Konglomerat eines postmodernen, geschichtsvergessenen Erlebnischristentums ist. Letztlich bleibt es im Horizont des Ansatzes von Armbruster gleichgültig ob ich mich durch das Glaubenszeugnis Karls des Grossen oder Arnulfo Romeros begeistern lasse.

 

Der promovierte Theologe Bernd Ruhe ist Pfarreibeauftragter von Mörschwil.


Anmerkung

1 Klemens Armbruster, Von der Krise zur Chance. Wege einer erfolgreichen Gemeindepastoral, Verlag Herder, Freiburg i.Br. 1999, 22001, 256 Seiten.


Wege des Verstehens

 

Wenn frühere Wege von Verstehen und Praxis oder gar die Erfahrung selbst nicht mehr tragfähig sind, «dann müssen wir darüber nachdenken, was es bedeutet, zu interpretieren» (David Tracy); dann gilt es auch, auf andere zu hören und von ihnen zu lernen. Diesen Weg gehen in besonderer Weise die kontextuelle Bibellektüre und Bibelhermeneutik. Ihr war das Symposium «Bibel im Weltkontext» der Hans-Sigrist-Stiftung, das zugleich das Jahreskolloquium der Schweizerischen Theologischen Gesellschaft war, gewidmet. Dazu beigetragen haben aus Lateinamerika Elsa Tamez, aus Afrika Justin S. Ukpong und aus Asien Seiichi Yagi. Sie veranschaulichten Interaktion zwischen dem sozial-historischen Kontext des Textes und dem soziokulturellen Kontext der Lesenden. Ihre Beiträge ­ je ein Referat und eine Bibelarbeit zur lukanischen Weihnachtsgeschichte ­ liegen nun in deutscher Übersetzung in Buchform vor.<1>

Rolf Weibel


Anmerkung

1 Walter Dietrich/Ulrich Luz (Hrsg.), Bibel im Weltkontext. Lektüren aus Lateinamerika­Afrika­Asien, TVZ, Zürich 2002, 108 Seiten.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002